«Mir ist klar, dass eine Frau so etwas nicht gerne hört»

Flirt-Coach Michel Vincent hält Frauen für berechenbar. Ein Gespräch über Anmachsprüche, Status-Fixiertheit und den Umgang mit dem Scheitern.

Eine Frau anzusprechen und sie zu verführen, fällt einigen Männern schwer: Ein Mann flirtet mit einer Frau. Foto: Florian Peljak

Eine Frau anzusprechen und sie zu verführen, fällt einigen Männern schwer: Ein Mann flirtet mit einer Frau. Foto: Florian Peljak

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Michel Vincent, 39, ist Kennenlern-Coach. Sein Buch «Der Verführungscode: So kannst du jede kriegen» hat sich bislang 35'000 Mal verkauft, seine Dienste sind sündteuer und gefragt. Die grösste Herausforderung für den Münchner Versicherungskaufmann, auch in diesem Gespräch: nicht wie ein arroganter Aufschneider zu wirken.

Herr Vincent, wie kamen Sie zu dem Thema?
Durch eigenen Schmerz. Ende 2004 hatte sich meine damalige Freundin von mir getrennt. Ausserdem fielen mir die Haare aus. Da hatte ich eine richtige Krise. Und war ganz allein.

Und sind ausgegangen?
Um nicht allein zu sein. Ich habe mich oft zu den Türstehern gestellt und gesehen, wie es wirkt, wenn man Begehrlichkeiten erzeugt. Das Prinzip: 100 stehen an, zehn kommen rein. Je arroganter die Türsteher, desto netter die Leute, die rein wollten.

Er hat Zaubertricks gelernt, um die Frauen zu beeindrucken: Michel Vincent, Autor und Kennenlern-Coach. Foto: Florian Peljak

Schrecklich.
Aus Sicht einer attraktiven Frau ist das ähnlich. Sie und der Türsteher können sich aussuchen, wen sie reinlassen. Die Frage war: Was muss ich machen, um in die Rolle des Türstehers zu kommen? Etwas bieten, was ich allen den Männern voraus hatte.

Teurere Drinks ausgeben?
Ich habe Zaubertricks gelernt, ganz am Anfang, bevor ich gemerkt habe, dass beeindrucken nicht die beste Art ist, jemanden kennenzulernen. Aber es funktionierte: Karten schweben lassen, Gedachtes erraten. Wenn ich einer einen Trick gezeigt habe, holte die ihre Freundinnen dazu. Da habe ich viel geknutscht.

Und sich nie verliebt?
Ich war 27, da wollte ich das erst einmal geniessen. Welcher Mann wünscht sich das nicht: am Wochenende fünf kennenlernen, unter der Woche jeden Tag eine treffen und am Wochenende für neuen Nachschub sorgen.

So hat Mann sofort mehr Erfolg bei Frauen: Fünf Tipps von Michel Vincent. Video: Youtube

Alle, die in einer glücklichen Beziehung sind? Schon einmal auf die Idee gekommen, dass die Frauen das vielleicht gar nicht so super finden wie Sie?
Das ist ein Trugschluss. Wenn ich als Mann zeige, dass ich mir eine Beziehung wünsche, sind die Chancen gering. Aber wenn sie merkt: Der Typ hat ein spannendes Leben und will aber gar nichts von ihr – da entsteht Interesse.

Das ist keine Antwort.
Man muss unterscheiden zwischen sexuellem Interesse und emotionalem Interesse.

Aha.
Ich hatte sexuelles Interesse. Und gemerkt, dass Frauen dann nichts von mir wollten, ausser mal vorbeizukommen. Beim ersten Treffen haben wir oft geknutscht, das zweite war meist in der Therme Erding, wo die Kassiererinnen schon gelacht haben, beim dritten waren wir bei mir. Wenn du weisst, welche Knöpfe du drücken musst, ist fast niemand vor dir sicher.

«Man muss erst sein Ego so in den Griff kriegen, dass einen eine Abfuhr nicht so runterzieht.»

Und das soll kein Manipulieren sein?
Mir ist klar, dass eine Frau so etwas nicht gerne hört. Wer möchte schon durchschaut werden? Ich habe da viel erlebt. Frauen, die ihre Freunde betrogen haben, um mich kennenzulernen. Frauen können schon auch sehr dreist sein. Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass Frauen die guten Wesen sind.

Wie läuft so ein Coaching?
Ein Tag Einzelcoaching, mit weggehen, kostet 1500 Euro. Los geht es mit einer Kalt-Akquise in der Fussgängerzone. Man muss erst sein Ego so in den Griff kriegen, dass einen eine Abfuhr nicht so runterzieht. Dann die Körpersprache, die Stimme. Es geht um Prinzipien.

Wie Leute, die manipulieren und sich Aufreisskünstler nennen, Pick-up-Artists.
Die fragen eine Frau zum Beispiel, wie der ideale Partner für sie wäre und deuten dabei auf sich selbst. Da heisst es beim neurolinguistischen Programmieren, man könne Anker setzen. Oder auswendig gelernte Sprüche. Ich denke hingegen von mir: Ich bin ein Rockstar.

«Früher hat man fünf Mammuts erlegt als Mann, heute bist du reich oder bekannt.»

Und die Leute von Ihnen vielleicht: arroganter Aufschneider.
Nein. Das ist hart erarbeitetes Selbstbewusstsein. Keiner ist so oft gescheitert wie ich, das ist die andere Seite. Ich hatte schon Tausende Versuche, bin einige Tausend Mal gescheitert. Aber die Quote sagt nicht so viel aus.

Ihnen ist schon klar, dass Sie von Frauen wie von Gegenständen sprechen.
Ich verallgemeinere. Die Prinzipien eben, ein Beispiel: Ein A-Jugend-Spieler des FC Bayern geht in einen Club, spricht eine Frau an, erzählt, dass er Fussball spielt, in einem Internat. Bis dahin ist sie mittelinteressiert. Dann sagt er: Säbener Strasse. Zack. Angezündet. Es ist einfach so: Viele Frauen sind berechenbar und fallen auf solche Dinge wie Status rein. Oder wenn ich mit Leuten unterwegs bin, die man von roten Teppichen kennt: Was uns da Telefonnummern zufliegen, kriminell. Frauen fühlen sich zu Aufwertung hingezogen.

Warum?
Weil ihnen da Sicherheit geboten wird. Früher hat man fünf Mammuts erlegt als Mann, heute bist du reich oder bekannt.

Sein Rezept ist das humorvolle Anzünden des Gegenübers: Michel Vincent in einem Flugzeug. Foto: Instagram/mr.michelvincent

Was machen Sie mit einem total langweiligen Kunden, dick, ungepflegt und klein?
Unattraktiv sind nur Leute, die sich nichts trauen. Oder Männer, die es perfekt machen wollen. Das wirkt langweilig. Man muss halt in der Lage sein zu sagen: Ey, wenn du etwas älter wärst, wärst du genau mein Typ.

Das ist genau so ein auswendig gelernter Satz.
Das ist ein humorvolles Anzünden des Gegenüber.

Was ist ein guter Spruch?
Einer hat mal Frauen gefragt, was sie bei Stiftung Warentest als Wertung für Sexspielzeug besser finden: sehr gut oder befriedigend.

«Schwierig ist: tagsüber, ohne Make up, ohne Flasche, ohne Geld, ohne Gruppendynamik.»

Oh Gott. Ernsthaft?
Das ohne Kontext in ner Bar mit wackligen Knien zu erzählen, ist zum Scheitern verurteilt. Aber mit gespielter Angst einfach mal ein «Na? Auch hier?» zu hauchen, bringt Frauen doch zum Lachen. Neulich war ich im Bayerischen Hof, da standen zwei an der Brüstung im ersten Stock. Wenn du da im richtigen Tonfall ein «Mädels! Springt nicht!» bringst, kann es auch funktionieren.

Der Spruch ist ja uralt.
Geht natürlich auch schief, klar.

Ist München ein schwieriges Pflaster?
Absolut. Es ist eine reiche Stadt, das Sehen und Gesehen werden ist verbreitet. Hier muss man schon mehr bringen als in anderen Städten. Ich habe das mal getestet, bin von München aus in mehreren Städten weggegangen und habe immer alles gleich gemacht beim Ansprechen. Je nördlicher, desto einfacher wurde es.

Wie gewinne ich meine Ex zurück? Flirt-Coach Michel Vincent weiss es. Video: Youtube

Was hat sich durch Online-Dating verändert?
Vor 15 Jahren wusste eine attraktive Frau mit 25, dass sie gut aussieht. Heute hat so jemand Tausende Follower auf Instagram, kriegt bei Tinder pro Woche 300 Matches, hat dadurch ein völlig absurdes Angebot und damit einen verzerrten Eindruck von sich selbst. Einmal war ich mit einer gut im Gespräch, als sie fragt: Was fährst du für ein Auto?

Und?
Sie sagte: «Unter 400 PS müssen wir gar nicht reden. Ich gehe jetzt wieder.»

Was fahren Sie denn für ein Auto?
Eins mit mehr als 400 PS, aber das habe ich ihr nicht gesagt.

«Der Aufwand bei Tinder ist riesig.»

Ihr Tipp für Männer?
Unbeeindruckt sein. Keine Komplimente, dadurch fühlt sich eine Frau als Trophäe.

Wer braucht Sie denn überhaupt? Es gibt doch tausend Dating-Apps.
Der Aufwand bei Tinder ist riesig. Da brauche ich vier Stunden, bis ich mal eine Frau treffe. Wenn ich abends vier Stunden weggehe, kann ich viel mehr Frauen kennenlernen, und zwar live.

Haben Sie eine Freundin?
Seit sechs Jahren. Sie hat mich mit meinem Beruf kennengelernt. Und sie weiss, dass ich sie mir ausgesucht habe, auch weil ich eine grosse Auswahl habe, hätte. Sie ist Model, läuft auf den Fashion-Weeks. Da muss ich ihr auch vertrauen. Sie hat, da kann ich mich anstrengen wie ich will, wohl mehr Verehrer als ich Verehrerinnen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.11.2018, 16:00 Uhr

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