Hintergrund

Neue Fronten im Mütterkrieg

Berufstätige Mütter sind mobiler, energiegeladener und glücklicher als Hausmütter. Das zeigt eine brandneue Langzeitstudie. Steht die Siegerin im Krieg der Mütter nun endlich fest?

Wo Frauen sich zanken, versammeln sich gern Schaulustige: Berufstätige Mama vs. Hausmutter – das neue Kampfpaar der Emanzipation.

Wo Frauen sich zanken, versammeln sich gern Schaulustige: Berufstätige Mama vs. Hausmutter – das neue Kampfpaar der Emanzipation. Bild: Keystone

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Mütterkrieg – was für ein grosses Wort für die Gifteleien, die sich berufstätige Mamas und Hausmütter gern öffentlich an den Kopf werfen. Aber wo Frauen sich zanken, versammeln sich gern Schaulustige. Und wo Publikum ist, wird zugespitzt. Mal haben in den Medien die berufstätigen Mütter die Oberhand, dann wieder die Vollzeit-Mütter, die ihre ganze Energie in die Kinder stecken. Der Krieg wird angeheizt und, droht er zu erlöschen, mit einer neuen Umfrage befeuert. Und meist wird gar nicht um das Wohlbefinden der Mütter gestritten, sondern über das der Kinder. Sieger gibt es deshalb auf diesem Schlachtfeld nicht. Weil die Kinder als Schiedsrichter nicht taugen. Es liegt nämlich in ihrer Natur, dass sie immer genau die Mama am tollsten finden, die sie zu Hause oder eben nicht immer zu Hause haben. Und das kindliche Wohlbefinden hängt nicht monokausal von der mütterlichen Präsenz ab. (Lesen Sie auch: «Können Mütter alles haben?»)

Unfreiwillig zu Hause

Wer sich hingegen für das Wohlbefinden der Mütter interessiert, der findet einige gute Gründe, um das Kriegsbeil zu begraben. Die Demarkationslinie des Mutterglücks verläuft nämlich längst nicht mehr entlang des ausserhäuslichen Beschäftigungsgrades. Entscheidend für ihr Wohlbefinden ist vielmehr, wie viel Arbeit und Stress für die Mutter anfallen. Ob zu Hause oder im Büro, ist sekundär. Für eine brandneue Langzeitstudie, die im kommenden Dezember im amerikanischen «Journal of Health and Social Behaviour» ausführlich gewürdigt werden soll, wurden 2500 Frauen, die zwischen 1978 und 1995 geboren haben, bis zu ihrem 40. Geburtstag begleitet und befragt. Das auffälligste Resultat: Frauen, die kurz nach der Geburt ihrer Kinder ihre Berufstätigkeit wieder aufgenommen haben, fühlten sich deutlich häufiger mobil, energiegeladen und gaben seltener an, unter depressiven Stimmungen zu leiden. Bevor jetzt einige das Kriegsfeuer gleich schüren, hier die interessanteste Erkenntnis der Studie: Als Gegengruppe stachen den Studienleitern nicht die klassischen Hausfrauen ins Auge. Unzufriedenheit nämlich bekundeten vorab die Mütter, die zu Hause sassen, aber eigentlich arbeiten wollten. (Lesen Sie auch: «Die Kündigung an den Mann»)

An der Realität vorbei

Sarah Damaske, Co-Autorin der Studie, ist deshalb überzeugt, dass die Front berufstätige versus nicht berufstätige Mütter längst veraltet sei und nicht mehr der gesellschaftlichen Realität entspreche. Wer in Studien nur den momentanen Beschäftigungsgrad berücksichtige und nicht den allfälligen Beschäftigungswunsch der befragten Frauen, mache eine grosse Gruppe von Müttern unsichtbar: nämlich all jene, die wegen der Mutterschaft keine geradlinige Karriere anstreben können – trotzdem aber berufstätig bleiben wollen. In der Schweiz wäre das wohl die Mehrheit der Mütter. In unserem Land nämlich sind 70 Prozent der Mütter erwerbstätig, weitaus die meisten Teilzeit. Über 200'000 von ihnen würden gern mehr arbeiten, wie eine Untersuchung kürzlich zeigte. (Lesen Sie auch: «Sommaruga und die Macho-Mütter») Kommt dazu, dass Single-Mütter, eine wachsende sozioökonomische Gruppe in allen westlichen Ländern, gar nicht die Wahl haben, ob sie arbeiten wollen oder nicht.

Ob eine Mutter also angibt, mit ihrem Leben zufrieden zu sein, hängt davon ab, ob sie es so gestalten kann, wie sie es sich wünscht. Ob sie genug Geld verdient, ob sie die nötige Entlastung in der Kinderbetreuung bekommt, ob der Job sie befriedigt. Wieso aber werden dann immer und immer wieder berufstätige Mütter und nicht berufstätige Mütter aufeinander losgelassen?

Ablenkungsmanöver

Barbara Risman, Soziologie-Professorin an der University of Illinois in Chicago, hat einen klaren Verdacht: «Der Mütterkrieg ist so beliebt, weil er die wirklichen gesellschaftspolitischen Probleme verdeckt.» Erst dieses Frühjahr konnte man ihre These im amerikanischen Wahlkampf beispielhaft überprüfen: Damals mischte sich Präsidentschaftskandidat Mitt Romneys Frau, Mutter von fünf Kindern, in den Wahlkampf ein mit den Worten: «Ich habe noch keinen einzigen Tag in meinem Leben gearbeitet.» Eigentlich wollte sie sich als konservative rechtschaffene First Lady positionieren, deren Ambitionen das Kinderzimmer nie verlassen haben. Das ist ihr zwar gründlich misslungen, beleidigte sie doch mit der Aussage nicht nur berufstätige Mütter, sondern auch die Hausfrauen, die Kinderaufzucht durchaus als Arbeit verstanden haben wollten. Trotzdem aber hat sie es mit dem Versuch, den Mommy War in die Politdebatte einzuschleusen, geschafft, vom Abtreibungsdebakel der konservativen Republikaner abzulenken.

Und von den wirklich brennenden gesellschaftlichen Themen: dass Kinder und alte Menschen betreut werden müssen. Dass diese Arbeit anstrengend ist und viel Zeit braucht. Dass berufstätige Mütter und Väter sich diese Zeit nur nehmen können, wenn ihnen am Arbeitsplatz die nötige Flexibilität und Toleranz gewährt wird. Und dass die Wettbewerbsfähigkeit von Firmen und Staaten immer stärker davon abhängen wird, ob und wie man dieses Problem löst. Mit der Heraufbeschwörung eines Mütterkrieges, dessen Front sich längst aufgelöst hat, sicher nicht.

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Erstellt: 05.07.2012, 09:31 Uhr

«Der Mütterkrieg ist so beliebt, weil er die wirklichen gesellschaftspolitischen Probleme verdeckt»: Soziologie-Professorin Barbara Risman.

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