Mysterien der CD-Autoschilder oder Diplomaten am Steuer

Sie gehören zum Strassenbild jeder Hauptstadt: Die Wagen der Diplomaten mit den CD-Kontrollschildern. In Bern gehorchen diese Autonummern einer eigenen und strengen Systematik.

Eine Diplomatenlimousine fährt in Bern zum Neujahrsempfang vor.

Eine Diplomatenlimousine fährt in Bern zum Neujahrsempfang vor. Bild: Beat Mathys

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Bern, Bahnhofplatz. Ein Personenwagen hält auf der Bushaltestelle. Der Fahrer schaltet die Warnblinkanlage ein, verlässt das Fahrzeug und verschwindet im Bahnhofsgebäude. Der Fahrer des gerade ankommenden Busses hupt und verwirft die Hände. Der Fahrer des PW kommt nach vielleicht drei Minuten zurück und fährt weg. Das Fahrzeug trägt ein CD-Nummernschild.

Diese beobachtete Szene zeigt, was man landläufig so denkt: Diplomaten nehmen es mit den Verkehrsregeln nicht immer so genau und geniessen im Strassenverkehr eine gewisse Narrenfreiheit.

«Streng vertraulich»

Allein schon die Autonummern zuzuordnen, ist überhaupt nicht einfach. Die CD-Schilder gehorchen in jedem Land einer eigenen, aber strikten Systematik. Nach den Gepflogenheiten der Schweiz befragt, antwortet das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) kategorisch: «Die Verwendung auf den CD-, AT- und CC-Autoschildern von speziellen Kennzahlen bezweckt die Gewährleistung der Anonymität der Fahrzeughalter respektive einen besseren Schutz Letzterer. Der Code, welcher die Aufschlüsselung der Identität von Fahrzeughalter und der Landeszugehörigkeit erlaubt, ist deshalb streng vertraulich und kann nicht veröffentlicht werden.» Das kann einleuchten, denn immerhin wurde am 26.Mai 2003 zum Beispiel ein schweizerisches CD-Fahrzeug von israelischer Seite beschossen, als Schweizer Diplomaten den Checkpoint Erez an der Grenze zum Gazastreifen passieren wollten.

Länder- und Ordnungscode

Doch schwer ist es trotzdem nicht, die angeblich so «streng vertraulichen» Ländercodes der Diplomatenautos herauszufinden. Im Internet genügen ein paar Handgriffe. Und in der Stadt ein paar Spaziergänge im Kirchenfeld, in der Elfenau, im Monbijou oder in Muri.

Das Fazit daraus: In Bern stehen die Buchstaben CD auf grünem Grund. Neben der Kantonsbezeichnung enthalten die Schilder zwei durch einen Punkt getrennte Zahlencodes. Jener rechts bezeichnet das Land. 51 ist zum Beispiel Deutschland, 32 Frankreich, 9 steht für die USA, 13 für Japan, 100 für Bangladesh, und die 1 gehört dem Vatikan. Die 98 aber ist mit dem Ende der DDR auch aus dem Berner Verkehr verschwunden.

Ausserdem gibt es die AT- und die CC-Schilder. Sie kennzeichnen Fahrzeuge des Verwaltungspersonals und der technischen Angestellten einer Botschaft beziehungsweise jene der Konsularbeamten.

Der Ordnungscode links des Punktes wiederum nummeriert die Fahrzeugflotte der jeweiligen diplomatischen Vertretung eines Landes. Als Faustregel kann dabei gelten: Je niedriger diese Zahl ist, desto wichtiger muss der Herumchauffierte sein. Mit der 1 ist deshalb meist der Botschafter unterwegs. Die deutsche Botschaft als eine der grossen diplomatischen Vertretungen auf dem Platz Bern hat derzeit 25 Fahrzeuge mit CD-Schildern und drei mit AT-Schildern angemeldet, wie aus zuverlässiger Quelle zu erfahren ist. Ein Berner Muster-CD-Nummernschild der DDR könnte also so ausgesehen haben: CD BE 3 • 98.

Seit 1969 in Gebrauch

Deutlich seltener begegnet man in Bern dagegen den Buchstaben CD auf blauem Grund: Sie stehen den internationalen Organisationen zur Verfügung und sind deshalb am häufigsten in Genf anzutreffen. Der Organisationscode beginnt immer mit einer 0. Die einzige UN-Sonderorganisation mit Sitz in Bern ist der Weltpostverein (UPU). Sein Organisationscode ist 015.

Eigene CD-Nummernschilder gibt es in der Schweiz seit 1969. Davor zirkulierten die Wagen der Diplomaten mit ganz normalen Autonummern, sie waren allerdings mit dem separaten ovalen Zusatzschild «CD» ausgerüstet.

2009: 2910 Verkehrsbussen

Und wie sieht es nun mit der Disziplin der Diplomaten auf Schweizer Strassen aus? Medien berichteten in den letzten Jahren etwa über einen Diplomaten, der nach einem Unfall einen Atemtest verweigerte, oder über einen, der ein Fahrverbot missachtet hatte. In anderen Fällen wird das Klischee auch ganz bewusst instrumentalisiert: Vor wenigen Tagen wurde im Kanton St.Gallen ein Schweizer Verkehrsrowdy wegen krasser Tempoüberschreitung verurteilt. Anfänglich hatte er sich gegenüber der Polizei als Diplomat von Guinea-Bissau ausgegeben.

Die Berner Kantonspolizei nennt auf Anfrage einige Zahlen: So wurden im Jahr 2009 insgesamt 2910 Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz von Personen mit Diplomatenstatus registriert. Bezahlt worden sind dagegen lediglich 335 Bussen. Ausstehende Bussen leitet die Kantonspolizei periodisch ans EDA weiter.

Abgabefreie Tankfüllung

In einer Antwort auf eine Interpellation erklärte der Bundesrat vor zwei Jahren, dass man sich aktiv um die Begleichung dieser Schulden bemühe. Die insgesamt von ausländischen Vertretungen und internationalen Organisationen über die Jahre geschuldeten Beträge bezifferte der Bundesrat darin auf rund 7,5 Millionen Franken in Genf und auf 389000 Franken in Bern. Während in der UN-Stadt nämlich rund 40000 Diplomaten angemeldet sind, umfasst das Diplomatische Corps in Bern «nur» rund 3700 Personen. Die diplomatische Immunität schützt die Botschaftsangehörigen zwar nicht vor Bussen, aber vor Strafverfolgung.

Etwas auskunftsfreudiger als bei den Ländercodes gibt sich das EDA bei der Frage, ob sich die ausländischen Diplomaten in der Schweiz kostengünstiger mit Treibstoff versorgen können: «Sie haben die Möglichkeit, bei Vorweisung der von der Eidgenössische Zollverwaltung ausgestellten Petrol-Card bei bestimmten Tankstellen des Unternehmens Shell (Switzerland) abgabefreien Treibstoff zu beziehen.»

Ob Diplomaten auf Schweizer Strassen also schneller als die Einheimischen unterwegs sind, lässt sich nicht durch Zahlen erhärten. Sicher aber ist: Mit Benzin im Gegenwert von, sagen wir, 40 Franken kommen sie fast doppelt so weit wie gewöhnliche Automobilisten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.01.2011, 13:44 Uhr

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