Monogamie ist vergebene Liebesmüh

Kein anderes Lebewesen ist so lüstern wie der Mensch. Das sagt ein neues Buch über die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Sexualität.

Ewige Treue ist ein schönes Versprechen, das sich oft als Versprecher herausstellt.

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Was das Autorenpaar Christoper Ryan und Cacilda Jethá auf den 400 Seiten seines Buches «Sex at Dawn» schreibt, lässt sich auf zwei Punkte reduzieren, die es in sich haben. Punkt 1: Der Mensch ist nicht gemacht für die Monogamie. Punkt?2: Der Mensch ist dementsprechend auch nicht gemacht für die Ehe und für die Familie ebenso wenig.

Was ist «normal»?

Das mag nun für den einen oder die andere niederschmetternd oder skandalös klingen, schliesslich gilt die Zweisamkeit von Mann und Frau mitsamt Nachwuchs praktisch weltweit als gesellschaftliches Standardmodell. Angesichts der Scheidungsraten von nahezu 50 Prozent in der westlichen Welt, angesichts der Skandale um untreue prominente Gatten wie Tiger Woods, Ashley Cole, Jesse James, um nur die Fälle der jüngsten Vergangenheit zu erwähnen, stellt sich indes tatsächlich die Frage, ob die bis heute als «normal» geltende Lebensform für Erwachsene vielleicht doch nicht ganz die ideale ist. Oder konkreter: Ob sie unserer Natur nicht entschieden zuwiderläuft.

Das tut sie in der Tat, sagen Ryan und Jethá, und zwar deshalb, weil unsere Gene eine andere Sprache sprechen. Die verlangen Abwechslung, vor allem im sexuellen Bereich. Monotonie im Sinne von «bis dass der Tod euch scheidet» langweilt unsere Gene. Anhand von unzähligen Beispielen, Studien und Untersuchungen aus der Biologie, Physiologie, Archäologie, Anthropologie und der Primatenforschung zeigen Ryan und Jethá auf, dass der Mensch nicht nur das sexuellste Lebewesen überhaupt ist, sondern auch seit je polygam veranlagt – und zwar Männer wie Frauen. Weil aber die Geschichte der Sexualität sehr viel mit Moral zu tun hat, wurde das dem Menschen im eigentlichen Sinn abgewöhnt, er wurde sozusagen dressiert und ins Korsett der Zweierbeziehung gesteckt. Bloss die Gene, die blieben.

Die Misere begann um 8000 vor Christus, als der Mensch zum Ackerbau überging. Da war es fertig mit der munteren Promiskuität, die bei unseren Ur-ahnen geherrscht hatte, fertig mit dem Teilen von Sexpartnern und Nahrung, da wurde es ernst. So ernst, dass der bekannte amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond sagt: «Der Wechsel zur Landwirtschaft war eine Katastrophe, von der wir uns nie erholt haben.»

Die gezügelte Lust der Frau

Die Katastrophe, von der Diamond spricht, hatte als tief greifender Wandel auch Folgen für unsere Sexualität. Gerade für jene der Frauen. Während nämlich diese zuvor den gleichen Zugang zu den Ressourcen hatten wie Männer, schliefen, mit wem sie wollten, und alle Kinder einer Gruppe gemeinsam aufgezogen wurden, war nun plötzlich entscheidend, dass ein Mann sicher sein konnte, dass seine Kinder auch tatsächlich seine Kinder sind. Mit einem Mal gab es Besitz zu vererben, und dieser sollte nur an den eigenen Nachwuchs gehen. Es galt fortan also, die Frau zu kontrollieren; der weibliche Köper, die weibliche Lust musste im Zaum gehalten und überwacht werden. Man könnte auch sagen: Da fing sie an, die Unterdrückung der weiblichen Sexualität, die später in Keuschheitsgürteln und Hexenverbrennungen gipfelte und bis heute spürbar ist, wenn Ehebrecherinnen gesteinigt oder jährlich 3 Millionen Mädchen genital verstümmelt werden.

Durch die neue Lebensform wurde die Frau zudem vom Mann abhängig. Dass Darwin zum Schluss kam, das biologische Programm der Frau bestehe darin, sich einen möglichst reichen Mann zu suchen, der ihr Sicherheit bietet, während sie dafür quasi mit ihrem Körper bezahlt, wurzelt in ebendieser Konstellation. Das seien aber, so Ryan und Jethá, keine genetischen, sondern erlernte Verhaltensweisen, die darum mitnichten als «typisch weiblich» bezeichnet werden können. Es handelte sich schlicht um eine Anpassung an die veränderten Umstände.

Am eindrücklichsten sind aber die Beispiele aus der Biologie. Ryan, der Psychologe, und Jethá, die Psychiaterin, vergleichen den Menschen mit den Bonobos, einer Unterart der Schimpansen, die uns nicht nur genetisch gesehen am ähnlichsten sind. Denn die Bonobos sind nebst dem Menschen die einzige Spezies, die aus lauter Vergnügen Sex hat. Alle anderen Tiere haben nur dann Sex, wenn das Weibchen fruchtbar ist, also nur zu Reproduktionszwecken. Der Mensch hat aber nicht nur dann Sex, sondern eigentlich immer, wenn ihm gerade danach ist, und den Frauen ist die Fruchtbarkeit nicht anzumerken, genauso wie den weiblichen Bonobos auch nicht. Spricht das für Monogamie? Wohl kaum. Es spricht vielmehr für grosse Lust – und für dauernde Bereitschaft.

Der Mensch ist kein Gorilla

Ebenfalls einleuchtend scheint die Argumentation mit dem männlichen Penis beziehungsweise mit dem Spermien-Wettbewerb: Sowohl der Bonobo als auch der Mensch verfügen über einen im Verhältnis zur Körpergrösse grossen Penis und grosse Hoden. Im Unterschied zu Gorillas etwa, die über einen winzigen Penis von gerade mal zwei Zentimeter Länge verfügen, müssen die Bonobos aber nicht um die zu begattenden Weibchen kämpfen, da bei ihnen jeder zum Zug kommt. Sie sind deshalb mit grösseren Hoden und somit mehr Sperma ausgerüstet, weil dies die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass es sich gegen die Spermien von anderen Männchen, die da eventuell noch im Genitaltrakt des Weibchens vorhanden wären, durchsetzen können.

Wenn man nun weiss, dass das männliche Sperma zudem über Stoffe verfügt, die andere Spermien unschädlich machen können, dann spricht das zusätzlich dagegen, dass der Mensch monogam veranlagt sein soll. Ähnlich verhält es sich mit den weiblichen Brüsten. Diese sind vermutlich entstanden, als der Mensch begann, aufrecht zu gehen, sie ersetzten quasi das Hinterteil als Lockmittel. Aber nötig wären sie in ihrer Ausprägung nicht, es würde reichen, wenn sie sich während der Schwangerschaft vergrössern würden. Weshalb also diese unübersehbaren Brüste, wenn nicht deshalb, um dauernd attraktiv zu sein und Sex-Appeal zu verströmen?

Ryan und Jethá, selbst miteinander verheiratet, sind klug genug, ihre Glaubwürdigkeit und die Herleitung ihrer These nicht dadurch zu untergraben, dass sie eine Lösung anbieten – eine solche, so gestehen sie freimütig ein, hätten sie nicht parat. Es gehe ihnen vielmehr darum, dass sich die Menschen von der Idee des immerwährenden Glücks und der anhaltenden Romantik in einer Beziehung verabschieden würden. Andernfalls resultiere daraus das hinlänglich Bekannte: Frustration, Enttäuschung, Schmerz.

Und deshalb schreiben sie bereits im Vorwort, dass es Geldverschwendung sei, sich in Therapie zu begeben, in der Hoffnung, die Lust aufeinander komme wieder, wenn man nur lang genug darüber rede. Oder Ratschläge zu befolgen wie etwa «Haben Sie Sex an einem ungewöhnlichen Ort», wenn die Luft längst draussen sei. Alles vergebene Liebesmüh, sagen Ryan und Jethá, denn gegen die Natur ist auch die verführerischste Unterwäsche machtlos: Weil wir schlicht nicht dafür gemacht sind, jahrelang auf ein und denselben Menschen Lust zu haben.

Das muss uns indes nicht davor abschrecken, eine Partnerschaft einzugehen. Aber wir können die Tatsachen zur Kenntnis nehmen. Und vielleicht hilft das, die immensen Erwartungen etwas einzudämmen und das Ganze pragmatischer anzugehen. Schon Goethe hatte das kapiert, als er nämlich sagte: «Liebe ist etwas Ideelles, Heiraten etwas Reelles. Und nie verwechselt man ungestraft das eine mit dem anderen.»

Erstellt: 20.07.2010, 19:45 Uhr

Christopher Ryan, Cacilda Jethá: Sex at Dawn – The Prehistoric Origins of Modern Sexuality. Harper Collins, New York 2010. 400 S., ca. 30 Fr.

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