«Nein, ich führe kein Leben ohne Liebe»

Manche halten sie für eine Witzfigur – doch das Bild von Donatella Versace trügt. Ein gnadenlos ehrliches Gespräch.

«Niemand sollte sehen können, was ich durchmachte»: Die italienische Modeschöpferin Donatella Versace trügt. Foto: Getty Images

«Niemand sollte sehen können, was ich durchmachte»: Die italienische Modeschöpferin Donatella Versace trügt. Foto: Getty Images

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Die beiden Männer, die am Morgen des 15. Juli 1997 in Miami Beach aufeinandertreffen, könnten kaum unterschiedlicher sein. Der eine, Gianni Versace, zählt zu den berühmtesten Modedesignern der Welt und besitzt am Ocean Drive eine prachtvolle Villa, in der jede Toilettenschüssel 10'000 Dollar gekostet hat. Der andere, Andrew Cunanan, ist ein schwuler Callboy, der in den drei Monaten zuvor vier Menschen getötet hat. Zu seinen Mordwerkzeugen zählen ein Hammer und eine Heckenschere. Das FBI führt den 27-Jährigen auf der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher.

Nachdem Versace morgens mit seiner Schwester Donatella telefoniert und in einem Café Zeitschriften gekauft hat, kehrt er gegen Viertel vor neun zu seiner Villa zurück. Als er das Tor zum Grundstück aufschliessen will, feuert Cunanan zwei Schüsse auf ihn ab. Versace stirbt, der Schütze entkommt. Acht Tage später tötet sich Cunanan wenige Kilometer vom Tatort entfernt auf dem Hausboot eines deutschen Steuerflüchtigs mit einem Schuss in die Schläfe. Drei Monate darauf präsentiert Donatella Versace ihre erste Solokollektion im Pariser «Ritz», wo sie ihren Bruder zuletzt gesehen hat.

Welche Erinnerungen haben Sie an den 15. Juli 1997?
Ich war mit meinen beiden Kindern in Rom und bereitete auf der Spanischen Treppe eine Modenschau vor. Plötzlich schrie mein Bruder Santo: «Hört sofort auf! Gianni hat einen Unfall gehabt!» Man gab mir die Telefonnummer eines Krankenhauses in Miami. Als ich den zuständigen Arzt erreicht hatte, fragte ich, wie es meinem Bruder gehe. Die Stimme im Hörer sagte: «Es tut mir sehr leid, Ihr Bruder ist vor drei Minuten gestorben.» Die Welt stand still.

Was war Ihr erster Gedanke?
Meine Kinder! Ich muss zu ihnen! Es war ausgemacht, dass sie im Hotel einen Zeichentrickfilm im Fernsehen schauen. Als ich ein paar Minuten später in ihr Zimmer stürmte, sah ich, dass sie einen Schock erlitten hatten. Der Zeichentrickfilm war wegen einer Sondersendung unterbrochen worden, und sie hatten ihren Onkel in seinem Blut liegen sehen. In jedem Leben gibt es ein Ereignis, das das eigene Lebensgefühl neu definiert. Danach ist alles anders, und die Vergangenheit verblasst. Dieses Ereignis war für meine Kinder und mich die Ermordung meines Bruders.

Da ein Mitglied der Familie den Leichnam identifizieren sollte, flogen Sie kurz darauf im Privatjet nach Miami.
Der Anblick meines toten Bruders verfolgt mich bis heute. Eine Kugel hatte seinen Nacken getroffen, die andere sein Gesicht. Nach der Identifizierung fuhr ich zu Giannis Villa am Ocean Drive. Drinnen wartete meine Freundin Madonna. Dass sie mich in diesen Stunden zu trösten versuchte, werde ich ihr nie vergessen. Überall im Haus waren FBI-Agenten. Sie verhörten jeden von uns und öffneten alle Schubladen, ein Albtraum. Mein Bruder war gerade ermordet worden, und wir wurden wie Tatverdächtige behandelt. Aber vermutlich ist es das, was FBI-Agenten tun müssen.

«Sein Testament war verrückt, aber alle Kreativen sind verrückt.»

Es gibt keinen überzeugenden Beweis, dass der Mörder Ihren Bruder gekannt hat. Welches Tatmotiv vermuten Sie?
Er war ein Psychopath, ein Monster. Seine Eltern erzählten, er habe von klein auf einen krankhaft übersteigerten Geltungsdrang gehabt. Mit dem Mord an Gianni wollte er weltberühmt und unsterblich werden. Am Tag zuvor hatte er angeblich versucht, in einem Laden ein T-Shirt zu kaufen. Als sein Geld nicht reichte, sagte er der Verkäuferin: «Geben Sie mir das Shirt billiger. Sie werden es nicht bereuen, denn morgen werde ich eine Berühmtheit sein.» Die Polizei fand bei ihm eine Liste mit Namen von Prominenten, einige angekreuzt. Sie waren seine Mord-Agenda für die nächsten Wochen.

Die zwei Jahre vor seinem Tod waren für Ihren Bruder die bittersten seines Lebens. Er hatte Krebs im linken Innenohr und glaubte, er werde sterben. In dieser Zeit waren Sie die geheime Nummer eins des Unternehmens.
Gianni war deprimiert und versteckte sich vor der Öffentlichkeit, weil sein Gesicht stark geschwollen war. Ich besuchte ihn mehrmals am Tag, um seine Meinung einzuholen. Wenn ich spätabends endlich zu Hause war, rief er oft noch drei-, viermal an, um Geschäftliches zu besprechen. Wenn ich stöhnte: «Gianni, wir haben doch gerade erst miteinander telefoniert!», sagte er: «Na und?» Erst nach seinem Tod begriff ich, dass er mir Unterricht gab und testen wollte, ob ich die Belastung aushalten würde, seine Nachfolgerin zu sein. Ein halbes Jahr vor seinem Tod sagte er mir, ein Wunder sei geschehen, die Ärzte hätten ihm bestätigt, dass es in seinem Körper keine Krebszellen mehr gebe. Was für ein Hohn, dass er ein paar Monate später ermordet wurde.

Ihr Bruder hinterliess ein himmelschreiend ungerechtes Testament. Ihre damals elfjährige Tochter Allegra erbte fünfzig Prozent des Unternehmens, Ihr Bruder Santo dreissig und Sie zwanzig Prozent. Ihr Sohn Daniel sollte die Kunstsammlung bekommen.
Das Testament war verrückt, aber alle Kreativen sind verrückt. Gianni vergötterte meine Tochter und nannte sie «meine kleine Prinzessin», aber mit seinem Testament mutete er ihr eine ungeheure Last zu. Mit elf in die Schlagzeilen zu kommen, das wünsche ich keinem Kind.

«Je mehr Ratgeber ich in mein Leben liess, desto verlorener fühlte ich mich.»

Wussten Sie vor dem Mord an Ihrem Bruder, welche Pläne er mit Allegra hatte?
Ja. Als Gianni sein Testament aufsetzen wollte, bat er mich, ihn zum Notar zu begleiten. Indem er meiner Tochter die Hälfte von Versace vererbte, zwang er mich, bis zu ihrer Volljährigkeit die Verantwortung für das Unternehmen zu übernehmen. Ohne diese List im Testament hätte ich das Unternehmen nach seinem Tod vielleicht verlassen.

Nach der Trauerfeier für Ihren Bruder im Mailänder Dom wurden Sie zur Kreativchefin des Unternehmens ernannt. Wenn Sie der Donatella Versace von damals einen Rat geben könnten, wie würde er lauten?
Nimm dir drei Monate frei, triff dich in dieser Zeit mit niemandem, vertraue nur deiner inneren Stimme, entwickle einen Plan fürs erste Jahr, und das Allerwichtigste: Versuche nie, wie Gianni zu sein! Ich habe das Gegenteil getan. Je mehr Ratgeber ich in mein Leben liess, desto verlorener fühlte ich mich. An die ersten vier Monate nach Giannis Tod habe ich so gut wie keine Erinnerung. Ich kroch in einem Tunnel aus Einsamkeit und Schmerz umher. Dann kamen jede Woche Männer in Anzügen zu mir und sagten: «Verkaufen Sie uns das Unternehmen. Keiner aus Ihrer Familie wird je wieder arbeiten müssen.» Die Auftritte dieser Leute machten mir Angst, denn mein Bruder hätte nicht gewollt, dass ich einen einzigen Bürostuhl verkaufe. Für ihn war das Unternehmen Familie, und seine Familie verkauft man nicht.

Statt Ihre Gefühle zuzulassen, wurden Sie für Jahre kokainabhängig.
Ich machte einen Fehler nach dem anderen und versuchte, den Leuten Gianni zu geben. Aber es war niemals genug Gianni. Probierte ich etwas Neues aus, hiess es kopfschüttelnd: «Was macht sie denn jetzt?» Erst nach sieben, acht Jahren war ich schliesslich stärker und lernte, den Druck auszuhalten, ein Genie zu beerben.

2007 erzählten Sie einem Journalisten, Sie litten unter einem wiederkehrenden Albtraum: Während Sie wenige Minuten vor Beginn einer Modenschau letzte Hand anlegen, steht plötzlich Ihr Bruder da und macht Ihnen eine Szene.
In meinem Traum ist Gianni so real wie Sie beide. Er schreit auf mich ein: «Donatella, was sind das hier für hässliche Kleider? Das soll Versace sein? Wie kannst du alles vergessen haben, was ich dir beigebracht habe?» Dann wirft er die Kleiderständer um. Gott sei Dank habe ich diesen Albtraum nur noch selten.

«Wer kauft Mode von einer schwachen, labilen Designerin, die ihre Sinne nicht beisammen hat, weil sie Drogen nimmt?»: Donatella Versace während einer Show im Juni. Foto: Getty Images

Der Schauspieler Rupert Everett beschreibt in seinen Memoiren eine gespenstische Silvesterparty, die Sie 1999 in Miami in der Villa Ihres toten Bruders gaben. Unter den Gästen waren Madonna, Guy Ritchie, Gwyneth Paltrow und Jennifer Lopez. Über Ihren Geisteszustand heisst es bei Everett: «Donatella hatte sich an jenem Abend in düstere Wolken gehüllt, in denen sie von Zeit zu Zeit völlig verschwand. Wenn sie kurz auftauchte, lachte sie über irgendeinen Tratsch, um gleich darauf wieder in Schwermut zu versinken. So gut wie niemand bemerkte ihre Tristesse. Sie hatte sich ein Image aufgebaut, das sie zur Gefangenen ihrer selbst machte. Hinter die wasserstoffblonde Sichtblende liess sie niemanden schauen.»
Jedes Wort ist wahr. Meine Haare wurden blonder und blonder, mein Make-up dicker und dicker. Ich fühlte mich von aller Welt mit Nadelblicken beäugt und schuf eine Maske, hinter der ich Schutz suchte. Niemand sollte sehen können, was ich durchmachte.

Weil man unter Haifischen besser nicht blutet?
Ich war das neue Gesicht von Versace. Wer kauft Mode von einer schwachen, labilen Designerin, die ihre Sinne nicht beisammen hat, weil sie Drogen nimmt und sich deshalb nicht leiden kann? Niemand! Aus diesem Grund schuf ich eine zweite Donatella: kalt und unnahbar, aggressiv und angsteinflössend.

Ihre Freunde wussten von Ihrer Kokainsucht. Als Sie 2004 eine Party zum achtzehnten Geburtstag Ihrer Tochter gaben, nahm Elton John Sie beiseite und sagte, er zwinge Sie zu nichts, aber es stehe ein Jet bereit, der Sie nach Arizona fliegen könne, in der Entzugsklinik The Meadows sei ein Platz für Sie reserviert. Wie krank haben Sie sich damals gefühlt?
Ich habe von frühmorgens bis spätabends gearbeitet, um mir diese Frage nicht stellen zu müssen. In den wenigen Momenten, in denen ich mit meiner Sucht allein war, wurde mir klar, dass ich sehr, sehr krank bin – aber dann wartete schon wieder der nächste Termin auf mich. An manchen Abenden funktionierte ich nicht mehr und schämte mich vor meinen Kindern. Mein Selbsthass wurde immer stärker.

Elton John war zur Geburtstagsparty für Ihre Tochter nicht eingeladen. Wie kam es zu seiner Intervention?
Ein paar Tage zuvor war ich bei einem Konzert von ihm gewesen. Statt in die Menge einzutauchen, stand ich am Seitenrand der Bühne und weinte und weinte und weinte. Warum, wusste ich nicht. Während Elton performte, schaute er mich immer wieder an. An diesem Abend muss er begriffen haben, dass ich Hilfe suchte.

«Die Drogen hatten mich nicht sehen lassen, wie schlimm es um das Unternehmen stand.»

Wie haben Sie auf seinen Vorschlag reagiert, in einer Entzugsklinik Hilfe zu suchen?
Mit einem dämlichen Spruch: «Ich gehe da nur hin, wenn es fettarmes Essen gibt.» Niemand glaubte, ich würde Eltons Angebot annehmen, aber ein paar Minuten später tauschte ich Abendkleid und Diamanten gegen einen Jogginganzug. Mit Rossschwanz und ohne Make-up machte ich mich auf den Weg zum Flughafen.

Flache Schuhe?
Nein! Niemals!

Was ging Ihnen während des Flugs durch den Kopf?
Anfangs war ich einfach nur geschockt, dann ratterten die Fragen los. Ich hatte keine Ahnung, wie es in einer Entzugsklinik zugeht, und wo Arizona liegt, wusste ich auch nicht so genau.

Sie waren fünf Wochen in der Klinik. Was haben Sie gelernt?
Dass Sucht alle Menschen gleich macht. Schlimmer als der Entzug war bei mir der Realitätsschock nach der Entlassung. Die Drogen hatten mich nicht sehen lassen, wie schlimm es um das Unternehmen stand.

Was hat Sie in der Klinik am meisten überrascht?
Die unumstössliche Disziplin. Zwei, drei Regelverstösse, und sie schmeissen dich mit einem Fingerschnippen raus, ohne Anhörung, ohne Diskussion.

Haben Sie Freundschaften geschlossen?
Ja, aber es wird geraten, diese Freundschaften nach der Entlassung nicht weiterzuführen. Wenn der eine rückfällig wird, soll der andere nicht mitgerissen werden.

Sie haben damals unentwegt geraucht. Zu Ihren Accessoires gehörte eine von Ihrem Hausatelier in Mailand entworfene Zigarettenschachtel, auf der Ihre Initialen in gotischen Lettern eingelassen waren. Liess man Sie in der Klinik rauchen?
Im Garten gab es einen markierten Bereich, in dem man rauchen durfte, aber drinnen herrschte absolutes Rauchverbot. Einmal habe ich versucht, bei geöffnetem Fenster in meinem Zimmer zu rauchen. Beim dritten Zug ging die Tür auf, und eine Krankenschwester stauchte mich zusammen. So klein hatte ich mich zuletzt mit zehn gefühlt.

Rauchen Sie noch?
Nein, der Grund ist meine Tochter, die jeden in Angst und Schrecken versetzen kann. Vor acht Jahren sagte sie zu mir: «Wenn du mich jemals wiedersehen willst, hörst du noch heute mit dem Rauchen auf, und zwar für immer!» Seit diesem Tag habe ich nie wieder eine Zigarette angerührt.

«Ich hatte nicht geahnt, wie viele Verrückte es gibt.»

Ihre 32 Jahre alte Tochter ist ein Phantom. Es heisst, sie habe in Los Angeles Französisch, Kunstgeschichte und Theater studiert und in Theatern in New York und London unter falschem Namen als Kostümbildnerin gearbeitet. Was macht sie heute?
Allegra ist im Vorstand des Unternehmens und arbeitet für Versus, unsere jüngere Zweitlinie. Sie ist hochintelligent und eine sehr genaue Beobachterin. Wenn sie im Vorstand das Wort ergreift, gehen alle in Habachtstellung – nicht weil ihr die Hälfte des Unternehmens gehört, sondern weil sie die richtigen Fragen stellt.

Ihr 28 Jahre alter Sohn Daniel ist ebenfalls ein Phantom: keine Fotos, keine Spuren im Internet. Man weiss nur, dass er vor ein paar Jahren in einer Punkband namens Nucleus gespielt hat.
Daniel möchte mit dem Namen Versace nichts zu tun haben. Um nicht behelligt zu werden, hat er einen neuen Namen angenommen.

Verstehen Sie seine Entscheidung?
Er glaubt, der Name Versace würde seine Integrität als Musiker beschädigen und ihm unverdiente Vorteile verschaffen. Diese Begründung leuchtet mir nicht ganz ein, denn du bist entweder ein guter Musiker oder ein schlechter. Aber es ist sein Leben, er trifft die Entscheidungen und, wie es scheint, die richtigen. Sie sollten ihn bei seinen Auftritten sehen. Einen Menschen, den seine Musik so glücklich macht, erleben Sie selten.

Wo lebt Ihr Sohn?
In London.

Macht er immer noch Punkmusik?
Nein, Rock’n’Roll und Hardrock. Wenn er ein Album aufnimmt, spielt er alle Instrumente selbst, und das exzellent. Er hatte ja auch gute Lehrer. Als er klein war, hat Elton John ihm Klavierstunden gegeben, später gehörte mein Freund Axl Rose zu seinen Gitarrenlehrern.

Der Vater Ihrer Kinder ist der US-Amerikaner Paul Beck, ein ehemaliges Versace-Model, das Sie 1985 heirateten. Was ist aus ihm geworden?
Wir sind getrennt, nein, falsch, wir sind seit achtzehn Jahren geschieden. Paul lebt in New York. Ich habe eine gute Beziehung zu ihm, weil er der Vater meiner Kinder ist. Sonst noch jemand, über den Sie etwas wissen wollen?

Ihr Bruder Santo war dreissig Jahre Finanzchef von Versace. 2008 schloss er sich der Partei von Silvio Berlusconi an und wurde ein glückloser Politiker. Was macht er heute?
Vor zwei Jahren habe ich fast das gesamte Management des Unternehmens ausgetauscht. Santo berät uns noch, ist aber aus dem Tagesgeschäft ausgeschieden. Dass er für Berlusconi war, verstehe ich bis heute nicht.

Ihre Schwester Tina starb mit zwölf Jahren nach einem Unfall an einer Tetanus-Infektion, Ihr Bruder Gianni starb mit fünfzig, Ihr Bruder Santo litt viele Jahre lang unter Depressionen. Dachten Sie manchmal, es liege ein Fluch über den Versaces?
Nein, das Unerträgliche war eine bestimmte Sorte Brief, die ich in den Jahren nach Giannis Ermordung bekam. Menschen behaupteten, sie seien ein Medium und könnten mich mit meinem toten Bruder sprechen lassen. Dann folgte eine Kontonummer. Andere schrieben, meinem Bruder sei recht geschehen, denn Gott bestrafe jeden Homosexuellen mit dem Tod. Da auch ich ein Leben in Sünde führen würde, sei ich die Nächste auf Gottes Todesliste. Ich hatte nicht geahnt, wie viele Verrückte es gibt. Aus Angst um unser Leben übergab ich die Drohbriefe der Polizei und liess meine Kinder nicht mehr unbegleitet zur Schule gehen.

«Können die Leute Gianni nicht endlich in Frieden lassen?»

2013 wurde die Tragödie Ihres Bruders von der Regisseurin Sara Sugarman unter dem Titel «House of Versace»....
Hören Sie auf! Der Film soll ein Machwerk sein. Ich weigere mich, ihn anzuschauen. Deshalb kann ich Ihnen zu dem Thema nichts sagen.

Von Januar bis März dieses Jahres lief im US-Fernsehen eine neunteilige Serie über den Mord an Ihrem Bruder: «The Assassination of Gianni Versace: American Crime Story».Sie wurden darin von Penélope Cruz gespielt. Heilt die Zeit alle Wunden, oder macht sie aus Wunden Achillesfersen?
Wenn Menschen mit Lügen über Gianni Geld verdienen wollen, werde ich immer noch so wütend wie am ersten Tag. Meine Anwälte haben versucht, gegen diese TV-Serie vorzugehen, aber sie haben verloren, weil mein Bruder eine Person der Zeitgeschichte ist und deshalb nur eingeschränkte Persönlichkeitsrechte hat. Nach seiner Ermordung erschienen an die 25 Bücher, jedes davon mit einer anderen Theorie über das Tatmotiv. Die wildeste Spekulation war, die Tat sei ein Auftragsmord der Mafia gewesen. Wir haben unzählige Prozesse geführt, aber kaum hatten wir einen gewonnen, erschien schon wieder ein neues Buch. Es war aussichtslos. Warum musste es jetzt diese Serie über meinen Bruder geben? Der Mord ist zwanzig Jahre her. Können die Leute Gianni nicht endlich in Frieden lassen?

Sie hätten Penélope Cruz anrufen können und.…
Penélope hat mich angerufen und über das Projekt informiert. Sie sagte, sie habe grossen Respekt vor mir, deshalb solle ich ihr schreiben, wenn in der Drehbuchvorlage unwahre Dinge stünden.

Das Drehbuch basiert auf dem 1999 erschienenen Sachbuch «Vulgar Favors» der US-Journalistin Maureen Orth.
Bis vergangenes Jahr kannte ich das Buch nicht. Nachdem ich es gelesen hatte, schickte ich der Produktionsfirma der Fernsehserie eine Liste der sachlichen Fehler. Die Antwort lautete, man verfilme das Buch von Maureen Orth, deshalb könne man meine Richtigstellungen nicht berücksichtigen. Die Zuschauer sollten wissen, dass die Serie Fiktion ist, keine Dokumentation.

Sie gehören zu den Menschen, über die jeder sofort eine Meinung hat. Wie anstrengend ist es, Donatella Versace zu sein?
Der Druck hat nachgelassen, deshalb bin ich in den letzten Jahren weicher geworden. Ich habe gelernt, Menschen wieder zu vertrauen, statt zu glauben, sie würden mir bei nächster Gelegenheit Übles wollen.

«Kommt zur Abwechslung mal eine angenehme Frage?»

«Vogue»-Chefin Anna Wintour schrieb einmal: «Armani zieht die Ehefrau an, Versace die Liebhaberin.» Richtig?
Ja, ich liebe diese Rollenverteilung. Liebhaberinnen haben doch viel mehr Spass im Leben als Ehefrauen.

Die Stilgeschichte Ihres Unternehmens zerfällt in zwei Regentschaften: zwanzig Jahre Patriarchat unter Gianni, zwanzig Jahre Matriarchat unter Donatella. Wie unterscheiden sich Ihre Handschriften?
Für Giannis idealtypische Frau bestand das Leben vor allem aus mondänen Cocktailpartys. Ihr frivoles Vergnügen war, Grenzen des Mainstreamgeschmacks zu übertreten und mit zur Schau gestelltem Hedonismus zu provozieren. Meine Versace-Frau ist eine Multitaskerin mit Beruf und Familie. Sie sucht in erster Linie Kleidung, die man zwischen sieben Uhr morgens und sieben Uhr abends tragen kann – perfekt geschnitten, einen Hauch glamourös, aber ohne Knalleffekte. Sie benutzt Mode als Korsett für ihr Selbstbewusstsein, nicht als Mittel zur Provokation. Um es in einem Satz zu sagen: Die Mode von Versace ist realistischer geworden.

Ihr Bruder hat Sie als Versuchspuppe und Projektionsfläche benutzt. Als Sie elf waren, liess er Ihr schwarzes Haar platinblond färben, weil Sie aussehen sollten wie die Popsängerin Patty Pravo, damals ein Idol schwuler Italiener. Was empfanden Sie beim Blick in den Spiegel?
Mein erster Gedanke war: So bist du! Endlich hast du dich gefunden! Blond sein heisst, von der Sonne liebkost zu werden und selber eine Sonne zu sein: stark, voll Energie, leuchtend, wärmend. Mit zwölf machte Gianni mich zu seiner engsten Vertrauten. Er schneiderte mir coole Lederminiröcke, nahm mich in Diskotheken mit und behandelte mich wie eine Frau. Ich liebte seine Verrücktheiten und spürte die neidischen Blicke meiner Freundinnen, wenn wir spätabends zu einem Rockkonzert loszogen. Es war die glücklichste Zeit meines Lebens. Ich fühlte mich wie eine Erwachsene, hatte aber den Zeithorizont eines Kindes und dachte, mein ganzes Leben werde so sein.

Ihr Vater verkaufte Holzkohle und Methangas, Ihre Mutter war Schneiderin und leitete eine Boutique. Wie reagierten die beiden, als ihre elfjährige Tochter die Nächte zum Tag machte?
Wenn wir um vier Uhr morgens nach Hause kamen, schrie meine Mutter Gianni an: «Was tust du deiner kleinen Schwester bloss an? Lass sie in Ruhe! Und hör endlich auf, den Leuten vorzulügen, sie sei schon sechzehn!» Meine Mutter war Süditalienerin und damit das Oberhaupt der Familie, aber Gianni pfiff auf ihre Strenge und wickelte sie mit seinem Charme um den Finger.

«Gianni hat das Konzept Supermodel erfunden und diese Frauen weltberühmt gemacht.»

Welche Noten bekamen Sie in der Schule?
Giannis Zeugnisse waren lausig, meine sehr gut – und das, obwohl meine Mutter mich oft nicht zur Schule gehen liess. Wenn ich morgens mit Kleopatra-Augen in die Küche kam, schrie sie: «So gehst du nicht vor die Tür! Entweder wäschst du die Schminke ab, oder du bleibst zu Hause!» Ich blieb stur und schloss mich in meinem Zimmer ein.

Sie sind in Reggio Calabria im konservativen Süden von Italien aufgewachsen. Machte Ihr Bruder ein Geheimnis daraus, schwul zu sein?
Nein, er war einer der ersten Männer in Italien, die damit offen und selbstbewusst umgingen. Ich war elf, als er mir ganz genau erklärte, was mit seiner Sexualität los sei. Ich dankte ihm für seine Offenheit und fühlte mich geadelt.

Mit siebzehn zogen Sie zum Studieren nach Florenz und machten einen Abschluss in Literaturwissenschaft. Welcher Beruf schwebte Ihnen vor?
Da ich eine sehr gute Studentin war, schlugen die Professoren mir eine Universitätskarriere vor. Ich hatte grosse Lust, Dozentin zu werden, aber Gianni lag mir in den Ohren, ich solle mit ihm Mode entwerfen. Er arbeitete als Autodidakt für die Firma Callaghan und war dabei, sich einen Namen zu machen. Er zeigte mir jeden seiner Entwürfe und wollte wissen, was ich anders machen würde. Schliesslich hatte er mich dann so weit. Mit 22 liess ich die Uni sausen und war fortan seine rechte und linke Hand. Als er die Firma Gianni Versace gründete, wurde ich diejenige, die sich traute, den Wahrheiten des Königs zu widersprechen. Er ärgerte sich, aber er hörte mir zu und hatte die Grösse, seine Entscheidungen zu korrigieren.

Vergangenen September haben Sie zum zwanzigsten Todestag Ihres Bruders fünf der berühmtesten Models des vorigen Jahrhunderts in goldenen Kettenkleidern auf den Laufsteg geschickt: Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Cindy Crawford, Carla Bruni-Sarkozy und Helena Christensen. War das nicht eine Überdosis Nostalgie?
Was für eine dumme Frage! Gianni hat das Konzept Supermodel erfunden und diese Frauen weltberühmt gemacht. Sie werden zu Recht als Vorbilder verehrt, weil sie den Sprung von der Celebrity zur weltweit erfolgreichen Geschäftsfrau geschafft haben. Ich kenne wenige Männer, die so smart und geschäftstüchtig sind wie Cindy oder Naomi. Ihre Biografien können jede Frauenrechtlerin stolz machen.

«Wenn ich tot zusammensinken würde? Neunzig Prozent der Mitarbeiter würden lautstark applaudieren.»

Folgt man den tonangebenden Modekritikern, dann waren 2016 und 2017 Ihre bislang erfolgreichsten Jahre als Kreativchefin von Versace. Kann es einen besseren Zeitpunkt geben, Ihre Nachfolge bekannt zu geben?
Solange ich dem Unternehmen nutze, bleibe ich. Ich verspreche Ihnen aber, man wird mich nicht mit den Füssen voran aus meinem Büro tragen müssen. Ich schaue mit weit geöffneten Augen, wer mir nachfolgen kann, aber die ideale Lösung sehe ich noch nicht.

Eine neue Nummer eins aufbauen, loslassen, den Tag mit etwas anderem füllen als Arbeit: Können Sie das?
Ich glaube ja. Mein Gespür für Ausnahmebegabungen habe ich bei Versus mit der Einstellung von J. W. Anderson, Christopher Kane und Anthony Vaccarello bewiesen. Mein Designteam bei Versace besteht aus lauter Twens, die in Saint Martins in London studiert haben. Ich habe keine Angst vor Menschen, die vielleicht mehr können als ich, im Gegenteil, ich suche sie, denn wer als Modedesigner Selbstgespräche führt, ist schnell auf dem Abstellgleis. Mein Ego hält es aus, zu einem 25-jährigen Mitarbeiter zu sagen: «Gestern habe ich deine Idee für falsch gehalten, heute leuchtet sie mir mehr ein als meine eigene.»

Was geschieht mit Versace, wenn Sie nach diesem Gespräch tot im Sessel zusammensinken?
Neunzig Prozent der Mitarbeiter würden lautstark applaudieren. Die ernsthafte Antwort lautet: Das Management würde in Absprache mit meiner Tochter eine neue Nummer eins ernennen.

Sehen Sie den Eitelkeiten der Modewelt mehr und mehr zu wie einer grossen Komödie?
Lächerlich aufgeblähte Egos gibt es nur noch bei der alten Garde. Ein Designer unter fünfzig, der sich wie ein Sonnengott aufführt, würde sich blamieren. Wenn ein Wissenschaftler ein Medikament gegen Krebs erfindet, darf er abheben und sich wie der Grösste fühlen, aber wir machen nur Mode. Wir lieben sie, aber sie ist keine Gottheit, die es wert wäre, sie anzubeten.

Ihr Hund.…
Bitte sagen Sie zu Audrey nicht Hund!

Ihr Jack-Russell-Terrier.…
Würde Audrey uns zuhören, wäre sie beleidigt, weil Sie sie nicht bei ihrem Namen nennen. Sie hat die Intelligenz eines Menschen und eine ausgeprägte Persönlichkeit.

Welche?
Sie denkt, sie sei ich. Was ich mache, will sie auch machen. Sie legt sich nicht auf den Boden, sondern kommt zu mir auf die Couch. Statt in ihrem Hundebettchen zu schlafen, springt sie zu mir ins Bett und will kuscheln. Wenn ich esse, sitzt sie auf dem Stuhl gegenüber und tut so, als hätte ich mich mit ihr in einem schicken Restaurant zum Abendessen verabredet. Sie liebt es, fotografiert zu werden. Wenn sie unseren Hausfotografen entdeckt, folgt sie ihm auf Schritt und Tritt.

Audreys Leben kann man auf Instagram unter Audrey_Versace besichtigen. Mal trägt sie eine dicke Goldkette um den Hals, mal räkelt sie sich auf dem Sitz eines Privatjets oder hat eine Mütze auf mit der Aufschrift «Power».
Audrey ist eben ein Mädchen. Wollen Sie ihr daraus einen Vorwurf machen?

Haben Sie ein Talent, von dem niemand etwas ahnt?
Ich bin eine gute Zuhörerin. Und es macht mich glücklich, anderen zu helfen.

Können Sie kochen?
Nein, ich möchte es auch nicht lernen. Meine Mutter hat auch nie gekocht.

Ihr Erkennungsmerkmal ist Ihr blondes, in der Mitte gescheiteltes Haar. Können Sie sich vorstellen, Frisur und Haarfarbe nach 52 Jahren zu ändern?
Nein, ich würde mich nicht mehr erkennen. Karl Lagerfeld würde sich ohne Sonnenbrille auch nicht erkennen. Zudem ist Blond eine Lebensart. Man tritt der Welt wie eine Amazone entgegen. Dass ich die Katastrophen meines Lebens durchgestanden habe, verdanke ich auch der Kraft, die meine blonden Haare mir geben.

Wer Sie nach Ihrem Privatleben fragt, bekommt die lapidare Antwort: «Ich hab keins.» Über die Gründe sagten Sie 2007 einer Reporterin des «New Yorker»: «Natürlich interessiere ich mich für Männer, aber ich habe zu viel um die Ohren. Ausserdem: Wer will ein Date mit mir? Ich bin so kompliziert.»
In Wahrheit hatte ich 2007 einen Liebhaber, aber ich finde, bei diesem Thema darf man Journalisten etwas vorlügen.

Seit der Trennung von Paul Beck hatten Sie kaum feste Beziehungen. Weil der Platz an Ihrer Seite allzu schattig ist?
Ich führe ein seltsames Leben, weil die Modewelt aus seltsamen Leuten besteht. Aber beurteilen Sie meine Mode, nicht mein Privatleben. Ich habe eine Armee von Freunden, mit denen ich täglich telefoniere. Diese Menschen in meinem Leben zu wissen, gibt mir Glück und Erfüllung. Und vergessen Sie nicht meine beiden Kinder. Ich führe kein Leben ohne Liebe. – Kommt zur Abwechslung mal eine angenehme Frage?

Nützt es dem Image der Marke, wenn die Chefin Single ist, statt daheim mit Mann und Kinderschar zu posieren?
Wofür brauchen Frauen noch Männer? Bestimmt nicht mehr, um Stärke, Entschlusskraft und Unabhängigkeit zu beweisen. Männer werden nur noch für Liebesaffären und zur körperlichen Entspannung gebraucht.

Sie sind 63. Wie viele Sit-ups schaffen Sie nach mehr als vierzig Berufsjahren in der hochtourigen Modeindustrie?
Ich mache jeden Morgen zwischen sechs und sieben Uhr dreihundert Sit-ups, oft mit Gewichten auf dem Bauch. Wenn es um meine Bauchmuskulatur geht, bin ich so obsessiv wie Madonna.

Wie würden Sie sich kleiden, wenn Sie noch heute vor Gott zu treten hätten?
Ich würde High Heels anziehen. Ich bin sicher, die kennt Gott nicht.

Michael Ebert ist Chefredaktor des «SZ-Magazins», Sven Michaelsens beste Interviews erschienen kürzlich im Buch «Das drucken Sie aber nicht!»

Erstellt: 01.09.2018, 20:46 Uhr

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