Mythos Jungfernhäutchen

In Indonesien verlangte ein Politiker einen Jungfräulichkeitstest für Schülerinnen. Dabei weiss man längst, dass das Hymen ein Mythos ist.

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Er ist seit Tagen der meistkommentierte Artikel auf Thejakartapost.com: derjenige über die Nachricht, dass sich Mittelschülerinnen im Alter von 16 bis 19 Jahren in Südsumatra künftig einem Jungfräulichkeitstest unterziehen sollen, und zwar auf Kosten des Staates. Der örtliche Schuldirektor, der seinen Vorschlag damit begründete, «Kinder vor der Prostitution» schützen zu wollen, und betonte, der Test sei im ureigensten Interesse der Schülerinnen, sorgte für Entsetzen, selbst die grossen amerikanischen Medien berichteten darüber.

Mitglieder der Konservativen Partei begrüssten den Vorschlag. Die Jungfräulichkeit sei heilig, und es sei deshalb für jede junge Frau eine Schande, wenn sie diese vor ihrer Heirat verliere. Weshalb auch unbedingt die Eltern über das Testresultat informiert werden müssten. Erziehungsminister Muhammad Nuh hingegen liess aus Jakarta verlauten, er halte rein gar nichts von dieser Idee, und es gäbe nun wirklich klügere Arten, sich der Thematik Teenager-Sex anzunehmen.

Besessen von der Frau und ihrer Reinheit

Der Soziologe David Jacobson schreibt in seinem Buch «Of Virgins and Martyrs – Women and Sexuality in Global Conflicts», patriarchalische Gesellschaften seien geradezu besessen von der Frau und deren Reinheit. Dass sich also dort – und damit teilweise auch in Indonesien, dem grössten muslimischen Land der Welt – der Aberglaube rund um das Hymen hält, ist wenig verwunderlich. Bloss: Auch in aufgeklärten Gesellschaften herrscht die weitverbreitete Meinung, es gäbe da ein geheimnisvolles Häutchen im Innern der Frau, das beim ersten Geschlechtsverkehr reisse und so das Ende der weiblichen Unschuld markiere.

Tatsächlich ist das Jungfernhäutchen nicht mehr als eine Art Gewebefalte, die, so vermuten Mediziner, dazu dient, das Sperma im Körper zu halten und somit die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen. Dass dieses «Häutchen» nach dem ersten Geschlechtsverkehr irreparabel defekt sein soll, wäre demnach geradezu widersinnig. Hinzu kommt, dass es rein anatomisch unmöglich ist, dass der weibliche Unterkörper sozusagen abgedichtet wird: Wäre dem so, könnte das Menstruationsblut nicht abfliessen. Und apropos Blut: Maximal ein Fünftel aller Frauen blutet beim ersten Mal, und das meist nur schwach.

Werden sogenannte Revirginationen durchgeführt, also Operationen, die das heilige Häutchen wiederherstellen sollen, weil die betreffende Frau aus einem konservativen Kulturkreis stammt und zu heiraten gedenkt, dann machen die Ärzte nicht viel mehr, als ein bisschen Vaginalgewebe zusammenzunähen, damit dieses reisst und spektakulär blutet. Damit soll der Sittlichkeitsbeweis erbracht werden, obschon er ja nichts taugt: Gynäkologen können aufgrund der Beschaffenheit des Hymens kaum Rückschlüsse auf sexuelle Aktivitäten ziehen.

Nur im Damensitz auf dem Töff

Das alles ändert nichts an der Verehrung der Jungfräulichkeit. Oder daran, dass sie als Mittel verwendet wird, Frauen in «rein» oder «unrein» beziehungsweise «gut» und «schlecht» einzuteilen. Als 2011 in Ägypten die Proteste auf dem Tahrir-Platz stattfanden, wurden zahlreiche Frauen von der Armee verhaftet und einem Jungfräulichkeitstest unterzogen; die Begründung dafür lautete, man wolle sicherstellen, dass es sich dabei nicht um Prostituierte handle.

Der Schuldirektor ist zwar inzwischen zurückgekrebst. In einem Brief an die «Jakarta Post» erklärte er, falsch verstanden worden zu sein: Jungfräulichkeitstests sollten im Hinblick auf «religiöse, menschenrechtliche und juristische Aspekte» nicht durchgeführt werden und wären auch für die «psychologische und mentale Entwicklung» der jungen Frauen in keiner Weise förderlich. Dennoch wird ein nächster, ähnlicher Vorstoss vermutlich nicht lange auf sich warten lassen. Seit letztem Jahr müssen die Frauen in der Provinz Aceh im Damensitz auf Motorrädern mitfahren. Die andere Position, also diejenige geradeaus, würde ihrem Körper «nicht entsprechen».

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.08.2013, 16:23 Uhr

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