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«Mein Leben ist ein Jo-Jo-Effekt»

Buch-Autorin Clara Ott hat ihr Leben lang ihr Wohlfühlgewicht gesucht und dabei mit Gewichtsschwankungen bis zu 20 Kilo gekämpft. Nun fühlt sie sich endlich wohl, was auch an den Männern liegt.

«Seit meiner Pubertät denke ich, Frauen müssen dünn und blond sein, um geliebt zu werden»: Autorin am Strand.

«Seit meiner Pubertät denke ich, Frauen müssen dünn und blond sein, um geliebt zu werden»: Autorin am Strand. Bild: Clara Ott

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«Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden», sagte einst der Philosoph Sören Kierkegaard. Ich brauche mir nur alte Fotos von mir anzuschauen, und durch einen Rückblick auf meinen Körperzustand weiss ich genau Bescheid. Bei einer Körpergrösse von 1,71 Metern habe ich schon alles zwischen 57 und 80 Kilogramm gewogen. Ich halte mich nicht für essgestört. Ich bin einfach extrem diszipliniert oder extrem masslos.

Hier ein kurzer Abriss meiner Schwankungen: Als Kind war ich pummelig und eine Niete im Ballett, danach, mit 16 Jahren, machte ich die «Nach 18 Uhr nur Wasser»-Diät. Prompt wurde ich im Südfrankreichurlaub das erste Mal mit Zunge geküsst. Am nächsten Tag wurde ich jedoch gegen eine dünne Blondine ausgetauscht, wodurch sich – die blonden Leserinnen unter Ihnen mögen mir vergeben – eine Art Feindbild in meinem Kopf manifestierte. Seit meiner Pubertät denke ich, Frauen müssen dünn und blond sein, um geliebt zu werden. Da ich mir als Brünette nicht die Haare ruinieren wollte, entschied ich mich für lebenslanges Kalorienzählen und ständiges Hadern mit meinem Gewicht. Das Leben wird erst später verstanden, wie Sie sehen.

Wieso streben alle danach, dünn zu sein?

Ich blieb also als Teenager relativ schlank, hatte aber zu Schulzeiten dennoch nie einen Freund. Mit Anfang 20 zog ich weg, wurde sehr dick, wog 80 Kilo und hatte einen One-Night-Stand mit einem attraktiven Mann, in den ich mich naiverweise verknallte. Ich dachte, dass er mich mag, obwohl ich dick war. Eine Woche später sah ich ihn Händchen haltend mit einer anderen Frau. Natürlich war sie blond und dünn.

Meine Jahre vergingen, ich nahm fünf Kilo ab, verliebte mich in jemanden, und wir wurden ein Paar. Viele nehmen in Beziehungen zu, ich nahm ab. Und leider noch mehr, als er mich nach drei Jahren von einem auf den anderen Tag verliess. Innerhalb von wenigen Wochen verlor ich 10 Kilo, trank nichts als Zitronenbuttermilch und kompensierte meinen Kummer durch exzessives Joggen. Die beste Diät meines Lebens. Im Nachhinein. Doch mit dem Glauben an die Liebe verlor ich auch den Glauben an meinen Körperzustand. Ich erinnere mich kaum, aber meine Schwester sagte mir später, in der Nacht der Trennung hätte ich ständig «Er liebt mich nicht, weil ich ihm zu dick bin» gejammert. (Lesen Sie auch: Die Verhärtung der Frau.)

Aber es folgten keine Jahre des Bedauerns, sondern Jahre der Kompensation. Ich besuchte regelmässig ein Fitnessstudio, hatte einen Haufen Affären mit durchtrainierten Männern, trank öfter Wodka, als ich kochte, und fühlte mich eigentlich die meiste Zeit wirklich wohl in meinem Körper. Dachte ich damals, denn heute weiss ich, dass ich extrem einseitig ass. Mittags ein Stück Schafskäse, kalt, aus der Packung. Abends Reis ohne alles vom Chinamann oder nachts nach dem Ausgehen Börek mit Spinat. Mein Kühlschrank war immer leer – bis auf den Nagellack und den Wodka.

Der Diätterror im Kopf bekommt Waffenlieferungen aus Frauenmagazinen

Jahrelang pendelte mein Gewicht bei plus/minus 63 Kilo, und ich hatte stets im Hinterkopf, gern mal unter 60 Kilo wiegen zu wollen. Weil für mich erst dann das Dünnsein wirklich begann. Über mir schwebte immer noch das Feindbild der dünnen Blondine, gegen die ich niemals gewinnen würde. Dass ich sie dauernd in Zeitschriften, Filmen und auf der Strasse sah, machte es nicht besser. Der Terror in unseren Köpfen ist das eine, aber er wird niemals aufhören, solange er neue Waffenlieferungen aus der Gesellschaft bekommt.

Kurz zurück zu meinem Bindegewebe. Mit Anfang 30, immer noch Single, zog ich von Hamburg nach Berlin. Ich verbrachte zweimal mehrere Monate im köstlichen Italien, schrieb viel an Büchern und nahm leider wieder ordentlich zu, wenn auch nur bis zu 76 Kilo. Letztes Jahr absolvierte ich eine Crash-Diät. Inzwischen sehe ich das Ernährungskonzept von Metabolic Balance etwas skeptischer, aber wenn mir jemand mit Jo-Jo-Effekt kommt, lache ich nur. Mein Leben ist ein Jo-Jo-Effekt. Ich esse Kalorien. Mein Kleiderschrank enthält Hosen zwischen Grösse 36/S und 42/L. Meine Diätpille ist blond. (Lesen Sie auch: «Wie ich mir 19 Kilo vom Leib hungerte»)

Vor einem Jahr schenkte ich mir also zum 33. Geburtstag die magischen 58 Kilo. Dünn lernte ich einen Haufen umwerfender Männer kennen, von denen ich damals annahm, sie würden mich nur ansprechen, weil ich dünn war, weil ich Ausstrahlung mit Gewicht gleichsetzte. Aber ich gebe zu: Beim Sex vermisste ich meine Oberweite. Einmal sagte ein Mann, ich hätte «krass vorstehende Hüftknochen». Damals betrachtete ich das als Kompliment, aber heute weiss ich, dass er mich zu spassbefreit und zu selbstzerstörerisch fand. Damals stand er ratlos vor meinem leeren Kühlschrank und ging mit dem Versprechen, dass wir mal zusammen Pasta kochen. Was wir bis heute nicht getan haben, obwohl ich acht verschiedene Pastasorten habe, darunter Lachs-Linguine, Zitronenbandnudeln oder Dinkel-Fusilli. Sie sehen hübsch aus, aber ich koche noch immer kaum für mich allein. Der Mann ist inzwischen wieder mit seiner blonden Ex-Freundin zusammen. Und eine andere Affäre eröffnete mir vergangenes Jahr, er würde gern mit mir einen Eisbecher auslöffeln, nur gehe das ja leider nicht mit mir. Also machte er es mit einer anderen. Immerhin war sie zwar dünn, aber hatte braune Haare.

Nach der Diät ist vor der Diät

Wie ich jetzt aussehe? Ich wiege etwas zwischen 58 und 68 Kilo. Eher im oberen Bereich. Ich passe immer noch nicht wieder in meine Lieblingsjeans, auf die mich mal ein Rentner in der U-Bahn ansprach. «Wie kommen Sie da morgens eigentlich rein?» Endlich ein Mann, dem es nicht darum ging, mich auszuziehen, dachte ich damals. Ich versuche, mit meinem Körper Frieden zu schliessen. Ich wünsche mir, dass ich im Bett auf der Seite liegen kann, ohne ständig den Zustand meines schwabbeligen Bauchs oder der Fettschicht über meinen Hüftknochen zu prüfen. Aber ich weiss, dass ich wohl mein Leben lang etwas an meinem Körper auszusetzen haben werde. (Lesen Sie auch: Mamas Muskeln.)

Obwohl ich verstanden habe, im Nachhinein, dass sich Männer nicht in dünne Blondinen verlieben. Sie fühlen sich zu Frauen hingezogen, die ihren Körper gut finden. Die sich selbstbewusst und sexy und stilsicher und ohne Kaschieren, Rumzupfen oder Verhüllen kleiden. Männer verlieben sich nicht in Kleidergrössen oder BH-Umfänge, sondern in das Komfortgefühl der dazugehörigen Person. Sie mögen es nicht, mit knochigen Hüften zu schlafen. Vor leeren Kühlschranken bekommen sie Fluchtreflexe, und wenn Frauen ihre Einladung ins Restaurant gegen Wodkatrinken eintauschen, ist es nicht verwunderlich, dass sie ihre ernsten Absichten über die Bettkante werfen.

Das alles habe ich aber erst mit 34 Jahren verstanden. Dieses Jahr. Und deswegen schreibe ich es auf. Nicht, weil ich glaube, dass mein Körper und mein Kopf etwas Aussergewöhnliches erlebt haben. Im Gegenteil. Bei allen Model-Castingshows, all dem Frauenzeitschriftenterror und den gesellschaftlichen Standards durchleben viele Frauen und Männer dieses lebenslange Ringen mit dem Wohlfühlgewicht und dem Istzustand. Aber der Artikel soll nicht ohne Erkenntnisgewinn für Sie enden.

Daher hier meine 10 besten Diättipps: 1. Denken Sie vor jedem Griff zu Süssigkeiten oder Burgern an Kate Moss und ihr «Nichts schmeckt so gut, wie sich Dünnsein anfühlt». Ihnen wird der Appetit schnell vergehen.

2. Laden Sie eine Kalorienrechner-App runter, in der Sie alles dokumentieren, was Sie essen. Macht süchtiger als jeder Facebook-Messenger.

3. Kramen Sie Ihre alte Lieblingshose oder das Etuikleid raus, in das Sie seit Jahren wieder passen wollen. Hängen Sie es sich gut sichtbar hin. Als Art tägliches Mahnmal.

4. Bewegen Sie sich. Trinken Sie bei der Arbeit extra viel Wasser, damit Sie ständig zum Klo gehen müssen. Treppe statt Aufzug. Rad statt Bahn. Den Rest kennen Sie.

5. Erzählen Sie überall herum, dass Sie Diät machen. Nichts ist effektiver, als sich vor anderen für Zwischenmahlzeiten rechtfertigen zu müssen.

6. Schreiben Sie Ihr tägliches Gewicht auf, und hängen Sie es sich an den Badezimmerspiegel. Es tut weh. Es tut gut. Je nachdem.

7. Achten Sie darauf, welche Lebensmittel Ihr Körper verträgt. Dazu brauchen Sie keinen Ernährungsberater. Sodbrennen? Stein im Magen? Trägheit? Leichte Allergie? Verzichten Sie auf Dinge, die Sie zwar mögen, aber Ihr Körper nicht.

8. Essen Sie nichts mehr nach 21 Uhr, und frühstücken Sie vernünftig.

9. Trinken Sie Wasser zwischen den Mahlzeiten statt appetitanregender Säfte, Energydrinks oder koffeinhaltiger Sachen. Auch Kaugummis, Bonbons oder Minzpastillen machen hungrig. Wasser. Wasser. Wasser.

10. Wenn das alles nicht wirkt, gibt es nur eine Lösung. Akzeptieren Sie Ihr Gewicht. Aber um Himmels willen, nehmen Sie bitte nicht zu.

Und ich? Kürzlich wollte mich ein Mann wiedersehen, den ich als dünne Brünette letzten Winter kennengelernt hatte. Inzwischen war ich sicher, dass ich ihm zu dick sei, und schob das Treffen unter Vorwänden monatelang hinaus, bis sein Geduldsfaden riss. Also half nur Offenheit. Ich schrieb ihm, dass ich erst abnehmen müsse, da ich ihm sonst nicht mehr gefalle. Er antwortete, ihm sei mein Gewicht egal. Ich bin beruhigt und werde ihn bald treffen.

Übrigens hatte auch Kierkegaard eine Art Diättipp. Für ihn musste der Gewichtsverlust lediglich im Kopf passieren. «Wachsen im geistigen Sinne bedeutet nicht grösser werden, sondern kleiner werden.»

Erstellt: 24.02.2014, 21:51 Uhr

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Clara Ott, 34 Jahre, lebt als freie Journalistin und Romanautorin in Berlin. Sie schreibt neben Clack.ch für verschiedene Frauenmagazine und veröffentlichte 2012 ihren Debütroman «Aufrüschbar».

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