Nicht Islamismus – sondern Sexlamismus

Die Erniedrigung der Frau gehört zu den Wurzeln radikalislamistischer Bewegungen. Die Terrorbekämpfung muss darauf Rücksicht nehmen.

Sexismus ist die Basis des IS: Die IS-Flagge in einem Flüchtlingscamp bei Sidon. Foto: Ali Hashisho (Reuters)

Sexismus ist die Basis des IS: Die IS-Flagge in einem Flüchtlingscamp bei Sidon. Foto: Ali Hashisho (Reuters)

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Es ist die Zeit der Monster. Erregte, zornige, machtgeile Männer beherrschten die Bilder und Schlagzeilen der letzten Tage, Wochen, Monate. Sie formen Lynchmobs, schiessen in Cafés und Discos um sich, fahren mit Lastwagen in Menschenmengen oder amüsieren sich mit Massenvergewaltigungen. Warum begehen Männer, die nicht im klinischen Sinne wahnsinnig sind, solche Gräueltaten?

Ein toxischer Männlichkeitskult, im Westen längst überwunden geglaubt, ist eine der Grundursachen für diese Tendenzen. Noch wird diskutiert, ob die Attentäter von Orlando, Nizza und Würzburg verwirrte Einzeltäter oder vom Islamischen Staat gesteuerte Terroristen waren. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich in kürzester Zeit radikalisiert haben. Gemeinsam ist ihnen auch ihr gestörtes Verhältnis zu Frauen. Bevor die Attentäter von Orlando und Nizza wahllos Menschen töteten, verprügelten sie zu Hause ihre Ehefrauen. Verachtung für alles Weibliche und sexuelle Gewalt finden sich in vielen Biografien von Attentätern der letzten Jahre, individual­psychologisch bei den einsamen Wölfen, institutionell bei den IS-Kämpfern.

Institutionalisierter Sexismus und Frauenhass ist radikalislamischen Bewegungen wie die al-Qaida, IS, Boko Haram oder den Taliban gemeinsam, ihr Weltbild gründet darauf. Die eigenen Frauen werden kontrolliert und schikaniert, fremde Frauen versklavt. Im konservativen Islam werden Männer überhöht, und die Frauen haben sich ihnen zu unterwerfen – so wie die Ungläubigen sich den islamistischen Kämpfern unterwerfen müssen, wenn sie am Leben bleiben wollen. In ihrem Hass auf Frauen versteckt sich ein Hass auf das Leben überhaupt.

Sexsklavinnen und Pornos

Nach jedem islamistischen Terroranschlag wird die Frage laut, wie viel das mit dem Islam zu tun habe. Die Rechten sehen in jedem Muslim einen Terroristen – die Linken streiten den Zusammenhang oft rundweg ab. Beides ist falsch. Richtig ist, dass die Gewalt in einer ganz spezifischen, konservativen und sexistischen Interpretation des Islam wurzelt.

Verschiedene muslimische Autorinnen sehen im tief verwurzeltem Sexismus jener Islaminterpretation die Wurzel allen Übels. Zu ihnen gehört Namia Akhtar, Forscherin beim Thinktank «Bangladesh Enterprise». Man solle Terrorgruppen wie den IS oder Boko Haram nicht islamistisch, sondern sexlamistisch nennen, schreibt sie. Denn ihr zentrales und verbindendes Element seien Sexismus und sexuelle Gewalt.

Es beginnt schon bei der Rekrutierung der Kämpfer. Der IS verspricht neuen Kämpfern Ehefrauen und Sexsklavinnen. Dazu verkauft er jesidische Frauen auf dem Sklavenmarkt, wo sie nackt ausgestellt werden und der Preis sich nach ihrer körperlichen Schönheit richtet. Pornografie ist unter IS-Kämpfern und ihren Führern weit verbreitet. Sie kommunizieren über Pornowebsites – auch beim getöteten Osama Bin Laden fand man eine ansehnliche Sammlung. Märtyrer sollen im Paradies auf Jungfrauen treffen – ausser sie werden von einer Frau getötet. Die Kurden haben aus diesem Grund begonnen, eigens Frauenbrigaden aufzustellen. Namia Akhtar fordert deshalb auch, dass man mehr Frauen in den Antiterroreinheiten einbinden müsse, ebenso in aussenpolitischen Gremien westlicher Länder, die mit dem Nahen Osten zu tun haben.

Sadomasochismus als Ursache

Die israelische Psychoanalytikerin und Antiterrorexpertin Nancy Hartevelt Kobrin geht noch weiter. Sie diagnostiziert Sadomasochismus als psychologische Ursache des islamistischen Terrors. Sadomasochisten quälen andere, um Gewalt, Macht und Kontrolle über sie zu haben. Unfähig zu echten Beziehungen, empfinden sie nur dann Intimität mit anderen, wenn sie Todesangst und die Bereitschaft zur Unterwerfung in ihren Gesichtern sehen. Das Versprechen, ihre sadomasochistischen Neigungen befriedigen zu können, sei der wahre Grund, warum die IS-­Ideologie für so viele junge Menschen, auch aus dem Westen, so attraktiv sei. Doch das ist in­akzeptabel.

Dies sollten sich jene kultursensiblen Linken in Erinnerung rufen, die vor Kritik am konservativen Islam zurückscheuen, weil es ihnen als Eingriff in Traditionen erscheint, gewaltsame Erziehungsformen oder das Frauenbild infrage zu stellen. Dabei ist es ein Gebot der Vernunft. Es sollte auch ein Kompass sein für die Rechten, die das Thema Gleichstellung nur dann entdecken, wenn es um andere Kulturen geht. Oder es ihnen für ihre Zwecke nützt.

Für jede Gesellschaft sind Bedeutung und Wertschätzung der Frau und ihrer Rolle ein Indikator für Stabilität und wirtschaftlichen Erfolg, so wie sich auch der Charakter eines Mannes darin zeigt, wie er Frauen behandelt. Eine Kultur, die Frauen geringschätzt, ist defizitär und anfällig für Gewalt. Egal, zu welcher Ideologie sie sich bekennt.

Erstellt: 20.07.2016, 19:16 Uhr

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