Reportage

«Meine Arbeit gefällt mir»

Basler Sexarbeiterinnen verlangen mehr Anerkennung und weniger Kriminalisierung. Betroffene erzählen aus ihrem Leben.

Selbstbestimmt: Manchmal sind es auch ältere Frauen, die lieber Sexarbeit verrichten, als von der Sozialhilfe zu leben.

Selbstbestimmt: Manchmal sind es auch ältere Frauen, die lieber Sexarbeit verrichten, als von der Sozialhilfe zu leben. Bild: AP/ Oded Balilty/Keystone

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Einfach reinspazieren kann man nicht in den Club im Grossbasel. Die Journalistin drückt die Klingel. Eine hoch gewachsene blonde Frau öffnet die Tür und guckt erstaunt. Nein, ihr sei nicht ausgerichtet worden, dass die Zeitung komme, sie habe auch nicht viel zum Thema zu sagen. Trotzdem, sie bittet rein. Und dann fällt ihr doch einiges ein zum viel diskutierten Prostitutionsverbot. «Ein jahrtausende altes Gewerbe kann man doch nicht einfach verbieten», sagt sie. Das Geschäft würde damit einfach in den Untergrund gedrängt und dürfte so für die Frauen viel gefährlicher werden.

«Diese Politiker sollten klug genug sein, zu wissen, dass man erwachsene Menschen selber entscheiden lassen soll», sagt die schlanke, gepflegte Frau, nennen wir sie Xenia. «Ich komme aus einem kommunistischen Land, wo es offiziell keinen Sex gab», sagt die gebürtige Ukrainerin, die politisch bestens informiert ist. Da sei alles im Untergrund gelaufen. «Ist es denn besser, wenn man die Frauen in die Illegalität drängt, wo sie gar nicht mehr geschützt sind? Dann müssen sie das Geschäft im Untergrund auf einer Matratze verrichten.»

Tanz für einen Gast

Xenia wischt den Tresen der Bar ab, sie bewegt sich elegant im kleinen Schwarzen, trotz flachen Schuhen. Mittlerweile sind aus dem dunklen Hintergrund weitere Mädchen aufgetaucht, eines hübscher als das andere. Sie nehmen auf den Barhockern Platz, man sitzt im kleinen Halbkreis. Es ist noch zu früh fürs ganz gute Geschäft, doch mittlerweile ist der erste Gast aufgetaucht, setzt sich, bestellt ein Bier und flachst etwas herum. Und unverhofft erhebt sich eines der Mädchen, schreitet in die Mitte der Bar und beginnt zu tanzen.

Wie ein Panther streicht sie um die Stange, schmiegt sich an sie, räkelt sich, klettert kopfüber an ihr hoch und lässt sich rückwärts weich wieder auf den Boden fallen. Akrobatische Höchstleistungen auf kleinstem Raum, kaum zwei Quadratmeter gross. Es scheint Spass zu machen, nicht nur dem Zuschauerkreis, der aus sechs weiteren Mädchen, der Journalistin und einem Gast besteht. Auch die Tänzerin wirkt zufrieden, eins zu sein mit ihren Sinnen und dem durchtrainierten Körper. Und dann lässt sie ganz selbstverständlich die Hüllen fallen. Unaufgeregt, nonchalant greift sie zum zarten Hauch von Nichts, das ihren kleinen Busen verdeckt, entledigt sich geschickt des Strings und wird mit viel Applaus belohnt. Lächelnd verschwindet sie, der Gast folgt ihr. Die Frauen erhalten vom Besitzer des Clubs einen Grundlohn und verdienen sich mit Sexarbeit etwas dazu.

«Wo liegt das Problem?»

Die Stimme von Xenia reisst aus den Gedanken: «Wo liegt das Problem? Es ist doch alles sauber und gepflegt.» Tatsächlich, die Mädchen, allesamt aus dem osteuropäischen Raum, wirken nicht heruntergekommen, nicht verlebt, nicht traurig – wie gute, sympathische Berufstätige eben. Ausserdem selbstbewusst und gebildet. «Die meisten haben einen Uniabschluss», sagt Xenia. Und alle würden sie verschiedene Sprachen sprechen. Sie selbst war in der Ukraine Musiklehrerin. Ein Job, mit dem sie weder sich selbst noch ihren Sohn ernähren konnte. «Von einem Yoghurt und einem Stück Brot mussten wir oft drei Tage leben.»

So beschloss sie vor zehn Jahren, in die Schweiz zu gehen und richtig Geld zu verdienen. Würde sie die Arbeit wechseln, wenn sie in ihrem angestammten Beruf als Musiklehrerin ebenso viel verdienen würde wie jetzt? Xenia schüttelt den Kopf: «Meine Arbeit gefällt mir.» Was sagt sie zum Argument, dass in diesem Geschäft die Seele verletzt wird? «Prostitution ist nicht das Problem. Das Problem ist Sexismus, Rassismus und Armut! Darüber muss man reden!», sagt sie.

«Verbot macht es nur schlimmer»

Auch der Gast ist mittlerweile auf das Gespräch aufmerksam geworden. «Wir sind keine armseligen Täter. Ich wünsche mir nur etwas körperliche Nähe ohne emotionale Verstrickungen», sagt er. Sie habe noch nie einen gewalttätigen Freier getroffen, sagt Xenia. Die Geschichten rund um Gewalt und Zwang seien meist übertrieben. «Wir sind erwachsen, haben einen klaren Kopf und entscheiden uns bewusst für dieses Gewerbe.» Steuern bezahlen würden sie auch, auffällig seien sie nicht und mit Papieren und Niederlassungsbewilligung ausgerüstet. «Was soll daran falsch sein?»

Und eines der Mädchen sagt zum Schluss: «Wissen Sie, ich verwöhne lieber einen Mann für gutes Geld, anstatt mir als schlecht bezahlte Serviererin an den Hintern langen zu lassen.»

An einem anderen Ort treffen wir Lila (Name geändert), 37. Die glatten dunklen Haare sind straff zusammengebunden. Lila ist Südamerikanerin, mit feinen Gesichtszügen, vollen Lippen und makelloser Haut. Seit 20 Jahren arbeitet sie als Prostituierte. Dass dieses Gewerbe nun verboten werden soll, sorgt bei ihr für ein müdes Lächeln. «Es ist naiv zu denken, dass ein Verbot die Prostitution unterbinden kann», sagt sie, «das Geschäft wird genau gleich weitergehen, einfach heimlich.» Auch sie würde weiterhin anschaffen, das stehe ausser Frage, sagt sie. Sie könne sich irgendwie organisieren. Eine andere Perspektive sieht sie nicht. Sie habe es schon versucht mit anderen Arbeiten, hat serviert, geputzt oder in der Wäscherei gearbeitet. «Ich habe viel geschuftet und deutlich weniger verdient als mit der Prostitution», erklärt sie, deshalb sei sie wieder anschaffen gegangen. Aus eigenem Willen, wie sie betont.

Sie sei froh, ihr eigener Chef zu sein, den Tagesablauf selbst bestimmen zu können. Lila hat niemanden, der sie kontrolliert, der ein Stück vom Kuchen abhaben will. Das sei aber nicht immer so gewesen. «Als ich mich vor 20 Jahren für eine bessere Zukunft entschieden und Südamerika verlassen habe, liess ich mich von einer Mafia-Organisation nach Japan schleusen.» Sie habe damals zwar gewusst, dass sie in einem Nachtclub arbeiten werde, aber nicht unter welchen Bedingungen.

Die Freiheit erarbeitet

Über die damalige Zeit redet sie nicht gerne, sie sei schlimm gewesen. «Ich habe einfach so lange gearbeitet, bis ich mich freikaufen konnte», sagt Lila. Dann sei sie nach Europa geflogen. Um Hilfe konnte sie niemanden bitten, denn sie war illegal in Japan und die Menschenhändler drohten, sie auffliegen zu lassen.

«Wenn die Prostitution verboten ist, haben die Frauen keine Rechte», sagt Lila. Sie könnten sich nicht an die Polizei wenden, wenn sie geschlagen, bedroht oder ausgebeutet werden. «Ein Prostitutionsverbot verstärkt den Menschenhandel – Mafia und Untergrund-organisationen schalten sich ein, die das illegale Gewerbe kontrollieren», sagt Lila. In Spanien habe sie erlebt, was es bedeutet, illegal anzuschaffen. Damals, 1999, als sie während einiger Jahre in Andalusien lebte, wurden rumänische Frauen nach Spanien geschleust und gezwungen, anzuschaffen. Erst als die spanische Regierung ihnen Rechte gab, hätten sie sich getraut, gegen ihre Peiniger vorzugehen. «Ein Verbot macht alles schlimmer», sagt sie, und sei der falsche Ansatz. Der richtige? «Den Frauen mehr Rechte geben und damit Grauzonen umgehen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.11.2013, 09:45 Uhr

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