Nach dem Tod des Vaters fand ich Trost in Worten

Ich tat so, als wäre er anwesend. Und ich tat es, wie dies nur Menschen tun können: mit Worten. Warum mache ich das?

«Ich wusste, dass es kindisch war, so zu tun, als wäre er noch da.» Das Mädchen, das hier ihren Vater küsst, ist die Autorin. Foto: Privatarchiv

«Ich wusste, dass es kindisch war, so zu tun, als wäre er noch da.» Das Mädchen, das hier ihren Vater küsst, ist die Autorin. Foto: Privatarchiv

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Acht Jahre sind es nun, die mein Vater nicht mehr lebt. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Acht. Wenn ich die Jahre aufzähle, reihe ich Zeiteinheiten aneinander, die sich durch nichts unterscheiden. Mit seinem Tod im Oktober 2010 gab es einen Bruch in meiner Zeitrechnung, es folgte das erste Jahr ohne ihn. Und all die Jahre, die danach kamen, waren nur eine Wiederholung dieses einen Jahres. Jetzt beginnt die achte.

«Man vergisst nicht, sondern etwas Unbetontes setzt sich in uns fest», notierte der französische Intellektuelle Roland Bar­thes in seinem «Tagebuch der Trauer», das er 1977, einen Tag nach dem Tod seiner Mutter, zu schreiben begann. Die Zeit vergeht, meinte Barthes damit, aber sie nimmt die Trauer über den Verlust nicht mit. Die Trauer ist vielmehr ein Anker, den die Zeit ausgeworfen hat – schwer, widerständig. Es ist nicht der Trauernde, der sich an das Leben klammert, denn dieses hat ihn mit dem Tod einer nahen Person erschüttert. Es ist die Trauer, die ihn am Leben erhält. «Überleben – das ist der andere Name einer Trauer», schrieb der Philosoph Jacques Derrida.

Aus den Briefen wurde ein Buch

Der Tod meines Vaters war der Beginn meines Überlebens. Ein Weiterleben, das markiert war durch diesen Verlust, und ich konnte gar nicht anders als versuchen, jene Lücke zu schliessen. Obwohl, gerade schliessen wollte ich die Lücke nicht, denn das hätte bedeutet, meinen Vater zu vergessen. Aber überwinden, aufschütten wollte ich die Lücke, damit sie meinem Vater ein Ort sein würde, an dem ich ihn finden könnte. Ich wollte ihn hier behalten, und weil er schon weg war, musste ich ihn zurückholen.

Also behauptete ich sein Dasein. Ich tat so, als wäre er in der Gegenwart, als wäre er anwesend. Und ich tat es, wie dies nur Menschen tun können: mit der Sprache.

Wenn ich über ihn redete, gelang es mir noch nicht. Ich begann und beendete Sätze jeweils damit, auf seinen Tod hinzuweisen, weil mein Vater ja tatsächlich tot war und es auch bleiben würde. Ich sagte: Als mein Vater noch gelebt hat. Oder: So war, das sagte, das machte mein Vater. Oder: Wenn mein Vater noch leben würde.

Ich war aufrichtig, aber dabei starrte ich ständig in dieses Loch, das sich neben dem Leben aufgetan hatte.

Ich klemmte meinen Vater zwischen Vergangenheitsformen und Worte, die präzisieren und relativieren. Statt von meinem Vater zu erzählen, sagte ich eigentlich immer nur, dass er tot, dass er gar nicht mehr da sei. Und das ist wahr, aber es ist eben auch nicht wahr.

Dann begann ich, über meinen Vater zu schreiben. Ich schrieb ihm Briefe, aus denen ein Buch wurde. Ich schrieb: «Du, meine drei Väter: der lebende, der kranke, der tote. Immer drängt sich der kranke in meine Träume, immer macht mir der tote die Tür auf, wo ich auch hingehe, und der lebende schrumpft, schrumpft, schrumpft.»

Oder: «Heute stürmt es wie seit Tagen schon, es zerwühlt mein Herz und zerzaust meine Gedanken. Wo war ich gerade, und wo bist du schon wieder?»

Oder: «Kennst du dieses Gefühl, wenn sich etwas Schönes über das Traurige schiebt? Als würde man durch milchiges Glas schauen.»

Ich redete, schreibend, mit meinem Vater. Ich teilte mich ihm mit, ich trat in einen Dialog mit ihm. Ich wusste, dass ich eigentlich ein Selbstgespräch führte, denn mein Vater würde mir niemals antworten. Und ich wusste auch, dass es kindisch von mir war, so zu tun, als wäre er noch da. Es war ein Spiel. Ein Kinderspiel.

Die Lücke überwinden, sie aufschütten: Dafür brauchte es nicht viel. Ich musste nur «Du» schreiben, musste nur Fragen stellen und Gedanken formulieren, die ihn als Gegenüber verlangten, und schon war mein Vater präsent. Ich integrierte ihn in die Zeit, indem ich sie immer und immer wieder anhielt und aus ihr kleine Gegenwarten schuf.

Was ändert das an seinem Tod?

«Wo bist du schon wieder?» bedeutet, dass mein Vater weg ist, aber es könnte genauso gut heissen, dass er nur kurz weg­gegangen ist und zurückkommt. Ich hatte mit meiner Sprache ein Fenster geöffnet, aus dem ich mich lehnen und nach ihm Ausschau halten konnte. Vielleicht würde er bald auftauchen. Wenn Roland Barthes in seinem Tagebuch schreibt, dass Trauer die «repetitive Wiederkehr des Gleichen» sei; wenn ich sage, dass sich seit dem Tod meines Vaters lediglich die Jahre wiederholen, dann bedeutet das, dass der Trauer ein ewiges Präsens eingeschrieben ist. Die Trauer dauert, weil sie in einem fort um ­etwas kreist, das verloren gegangen ist. Durch dieses Kreisen ist das Verlorene auf eine widersprüchliche Weise auch anwesend. Ich schreibe «Du», und niemand würde es wagen, dieses «Du» anzuzweifeln oder zu verneinen. In diesem «Du» steckt er, mein toter Vater. Es gibt dieses «Du», also gibt es auch ihn.

Sobald ich meinen Vater anrede, kehrt er zurück. Ich pflanze Zeitkapseln, in denen er wächst. Schreibend lege ich seine Spuren, damit ich, wenn ich sie lese, glaube, dass es meinen Vater gibt. Aber alles trügt. Ich täusche mich. Ich bin lediglich dieses Kind, das spielt und denkt, der Vater setze sich dazu und spiele mit.

Er ist nur zeitweise und vor­übergehend da. Wenn ich ihn nicht mehr mit «Du» anrede, wenn die Briefe, die ich ihm schreibe, beendet sind, verschwindet mein Vater wieder. Es ist, als käme ich ständig einen Schritt zu spät, als wäre er immer gerade schon gegangen. Ständig verfehle ich ihn – und anstatt dass ich ihn in Worte fasse, nähere ich mich ihm nur. Ich sehe meinen Vater, wenn ich mich aus meinem Fenster lehne. Aber es bleibt aus dem Augenwinkel, und er bleibt ein huschender Schatten.

«Dauernd stirbst du», schreibe ich ihm. Ich schreibe: «Wir brechen auf wie früher, auf einen Spaziergang, mit dem Auto, mit dem Zug irgendwohin. Aber zurück komme ich jetzt allein.» Mein Vater ist da, sterbend. Er ist da, verschwindend. Er ist da, weil ich mich erinnere, wie es mit ihm war, und es zurückhole.

Warum mache ich das? Was ändert es an seinem Tod? Nichts ändert es. Schreiben, «um den Schmerz des Vergessens zu bekämpfen, insofern er sich absolut ankündigt», notierte Roland Barthes. Schreiben, um dem Tod etwas entgegenzusetzen. Schreiben, um mich zu trösten.

Mein Vater ist gegangen. Also folge ich ihm ein Stück.

Salome Müller: Love, Pa. Briefe an meinen Vater. Echtzeit, Basel 2018. 134 S., 19 Fr. Erscheint am 19. Oktober.Vernissage: 1. November,19.30 Uhr, Westflügel in Zürich.  

(Redaktion Tamedia) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2018, 08:53 Uhr

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