Hintergrund

Mit Facebook gegen das Patriarchat

Frauen sind die Verliererinnen der arabischen Revolutionen. Auf Facebook hat sich eine Bewegung formiert, die dafür kämpft, dass der arabische Frühling auch ein Frühling der Frauen wird.

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«Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, damit der grösste Traum meiner Tochter nicht nur darin besteht, eine Braut zu werden», steht auf dem Zettel, den die junge Frau in die Kamera hält. Sie sieht aus wie ein Mädchen aus Dübendorf, Langenthal oder Yverdon: Lange, offene Haare, ärmelloses Top, farbige Fingernägel. Doch Leila lebt in Syrien, einem vom Bürgerkrieg schwer gezeichneten Land, in dem eine Frau wie sie nur davon träumen kann, die gleichen Möglichkeiten wie ein Mann zu haben. Ein Land, in dem ihr angesichts einer Revolution, die zunehmend islamistische Züge trägt, eine äusserst unsichere Zukunft bevorsteht.

Leilas Porträt ist eines von über tausend ähnlichen Fotos, die seit Anfang Oktober auf der Facebook-Seite «The Uprising of Women in the Arab World» gepostet worden sind. Es ist Teil einer Kampagne, die auf die verschiedenen Arten der Diskriminierung aufmerksam machen will, denen Frauen in der arabischen Welt ausgesetzt sind. Mit einem Aufruf forderten die Administratorinnen der Seite am 1. Oktober Frauen (und Männer) dazu auf, ein Bild von sich einzuschicken, auf dem sie erklären, warum sie den Aufstand der Frauen unterstützen.

Keine Freiheit ohne Gleichstellung

Frauen sind die Verliererinnen der arabischen Revolutionen von Tunesien über Ägypten bis Syrien. Zusammen mit den Männern haben sie für mehr Freiheit gekämpft, nur um festzustellen, dass ihre gesellschaftliche Stellung heute sogar noch hinter die vorrevolutionäre Zeit zurückzufallen droht. Sie fühlen sich um ihren Kampf betrogen.

«Einen Diktator loszuwerden, hat sich als einfacher erwiesen, als das Patriarchat abzuschaffen», sagt die libanesische Feministin Diala Haidar. Zusammen mit drei weiteren Aktivistinnen aus dem Libanon, Palästina und Ägypten rief sie vor einem Jahr den «Aufstand der Frauen in den arabischen Ländern» ins Leben. Die Bewegung ist auf Facebook und Twitter präsent. «Auf diesem Weg helfen wir, die Richtung des arabischen Frühlings zu beeinflussen und wehren uns gegen die Versuche, den Fortschritt aufzuhalten», erklärt Haidar. «Die arabischen Revolten wurden im Namen von Würde, Gerechtigkeit und Freiheit geführt, doch diese Werte können nicht erreicht werden, solange die weibliche Hälfte der Bevölkerung unterdrückt wird.»

Auch Männer engagieren sich

Die Facebook-Seite hat inzwischen über 80'ooo Fans; nach dem Start der Fotokampagne im Oktober ist ihre Popularität noch schneller gewachsen als zuvor. Die Aussagen der zumeist jungen Frauen aus dem gesamten arabischen Raum gleichen sich – und doch hat jede von ihnen ihre eigene Geschichte und Prioritäten. «Ich unterstütze den Aufstand der Frauen in der arabischen Welt, weil Freiheit kein Almosen ist, sondern ein unumstössliches Recht», schreibt Amina aus Tunesien. Najwa aus Palästina bekundet ihre Solidarität, «weil die Länge meines Rocks kein Mass für meine Ehre ist». Die Ägypterin Youssra unterstützt den Aufstand, «weil meine Zukunft, meine Arbeit, meine Heirat, meine Beziehungen, meine Kleider, mein Haar, mein Körper, meine Reisen und meine Entscheidungen allein meine Sache sind».

Doch es sind nicht nur Frauen, die sich engagieren. «Wir sind überrascht, wie viele Männer sich an der Aktion beteiligt und Porträts eingesandt haben», sagt Yalda Younes, die zweite Libanesin im Bunde der Revolutionärinnen. Zum Beispiel Khaled aus Saudiarabien. Er schreibt: «Ich unterstütze den Aufstand, weil meine Mutter ihr Gesicht nicht zeigen darf.» Oder der Palästinenser Ahmad, der die Bewegung unterstützt, «weil meine Mutter und meine Schwester ihr ganzes Leben lang Verantwortung übernommen haben, während ich verwöhnt wurde».

«Der Kampf ist noch nicht entschieden»

Dass der Kampf für Frauenrechte in der arabischen Welt nicht nur Freunde hat, liegt auf der Hand. «Wir erhalten auch sexistische oder religiösbelehrende Kommentare», sagt Yalda Younes. «Das stört uns aber nicht. Im Gegenteil: Es zeigt uns, dass wir mit unserer Seite auch diejenigen erreichen, die nicht mit uns einverstanden sind.»

Was für eine Gesellschaft wünschen sich die arabischen Feministinnen? «Eine säkulare Gesellschaft, die die Gleichheit aller Bürger garantiert, unabhängig von Geschlecht, Religion oder sexueller Orientierung», sagt Younes. Sie hofft darauf, dass die Proteste in Ägypten und anderswo weitergehen, auch im Angesicht der gegenwärtigen Rückschläge. «Der Kampf für Frauenrechte ist noch lange nicht entschieden.»

Erstellt: 18.12.2012, 16:13 Uhr

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