Neun Milliarden ernähren – aber wie?

Die intensive Landwirtschaft hat ausgedient: Viele Mittel, um den Hunger zu bekämpfen, sind denkbar einfach und von Kleinbauernbetrieben umsetzbar.

Der Lebensbaum an der Mailänder Expo. Foto: Vincenzo Lombardo (Getty Images)

Der Lebensbaum an der Mailänder Expo. Foto: Vincenzo Lombardo (Getty Images)

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Die Weltausstellung in Mailand steht unter dem Leitmotiv der Welternährung. Die Rezepte dazu widersprechen sich aber teilweise diametral. Ein Indiz dafür ist die hitzig geführte Auseinandersetzung um die Präsenz von Schweizer Konzernen wie Syngenta und Nestlé im Schweizer Pavillon. Immer mehr Fachleute sind überzeugt, dass nur ein globaler Kurswechsel der Landwirtschaft die angestrebte Ernährungssicherheit langfristig garantieren kann.

Dazu müssen auch die Konsumenten verstehen, wie sich ihr Verhalten auswirkt. Für die Gewinnung von pflanzlichen und tierischen Produkten setzt die Schweizer Landwirtschaft pro Hektare jährlich umgerechnet 1400 Liter Heizöl ein. Allein ihr Gesamtverbrauch an Dieseltreibstoff beläuft sich auf 150 Millionen Liter.

Kein Rezept für die Welt

Die industrialisierte Landwirtschaft mit ihrem enormen Aufwand an fossiler Energie, Kunstdünger, Chemikalien, importierten Futtermitteln und Medikamenten kann allerdings kein Rezept für eine langfristig tragfähige globale Nahrungsmittelversorgung sein.

Zum einen können sich die weltweit über 500 Millionen kleinbäuerlichen Betriebe, die 70 Prozent sämtlicher Nahrungsmittel produzieren, einen solchen Input mit wenigen Ausnahmen gar nicht leisten. Zum anderen zerstört dieses Doping mit der Zeit unsere Böden

Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung von 7,3 Milliarden um weitere
2 Milliarden ansteigen. Schon heute sind 900 Millionen chronisch unterernährt. Und dies, obwohl die Landwirtschaft weltweit pro Kopf und Tag mehr als doppelt so viele Kalorien erzeugt als notwendig. Folglich muss nicht noch mehr produziert werden, sondern die Verschwendung muss reduziert werden. Zudem müssen die Bäuerinnen und Bauern mit einer ökologisch nachhaltigen Landwirtschaft ökonomisch und wissensmässig unabhängiger werden.Vor diesem Hintergrund haben Weltbank und UNO einer internationalen Expertengruppe mit rund 400 Fachleuten vor gut zehn Jahren den Auftrag erteilt, wissenschaftlich zu untersuchen, wie sich die gesamte Menschheit in Zukunft möglichst nachhaltig, gesund und gerecht ernähren lässt. Ihr 2008 vorgelegter Weltagrarbericht kommt zum Schluss, dass die intensive Landwirtschaft ausgedient hat. Um Hunger und Armut zu reduzieren, brauche es vielmehr eine Stärkung der kleinbäuerlichen Nahrungsmittelproduktion sowie die Förderung lokal angepasster An­baumethoden in Kombination mit einer ökologisch ausgerichteten Agrar­forschung.

Einfache Techniken helfen

Gemäss dem Bericht sind die Kleinbauernbetriebe durchaus in der Lage, die weiterhin wachsende Bevölkerung in den Entwicklungsländern ausreichend zu ernähren. Es sind ganz einfache Techniken, die eine grosse Wirkung haben. Die Saat von robusten, dem Klima und den Böden angepassten Arten und Sorten, die von den Bauernfamilien durch Selektion von Jahr zu Jahr verbessert werden, bringen mehr Einkommen als teures Saatgut aus Europa und USA. Der Mischanbau mit Kleepflanzen und Bäumen, die dem ­Boden Nährstoffe zuführen und den Humusgehalt steigern, verschmutzen das Trinkwasser im Gegensatz zu Handelsdüngern nicht. Nützliche Insekten können auf einfachste Art in die Felder gelockt werden. Bauernfamilien vermögen viele Extrakte von einheimischen Wildpflanzen selber herstellen, um die Feldfrüchte zu stärken und vor Schaderregern zu schützen. Chemie ist meist nicht notwendig. Wie Studien belegen, lassen sich die Ernteerträge bäuerlicher Kleinbetriebe mit ökologischen Methoden um 50 bis 150 Prozent steigern.

Die Erkenntnisse des Weltagrarberichts haben viel dazu beigetragen, die Agrarökologie als wichtige Entwicklung innerhalb der UNO zu etablieren. Weil der umweltgerechte Anbau auch die Armut lindert, von der Frauen am meisten betroffen sind, sollen seine Anliegen auch zu den nachhaltigen Entwicklungszielen gehören.

Allgemein wächst der Konsens, dass die Förderung ökologischer Landbaumethoden in Entwicklungsländern wesentlich zur Ernährungssicherheit, zur Armutsbekämpfung sowie zum Schutz der natürlichen Ressourcen beitragen kann. Das stärkt die Widerstandsfähigkeit der ländlichen Bevölkerung

* Urs Niggli ist Direktor des Forschungs­instituts für biologischen Landbau.

Hans R. Herren ist Präsident des Biovision und Millennium Institute in Washington.

Erstellt: 05.05.2015, 19:02 Uhr

* Die Autoren

Urs Niggli ist Direktor des Forschungs­instituts für biologischen Landbau.

Hans R. Herren ist Präsident des Biovision und Millennium Institute in Washington.

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