Mit Mitte 40 gehts los

Wenn der Geist träge wird und der Leib teigig, wollen sich viele Männer neu entdecken. Das geht oft mit einem Verlust an Würde einher.

Wer sich mit allen Mitteln gegen das Unvermeidliche wehrt, erzeugt oft Momente von tragikomischer Schönheit: Ein Software-Tüftler auf einem Carbon-Renner. Bild: iStock

Wer sich mit allen Mitteln gegen das Unvermeidliche wehrt, erzeugt oft Momente von tragikomischer Schönheit: Ein Software-Tüftler auf einem Carbon-Renner. Bild: iStock

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Schwer zu sagen, womit es angefangen hat. Und wann? Gut, das Fest der Nachbarn war unverschämt laut. Nachts um halb zwei war noch keine Ruhe eingekehrt, an Schlaf nicht zu denken. Der Besuch vor der Wohnungstür nebenan war freundlich gemeint, zeigte aber nicht die erhoffte Wirkung. Die hämische Bemerkung des Jungbartträgers («Geile Hose, Alter») über den Zausel im karierten Schlafanzug, der darum bat, die Musik etwas leiser zu stellen, war zu viel. Eine unverschämte Rücksichtslosigkeit, diese Ruhestörung! Da kann man auch mit Ende 40 zur rentnerhaften Partypetze werden und die Polizei rufen.

Oder liegt es an den körperlichen Einschlägen, die näherkommen? Blutverdünner, Schmerzmittel und Antidepressiva lassen sich heimlich nehmen, aber der verlorene Kampf gegen die Lesebrille und der eingeklemmte Nerv im Lendenbereich schreiben sich unübersehbar inf den Körper ein. Das bleibt der Umgebung nicht verborgen. Dann diese Gespräche im Freundeskreis darüber, ob erst das Belastungs-EKG oder die Darmspiegelung ansteht. Und bei Abendeinladungen fällt in letzter Zeit immer wieder der Satz: Nein, bitte keinen Weisswein – der Magen. Irgendwann wird dann die Ahnung zur Gewissheit: Jung sind nur noch die anderen.

Manche Säugetiere machen sich gerne lächerlich.

Maxim Leo und Jochen Gutsch haben kürzlich «Es ist nur eine Phase, Hase» geschrieben, ein ebenso heiteres wie gemeines «Trostbuch für Alterspubertierende» (Ullstein). Sie illustrieren schonungslos die heikle Zeit zwischen Anfang 40 und Ende 50, in der man sich womöglich noch jung fühlt, aber es längst nicht mehr ist. In tapsiger Verkennung der Realität kommt es zu Kollisionen zwischen dem gefühlt jugendlichen Ich und der geistig träge und körperlich teigig gewordenen Kreatur, die einen da verwirrt aus dem Spiegel anschaut.

«Starker Mann für das Schulfest»

Das klingt erst mal amüsant und ist es auch. Der Philosoph Dieter Thomä von der Universität St. Gallen hat aufgezeigt, warum sich auch noch Menschen in mittleren Jahren «ständig im Zwiespalt und unter Zwängen befinden»: Von ihnen wird in der modernen Arbeitswelt verlangt, sowohl der angepasste Pflichterfüller als auch der unkonventionelle Querkopf zu sein, der sich klaglos fügt und trotzdem originell anders sein soll. «Das Individuum arbeitet sich gleichzeitig an diesen zwei Prinzipien ab – das wird zur Zerreissprobe», sagt Thomä. «Zudem gilt: Tue ich das eine, handele ich dem anderen entgegen.»

Auch nach 20 Berufsjahren wird noch verlangt, sich ständig neu zu erfinden. Wer mit 47 Abteilungsleiter ist, kann sich seiner Position keineswegs mehr sicher sein. Der Spagat, trotz grauer Schläfen weiterhin den jugendlichen Erneuerer geben zu wollen oder zu müssen, wirkt irgendwann unfreiwillig komisch. Wird der ständige Aufruf zum Ausbüxen – Think different! – auch noch auf die Freizeit übertragen, drohen Übersprungshandlungen, gegen die sich der Cabrio-Kauf oder die Harley-Marotte der Vätergeneration wie betuliche Butterfahrten der Selbstverwirklichung ausnehmen.

«Wenn ein Mann weiss, dass die Epoche seiner stärksten Potenz nicht die ausschlaggebendste der Weltgeschichte ist – das ist schon viel.»Kurt Tucholsky, Journalist und Schriftsteller (1890-1935)

Die Beispiele, die Leo und Gutsch anführen, lesen sich denn auch wie Chroniken der alltäglichen Selbsterniedrigung. Da sind die Männer um die 50, die schnell den Bauch einziehen und den verwegenen Blick von früher probieren, weil sie sich angesprochen fühlen, wenn die 28-jährige Klassenlehrerin der Kinder beim Elternabend nach einem «starken Mann für das Schulfest» fragt und – Wahnsinn – auch noch ihre Handynummer an die Tafel schreibt: Klar, die kann nur mich meinen! Etliche von ihnen finden plötzlich in ihrem übervollen Kalender easy ein paar Tage, um als «männliche Begleitperson» an der Klassenfahrt in den Harz teilzunehmen.

Das alles geht mit einem grossen Verlust an Würde einher. Der sittliche Verfall fängt meist mit Äusserlichkeiten an: In atmungsaktiver Funktionswäsche kann man nicht elegant aussehen. Männer, die in ostereibunter Radlerkleidung dicke Polster vor Gemächt und Gesäss tragen und an ergonomisch geformten Flaschen nuckeln, sind der evolutionäre Beweis, dass sich manche Säugetiere gerne lächerlich machen. Seine «exzentrische Positionalität» (Helmuth Plessner) befähigt den Menschen eben nicht nur zur Selbstreflexion, sondern auch zur Blamage.

Altwerden war schon immer schwierig

Bei 25-Jährigen sieht das vielleicht nur befremdlich, aber noch sportlich aus. Bei 52-Jährigen haben sich hingegen nicht nur die Polster in der Radlerhose, sondern auch jene unter dem Trikot vermehrt wie Leprabeulen. Leo und Gutsch deuten eine heisse Affäre in Funktionskleidung an, im Kopfkino bleiben die Bilder: Wenn verführerisch Trekkingschuhe ausgezogen werden, letzte Goretex-Hüllen fallen und nur isolierende Spezialfaser übrig bleibt. Eine Marke für atmungsaktive Funktionsunterwäsche, angeblich geruchsfrei, heisst folgerichtig «Icebreaker».

Nun ist es kein neues Phänomen, dass sich mittelalte Menschen verzweifelt gegen den Verlust ihrer Spannkraft und nachlassenden Frische wehren, besonders wenn es sich um Männer handelt. «Wenn ein Mann weiss, dass die Epoche seiner stärksten Potenz nicht die ausschlaggebendste der Weltgeschichte ist – das ist schon sehr viel», hat Kurt Tucholsky die Selbsteinschätzung seiner Geschlechtsgenossen charakterisiert. Und Tilman Spenglers «Wenn Männer sich verheben – eine Leidensgeschichte in 24 Wirbeln» aus dem Jahre 1996 ist nicht nur der Versuch, eine «neue Rückenschule» zu begründen, sondern zeigt auch die tragisch-vergeblichen Bemühungen, trotz nörgelnder Bandscheibe den jugendlichen Verführer zu mimen. Dabei wird es für den Helden schon orthopädisch anspruchsvoll, wenn er lässig-elegant die Lageveränderung aus dem Stand auf den bodennahen Futon bewältigen will, um seiner 20 Jahre jüngeren Gespielin näherzukommen.

Relativ neu im Kampf gegen das Altern ist allerdings dieser radikale Drang zur Selbstentblössung, der Mangel an Souveränität, Humor und Gelassenheit. Bis weit in die Achtzigerjahre sah man 50-Jährige nur auf dem Fussballplatz Trainingsanzüge tragen; es war die Berufsbekleidung autoritärer Übungsleiter wie Hennes Weisweiler oder Otto Rehhagel. Mittlerweile tun hingegen Angestellte wie Führungskräfte, ja sogar Ärzte, Ingenieure und Anwälte bunt gestreift etwas «für ihre Gesundheit», hetzen mit Stirnlampe atemlos durch die Nacht und scheuchen am Wochenende in Fluren und Forsten das Niederwild auf.

Viele Führungskräfte sinnieren vom Ausstieg

Lächerlich wirkt das ewige Bemühen der Forty- und Fifty-Somethings aber nicht, weil sie trotz abgenutzter Knorpel und verkürzter Sehnen noch gerne wandern, laufen, Rad fahren oder auch mit 53 noch liebend gerne flirten und charmieren. Das ist allzu menschlich.

Doch wer sich mit allen Mitteln gegen das Unvermeidliche wehrt, erzeugt oft Momente von tragikomischer Schönheit. Der Ordinarius läuft Halbmarathon, der Zahnarzt besucht Karate-Kurse, und der Software-Tüftler muss über die Alpen radeln, und zwar mit einem Carbon-Renner, der nicht viel mehr wiegt als eine Zigarrenkiste, deren Gewicht aber keiner dieser abstinenten Vegan-Sportler mehr im Gefühl hat. Dann werden Zeiten verglichen, Schritte gezählt und bodygetrackte Etappen hochgeladen. Dabei hat schon Goethes «Mann von funfzig Jahren» nach kurzem Aufbäumen erkannt, dass sich seine Jugend nicht ewig verlängern lässt.

Sportmediziner bestätigen der jetzigen Generation der Babyboomer, dass die 75-Jährigen inzwischen so fit sind, wie es die 65-Jährigen in den Siebzigerjahren waren. Das macht die Menschen ab Mitte 40 aber keineswegs gelassener, sondern eben zu «Alterspubertierenden», die nicht mehr wissen, wo sie stehen, und nicht nur hormonell manchmal schwer verwirrt sind. Nichts ist für die Selfmade-Dorian-Grays ein grösseres Kompliment, als mit 54 für 45 gehalten zu werden.

Die erotische wie körperliche Ruhelosigkeit in dieser Altersgruppe ist jedoch nicht nur ein äusserliches Phänomen.

Männer haben zwar das grössere Talent, sich zu entblöden, aber auch Frauen machen sich in dieser fragilen Altersklasse gerne zum Horst. Findest du mich noch attraktiv? Sie wollen ewig begehrenswert und verführerisch bleiben (was angesichts des männlichen Interesses an der 28-jährigen Lehrerin auch kein Wunder ist) und verstecken ihre Beulen seltener in Funktionskleidung, dafür aber in betrügerisch schmeichelnden Textilien oder nehmen Dienste medizinischer Stuckateur-Betriebe in Anspruch. Oft lässt sich da kaum erahnen, dass Frauen ab 50 in medizinischen Lehrbüchern der Siebzigerjahre noch als «Greisinnen» denunziert wurden.

Andererseits kann das bemühte Sich-Aufbrezeln auch lästig sein, selbst wenn Frauen, die für immer 39 bleiben und den Männern nicht das Feld der Selbstoptimierung kampflos überlassen wollen, gerne versichern: «Ich mache das ja nur für mich.» Wer das Jugendtheater im vorgerückten Alter leid ist, entdeckt manchmal eine «neue Fruchtbarkeit», wie Leo und Gutsch es nennen, und feiert Einweck- und Einmachorgien, in denen alles Obst und Kraut verarbeitet wird, das nicht bei drei auf den Bäumen und Sträuchern ist.

Die schaurige Wahrheit an 50. Geburtstagen

Die erotische wie körperliche Ruhelosigkeit in dieser Altersgruppe ist jedoch nicht nur ein äusserliches Phänomen, das von der Freizeitindustrie befriedigt werden will und besonders lächerlich wirkt, wenn sich die Qualität der Ausrüstung umgekehrt proportional zur Leistung verhält und der in Edeltextil gezwängte Zwei-Zentner-Adonis es mit seinem Carbon-Renner für 9000 Euro kaum ohne Verschnaufpause in den Nachbarort schafft.

Die seelische Obdachlosigkeit macht auch vor jenen nicht halt, die sich viel auf ihre Persönlichkeit einbilden. Statt Souveränität auszustrahlen, halluzinieren immer mehr Führungskräfte von ihrem Ausstieg in die Toskana oder gleich nach Vancouver Island, sie nehmen ein Sabbatical und erklären ihren Weltschmerz zur Chefsache. Besserverdiener spüren spätestens, wenn die Fünf vorne steht, dieses seltsame Unbehagen, begeben sich auf Sinnsuche oder praktizieren E-Mail-Detox, stolpern mit weissen Stoppelbeinen auf den Jakobsweg oder ins Schweigekloster, schliesslich kann das doch nicht alles gewesen sein.

Weil sie ihrer Verantwortung nicht entfliehen können (und ihrer Gehaltsklasse nicht entfliehen wollen), steigen sie allerdings doch nicht aus, sondern hören stattdessen wehmütig Bob Dylan oder Depeche Mode und denken darüber nach, wie wild und gefährlich sie früher mal waren.

Oft bleibt bis Ende 40 gar keine Zeit zum Innehalten, zur Selbstreflexion.

Dabei hätten diese angezählten Grübler spätestens mit Ende 40 längst keinen Grund mehr zum Jammern. Die Midlife-Crisis führt Menschen in Deutschland ziemlich früh, durchschnittlich schon mit zarten 44 Jahren, in ihr tiefstes Seelental, wie Untersuchungen ergeben haben. Danach geht es theoretisch wieder aufwärts mit der Stimmung, und wer gesund bleibt, hat gute Chancen, sich mit Ende 50 wieder so pudelwohl und munter zu fühlen, wie er es mit 25 oder 32 gerne gewesen wäre.

Da immer mehr Menschen lange Ausbildungen durchlaufen und die Karrierewege vom prekären Zeitvertrag bis zur eingepferchten Führungskraft langwierig sein können, bleibt bis Ende 40 oft gar keine Zeit zum Innehalten, zur Selbstreflexion. Die mal schmerzhafte, mal beruhigende Ahnung, dass es irgendwann nicht mehr weiter nach oben geht und beruflich wie privat längst alle Weichen gestellt sind, wird dann plötzlich zur Gewissheit.

Wer mit diesem Einschnitt gut klarkommt, und wer umso verkrampfter an seinem Jugendwahn festhält und ein paar Ehrenrunden im Ayurveda-Retreat oder beim Ultramarathon dreht, zeigt sich zuverlässig bei der Inszenierung des 50. Geburtstags. Sich und seinen Gästen die Rafting-Tour, den Hochseilgarten oder die Oldtimer-Rallye zuzumuten, statt es sich einfach nur mit guten Freunden gutgehen zu lassen, zeugt keineswegs von Gelassenheit. Verbissen auf dem Ultraleicht-Renner wird ein Alterspubertierender den Zustand heiterer Gelassenheit nie erreichen. Dabei ist die zwar nicht faltenfrei, wirkt aber oft Wunder. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 17:33 Uhr

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