Mit dem Liebling bis in den Tod vereint

Der Tierfriedhof Läufelfingen BL bietet die Möglichkeit, sich gemeinsam mit dem Haustier bestatten zu lassen. Die Liebe zum «besten Freund» kennt keine Grenzen mehr.

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Die Idee entstand vor 15 Jahren, als es Seppli, dem Westi-Mischling, sehr schlecht ging. Damals fragten sich Marlies und Urs Mörgeli, was eigentlich mit einem toten Haustier passiert. Eines war ihnen klar: Seppli sollte auf keinen Fall mit anderen tierischen Abfällen ge­schreddert, gekocht und zu Tiermehl verarbeitet werden, um dann als Brennstoff bei der Zementherstellung verwendet zu werden. Dies ist der übliche, ziemlich unfeierliche Ablauf nach dem Tod eines Haustiers, das zum Beispiel bei einem Tierarzt eingeschläfert wird.

Seppli sollte auch nicht kremiert werden, sondern an einem schönen Ort in seinem Körbli erdbestattet werden. Dies war der Anfang des ersten Tierfriedhofs der Schweiz – er ist landschaftlich wunderbar gelegen am Unteren Hauenstein. Auf dem ehemaligen Gelände einer Gipsfabrik blühen im Sommer unzählige Rosenstöcke, Bänke laden zum Sitzen und Plaudern ein, ein verwunschener Teich vermittelt Feierlichkeit. Inzwischen sind hier 1400 Tiere erdbestattet worden – vom Hamster über Papageien, Hunde und Katzen bis zum Pony.

Seit kurzem liegen auf dem Tierfriedhof am Wisenberg neben Cäsi und Mogli, neben Dobermann und Collie, auch Menschen, was einmalig ist in der Schweiz. Rechtlich ist dies kein Problem, schliesslich darf die Asche eines Verstorbenen dort ausgebracht werden, wo er dies zu Lebzeiten gewünscht hatte. Der jüngste Fall ist eine 72-jährige ehemalige Lehrerin, ihre Urne steht bereits im «Turmstübli», einer gemütlichen Abdankungshalle im ehemaligen Transformatorenhäuschen der Fabrik, das Marlies Mörgeli zusammen mit ihrem Mann und freiwilligen Helfern umgebaut haben. In der Ecke bullert ein Schwedenofen, die Wände sind dekoriert mit Hunde- und Katzenbildern, Tierskulpturen bevölkern den hohen Raum mit den hübschen Schmiedeeisengittern vor den Fenstern. Auf einer grossen Truhe in der Ecke wartet die Asche von Ruth M. neben einem grossen Kerzenständer auf die Beisetzung. Marlies Mörgeli hat die Urne selber mit einem Tannenkranz und Blumen geschmückt, in den nächsten Tagen wird die Asche ihrem Bestimmungsort auf dem Friedhof übergeben.

Ihre Katzen sind schon dort

Wir stapfen durch den Schnee, die Tiergräber liegen unter einer dicken weissen Decke versteckt, nur die Namensschilder aus Holz mit dem Geburts- und Todesjahr sind zu sehen. Etwas abgelegen vom Hauptweg befindet sich bereits ein Doppelgrab, angeschrieben mit «Bea und Gill». Dort, so hatte Ruth M. zu Lebzeiten testamentarisch verfügt, möchte sie liegen, neben ihrer ehemaligen Freundin Bea mit deren Hund Gill, die im Jahr 2004 beigesetzt wurde. Auch die vier Katzen von Ruth M. sind schon hier bestattet. Jill, ihre letzte Katze, lebt noch, und für sie sucht Marlies Mörgeli dringend einen guten Platz, auch dies hat Ruth M. in ihrem letzten Willen schriftlich festgehalten.

«Ruth wollte nach ihrem Tod unbedingt mit ihren geliebten Katzen vereint sein, so wie auch die anderen drei Menschen, die wir hier bereits beigesetzt haben, ihren Tieren über den Tod hinaus nahe sein wollten.» Oft sind die Tiere das Einzige, was vereinsamten Menschen im Alter bleibt, erklärt Mörgeli. Die Stilisierung und auch eine Vermenschlichung des Tiers ist die Folge unserer individualisierten Gesellschaft. Und wenn Marlies Mörgeli so erzählt, welch herzzerreissende Szenen sich an den Tiergräbern abspielen, wird auch Aussenstehenden und Skeptikern verständlich, dass viele Menschen ihren jahrelangen Gefährten auch in der dunklen, Angst auslösenden Zukunft bei sich haben möchten.

Ein Opernsänger zum Beispiel hat seine Schäferhündin Alzira in der Nacht, beleuchtet mit Scheinwerfern, beisetzen lassen und dazu aus lauter Kehle gesungen. Und ein anderer Klient, so weiss Mörgeli, kommt pünktlich jeden Donnerstag aus dem Raum Zürich, als hätte er die Uhr gestellt, um seine vier Hamster zu besuchen. Aber auch das Leben hat in Läufelfingen seinen Platz – «wir wollen die Möglichkeit zu Begegnungen und zum Austausch schaffen», sagt die Betreiberin. Aus allen Schichten und Berufen kommen die Klienten, auch viele Muslime sind dabei. Besonders berührend ist, dass sich ein Paar über seine toten Vierbeiner gefunden hat: Er trauerte um seinen Hund, sie um ihre Katze. Das Liebespaar hat sich nun in Olten eine Wohnung genommen, um näher bei den Tieren zu sein.

Spielsachen und Briefe im Grab

Die Tiere gehen voraus – und der Mensch folgt ihnen nach. Die meisten Personen, die ihren Liebling am Wisenberg beisetzen lassen, geben Spielsachen oder einen Abschiedsbrief mit ins Tiergrab, nachdem der Gefährte im Abdankungsstübli aufgebahrt wurde und sie von ihm Abschied genommen haben. Viele weinen ungeniert, man umarmt sich gegenseitig, sucht Halt in der Trauer.

Ein eigentliches Trauerritual macht Marlies Mörgeli nicht, aber es hat auch schon den Fall gegeben, dass ein freischaffender Pfarrer bei einer Tierabdankung am Grab eine Rede hielt. Die Grab­inschriften sind allerdings den Vierbeinern vorbehalten, die Menschengräber sind nur für die Angehörigen erkennbar. Kreuze, das christliche Symbol, gibt es nicht, «wir wollen ein Tierfriedhof bleiben», sagt Marlies Mörgeli. 340 Franken kostet die Bestattung eines Tieres, 4900 Franken jene für einen Menschen. Die Ruhezeit beträgt hier 25 Jahre.

In Läufelfingen findet eigentlich die Umkehrung dessen statt, was auch in Zürich seit längerem auf den Friedhöfen für Menschen praktiziert wird. Wer die Asche seines Haustieres mit ins eigene Grab nehmen möchte, kann dies tun. Angeschrieben wird das Tier in diesem Fall nicht. Ganz neu ist ein Gemeinschaftsgrab für Mensch und Tier ohnehin nicht. Schon im frühen Mittelalter liessen sich die Mächtigen mit ihren Pferden beerdigen, um die eigene wichtige Position zu markieren. Und auch Richard Wagner hat sich in Bayreuth mit seinem Hund, dem Neufundländer Russ, beerdigen lassen.

Toleranz gefordert

Für Verena Grünig, tierpsychologische Beraterin in Schaffhausen, ist die Öffnung von einem Tierfriedhof für Menschen kein Problem: «Viele Gespräche zum Thema Tierverlust haben mir gezeigt, wie wichtig Toleranz gerade in diesem Umfeld ist», sagt sie. «Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse und Wünsche – allgemeingültige Massstäbe kann es nicht geben. Solange es niemandem schadet, sollte jeder Mensch auf seine Art die für ihn tröstlichen Vorstellungen umsetzen können.»

Skeptisch äussert sich dagegen der Basler Ethikprofessor Christoph Stü­ckel­berger: Tiere im Grab von Menschen seien ganz klar ein Ausdruck einer Vermenschlichung. «Tiere sollten jedoch tierwürdig und nicht menschenwürdig behandelt werden», ist seine Meinung. Das Tier im Sarg des Sterbenden sei emotional zwar verständlich, «aber ich würde eher dazu ermutigen, den inneren Kampf um die Einsamkeit im Sterben durchzustehen – im Wissen und Vertrauen, dass das Sterben der Übergang in die grenzenlose Gemeinschaft der ganzen Schöpfung bedeutet.» Das Tier im Sarg, so der reformierte Theologe, wirke kleingläubig gegenüber dieser grossartigen Zusage.

www.tier-friedhof.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2015, 19:23 Uhr

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