Mein Vater und ich

Er konnte einen Pferdeschwanz binden, Stofftiere aussuchen und Selbstvertrauen geben. Warum es schön war, mit einem Hausmann als Vater aufzuwachsen.

Manchmal nannte er sie eine Tussi. Aber nur, um sie zu ärgern: Der Hausmann und die Autorin im Jahr 1989. Foto: Privatarchiv

Manchmal nannte er sie eine Tussi. Aber nur, um sie zu ärgern: Der Hausmann und die Autorin im Jahr 1989. Foto: Privatarchiv

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Mein Vater war Hausmann. In den 90er-Jahren, auf dem Land. Immer wenn man davon redet, dass Kinder neben den Müttern auch ihre Väter brauchen, dass ihre Anwesenheit wichtig für sie ist, muss ich an meinen Vater denken, an unsere Geschichte. Gerade ist die Volksinitiative zustande gekommen, die einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub fordert. Nach geltendem Recht hat ein Vater bei einem Ereignis wie der Geburt Anspruch auf «übliche freie Tage». Es ist aber nicht geregelt, wie lange diese Auszeit dauert und ob sie finanziert wird.

Männer sehen gewisse Dinge anders, sie haben andere Erfahrungswelten als Frauen. Und gewisse Dinge konnte wohl nur mein Vater mir, seiner heranwachsenden Tochter, mitgeben – etwa arrogant zu sein, wenn es nötig ist.

1991

Morgens stand mein Vater mit mir auf, ich war vier und meine Mutter schon in der Schule, wo sie als Lehrerin arbeitete. Dann bürstete er mein Haar, einmal, zweimal, dreimal, bis ich zufrieden war, und band mir einen Pferdeschwanz, einmal, zweimal, dreimal, bis ich zufrieden war – die Haaroberfläche glatt genug und der Pferdeschwanz genau in der Mitte des Hinterkopfs.

1992

Ich war im Kindergarten, mein Vater fuhr mich mit seinem Velo hin, ich sass quer vor ihm auf der Velo­stange, manchmal stupften mich seine Knie, wenn er in die Pedale trat. Er setzte mich vor dem Schulhaus ab, mittags wartete er an der gleichen Stelle wieder auf mich, und es ging Jahre, bis ich begriff, dass er der einzige Vater war unter all den Müttern, die auf ihre Kinder warteten. Damals fielen mir nur diese Einkaufskörbe aus Plastik und farbigem Bast auf, die alle bei sich trugen, alle ausser ihm.

1993

Wenn ich krank war, brachte mir mein Vater ­Zwieback, und wenn er einkaufen ging, dann nicht im Coop, sondern in der Migros, weil es nur dort Stofftiere gab, von denen ich mir eines wünschen durfte.

1994 bis 1996

Wir spielten abends oft ein Spiel. Es hiess «Ja oder Nein» und ging so: Der eine fragte: «Ja oder Nein?», und der andere musste sich für eine Antwort entscheiden, noch bevor er die eigentliche Frage gestellt bekam. Mein Vater sagte also, Ja oder Nein?, ich wählte Ja, und da fragte er: «Gell, du möchtest jetzt ins Bett?» Und ich kicherte, weil ich eigentlich hätte zustimmen müssen, aber natürlich wollte ich noch lange nicht schlafen.

1997

Mir gefielen die Kleider meiner Mutter, manchmal trug ich einen ihrer Röcke in der Schule. Sie waren mir zu lang, ich sah komisch darin aus. Meine ­Mutter befürchtete, dass ich gehänselt werden könnte, aber mein Vater fand, dass ich anziehen solle, was ich wolle. Er sagte, das stärke mein Selbstvertrauen.

Das Küsschen der Tochter (1989).

1998

Ich malte auf dem Wohnzimmerboden und lag zwischen Farbstiften und Papierbögen auf dem Bauch, da fragte ich meinen Vater nach seiner Lieblingsfarbe. Er überlegte kurz und antwortete: Lila.

1999

Es war unmöglich, mit meinem Vater Memory zu spielen, Uno oder Ligretto, immerzu machte er etwas falsch, immerzu spielte er sein eigenes Spiel. Anstatt zwei Memorykarten deckte er drei auf, er rief Uno, obwohl er noch fünf Spielkarten in der Hand hielt, er war zu langsam oder zu schnell, er kommentierte lieber die Züge der anderen, als seine zu beenden. Es war unmöglich mit ihm, und immer war ich gespannt darauf, wie er beim nächsten Mal das Spiel sabotieren würde.

2000

Ich war in der sechsten Klasse, bald würde ich ans Gymnasium wechseln. Ich fürchtete mich vor dem riesigen Schulhaus, den vielen Lehrern, die ich haben würde, und all den Mitschülern und Mitschülerinnen, von denen ich kaum jemand kannte. Mein Vater sagte, das sei die Sorge, unterzugehen in dieser Masse von Ansprüchen und Menschen, und er meinte zu mir, ich müsse nur ab und zu die Zähne zeigen, um mich durchzusetzen, und mich aufrecht hinstellen. Dann sei ich schon einen Kopf grösser als die meisten.

2001

Einmal nannte mein Vater eine Frau «Tussi». Er sagte es über sie, in einem Nebensatz, aber ich fand das nicht nebensächlich, es empörte mich, dass er so redete. Ich sagte ihm, dass er das nicht mehr tun solle, weil dieser Begriff ungerecht war, und dass auch er ihn aus seinem Vokabular streichen müsse. Ich sagte ihm, wenn es die Tussi gäbe, dann wäre ich eine. Von da an nannte er mich manchmal so, nur um mich zu ärgern.

2002

Zu Weihnachten wünschte ich mir Bücher zum Thema Liebe, mein Vater schenkte mir neun. Ich reihte sie auf dem Fenstersims aneinander, es waren Romane und Erzählungen. Dazu schrieb er in einem Brief, dass Liebe immer ein Ziel habe und das Risiko, am Ziel nicht anzukommen. Und er schrieb, dass er meinen Weihnachtswunsch als Auftrag an ihn verstehe: dass er beginnen müsse, seine väterliche Liebe von ihrer Selbstverständlichkeit zu trennen, und er tue dies nun mit dem Satz, dass er mich lieb habe.

2003

Immer kam mein Vater an die Schulbesuchstage, jedes einzelne Jahr. In der Primarschule verbrachte er ganze Morgen bei uns im Schulzimmer, und im Gymnasium suchte er sich bestimmte Lektionen heraus, meistens Deutsch, Mathematik und Geschichte, und setzte sich auf das rote Fenstersims hinten in der Zimmerecke, wo er ausharrte wie ein stummer kahlköpfiger Riese. Ich konnte mich nicht wehren, er war immun gegen meine Einwände, dass das unnötig sei und übertrieben und er doch nicht jedes einzelne Mal kommen müsse. Er liess mich reden, lächelte, sagte nichts und kam dann einfach doch, pünktlich auf den Lektionsbeginn.

2004

Ich trennte mich von meinem ersten Freund und war traurig darüber, dass Dinge enden konnten, und meine Mutter war traurig, weil es ihr leidtat für mich, aber vor allem tat es ihr leid für meinen verlassenen Freund. Mein Vater aber empfand anders, er war den Freunden und Freundinnen von mir und meinem Bruder zugeneigt, solange sie ebendies waren: Freunde und Freundinnen von uns. Danach war sein Interesse an ihnen nicht mehr gross vorhanden, es schrumpfte zu einem höflichen Gruss.

2005

Kantiball, Showblock. Das Motto war Hollywood, und ich tanzte in der Gruppe hinter einer Schattenwand zu Michael Jackson, meine Eltern sahen sich die Aufführung an. Später schrieb mir mein Vater eine Nachricht, dass er mich sofort erkannt habe auf der Bühne, trotz Schattenwand, trotz schneller Bewegungen. Er schrieb mir, dass er stolz sei, und er schrieb mir, weil er zu beschämt war, um mir das zu sagen.

2006

An der Uni sprach ich mit Freundinnen und Freunden darüber, irgendwann mal eine Familie zu gründen. Wir erzählten uns von unseren Familien, und ich sagte, dass mein Vater Hausmann sei und abends arbeite. Einer meiner Freunde war ganz erstaunt, dass es so etwas gab. Er habe seinen Vater immer nur von hinten gesehen, immer nur in dem Moment, als dieser zur Türe hinausging, weg zur Arbeit.

2007

Manchmal regte ich mich über Leute auf, über Männer wie Frauen. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich nicht ernst nahmen und mich reduzierten auf mein Äusseres, auf mein Geschlecht. Mein Vater sagte mir, ich solle mich wehren, ich solle ihnen klarmachen, dass ich meinen Kopf nicht nur zum Schminken benütze, sondern auch zum Denken.

2007 bis 2009

Fast drei Jahre lang arbeitete ich mit meinem Vater, jedes zweite Wochenende, auf dem Korrektorat unserer Lokalzeitung. Samstag- und Sonntagabend, kurz vor sechs Uhr gingen wir von daheim los, fünf Minuten Arbeitsweg. Und er, der es sonst nie eilig hatte, im Büro zu sein, hatte es immer eilig, wenn wir gemeinsam dorthin unterwegs waren. Ich kam nie dahinter, woran es lag, wenn ich ihn fragte, lachte er nur, und ich, ärgerlich, vergrösserte meine Schritte, um ihm vorauszueilen, aber da hakte er sich bei mir unter. Das war seine Art, sich zu versöhnen.

2008

Als mein Grossvater starb, der Vater meines Vaters, war es das erste Mal, dass ich in meinem Vater auch einen Sohn sah. Einen, der eine ganz andere Beziehung zu seinem Vater hatte, eine entfernte, lose – etwas, zu dem sich nichts hinzufügen liess. Ich rief ihn von der Uni an, wollte wissen, wie es ihm gehe, und das Einzige, was mein Vater sagen konnte, war ein Satz über seine Mutter: dass sie jetzt, nach über 50 Jahren Ehe, in einem ständigen Verlust aufwache, jeden Morgen aufs Neue.

Januar 2009

Ich war die einzige Frau im Korrektorat, dazu die Jüngste, und es kam immer wieder vor, dass die Redaktoren mich nicht grüssten, dass sie mich nicht anschauten und nur meine Kollegen um Rat fragten. Dass sie mit Frauengeschichten prahlten, nicht bei mir, aber so, dass ich sie hören konnte. Ich erzählte meinem Vater davon, spätabends, als ich von der Arbeit heimkam. Er sass auf dem Sofa, trank ein Bier und schaute Sport. Da sagte er mir, dass diese Männer wohl eingeschüchtert seien, überfordert davon, in einem Raum mit einer jungen Frau zu sein – obwohl manche von ihnen Väter waren von Töchtern in meinem Alter.

April 2009

Mein Vater erkrankte. Der Krebs wuchs in seinem Bauch, lange schon, aber lange unbemerkt. Es war eine seltene Art, eine, die nicht zu heilen war. Als ich ihn fragte, ob er sich vor dem Tod fürchte, sagte er Nein. Aber er wisse nicht, wie das gehe, er wisse nicht, wie man das mache – sterben.

September 2010

Ich sagte, ich wisse nicht, wie ich weitergehen solle ohne ihn. «Du wirst mich überall finden», antwortete er, durchscheinend vom Krebs, «in einem Bild, in einem Buch, in einem Satz.» Seither suche ich.

Oktober 2010

Eine Woche bevor mein Vater starb, wurde ich krank. Fieber. Ich lag in meinem Bett, einen Stock über ihm. Ich träumte wirr, konnte nicht aufstehen. Ich wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. Und zwischen uns waren nicht nur die Treppenstufen, die ich davor so viele Male schon beschritten hatte. Zwischen uns schwebte die Kraft, die langsam wieder zu mir kam und ihn verliess.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2017, 23:19 Uhr

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