Analyse

Mit heiligem Eifer gegen Homosexuelle

Bischof Vitus Huonders neuester Hirtenbrief ist ein Pamphlet gegen Genderismus.

Hält die Gender-Theorie für wissenschaftlich nicht haltbar: Vitus Huonder, Bischof von Chur.

Hält die Gender-Theorie für wissenschaftlich nicht haltbar: Vitus Huonder, Bischof von Chur. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Vitus Huonder, gerade noch im Gerede wegen seiner sieben Meter langen roten Schleppe, die er bei der Feier der lateinischen Messe in der Wiener Karlskirche trug, macht neuerdings wegen seiner Attacke auf Schwule Schlagzeilen. Im Hirtenbrief zum morgigen Tag der Menschenrechte fährt der Churer Bischof scharfes Geschütz gegen die Gleichstellung von Homosexuellen auf. Wobei der Oberhirte den Umweg über den Modebegriff «Genderismus» wählt.

Der Genderismus betrachtet jede sexuelle Identität und Praxis – ob hetero-, homo-, bi-, oder transsexuell – als gleichwertig mit der Heterosexualität und geht davon aus, dass man das soziale Geschlecht selber wählen kann. Für Huonder ist die Gender-Theorie wissenschaftlich unhaltbar und bedeutet in der Praxis die Zerstörung von Ehe und Familie, weil all die verschiedenen Lebensformen zur Ehe, zu künstlichen Reproduktionsmethoden und zur Kinderadoption berechtigten.

«Tiefes Stammtischniveau»

«Die Auslieferung von Kindern an gleichgeschlechtliche Paare beraubt sie der Grundlage einer gesunden psychischen Entwicklung», heisst ein Spitzensatz in dem von der katholischen Agentur Kipa öffentlich gemachten Schreiben. Huonder glaubt gar eine «(Homo-) Sexualisierung im Kindergarten» geisseln zu müssen.

Menschenrechtsorganisationen haben Huonders Äusserungen umgehend als diskriminierend zurückgewiesen. Pink Cross siedelt gewisse Sätze auf «tiefem Stammtischniveau» an. Tatsächlich hält Huonders Argumentation modernen psychologischen und anthropologischen Erkenntnissen nicht stand. Er huldigt einem Biologismus der Geschlechter und betrachtet deren Differenz als gottgegeben und der Schöpfungsordnung eingeschrieben. Die Geschlechterpolarität von Mann und Frau diktiert auch deren soziale Rollen – als ob zwischen Natur und Zivilisation kein qualitativer Sprung bestünde.

«Vordergründig geht es im Genderismus um die Gleichstellung der Geschlechter. Die Unterdrückung der Frau zum Beispiel, wie sie in manchen Gesellschaften und Kulturen noch immer vorherrscht, wird zu Recht beklagt. Sie entspricht nicht der Ebenbürtigkeit von Mann und Frau, die in der Schöpfungsordnung grundgelegt ist und in der Heilsordnung entfaltet wird. Insofern hat der Genderismus etwas Bestechendes an sich», schreibt Huonder.

Zeitpunkt nicht verwunderlich

Nicht verwunderlich ist der Zeitpunkt der Attacke auf die Gleichberechtigung von Homosexuellen. Denn Papst Franziskus verunsichert mit gewissen Aussagen erheblich. Durch seinen Satz «Wer bin ich, Homosexuelle zu verurteilen» glaubten sich die Leitmedien berechtigt, auf eine Öffnung der Kirche gegenüber Schwulen schliessen zu dürfen. Dass Franziskus nachschob, er sei ein Sohn der Kirche, blieb in der Öffentlichkeit ungehört und legitimiert jetzt das doktrinäre Nachhaken des Churer Bischofs. Schliesslich haben auch die Bischöfe der Slowakei zum 1. Advent die Genderideologie und die Aufwertung homosexueller Partnerschaften in nie da gewesener Schärfe verurteilt. Gerade hat das katholische Kroatien das traditionelle Ehemodell als Verbindung von Mann und Frau in der Verfassung festgeschrieben.

Huonder, sein Generalvikar Martin Grichting und der für Ehe- und Familienfragen zuständige Bischofsvikar Christoph Casetti lieben die Provokation – auch gegenüber ihren Mitbrüdern im Bischofsamt. Denn sie wissen, dass die anderen Schweizer Bischöfe ihren Hirtenbriefen nichts entgegensetzen werden – Huonder ruft doch nur die offizielle Lehrmeinung der Kirche in Erinnerung. Mit seinen medial stark beachteten Stellungnahmen ist der Churer Bischof zum Lehramt der Schweizer Kirche geworden. Jedes Mal greift er ein aktuelles wie sensibles Thema auf.

Im Fastenhirtenbrief vom März letzten Jahres etwa die wiederverheirateten Geschiedenen, die nicht zu den Sakramenten zugelassen sind. Huonder ist es letztlich egal, wenn all diese (Rand-) Gruppen sich von der Kirche abwenden. Hauptsache, der heilige Rest steht hundertprozentig zur kirchlichen Doktrin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2013, 08:52 Uhr

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