Hintergrund

Macht das Internet bessere Liebe?

Internet-Dating haftet das Odium der Hoffnungslosigkeit an. Dabei ist es viel erfolgreicher als reales Anbandeln, wie eine Zürcher Studie belegt.

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«Und wie habt ihr euch kennen gelernt?»: Die Frage, die Désirée* früher ins Schwitzen brachte, lässt sie heute kalt. Sie lernte Marc im Internet kennen. Was vor einigen Jahren noch für blankes Entsetzen bei den einen und verständnisloses Kopfschütteln bei den anderen sorgte, ist heute also allgemein akzeptiert?

Die Frage scheint naheliegend: In den USA lernten sich zwischen 2007 und 2009 bereits 22 Prozent aller Paare via World Wide Web kennen – hierzulande trifft man sich ebenso virtuell. Laut einer gestern veröffentlichten Studie der Universität Zürich hat sich jeder fünfte Schweizer bereits einmal im Internet verliebt. Der Chat, sei es auf Facebook oder auf einschlägigen Datingsites wie Parship oder Badoo, ist die zeitgenössische Art des Flirtens. Warf man sich früher schmachtende Blicke über die Tanzfläche zu, tippt man sich heute sehnsüchtig die Finger auf dem iPhone wund. Was den einen Herzschmerz, ist den anderen Geschäftsmodell.

Das Stigma der Internetbekanntschaft

«Viele denken, auf Singlebörsen im Internet würden sich nur Freaks tummeln», sagt Désirée und verdreht die Augen. Die gross gewachsene Frau mit den dunklen Haaren entspricht nicht dem Klischee des hässlichen Entleins, das sich hinter einem Onlineprofil verstecken muss. Im Gegenteil: Sie ist gebildet, witzig, und sieht gut aus. Und auch der Rest der Onlinedater nimmt sich selber nicht als unattraktiv wahr, wie die Onlinepartneragentur Parship eine Studie aus der «Zeitschrift für Familienforschung» zitiert.

Dennoch scheint das Loser-Image den profilierten Partneragenturen im Netz noch immer anzuhaften, anders lässt sich die aggressive Werbung von Elitepartner oder Parship nicht erklären. Letzterer wirbt damit, dass Online-Paare zufriedener leben und lieben würden. «Eine gewisse Skepsis bezüglich Seriosität bleibt», gesteht Désirée, die gegenüber ihren Eltern und Arbeitskollegen verheimlicht, dass sie ihren Liebsten dank dem Internet fand. Kennen gelernt im Netz, stigmatisiert, bis der Tod sie scheidet?

Auf Parship liegt die Erfolgsquote bei 38 Prozent

Überraschenderweise halten sich, trotz hoher Affinität zu neuen Medien, alte Bilder in den Köpfen: «Flirten ja; Daten okay; aber wahre Liebe via Netz – daran glauben viele nicht», sagt Désirée.

Den Partner fürs Leben trifft man an einem schicksalhaften, lauen Sommerabend, es treffen sich die Blicke, sie schlagen ein wie Blitze, das Blut gefriert, das Herz stockt, und man fällt und fällt und… wacht in der Realität wieder auf: «Wo hätte ich neue Leute kennen lernen sollen? Im Ausgang wirst du nicht angesprochen! Den Job will ich nicht wechseln! Ein neues Hobby mag ich mir auch nicht zutun!», so Désirée.

Seit Parship im Dezember 2002 in der Schweiz online ging, registrierten sich über 400'000 Nutzer. Die «anspruchsvollen Singles», so der Slogan, sind 30 aufwärts, gut ausgebildet und solvent: Drei Monate unter seinesgleichen flirten kostet über 250 Franken. Gemäss Feedback der Onlinepartneragentur ist das Geld nicht schlecht investiert. Parship weist nach eigenen Angaben eine Erfolgsquote von 38 Prozent für Mitglieder aus. Und haben sich zwei Suchende gefunden, so würden diese, im Unterschied zu den konventionellen Paaren, die sich vielleicht an der Kaffeemaschine im Büro oder während des Lawinenrettungskurses für Fortgeschrittene kennen gelernt haben, zufriedener und gar glücklicher sein in ihrer Beziehung. Sie würden offener miteinander kommunizieren, sich gegenseitig besser unterstützen und sich nicht bei der nächstbesten Gelegenheit vom Acker machen.

Reine Imagepflege?

Professor Guy Bodenmann, der die Studie im Auftrag von Parship leitete, dazu: «Die schnellere Paarbildung könnte reflektieren, dass die Teilnehmenden der Studie es ernster mit einer festen Beziehung meinen und gezielter nach einer solchen suchen als Offline-Paare.» Einen praktischen Ansatz verfolgte auch Désirée: «Ich habe eine Auswahl an potenziellen Partnern, wähle den, der mir entspricht, tausche mich aus und treffe mich schliesslich möglichst bald – ansonsten läuft man Gefahr, sich in romantischen Schwärmereien und Wunschvorstellungen zu verlieren.» So kam es, dass sie Marc bereits nach vier Tagen traf. «Es war schon seltsam. Wir wussten bereits relativ viel Persönliches voneinander und dann sassen wir uns gegenüber und führten erstmal während eineinhalb Stunden Small Talk, bis das Eis schlussendlich brach.»

Verheissungsvolle Zukunftsaussichten vermögen das Parship anhaftende Odium der Hoffnungslosigkeit nicht zu mildern, solange der erste Schritt in diese Zukunft noch immer offline getan werden muss: Draussen, im Leben, wo sich noch immer Blicke treffen.

* Name der Redaktion bekannt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.07.2012, 11:15 Uhr

«Online-Paare meinen es ernster mit einer festen Beziehung und suchen gezielter nach einer solchen als Offline-Paare»: Prof. Dr. Guy Bodenmann, Universität Zürich. (Bild: Frank Brüderli, UZH)

«Online-Paare leben und lieben zufriedener»

Guy Bodenmann, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Zürich, überprüfte die im Auftrag von Parship gesammelten Daten von 2960 in Partnerschaft lebenden Personen (514 davon in der Schweiz). Die Paare wurden von Parship zu ihren Befindlichkeiten befragt, anschliessend wurden die Unterschiede zwischen Online- und Offline-Paaren im Detail untersucht. Prof. Bodenmann stellte sich als unabhängiger Experte zur Seite, kann im Gegenzug über das gesammelte Datenmaterial verfügen.

Neben der höheren Lebens- und Liebeszufriedenheit machen Online-Paare schneller ernst, behauptet die Studie: So führe die Kontaktaufnahme via Internet im Durchschnitt viel schneller dazu, dass man ein Paar werde – Während 37 Prozent der Offline-Paare nach den ersten vier Wochen ein Paar wären, würden bereits 61 Prozent der Online-Paare nach einem Monat Zusammengehörigkeit demonstrieren. Auch wenn es um den gemeinsamen Haushalt geht, haben es die Onliner offenbar eiliger: 67 Prozent würden diesen bereits innerhalb der ersten zwölf Monate gründen, ihnen gleich tun würden es nur 57 Prozent der Offliner. Dasselbe bei der Kinderfrage: Im Durchschnitt dauere es bei den Paaren von Parship 2,5 Jahre bis zum ersten Schrei, 3,75 Jahre hingegen müssten sich werdende Offline-Eltern gedulden.

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