Machos aller Herren Länder

Balkan-Machos beschimpfen Mädchen, heisst es. Doch Frauenverachtung ist nicht auf Nationalitäten beschränkt.

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Es ist wieder von Macho-Kultur die Rede. Schlimm sei der Zustand an hiesigen Schulen, schreibt die «SonntagsZeitung», Mädchen würden von Balkan-Machos als Schlampen und Nutten bezeichnet und begrabscht. «Macho-Terror gegen Mädchen», titelte tags darauf «20 Minuten». Und ja, es ist ein Faktum. Gewisse Schüler führen sich auf wie Zuhälter, behandeln Frauen als «Stück», also Fleisch, das nichts zu sagen hat. Auch Lehrerinnen. Die Machos stammen aus patriarchalen Kulturen, Balkan, Unterschicht.

Macho-Kultur, man hätte fast schon vergessen, was das ist. Klassisch assoziiert man den Begriff mit dicken Ketten, Pornoschnäuzchen und braun gebrannten, in Form und Farbe an Brathähnchen erinnernden Oberkörpern – einer Kultur also, die in den vergangenen Jahren eifrig ironisiert und irgendwie cool geworden ist. Weil es eben nicht um Gewalt und Unterdrückung geht, sondern um lustvolle Männlichkeit, Musik und Style, also Popkultur. Fair enough.

Die «SonntagsZeitung» aber schreibt von etwas ganz anderem: nämlich einer Haltung, die Frauen als Sexobjekt behandelt und geringschätzt und ihren gesellschaftlichen Anspruch auf Mitgestaltung negiert. Es ist eine Haltung, die hier nicht mehr mehrheitsfähig und gerade deshalb für Jugendliche attraktiv ist. Wer so denkt und danach handelt, darf sich als Rebell fühlen. Und so hat das entsprechende Verhalten in den letzten Jahren ganz unironisch wieder an Terrain gewonnen, bei Rappern wie Bushido und Konsorten, bei jungen Männern, die im radikal gelebten Islam zu sich finden wollen, oder eben bei Jugendlichen aus patriarchalen Kulturen. Aber auch bei Schweizern in den besten Jahren. Und zwar nicht selten.

Verantwortung jedes Einzelnen

Wie immer bei solchen Meldungen stellen sich zwei Fragen: Wie schlimm ist der «Macho-Terror» wirklich? Und was sollten wir tun? Zu ersterem Punkt gibt es zu sagen, dass Fairness, gegenseitiger Respekt und neue Geschlechterrollen kein linear fortschreitendes Projekt sind, sondern eines, das permanent ausgehandelt wird. Feminismus etwa wurde in den vergangenen Jahren mit Gehässigkeit und Übervorteilung von Männern assoziiert. Und nicht damit, dass die eigene Tochter selber über ihr Leben bestimmen darf. Auch neue Rollenbilder sind nicht sakrosankt. Gerade junge Menschen sehnen sich heute nach klarer Aufgabenteilung und finden diese in einem konservativen Modell. Natürlich verschärft sich das Problem, wenn noch ein patriarchal geprägter Migrationshintergrund dazukommt. Aber auch erwachsene Schweizer äussern sich, zum Beispiel im Internet, gern abfällig über Frauen – und bei denen ist das auch nicht mit jugendlicher Rebellenpose zu erklären.

Wichtiger aber noch ist die Frage, was wir tun sollten. Etiennette Verrey, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, schlug Betroffenen vor, Hilfe bei Fachstellen zu suchen. Aber das reicht nicht. Gleichstellung und Respekt müssen zentrale Werte dieser Gesellschaft sein und liegen in unser aller Verantwortung. Jeder muss aktiv werden und einschreiten, wenn Mädchen und Jungs systematisch als Schlampen und Schwule beschimpft werden; Lehrerinnen genauso wie Kolleginnen und Eltern. Und zwar nicht nur bei Jugendlichen, sondern bei allen; seien sie Passanten, Politiker oder Kommentierende. Das sind wir unseren Kindern schuldig.

Erstellt: 24.03.2015, 00:00 Uhr

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