Mit dem Gaskocher ins Luxushotel

Sie spülen immer mehr Geld in die Schweizer Tourismusindustrie. Dennoch werden indische Gäste in Luzerner Hotels gerne hingehalten und abgewimmelt.

Inder sind in Luzerner Hotels nicht gern gesehen.

Inder sind in Luzerner Hotels nicht gern gesehen.

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Es ist ja manchmal eine Kleinigkeit, die Unmut zur Empörung treibt. Doch dann bringt sie Gemüter und die zwischenmenschliche Chemie zum Kochen. Zum Beispiel in der Schicksalsgemeinschaft von Hotelgästen. Vielleicht ist es ein nasser Spaniel, der sich im Foyer neben Teedamen schüttelt. Oder ein Mann, der eigentlich Familienferien macht, aber am Frühstücksbuffet über den Kopf seiner Tochter hinweg jeden Morgen laut und geschäftlich telefoniert. Oder es sind zwei niedliche Bengel, die im Speisesaal Verstecken spielen und den beherrscht lächelnden Mitgästen das sonst friedliche Diner vergällen.

In Luzern, der touristischen Hauptstadt der Schweiz, geht es jetzt aber um Grundsätzliches. In einigen Hotels ist eine ganze Kaste von Gästen nicht mehr erwünscht: die Inder. Ihr Benehmen ist offenbar, um es milde auszudrücken, gewöhnungsbedürftig. Zuweilen hinterliessen sie in ihren Zimmern «eine Spur der Verwüstung», sagte ein Hotelmitarbeiter der «Neuen Luzerner Zeitung» – auch wenn die Ordnungsliebe der Gäste ganz allgemein ab- und deren Ansprüche zugenommen haben.

Curry im Hotelzimmer

Die Müsterchen, die vom Schicksal gezeichnete Hoteliers zum Besten geben, sind beeindruckend. Befremden lösen die Inder etwa aus, wenn sie ihren Curry im Hotelzimmer oder in einem gemieteten Van in der Hoteleinfahrt auf Camping-Gaskochern selber zubereiten. Manchmal erscheinen sie zum Essen selbst im Viersternhotel in Socken. In ihren Zimmern pflegen sie – so war es zumindest bis zur rettenden Einrichtung des Rauchverbots – die in Indien beliebten Nelkenzigaretten zu rauchen. Deren penetranter Geruch sorgte in den Suiten für so dicke Luft, dass die Zimmer laut einem Hotelier tagelang nicht mehr an andere Gäste zu vermieten waren. Und ein Inder benutzte in einem Hotel einen schwarzen Badezusatz, der die Wanne hinterliess, als sei eine Ölpest hindurchgefegt.

Besonders beliebt sind bei den Hoteliers jene, die für zwei gebucht haben, mit der Grossfamilie einchecken und an der Réception wortreich versichern, es sei «no problem». Bei Kellnern und Zimmermädchen sind die Inder ohnehin unten durch, denn die reichen Touristen aus dem Land der Maharadschas behandeln sie wie Parias. «Wenn wir eine Wahl haben, bevorzugen wir andere Gäste», sagt ein Luzerner Top-Hotelier und gibt zu, die Inder über die Preise oder mit dem Vorwand «Ausgebucht» abzuwimmeln.

Die Vorbehalte sind nicht neu. Mühsam sei das Verhandlungsgebahren, wenn die Inder mehr Leistungen verlangten als abgemacht, klagte ein Hotelier in Grindelwald vor zwei Jahren. Franz Schwegler vom Hotel Beausite in Zermatt hat die Zusammenarbeit mit Agenturen, die indische Gäste vermitteln, längst aufgegeben. Das Verhalten dieser Gäste vertrage sich nicht mit jenem der Stammkundschaft: «Zum Frühstück erscheinen sie eine Viertelstunde vor Buffetschluss und wollen vegetarische Gerichte mit Bratkartoffeln und Bohnen. Und in der Lobby packen sie ihre Teebeutel aus und verlangen heisses Wasser.» Es sei einfach «Terror vom Morgen bis abends spät».

Der indischstämmige Zürcher Journalist und Indien-Netzwerker Vijay Kumar Singh kann die Aufregung nicht verstehen. Die Schweizer Hoteliers müssten sich endlich von Leuten beraten lassen, «die Indien nicht nur aus dem Google-Suchdienst kennen». Es gilt zum Beispiel als höchst ungehobelt, wenn ein Hoteldirektor einer Frau im Sari die Hand küsst. Man müsse halt wissen, dass die reichen Inder «zu Hause von Dienern umschwärmt sind und besondere Aufmerksamkeit verlangen», sagt Kumar Singh. Und sonst sollten die Schweizer damit aufhören, in Bollywood für Titlis und Pilatus zu werben.

Dass die Inder ihr eigenes Essen vermissen, ist ein Allgemeinplatz. Wenn ein Inder länger als zwei Tage kein indisches Essen erhalte, werde er unglücklich, stellten Ethnologen fest. Und Kuhmilchprodukte verdauen sie weniger gut als die Schweizer. Vielleicht kommen die Luzerner Gastgeber – wie eigens auf Inder spezialisierte Hotels in Engelberg mit vegetarischen Caterern – früher oder später noch selber auf den Geschmack, denn Indien ist ein wachsender Markt.

Die Inder, die hauptsächlich von April bis Juni in die Schweiz reisen, Luzern sowie Engelberg besonders oft besuchen und gern in Sandalen auf dem Titlis heiraten, haben die Zahl der Übernachtungen von 1992 bis 2009 fast verfünffacht – von 67 000 auf 324 000. Schweiz Tourismus rechnet mit 15 Prozent jährlichem Zuwachs und gab schon 2007 eine ellenlange Schulungsbroschüre heraus, wie man die Inder richtig empfängt und bewirtet. Diese hinterlassen schliesslich nicht nur schwarze Badewannen, sondern auch viel Geld: Was die Wertschöpfung betrifft, sind sie mit 250 Franken Ausgaben pro Tag – An- und Abreise nicht mitberechnet – fast doppelt so anständig wie Holländer oder Schweizer. Erwin Haas

Erstellt: 19.06.2010, 16:49 Uhr

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