Mit dem Master ans Krankenbett

Pflege kann man heute studieren. Die vertiefte Auseinandersetzung öffnet Pflegenden attraktive Chancen und hält viele im Beruf, die sonst vielleicht aussteigen würden.

Pflegeexpertin Simone Herzog unterstützt und berät die Pflegefachfrauen im Kantonsspital Winterthur. <nobr>Foto: Sophie Stieger</nobr>

Pflegeexpertin Simone Herzog unterstützt und berät die Pflegefachfrauen im Kantonsspital Winterthur. Foto: Sophie Stieger

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Linus schläft noch, als die beiden Pflegefachfrauen das Zimmer betreten. «Kannst du dir einmal den Bauch anschauen?», bittet Mandy Karapalanci ihre Kollegin und beginnt, das Baby zu entkleiden. «Ist er weich oder verhärtet?» Der Kleine wurde von seiner Mutter ins Kantonsspital Winterthur (KSW) gebracht, weil er stundenlang geschrien und alle zwei Stunden zu trinken verlangt hatte. Sie war übermüdet und verunsichert. Doch dem zwei Monate alten Buben scheint nichts zu fehlen.

Man habe die Trinkintervalle auf drei Stunden ausweiten können, sagt die Pflegefachfrau. Um fachliche Unterstützung zu erhalten, hat sie die Pflegeexpertin Simone Herzog beigezogen. «Was für Unterstützung erhält die Mutter?», erkundigt sich Herzog. «Welche Rolle spielt der Vater?» Um diese Fragen zu klären, planen die beiden Frauen ein Gespräch mit den Eltern.

Nahe am Alltag

Herzog ist eine von fünf Pflegenden im KSW, die über einen Masterabschluss verfügen. Nach ihrer regulären Ausbildung zur Pflegefachfrau und zwei Jahren Berufserfahrung begann sie 2003 mit dem Studium der Pflegewissenschaften an der Universität Basel. «Ich wollte im Pflegeberuf bleiben und mich weiterentwickeln», sagt die 37-Jährige. Seit 2007 ist sie in Winterthur für vier Kinderabteilungen zuständig. Eine ihrer Aufgaben ist es, die Teams in komplexen Situationen zu beraten. Bei einem Säugling, der schwer krank war, gab sie etwa Anregungen zu einer Lagerung, die den Atem unterstützt. Zudem wurde besprochen, welche Handlungen die Eltern übernehmen können.

Bei einem anderen kleinen Patienten mit einer ansteckenden Krankheit ging es darum, wie man den fremdsprachigen Eltern die erforderlichen Hygienemassnahmen vermitteln kann, damit sie die Keime ihres Kindes nicht verbreiten. Herzog durchforscht Fachliteratur oder vermittelt Experten und Weiterbildungen. Regelmässig arbeitet sie auch auf den Abteilungen mit und pflegt selber Kinder. «So behalte ich den Kontakt zum Alltag auf der Station, und die Kolleginnen sind vertraut mit mir.»

Pflegewissenschaften kann man in der Schweiz erst seit rund 15 Jahren studieren. Die Absolventen sind gefragt. Pflegende mit Bachelorabschluss können mit etwas Berufserfahrung eine Spezialfunktion wahrnehmen. Die meisten Studierenden haben zuerst die dreijährige Ausbildung zur Fachfrau beziehungsweise zum Fachmann Gesundheit (Fage) gemacht, die Jugendliche bereits mit 15  Jahren von der Sekundarschule abholt. Erwirbt man gleichzeitig die Berufsmatura, ist der Weg an die Fachhochschule offen. Der weniger akademische Weg ist die zweijährige Höhere Fachschule Pflege mit eidgenössischem Diplom. Beide Varianten stehen auch Interessierten ohne Fage offen, wobei sie dann etwas länger dauern.

Personalmangel lindern

Doch wieso sollen Pflegefachleute heute studieren, wenn es doch jahrelang gut ohne ging? «Es zeigt sich klar, dass wir eine spezifische Gruppe ansprechen, die mehr Ambitionen hat und sich ein vertieftes Pflegewissen aneignen möchte», sagt Petra Bosshart, stellvertretende Studiengangleiterin am Institut für Pflege der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). So könne man auch langjährigen Berufstätigen eine Entwicklungsperspektive bieten, die sie früher nicht hatten. «Viele würden sonst irgendwann aus dem Beruf aussteigen», ist Bosshart überzeugt. Durch das Studium könnten mehr Menschen für Pflegeberufe gewonnen und der Personalmangel gelindert werden.

Simone Herzog gefällt an ihrer Stelle, dass sie einen Beitrag zur Optimierung der Pflege leisten kann. Ausserdem sei ihre Arbeit abwechslungsreich: «Kein Tag ist wie der andere», sagt sie und eilt zu einer Besprechung mit einem Pflegeteam, bei der es um ein Kleinkind mit akuten Schmerzen geht.

Erstellt: 07.10.2013, 14:46 Uhr

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«Pflegende werden nie Miniärzte sein»

Bis vor kurzem reichte eine Lehre, um Kranke zu pflegen. Wieso braucht es heutzutage ein Studium?
Der Pflegeberuf ist anspruchsvoller geworden. Viele chronisch Kranke leiden unter diversen Symptomen. Es braucht bestens ausgebildete Pflegepersonen, die Probleme antizipieren und auch beratende Funktionen wahrnehmen, zum Beispiel gegenüber Angehörigen. Denn auch Patienten, die alleine leben, werden öfter ambulant betreut. Zudem macht die Möglichkeit der Weiterentwicklung den Beruf attraktiver.

Welche Aufgaben nehmen ­Pflegende mit Bachelor- und Mastertiteln wahr?
Bachelorabsolventen arbeiten zuerst einmal ganz normal im Pflegeteam mit. Sie müssen Berufserfahrung sammeln. Später können sie besondere Aufgaben übernehmen. Sie sind zum Beispiel Spezialisten für ein Themengebiet wie etwa Wundbehandlung oder den Umgang mit Schmerzen. Pflegenden mit einem Mastertitel öffnen sich darüber hinaus Chancen. Sie sind befähigt zu forschen, können an einer Fachhochschule unterrichten oder in Institutionen Einfluss nehmen auf die Gestaltung von Systemen – dies auf Augenhöhe mit anderen Führungskräften. Oder sie arbeiten etwa mit einem Hausarzt zusammen. Das könnte interessant sein im Hinblick auf den sich abzeichnenden Hausärztemangel.

Der Pflegeberuf nähert sich also demjenigen des Arztes an?
Nein, Pflegende werden nie Miniärzte sein. Unser Fokus bleibt ein anderer, nämlich der Umgang mit Krankheit und Therapie. Demgegenüber hat der Arzt das Ziel zu heilen. Eine Pflegefachfrau kann einen Diabetiker anleiten, wie er im Alltag mit Diät, Blutzuckerbestimmung und Insulinspritzen umgehen kann. Der Arzt stellt die Diagnose und gibt den Behandlungsplan vor.

Man hört immer wieder, die Aus­bildung sei zu theorielastig, die neue Generation der Pflegenden am ­Krankenbett kaum zu gebrauchen.
Dieser Vorwurf ist abstrus und diskriminierend, aber typisch für einen traditionellen Frauenberuf. Bei Ärzten käme man nie auf die Idee, dass sie wegen ihres Studiums nicht für die Praxis taugen. Auch Physio- und Ergotherapeuten sowie Ernährungsberater studieren heute an der Fachhochschule.

Konkurrenzieren die Studiengänge die Pflegeausbildungen an den höheren Fachschulen?
Die höheren Fachschulen, die praxisbezogener ausbilden, könnten noch mehr Lernende aufnehmen. Problematisch ist aber vor allem der Numerus clausus an den Fachhochschulen, der in Anbetracht des Personalmangels unverständlich ist. Es braucht beide Zugänge zum Beruf.

Mit Barbara Gassmann sprach Andrea Söldi

Barbara Gassmann ist Vizepräsidentin des Schweizerischen Berufsverbands für Pflegefachfrauen und -männer (SBK).

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