Hintergrund

Nadel verpflichtet

Selbstbewusst, ironisch und jenseits von Zwängen häkelt und strickt eine neue Generation von Frauen. Die einen tun es aus purem Spass. Die anderen aber verstehen es gar als ein feministisches Statement.

Unter den Schlagworten «Guerilla Knitting», «Yarn Bombing» oder «Urban Knitting» wird der öffentliche Raum durch Stricken verändert: Frau umstrickt Laterne.

Unter den Schlagworten «Guerilla Knitting», «Yarn Bombing» oder «Urban Knitting» wird der öffentliche Raum durch Stricken verändert: Frau umstrickt Laterne. Bild: Reuters

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Handarbeit, das Wort allein löst bei vielen Frauen ab Mitte vierzig noch immer ein leichtes Schaudern aus. Zu gut sind die Schulstunden in Erinnerung, als bei den Jungs die Späne flogen und bei den Mädchen nur die Maschen fielen. Das hat der einen oder anderen die Freude vergällt, Nähen, Sticken und Stricken wurde als veraltet betrachtet und Schlagbohrer und Übergwändli wurden eher zu Insignien der Emanzipation. (Lesen Sie auch: «Die Hammer-Frauen»)

Politisch engagiert, handwerklich interessiert

Das hat sich geändert. Die neuen Handarbeiterinnen verstehen sich als Teil der Crafting-Bewegung, sind selbstbewusst, ironisch und exponieren sich auch bewusst in der Öffentlichkeit. Gerade haben in Basel 200 Strickaktivistinnen und -aktivisten die Rheinfähren verstrickt. Befreit von allen Klischees und gesellschaftlichen Zwängen gehen die Handarbeiterinnen von heute mit den alten Vorurteilen lustvoll um. Sie publizieren auf Blogs mit Titeln wie «Wollbindung» oder «Gemacht mit Liebe» und vertreiben Postkarten mit Claims wie «Jeder liebt ein Mädchen, das strickt».

Crafting ist mehr als Handarbeit, es steckt dahinter nicht nur ein neues Selbstbewusstsein und bewusster Bruch mit der traditionellen Handarbeit als Tätigkeit von Hausfrauen, sondern durchaus auch das politische Statement, sich von typischen Zuordnungen zu befreien. Das gibt auf den Plattformen einen bunten Mix von Jung und Alt, politisch engagiert und handwerklich interessiert. Über das Internet vernetzen sich Crafter miteinander, mit ökonomischen Folgen und Erfolgen. (Lesen Sie auch: «Mit den Friends in der Umkleidekabine»)

Wurde das Wissen früher innerhalb der Familie von der Mutter zur Tochter weitergegeben, so wird dieser Bruch in der Tradition heute durch soziale Netzwerke gefüllt. Auffallend ist die altersmässige Heterogenität der Szene. Handwerkliches Wissen wird geteilt, Strickanleitungen getauscht oder gekauft und wertvolle Tipps verschenkt. Und bewundernd hat ein «Slate»-Autor die Plattform Ravelry als Beweis dafür genannt, wie spezialisierte Netzwerke funktionieren. Über 1 Million Häkel- und Strickanleitungen wurden da schon verkauft. Alleine im letzten Jahr wurden nach Angaben der Betreiberinnen mehr als 800'000 Kilometer Garn verkauft und am Spitzentag des letzten Jahres 348 Anleitungen hochgeladen.

Ravelry – das Zentrum des Strickuniversums

Betrieben wird die Plattform, die über den englischsprachigen Sprachraum heraus als Zentrum des Strickuniversums gilt, von vier Leuten, ohne fremdes Kapital, doch mit Finanzierungshilfe aus der Community. Der Umgangston ist freundlich, gegenseitige Anerkennung wichtig und die Erlösmodelle fair. 98 Prozent der Gewinne fliessen zurück an die Anbieter. Der Versuchung, an einen Investor zu verkaufen, wurde bisher widerstanden und die etwas handgestrickte Plattform scheint der Zielgruppe zu gefallen. Drei Millionen User zählt Ravelry. Der angenehme Umgangston sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dahinter eine durchaus schlagkräftige Community steht. Das musste das Internationale Olympische Komitee feststellen, das im letzten Jahr den Begriff «Ravelympics» verbieten wollte, weil es der Marke und dem olympischen Gedanken nicht entspreche. Nach einem Proteststurm der Gemeinschaft krebste es zurück, und sogar die «Businessweek» berichtete. (Lesen Sie auch: «Der neue Secondhand-Trend»)

Crafting als Statement und Teil einer Bewegung

Der Grossteil der begeisterten Strickerinnen und Häklerinnen tut das aus Spass an der Sache. Andere wiederum sehen es als politisches Statement. Unter den Schlagworten «Guerilla Knitting», «Yarn Bombing» oder «Urban Knitting» wird der öffentliche Raum durch Stricken verändert.

Die sogenannten Craftistas rechnen sich der dritten Welle des Feminismus zu und häkeln, stricken oder kochen als Beitrag zur Weltverbesserung und befreit vom Verdacht der Domestizierung. Die Craftistas, die Handarbeit mit Aktivismus verbinden, berufen sich gerne auf historische Vorbilder. Strickerinnen, die während der französischen Revolution die Handarbeit als politischen Ausdruck nutzten. Im letzten Jahrhundert waren es die grünen Politikerinnen, die im deutschen Bundestag strickten. Nicht länger findet die Arbeit nur im Versteckten statt. Die Craftistas sorgen mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen für Aufmerksamkeit, sei es, dass Panzer bestrickt oder Hydranten umgarnt werden. Als explizit feministische Motivation gilt der Anspruch, Tätigkeiten neu zu bewerten, die bisher als stereotyp weiblich und auch trivial bewertet wurden.

Die Kulturwissenschaftlerin Elke Gaugele hat die Bewegung erforscht und stellt fest, dass den meisten Craftistas eine konsumkritische Haltung eigen ist. Sie weist auch darauf hin, dass in der kreativen Wirtschaft durchaus prekäre Arbeitsverhältnisse herrschen und der ganze Do-it-yourself-Boom das verstärke.

Dass die Bewegung auch kommerziell genutzt wird, lässt sich dabei nicht vermeiden. So wirbt ein Hotel in der Zentralschweiz mit speziellen Urban Knitting Packages – Garn und Nadeln inbegriffen. (Lesen Sie auch: «Attraktive Frauenzimmer») (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.07.2013, 21:27 Uhr

Programmatisch: Postkarte, angeboten auf der Website www.stickyjam.de

Man nennt es auch «Guerilla Knitting»: Die «verstriggte» Rheinfähre in Basel.

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