Meine Frau ist Psychologin – soll sie mich analysieren?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Therapie im trauten Heim.

Was, wenn da jeder käme? Die berühmte Couch von Sigmund Freud. Foto: Keystone

Was, wenn da jeder käme? Die berühmte Couch von Sigmund Freud. Foto: Keystone

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Ist es ratsam, dass eine psychoanalytisch ausgebildete Ehefrau ihren Mann daueranalysiert und zu therapieren versucht? S.B.

Lieber Herr B.

Also, das geht ja so was von gar nicht! Ist es das, was Sie (zum Ausschneiden und zur Vorlage bei Ihrer Gattin) hören wollten? Dann also ganz ernsthaft: Nein, das geht wirklich nicht. Jetzt müssen Sie aber auch noch die Begründung über sich ergehen lassen.

Freud nannte so etwas «wilde» Psychoanalyse. Seine Argumente dagegen waren einerseits inhaltlicher, andererseits institutioneller Natur. Zum Ersten: Es gehe nicht an, sagt Freud, einem Patienten (in diesem Falle: Ihnen) angeblich unbewusste Wünsche und daraus resultierende an den Kopf zu werfen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass es ja gute (innerpsychische) Gründe dafür gebe, dass diese Konflikte und Wünsche (nennen wir es mal leicht versimpelt so) «verdrängt» seien. Zunächst gelte es diese Gründe zu analysieren, dann werde das Unbewusste geradezu wie von selbst bewusst (mit ein bisschen deutender Nachhilfe).

Zum Zweiten: Da könne ja jeder kommen, und wenn jeder käme, schade das dem Ruf der Psychoanalyse. Dann gibt es aber noch einen dritten Punkt, an dem Freud seinen Widerwillen gegen die wilde Analyse relativiert: Es sei immerhin noch besser, einen Neurotiker mit einem verdrängten Inhalt zu konfrontieren, als ihn in die fünfte nutzlose Erholungskur zu schicken.

Labor und Feld sind verschiedene Bereiche, die man nicht ungestraft verwechselt (siehe Dr. Frankenstein)

Wendet man das auf Sie und Ihre Analytikerfrau an, steht es zwei zu eins für Sie. Nun wollen wir das Match-Ergebnis aber noch mindestens in ein Fünf-zu-Eins für Sie verwandeln. Was Ihre Frau (und meine Frau Kollegin) nämlich nicht beachtet, ist, dass es zu einer Analyse äusserer Bedingungen bedarf, die man gemeinhin als «Setting» bezeichnet – und leider oft auch fetischisiert.

Ich meine damit aber keine besondere Ausrichtung der Couch und ein neutral gestaltetes Wartezimmer. Sondern (wieder etwas versimpelt), dass Sie von Ihrer Frau eine Auskunft über sich hinsichtlich Ihnen unbewusster Zusammenhänge Ihres Lebens erwarten. (Tun Sie nicht.) Und dass Sie Ihrer Frau frei assoziierend etwas erzählen. (Tun Sie auch nicht.) Zwei wesentliche Bedingungen entfallen also. Ihre Frau verhält sich somit wie eine Laborwissenschaftlerin, welche die kontrollierten Bedingungen, die es für Laborforschung braucht, missachtet, und das (cum grano salis) «Laborexperiment» Psychoanalyse leichtsinnig in einen Feldversuch verwandelt. Labor und Feld sind aber verschiedene Bereiche, die man nicht ungestraft verwechselt (siehe Dr. Frankenstein).


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Erstellt: 15.10.2019, 10:12 Uhr

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