Hintergrund

Mach doch mal Sendepause

Darf man im Sommer unerreichbar sein? Und wie bringt eine Frau ihren Liebsten dazu, in den Ferien das Smartphone beiseitezulegen?

Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmenden liest während der Ferien geschäftliche E-Mails: Paar am Strand.

Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmenden liest während der Ferien geschäftliche E-Mails: Paar am Strand.

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Es ist Ferienzeit – und damit stellt sich die Frage: Wie viel Abwesenheit erlaubt das digitale Leben? Oder wie viel Online-Präsenz ist noch ferienkompatibel? Ironischerweise findet man gerade im Netz selbst derzeit unzählige Tipps und Ratschläge, wie eine digitale Pause am besten zu bewerkstelligen sei.

Der bekannte amerikanische Tech-Blogger Jeremiah Owyang beispielsweise empfiehlt die Radikallösung: einen Ort ohne Internetverbindung aufzusuchen, damit die Gefahr von vornherein gebannt ist. Damit wirbt auch Schweiz Tourismus, mit durchschlagendem viralen Effekt. Internetfreie Ferien entsprechen offensichtlich einem Bedürfnis, denn in Sachen Abstinenz von der Dauererreichbarkeit befindet sich die digitale Gesellschaft noch in einer frühen Lernphase.

Männer und Mails sind schwierig zu trennen

So banal die Tipps teilweise sind, so nötig scheinen sie zu sein. Denn das Dogma der Erreichbarkeit ist bei manchem Angestellten tiefer verankert, als es die Vorgesetzten ahnen. Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmenden liest während der Ferien geschäftliche E-Mails und reagiert auch auf diese. Das ergab letztes Jahr eine Umfrage in Deutschland.

Besonders ausgeprägt ist dieses Verhalten bei Männern, von denen 63 Prozent regelmässig in den Ferien Mails abrufen; bei den Frauen sind es nur 39 Prozent. (Lesen Sie auch: Sollen Paare ihre Passwörter tauschen?)

Dabei ist der Zwang zur Dauererreichbarkeit aber keine Frage der Funktion, denn die eifrigsten Nutzer waren Leute mit durchschnittlichem Einkommen. Manager dagegen haben weniger Mühe, sich auch wirklich abzumelden. Sie trauen sich eher, mal eine Pause zu machen, wie die Umfrage des «Deutschen Führungskräfteverbands» ergab.

Auch Prominente tun sich schwer mit der Abstinenz

Noch ist die Bundesministerin Kristina Schröder am Twittern – ob sie auch einen digitalen Mutterschaftsurlaub plant, ist noch ungewiss. Ihre Online-Aktivität hat auf jeden Fall schon deutlich abgenommen. Der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert hatte es im Frühling vorgemacht und sich auch per Twitter in den Urlaub verabschiedet. Seine Rückkehr leitete er mit den Worten ein: «Zurück aus den Ferien. Habe mir verboten, zwischendurch zu twittern, man will ja nicht süchtig werden.» In der Tat: Abstinenz fällt nicht leicht. Und beim einen oder anderen, der sich auf Twitter aus den Ferien zurückmeldet, ist Erleichterung zu spüren, dass man endlich wieder kommunizieren darf. Für ihre Familie erlegen sie sich aber Pausen auf – so etwa der bekannte deutsche Blogger und Kommunikationsberater Klaus Eck. In einem Interview äusserte er sich zum Thema wie folgt: «Eine digitale Auszeit ist sehr gut für die persönliche Work Life Balance und gibt mir die Musse, um wieder ganz bei meiner Familie und mir selbst zu sein.»

Abstinenz ist ein Weg, den Social-Media-Spezialisten und auch Psychologen empfehlen. Denn selbst die Hohepriester der Netzkultur stellen fest, die Welt existiert noch, selbst wenn ich mich mal zwei, drei Wochen ausklinke. Ausserdem sind Ferien wichtig für die Erholung und als Burn-out-Prophylaxe. Ist es dann mal so weit, ist der Gang in die Offline-Welt nicht mehr freiwillig, sondern von der Klinik als Teil des Heilungsprozesses vorgeschrieben. Ein kalter Entzug also.

Das Glück der Abwesenheitsmeldung

Für die Normalsterblichen heisst das in erster Linie:

1. Abwesenheitsmeldung für Mails aktivieren und freundlich, aber bestimmt klarmachen, dass die Mails in den nächsten Wochen nicht bearbeitet werden. Das ist ein Versprechen, das sie auf keinen Fall brechen dürfen – denn wer antwortet, hat verloren, an Glaubwürdigkeit und auch an Ruhe.

2. Deshalb gilt, wenn Sie es gar nicht lassen können: Lesen und Mails löschen in Ausnahmefällen erlaubt, antworten verboten. Sie werden staunen, was sich in ihrer Abwesenheit alles von selber erledigt hat.

3. Ja, und noch ein Tipp: Mit einer guten alten Postkarte, handgeschrieben aus den Ferien, bereiten Sie Ihren Mitmenschen und Kolleginnen im Zeitalter der Postings eine echte Überraschung. In dem Sinne: einen schönen Sommer!

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Erstellt: 26.07.2011, 06:58 Uhr

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Verreisen ins Offline-Land: Tech-Blogger Jeremiah Owyang.

«Man will ja nicht süchtig werden»: Deutscher Regierungssprecher Steffen Seibert.

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