Neun Mythen um Erkältungen

Laufende Nase und kratzender Hals? Welche Irrtümer über das weit verbreitete Übel kursieren und was wirklich hilft.

Ruhe ist stets ein gutes Rezept, wenn es einen erwischt hat. Foto: Aleksandr Davydov (Alamy)

Ruhe ist stets ein gutes Rezept, wenn es einen erwischt hat. Foto: Aleksandr Davydov (Alamy)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Etwa drei Viertel aller Anti­biotika werden in Arztpraxen verordnet – und rund die Hälfte dieser Antibiotika wäre gar nicht nötig», sagt Philip Tarr, Co-Chefarzt der Medizinischen Universitätsklinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital Bruderholz BL. Der häufigste Grund für solch unnötige Antibiotikaverschreibungen sind Atemwegsinfekte. Angesichts der zunehmenden Resistenzen von Bakterien sind Fachleute ­darob beunruhigt. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit pro Jahr etwa 700'000 Menschen sterben, weil sie mit antibiotikaresistenten Erregern infiziert sind. Erwartet wird, dass diese Zahl künftig massiv steigt.

Besorgniserregend sind vor allem Resistenzen gegen neuere Antibiotika sowie die Zunahme von Erregern, bei denen alle Antibiotika wirkungslos sind. Damit die wertvollen Medikamente ihre Wirksamkeit nicht verlieren, sei es wichtig, sie besonnen einzusetzen, sagt Tarr. Das gilt natürlich auch für die Patienten – auch sie sollten Bescheid wissen. Hier stellen wir neun Mythen richtig:

Mythos 1: Antibiotika helfen bei Erkältungen
Das tun sie nur in den allerwenigsten Fällen. Bei über 90 Prozent der Erkälteten sind Viren schuld am Infekt. Antibiotika helfen aber nicht gegen Viren, sondern nur gegen Bakterien. Und selbst wenn die Erkältung auf Bakterien zurückzuführen ist, bringen Antibiotika im Normalfall kaum einen Vorteil. Bei Halsweh etwa verhindern sie weder Komplikationen wie einen Abszess noch kommen Kinder damit schneller zurück in die Schule.

Mythos 2: Der Arzt kann sagen, ob Viren oder Bakterien ­dahinterstecken
Von wegen. Weder mit der körperlichen Untersuchung noch mit einfachen Laboranalysen lässt sich das sicher feststellen. Dazu brauchte es aufwendige Verfahren. Es gibt zwar den Schnelltest auf Streptokokken-Bakterien, die Scharlach verursachen können. Aber auch er hilft meist nicht weiter. Denn bis zu 30 Prozent der Kinder und jungen Erwachsenen haben solche Streptokokken im Rachen, sind aber völlig gesund. Weist der Test hingegen keine Bakterien nach, kann der Arzt Entwarnung geben. Bei Husten können Labortests und ein Röntgenbild helfen, um die 5 Prozent der Patienten zu erkennen, die eine Lungenentzündung haben. Ob sie viral oder bakteriell verursacht ist, lässt sich damit aber oft nicht bestimmen.

Mythos 3: Ein Antibiotikum verkürzt die Erkältung
Nein. Die gemeine Erkältung ­verschwindet mit oder ohne Antibiotikum gleich schnell. Bei Halsweh klingen die Beschwerden mit antibiotischer Behandlung im Durchschnitt rund 16 Stunden früher ab – dafür haben einige Betroffene anschliessend als Nebenwirkung Durchfall. Bei einer Bronchitis verschwindet der Husten mit Antibiotikum durchschnittlich einen halben Tag früher. Selbst bei der Streptokokken-Angina verkürzen Antibiotika die Erkrankung nur um ein bis zwei Tage, was als bescheiden gilt. Ein Vergleich zeigte, dass in Barcelona beispielsweise nur einer von fünf Kranken ein Antibiotikum gegen den Husten bekam, in Bratislava dagegen vier von fünf. Trotzdem wurden die Erkrankten in Bratislava nicht schneller gesund. Der Tipp von Infektiologe Philip Tarr: «72 Stunden warten. Geht es bis dahin nicht besser oder sogar schlechter, mit der Antibiotika-Einnahme beginnen. So lassen sich zwei Drittel der unnötigen Antibiotika-Behandlungen vermeiden.»

Mythos 4: Das Antibiotikum muss genommen werden, bis die Packung fertig ist
Eine weitverbreitete Meinung, aber falsch. «Die Devise bei Antibiotika lautet: Kurz und heftig», sagt Tarr. Denn jedes Antibiotikum erhöht den Selektionsdruck, das heisst, die Bakterien suchen nach Wegen, um – trotz Antibiotikum – zu überleben. Im Körper tummeln sich Abermillionen verschiedener Bakterien. Je länger das Antibiotikum eingenommen wird, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es einzelnen davon gelingt, ihm zu trotzen. Auch wenn die Antibiotika-Dosis zu niedrig ist, passiert dies eher.

Mythos 5: Ein Antibiotikum schadet nicht
Irrtum. Antibiotika haben Nebenwirkungen, vom unangenehmen Durchfall bis hin zu schweren Darminfektionen mit einem Erreger namens Clostridium difficile. Er breitet sich aus, wenn das «Ökosystem» im Darm durch eine antibiotische Behandlung durcheinandergebracht wurde. «Nach der Penicillin-Einnahme dauert es etwa zwei Wochen, bis sich die bakterielle Mikro­-flora im Körper wieder erholt hat. Grösser sind die ökologischen Kollateralschäden zum Beispiel bei der Behandlung mit einem sogenannten Chinolon wie ­Norfloxacin, das oft bei Blasenentzündungen eingesetzt wird», sagt Tarr.

Mythos 6: Nach einer Erkältung ist man eine Weile immun
Vergessen Sie es. Es gibt so viele Arten von Viren, dass immer irgendeiner «durchkommt». Etwa die Hälfte der Erkältungen wird durch Rhinoviren verursacht. ­Allein von ihnen gibt es über 100 verschiedene Typen. Immun wird man immer nur gegen den einen, der einen gerade befallen hat – nicht aber gegen alle anderen. Und nebst diesen Rhinoviren grassieren noch Coronaviren, Adenoviren, Grippeviren, Parainfluenzaviren und, und, und. Folgt also auf eine Erkältung rasch die nächste, liegt es meist daran, dass ein anderes Virus «zugeschlagen» hat.

Mythos 7: Eine Erkältung ist nach einer Woche abgeklungen
Ein Schnupfen dauert ohne Behandlung sieben Tage und mit Behandlung eine Woche, lautet ein Bonmot – es ist Quatsch. Husten oder Schnupfen können durchaus einmal vier Wochen anhalten. In einer Studie mit Kindern hatte mehr als jedes vierte nach zehn Tagen immer noch Erkältungssymptome. «Es ist wichtig, dass Betroffene das wissen, damit sie nicht beunruhigt sind, wenn der Husten nach zwei Wochen noch nicht weg ist», sagt Tarr. Halsweh klinge meist innerhalb von vier bis sieben Tagen ab. «Wenn es länger dauert, sollte man ans Pfeiffersche Drüsenfieber oder an eine HIV-Infektion denken.»

Mythos 8: Wer öfter als dreimal pro Winter erkältet ist, hat ein schwaches Immunsystem
Nicht zwingend. Die durchschnittliche Anzahl Infekte hängt mit dem Alter zusammen: Kinder unter zwei Jahren husten oder schniefen vier- bis zehnmal pro Jahr. Bis zu 13 Atemwegs­infekte gelten noch als normal, wenn das Kind die Krippe besucht. Erwachsene haben meist ein bis fünf Erkältungen pro Jahr. Solche mit Kontakt zu Kindern sind meist öfter erkältet als jene, die keine Kinder um sich haben. Denn kranke Kleinkinder scheiden mehr und auch länger Viren aus als Erwachsene.

Mythos 9: Die Grippeimpfung schützt vor Erkältungen
Falsch. Sie schützt nur gegen die echte Grippe – und zwar gegen jene Virentypen, die für die Impfung auserkoren wurden. Insgesamt wirkt die Grippeimpfung leider relativ schlecht, vor allem bei den älteren Menschen. Mediziner setzen deshalb nun verstärkt auf die Kinder. Erstens schlägt die Impfung bei ihnen besser an, zweitens sind sie viel grössere «Virenschleudern» als Erwachsene. Schätzungen zufolge würde die Rate an grippekranken Senioren (und auch ihre Sterblichkeit an Grippe) um 70 Prozent sinken, wenn 40 Prozent der Schulkinder gegen Grippe geimpft wären.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.10.2018, 10:22 Uhr

Artikel zum Thema

Vitamin D ist doch kein Wundermittel gegen Erkältungen

Eine neue Untersuchung räumt mit dem Mythos der heilenden Wirkung von Vitamin D auf. Um die Abwehrkräfte in Schwung zu halten, helfen vielmehr altbewährte Methoden. Mehr...

«Von der Erkältung bis zur Herztransplantation ists nicht weit»

SonntagsZeitung Andreas Wenderoth fürchtet sich vor Krankheiten und hat ein Buch darüber geschrieben – auch, um Frauen mit hypochondrischen Partnern ein Denkmal zu setzen. Mehr...

So gross ist die Ansteckungsgefahr im Flugzeug

Ein paar Stunden im Flugzeug und schon eine Erkältung eingefangen. Eine Studie hat untersucht, wie wahrscheinlich das ist. Mehr...

So beugen Sie Erkältungen vor

Mit ein paar Verhaltensregeln lässt sich das Ansteckungsrisiko deutlich senken:

Hände waschen: Keine andere Methode beugt so wirkungsvoll vor. Denn mehr als die Hälfte der Erkältungen wird über die Hände übertragen. Wer krank ist und andere schützen will, niest und hustet am besten in die Ellbeuge.

Genug schlafen: In einem Experiment bekamen die Versuchs­personen Erkältungsviren in die Nase. Von denen, die weniger als sechs Stunden pro Nacht schliefen, erkrankten mehr als unter denen mit sieben Stunden Schlaf.

Gurgeln: Dreimal täglich mit zwanzig Milliliter Wasser für 15 Sekunden gurgeln – das senkt das Risiko für eine Erkältung im Winter um 36 Prozent.

Immunsystem stärken : Wer seinem Immunsystem Gutes tun will, sollte sich regelmässig an der frischen Luft bewegen, viel lachen, sich ausgewogen ernähren mit frischem Gemüse und Obst und eine vernünftige Menge Sonnenlicht tanken. Rauchen ist kontraproduktiv.

Vitamin C : Das Vitamin beugt Erkältungen nicht vor – mit einer Ausnahme: Bei Marathonläufern und anderen körperlich geforderten Personen sank die Häufigkeit von Erkältungen um die Hälfte.

Ist die Erkältung bereits ausge­brochen, ist Ruhe angesagt und genügend trinken. Bei verstopfter Nase kann ein Spray helfen (maximal eine Woche anwenden). Honig und gewisse Heilpflanzen wie Efeu-, Primel- und Thymianpräparate können gegen Husten helfen. Lutschtabletten mit Zink verkürzen die Erkältungsdauer ebenfalls etwas. Halten Fieber, Ohren- und Halsweh länger als 72 Stunden an oder verschlimmern sich sogar, sollte man zum Arzt gehen. (mfr)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Mamablog Schluss mit dem «Schämi-Egge»!
Sweet Home 10 sommerliche Kochtricks

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Das erste Weisshandgibbon Baby des Skopje Zoos steht in seinem Gehäge neben seiner Mutter. (20. Mai 2019)
(Bild: Robert Atanasovski) Mehr...