«Man macht Fotos, redet ein wenig und sagt ‹super› und ‹cool›»

Ueli Steck ist zurück vom Mount Everest. Der Spitzenalpinist über seine Expedition ohne Sauerstoff, den gegenwärtigen Massentourismus am höchsten Berg der Welt und tote Sherpas, über die niemand spricht.

Bescherte schon zahlreichen Abenteurern ein unfreiwilliges Ende: Mount Everest.

Bescherte schon zahlreichen Abenteurern ein unfreiwilliges Ende: Mount Everest. Bild: Keystone

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Vor einer Woche standen Sie auf dem Mount Everest. Gibt es Nachwirkungen? Muskelkater, Blessuren?
Leider nein . . . Im Ernst: Ich bin schnell vom Everest weg und war die Tage danach voller Euphorie. Aber diesen Donnerstag beim Aufwachen habe ich gemerkt: Ich bin komplett leer, körperlich und geistig. Mehr als ein bisschen Aufräumen und Einkaufen lag nicht drin.

Normale Leute können gar nicht nachvollziehen, was Sie leisteten. Sie müssen sehr allein sein.
Ich mache das, was ich machen will. Aber natürlich ändert sich nichts auf der Welt, nur weil ich auf dem Everest stand. Ich landete in Zürich, fuhr mit dem Zug nach Bern, traf meine Frau Nicole, dann reisten wir weiter nach Ringgenberg.

Wie geht es auf 8848 Metern zu?
Auf dem Gipfel ist ein Knäuel von Gebetsfahnen. Man macht Fotos, redet ein wenig, sagt «super» und «cool». Mit mir waren 10, 15 Leute oben. Und total waren am 18. Mai 28 Leute am Berg.

Einen Tag später wollten 150 hinauf.
Wir hatten Glück. Das Wetter war an unserem Tag perfekt, und die Fixseile auf den Gipfel waren noch nicht verlegt. Das heisst, dass die kommerziellen Touren nicht hinauf können. Wir gingen mit den Sherpas, die die Fixseile verlegten.

Über Pfingsten ist am Everest Stau angesagt mit bis zu 300 Leuten. Was täten Sie in einem solchen Stau?
Ich denke, es gibt Gelegenheiten, um zu passieren. Die Sherpas, die die Seile verlegt haben, haben wir aber nicht überholt. Das wäre respektlos gewesen.

Sie und Ihr Sherpa Tenji stiegen ohne Flaschensauerstoff auf. Gab es Absprachen für den Fall, dass einer von Ihnen höhenkrank würde?
Da ist jeder für sich verantwortlich. Aber wir hatten uns extrem gut akklimatisiert. Wir haben auf 8000 Metern übernachtet, unangenehm. Wenn du mit Flaschensauerstoff hochgehst, übernachtest du auf 6500 Metern, das reicht im Prinzip. Geht dir allerdings weiter oben der Sauerstoff aus, stirbst du – wenn es eben zum Beispiel einen Stau gibt.

Hatten Sie wenigstens eine Notration Sauerstoff dabei?
Nein. Wenn ich eine Flasche im Rucksack habe, verwende ich sie auch. Ich glaube keinem mit einem Notvorrat, der behauptet, er habe ihn nicht benutzt und die Maske nicht aufgesetzt.

Tenji, Ihr Sherpa, ist 21. Sehr jung.
Und er war zuvor noch nie auf einem Achttausender. Ich kannte ihn von früheren Touren. Er wollte am Everest arbeiten. Aber das slowakische Team, das ihn engagiert hatte, mochte nicht 5000 Dollar ausgeben. Er sagte zu mir, dann gehe er halt allein hinauf. Als er mir auch noch mitteilte, er wolle es ohne Flaschensauerstoff probieren, fand ich: Dann gehen wir doch zusammen!

Wer führte wen?
Beim Hochgehen wechselten wir uns ab. Aber in Sachen Akklimatisation habe ich das Programm vorgegeben. Das hat er akzeptiert, die Sherpas wissen, wer ich bin. Und sie wissen, dass ich den gleich schweren Rucksack hinauftrage wie sie.

Für Tenji waren Sie ein Glücksfall.
Er war hernach tatsächlich überglücklich, er kann jetzt arbeiten am Everest.

Die 150 Leute im Basislager – wie gut waren die vorbereitet?
Was glauben Sie, warum ich so schnell abzog nach der Besteigung? Ich sah die Leute und rechnete mit zehn Toten.

Es wurden sechs tote Bergsteiger . . .
. . . weil niemand von den vier zusätzlichen toten Sherpas sprach.

Warum starben so viele?
Eine Kanadierin brauchte für den Weg ins Lager am Südcol auf 8000 Metern 16 Stunden, normal sind es mit Sauerstoff 3 Stunden. Wenn ich 16 Stunden unterwegs bin, bin ich auch restlos kaputt.

Man stirbt dann an Schwäche?
Oder der Flaschensauerstoff geht aus.

Staralpinist Reinhold Messner hat soeben ein Verbot der kommerziellen Touren gefordert.
Gut organisierte Touren sind hochprofessionell, da hat jeder einen sehr erfahrenen Sherpa, und kommen Bedenken auf, darf der Gast nicht auf den Gipfel. Der Schweizer Anbieter Kari Kobler hat immer drei Sherpas im obersten Lager, die ausgeruht sind und helfen können, wenn höher oben etwas passiert.

Am Weg zum Everest kamen Sie an zig Toten vorbei. Wie war das?
Grusig. Es ist halt Realität. Ich schaue nicht hin.

Warum waren Sie überhaupt auf dem Everest? Klettertechnisch ist er keine Herausforderung für Sie.
Stimmt, der Everest ist Skistockgelände. Aber er ist nun einmal der höchste Berg der Welt. Und ohne Sauerstoff haben ihn bisher nur gut 100 Menschen geschafft. Ich bin der dritte Schweizer nach Erhard Loretan und Jean Troillet.

Was war besonders mühsam?
Es beginnt mit dem Trinken: fünf bis sieben Liter täglich. Jeden Morgen schmelzen Sie pro Person zwei Liter Schnee. Das ist etwas anderes, als wenn wir hier in der Beiz noch ein Mineral bestellen.

2011 kehrten Sie 100 Meter unter dem Everest-Gipfel um – kalte Füsse.
Diesmal hatte ich im Schuh eine Platte unter dem Fuss, die mit drei kleinen Batterien beheizt wird. Das war super.

Wie schwer fiel Ihnen die Umkehr?
Es kann immer passieren, dass du dir eine Erfrierung holst. Aber wenn du nur wegen deines sturen «Grind» die Zehen hergibst, bist du blöd.

Was nahmen Sie unterwegs zum Gipfel zu sich?
Powerbars. Energie-Gel. Powershots, flüssige «Gummibärli». Und Coca-Cola.

Coca-Cola?
Ich hatte einen Liter Tee dabei. Und einen Liter Coca-Cola. Für den Magen ist es das Beste. Ich schickte extra noch einen Träger runter, um Cola zu holen. Als ich zu Tenji sagte, ich nähme Cola mit, runzelte er die Stirn. Aber nach dem Gipfel fand auch er: «Hey, Cola ist das Beste!»

Sie waren nach der Gipfeletappe viel schneller im Lager als der Sherpa.
Ich war auch anderthalb Stunden vor Tenji oben. Beim Abstieg kreuzte ich ihn. Ich erkundigte mich, wie es ihm ging, er war tipptopp beieinander. Er sagte kläglich: «Ich bin sehr langsam.» Es hat ihn gefuchst.

Wie kalt war es auf dem Gipfel, als Sie ankamen?
Die Wetterfirma Meteotest gab mir, bevor wir aufbrachen, minus 23 Grad an. Ob es auf dem Gipfel dann auch tatsächlich minus 23 waren – da werde ich mich noch erkundigen müssen. Wenn du ohne Sauerstoff gehst, gilt die Grundregel «25/25»: nicht kälter als minus 25 Grad, nicht mehr als 25 Stundenkilometer Wind, wegen der zusätzlichen Auskühlung. Das Problem ist in der sauerstoffarmen Höhe, dass das Blut extrem dick wird. Es gelangt nicht mehr in Hände und Füsse. Daher die Erfrierungen. Wenn du Sauerstoff mitnimmst, hast du dieses Problem nicht.

Sind Sie mit 35 nicht zu alt für solche Expeditionen?
Beim Klettern in grossen Höhen ist die Alterung kein gravierendes Problem. Man schnauft extrem, ist aber nicht mit wirklich hohem Puls unterwegs. Ich stieg heuer am Everest einmal etwas schneller vom Basecamp hinauf ins Lager zwei auf 6500 Metern. Ich brauchte 2 Stunden und 37 Minuten, das hat vermutlich noch keiner geschafft, schnelle Leute benötigen dreieinhalb Stunden. Mein Puls stieg trotzdem nicht über 158 Schläge pro Minute. Er war wie plombiert.

Was ist Ihr Ruhepuls?
Gut 38, hier in der Schweiz. Und was übrigens das Alter angeht: Mit dem Alter kommt auch die Geduld. Ich hatte noch nie eine so gemütliche Expedition wie diese, mental gesehen.

Sie waren am Everest allein unterwegs. Sicher auch ein Vorteil.
Gruppen sind oft schwierig. Das passt manchmal einfach nicht zusammen. Einer hat Durchfall, einer ist erkältet.

Spitzensportler erkälten sich auch?
Die kalte und sehr trockene Luft irritiert die Atemwege, man bekommt Reizhusten. Ich habe im Himalaja oft Nasenprobleme und ausgetrocknete Schleimhäute. Ich helfe mir mit Salzspray.

Sie sind nie als Schweizer Sportler des Jahres zur Wahl gestanden. Stört Sie das nicht?
Es wäre schön, aber Bergsteigen wird halt nicht so als Sport wahrgenommen.

Für wen machen Sie das alles?
Für mich. Und ich mache es nicht, damit ich allen erzählen kann, ich sei auf dem Mount Everest gewesen. Ich empfinde ebenso viel Freude wie am Everest, wenn ich auf dem Grat über dem Brienzersee vom Harder zum Rothorn jogge. Bloss kümmert das keinen.

Der Everest ist geschafft, was nun?
Am 1. Juni gehe ich auf die Baustelle.

Guter Witz.
Ich meine es ernst. Meine Frau und ich bauen in Ringgenberg ein Haus. Ich habe ja Zimmermann gelernt und werde auf unserer Baustelle handlangern.

Und was kommt für Sie als Bergsteiger nach dem Everest?
Der Zeitpunkt für diese Frage ist grad ein bisschen dumm. Ich muss zuerst einmal runterfahren, auch mental. Ich habe aber durchaus Ideen.

Also ist der Everest nicht das Ende?
Ich vertrage offenbar die Höhe, ich habe sehr schwierige technische Routen im Achttausenderbereich geklettert. Die Everest-Besteigung hat für mich noch einmal alles verändert. Sie gibt mir die Gewissheit: Wenn die Verhältnisse stimmen und ich optimal fit bin, dann kann ich noch ganz anderes leisten. Der Everest ist für mich nicht das Ende, sondern der Anfang.

Erstellt: 26.05.2012, 09:36 Uhr

Schnellkletterer der Nation

Ueli Steck sitzt im Café vor dem Bahnhof Interlaken-Ost und trinkt eine Schale. Ruhig sieht er aus und zufrieden. Keiner beachtet ihn. Dabei stand er vor einer Woche, am 18. Mai, auf dem höchsten Berg der Welt, dem Mount Everest. Er war ohne Sauerstoffflasche unterwegs und gehört somit zu einem nur rund 100 Bergsteiger zählenden Zirkel. Einen Namen machte sich Steck unter anderem als Speed-Kletterer. Er realisierte an mehreren Bergen, darunter die Eigernordwand und das Matterhorn, Schnelligkeitsrekorde. Im Himalaja wurde er 2007 an der Annapurna von einem Stein getroffen und entging knapp dem Tod. Letztes Jahr musste er kurz vor dem Gipfel des Everest umkehren.

Der Emmentaler Steck (35) ist verheiratet, seine Frau Nicole klettert ebenfalls. Die beiden leben in Ringgenberg am Brienzersee. (TA)

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Am 19. Mai erreichte Watanabe von der tibetischen Seite aus im Alter von 73 Jahren und 180 Tagen den Gipfel des Everest. Es war der Tag, an dem auf der beliebteren Route von Nepal aus auch 200 andere Bergsteiger auf den Gipfel strömten. An den Hängen kam es zum Stau. Vier Bergsteiger kamen an diesem Tag ums Leben. (dapd)

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