Meistens kommt er rechtzeitig

Einst war Martin Köhler Elektroingenieur in Deutschland, nun fliegt er in Papua-Neuguinea auch das kleinste Nest an – und liefert Lebensmittel und Medizin.

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Weisse Riesen haben sich vor Martin Köhler aufgebaut. Noch stehen sie nicht so dicht, dass er sich Sorgen machen müsste. Er kurvt im Slalom um sie herum. Am Nachmittag kann sich das ändern, wenn sich die Cumulus-Wolken noch stärker zusammenballen, wenn es am Himmel über Papua-Neuguinea blitzt und kracht. Deshalb will der Pilot in zweieinhalb Stunden alles erledigt haben. «Das können wir schaffen», sagt er und setzt zum Sinkflug an.

Links ragen jetzt schroffe Felszinnen aus dem Dickicht des Urwalds heraus. Rechts schlängelt sich ein milchig-brauner Strom durch die Schlucht. Wo war noch mal gleich die Landepiste? «Na, da vorne», sagt Köhler. Ach ja, da vorne. Ausser einem dünnen hellgrünen Strich in einem Ozean aus Bäumen ist nicht viel zu sehen. Aber da will Köhler mit der Cessna Caravan runtergehen.

«Land of the Unexpected»

Der Pilot wirkt keineswegs nervös, nur konzentriert. Für ihn ist der Anflug auf Woposali Routine. Aber was heisst das schon in einer Gegend, die Einheimische «Land of the Unexpected» nennen und dann manchmal zu kichern beginnen. Papua-Neuguinea, Land des Unerwarteten. Hier wollte Köhler hin. Und da ist er nun – schon seit acht Jahren. Der 43-jährige Elektroingenieur aus Fürth hat sich damit einen Traum erfüllt. Er ist Buschpilot geworden in einer der aufregendsten Landschaften der Welt.

Darüber wird er noch reden, aber jetzt ist keine Zeit dafür, denn jetzt muss er erst mal sein Flugzeug in Woposali landen. Vorher zieht er noch eine Schleife, um das Flugfeld zu begutachten. Könnte ja sein, dass es unter Wasser steht. Oder dass Kühe und Ziegen darauf grasen. An diesem Montagmorgen ist alles frei und trocken.

Beistand in der Not

Um 11.01 Uhr ist Köhler von Mount Hagen, der drittgrössten Stadt Papua-Neuguineas, gestartet. Marschflughöhe 9000 Fuss. 22 Minuten später landet er in Woposali. 90 Kilometer hat er zurückgelegt. Wollte ein Dorfbewohner umgekehrt nach Mount Hagen gelangen, so müsste er dafür erst einmal zwei Tage lang durch den Busch laufen, um dann einen weiteren Tag mit dem Bus über holprige Piste zu fahren, bevor er die Stadt erreicht. Woposali ist also das, was man gemeinhin einen äusserst abgelegenen Ort nennt. Eigentlich gilt das für 99 Prozent aller Orte in diesem Land. Deshalb braucht es Leute wie Köhler. Er fliegt für die Missionary Aviation Fellowship, kurz MAF genannt. Ein kirchlicher Flugdienst ist das, der in Papua-Neuguinea auch noch das kleinste Nest anfliegt.

Der Pilot aus dem fränkischen Fürth sagt, Fliegen sei für ihn Beruf und Berufung zugleich. Köhler ist ein gläubiger Mensch. Hier kann er das tun, was er als Christ als wichtige Aufgabe betrachtet. Menschen beistehen in der Not. Es ist noch nicht lange her, da hatte der jetzt so träge anmutende Fluss die Siedlung Woposali überschwemmt. Als man wieder landen konnte, lieferte Köhler Lebensmittel. Dieses Mal hat er Medikamente geladen, auf die man in Woposali schon wartet. Das ganze Dorf ist an der Piste zusammengelaufen.

«Wir schiessen Fische im Fluss»

Die einen tragen zerfetzte T-Shirts, Röcke und Hosen, die anderen nur einen Lendenschurz. Viele Leute haben Metallbeile in der Hand, manche nutzen noch ihre Axt aus Stein. Jahrtausende lang war sie das wichtigste Werkzeug in diesen Wäldern. Um zu jagen, haben sie Pfeil und Bogen, wie ihn der Fischer Luke Kamale bei sich trägt. «Wir schiessen Fische im Fluss», sagt er. Oder Vögel. Darin sind alle Meister. Ausserdem bauen sie auf kleinen Feldern im Wald Süsskartoffeln an.

Die Menschen von Woposali leben in einer abgeschiedenen Welt, in der die Naturgewalten oftmals übermächtig erscheinen. Es gibt wenig Austausch mit anderen Siedlungen und die Behörden des Staates sind weit weg. Die einzige Verbindung zur Aussenwelt ist – ausser dem Flugzeug – ein nicht sehr verlässliches altes Funkgerät.

Hohe Müttersterblichkeit

Einen Grundschullehrer haben sie hier, aber wenn die Kinder nach der 5. Klasse weitermachen wollen, müssen sie fortgehen, die höhere Schule ist 60 Kilometer entfernt. Bis zum nächsten Krankenhaus ist es ähnlich weit, und so therapieren sie sich mit eigenen Rezepturen aus dem Wald. Oder sie kommen zu Tau Hokopai, der von der Kirche in medizinischen Grundkenntnissen geschult wurde und die örtliche Gesundheitsstation leitet.

In der Holzhütte neben dem Flugfeld stapeln sie nun die Medikamente, die sie aus dem Bauch der Cessna ausladen. Vor allem sind das Mittel gegen die Tuberkulose. Aber auch Malaria-Medikamente. Für die Kinder ist Durchfall oft lebensgefährlich. Aber am meisten sorgt sich Hokopai, wenn schwangere Frauen Komplikationen bekommen. Die Müttersterblichkeit in diesen Gegenden zählt zu den höchsten der Welt.

Neulich erst wusste Hokopai nicht mehr weiter und funkte einen Frauenarzt in der Stadt an. Der gab ihm glücklicherweise den richtigen Tipp, die Frau überlebte. «Aber manchmal», sagt er, «kann ich gar nichts mehr tun.» Dann ist es gut, wenn einer wie Martin Köhler auf der Piste landet.

«Du landest bergauf und alles muss stimmen»

590 registrierte Flugfelder gibt es in diesem Land, aber MAF fliegt davon nur noch 280 an. Viele werden nicht in Stand gehalten, wuchern zu oder gleichen einem löchrigen Acker. «Zu gefährlich», sagt Köhler. Aber auch diejenigen, die sie noch anfliegen, haben es in sich. Zum Beispiel Tekin. 530 Meter lang, neun Prozent Steigung, und schwer kalkulierbare Winde aus den Bergen von drei Seiten. «Du landest bergauf und alles muss stimmen, da kannst du nicht mehr durchstarten», sagt Köhler. «Wenn du unten bist, lädst du aus, wendest und startest bergab wieder raus. Aber wehe, der Rückenwind ist zu stark.»

In den Dörfern wird jedes Flugzeug samt seiner Fracht neugierig erwartet. Manchmal ist die Sehnsucht so übermächtig, dass es schon gefährlich wird. Einmal haben die Leute, wie sich MAF-Piloten erinnern, Steine in den Windsack gefüllt und ihn zugebunden. Der anfliegende Pilot sollte ja nicht zum Schluss kommen, dass der Wind für eine Landung nicht passt. So täuschten sie absolute Windstille vor, was böse enden kann.

Getrieben vom Glauben an die Mission

Köhler hat einen gefährlichen Job und das weiss er. Immer wieder stürzen Maschinen verschiedener Gesellschaften in den Bergen ab, auch MAF hat seit ihrer Gründung in den 50er-Jahren mehrere Piloten verloren. Einer von ihnen war der Australier Harry Hartwig, ein Mann der ersten Stunde. Er gehörte zu jenen MAF-Pionieren, die zuvor Soldaten waren und im Zweiten Weltkrieg grosse Bomber geflogen hatten. Danach verspürten sie den Drang, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. In Papua-Neuguinea, wo viele Menschen von medizinischer Hilfe abgeschnitten waren, sahen sie eine Chance, Leben zu retten. Getrieben waren sie aber auch vom Glauben an die Mission, die damals bis in die entlegensten Gebiete des Hochlandes vorstiess, um das Evangelium zu verbreiten.

So viel missionarischer Eifer hat schon manche Debatte über die Vorstösse der Kirchen ausgelöst. «Die Mission in Neuguinea war aber keine koloniale Eroberung», sagt Traugott Farnbacher, Pazifik-Referent der evangelisch-lutherischen Kirche aus Neuendettelsau. Die fränkischen Pioniere waren bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit der Bibel an den Küsten gelandet. Heute gehören fast alle Bewohner des Landes einer christlichen Kirche an.

Meistens kommt er rechtzeitig – manchmal auch nicht

Sicher ist, dass Zehntausende Kranke und Verletzte in den Wäldern und Bergen nur deshalb überlebt haben, weil ein MAF-Pilot sie gerade noch rechtzeitig in eine Klinik fliegen konnte. Auch Martin Köhler fliegt viele solche Noteinsätze. Meistens kommt er rechtzeitig – manchmal aber auch nicht. Einmal bekam er einen Notruf aus Hauna, einem Urwalddorf im Sepikgebiet. Als er an jenem Tag landet, ist niemand zu sehen. Unten am Fluss entdeckt er schliesslich einen Einbaum. In ihm liegt eine Frau mit weit geöffneten Augen, die sich kaum noch bewegt. Neben ihr weint der Ehemann. In ein Bündel gewickelt schreit ein neugeborenes Kind.

Die Mutter hat Zwillinge geboren, eines ist gestorben und sie verlor sehr viel Blut. Einen Tag ist sie gelaufen und zwei Tage gerudert, um das Flugfeld zu erreichen. Aber nun liegt sie im Sterben, Köhler kommt zu spät. Bevor er sie einladen kann, ist die Mutter tot. Später erfährt Köhler, dass der Witwer das überlebende Kind in den Fluss werfen wollte, so wie es die Dorftradition in einem solchen Fall gebiete. Erst in letzter Sekunde liess er davon ab, als ein Mitarbeiter von MAF darum bat, das Kind adoptieren zu dürfen.

«Wo immer man ist, fällt man als Exot richtig auf»

Köhler denkt öfters an diese Geschichte, er hat selbst Familie. Mit seiner Ehefrau Claudia hat er einen Sohn und eine Tochter. Die beiden sind zehn und zwölf Jahre alt und haben den grossen Teil ihres Lebens in Papua-Neuguinea verbracht. Eines Abends sitzen sie alle am Tisch, die Kinder drehen Spaghetti mit Tomatensauce auf ihre Gabeln. Wie gross war der Sprung in diese andere Welt? Gross, aber nicht zu gross, finden die Köhlers. Allerdings hat sich die Frau des Piloten schon öfters Gedanken über die Risiken des Fliegens gemacht, gerade hier, wo immer wieder Flugzeuge in den Bergen abstürzen. Diese Sorge hat sie nie ganz losgelassen.

Anfangs lebte die Familie an der Nordküste, wo die Eltern ihre Kinder selbst zu Hause unterrichteten, wenn sie nicht gerade am weiten Sandstrand spielten. «Home Schooling» heisst das. Und es war nicht immer einfach, wie die Mutter erzählt. Sie ist ausgebildete Lehrerin, weiss also, worauf es ankommt. «Man muss aufpassen, dass man von seinen eigenen Kindern dann nicht zu viel verlangt.» Inzwischen hat sie einen Job in der Schule von Mount Hagen, wo auch ihre Kinder den Unterricht besuchen und Teil einer Klassengemeinschaft sind. Da ist nicht alles perfekt, aber es läuft.

Die Köhlers haben Freunde gefunden in diesem Land. Und man merkt, dass sie nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen sind. Sie haben keine übertriebene Panik vor tropischen Krankheiten und nehmen vieles gelassen. An manches aber gewöhnt man sich doch nur schwer: «Wo immer man ist, fällt man als Exot richtig auf», sagt Claudia Köhler. Einmal wieder völlig unbeachtet durch die Strassen schlendern – darauf freut sich auch ihr Mann, wenn sie mal auf Besuch in Deutschland sind.

In Mount Hagen leben sie in einem einfachen Haus hinter einem hohen Zaun. Herumlaufen durch die Viertel, zumal abends oder nachts, ist riskant. Der Staat hat die Kriminalität nicht im Griff. Man kann sich nicht so frei bewegen wie in Europa. «Und so wie wir früher in den Wald gestapft sind und Lager gebaut haben, können das meine Kinder hier nicht machen,» sagt der Pilot. Spielen mit einheimischen Kindern, das geht. Und so haben sie gelernt, sich auch über wenige und kleine Dinge zu freuen. Der westlichen Spielzeugflut sind sie jedenfalls weitgehend entkommen, worüber die Eltern froh sind.

Im Zweifel bleibt Köhler am Boden

Wenn der Pilot morgens zum Flugplatz fährt, muss er immer damit rechnen, dass sein Plan für den Tag wegen schlechten Wetters wieder kippt. Für Experimente ist er nicht zu haben. Im Zweifel bleibt er am Boden und wartet.

Auch im Dorf Woposali, wo Montagmittag nun alle Kisten ausgeladen sind, schweift Köhlers Blick prüfend zum Himmel. Die weissen Riesen dort oben sehen noch freundlich aus. Auch über Funk kommt keine Wetterwarnung, die zur Eile treiben würde. Doch dann schleppen sich aus einer der strohgedeckten Hütten zwei gekrümmte Gestalten Richtung Piste, wo Köhler alles für den Start vorbereitet. Die beiden Frauen sind hochschwanger und haben schlimme Schmerzen. Dieses Flugzeug muss der Himmel geschickt haben.

Erstellt: 02.01.2015, 07:33 Uhr

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Köhler lebt mit seiner Familie in Mount Hagen, der drittgrössten Stadt Papua-Neuguineas.


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