«Nie mit Verhandeln aufhören»

Wie man eine Scheidung plant, welche Tricks es gibt und wie man verhindert, dass es dazu kommt, sagt Scheidungsanwältin Gabriela van Huisseling.

Gabriela van Huisseling in ihrer Kanzlei in Zürich-Tiefenbrunnen. Foto: Urs Jaudas

Gabriela van Huisseling in ihrer Kanzlei in Zürich-Tiefenbrunnen. Foto: Urs Jaudas

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Sie sind seit zwanzig Jahren Scheidungsanwältin. Wer will häufiger die Scheidung, sie oder er?
Jeder Scheidung geht ja eine Trennung voraus. Typischerweise initiieren diese die Frauen. Oft verabschieden sie sich schleichend und von den Männern unbemerkt aus der Beziehung. Oft sind diese dann schockiert, wenn ihnen der Trennungswunsch eröffnet wird. Haben die Männer sich dann aber mit der Situation arrangiert, wollen sie häufig Nägel mit Köpfen machen. Letztlich reichen sie dann oft die Scheidung ein. Auch aus finanziellen Gründen.

Wie meinen Sie das?
Ist er der Hauptverdiener, ist ein zügiges Verfahren für ihn vorteilhafter. Während bestehender Ehe gibt es Unterhaltspflichten, der Mehrverdiener zahlt zudem mehr in die Pensionskasse ein.

Wie plant man eine Scheidung?
Das ist nicht immer möglich. Wenn sie zum Beispiel auf seinem Handy Hinweise auf eine Parallelbeziehung findet und ihn rausschmeisst, dann kann sie sich nicht gross darauf vorbereiten. Eine Beratung lohnt sich aber, wenn man sich mit dem Gedanken an eine Scheidung trägt. Denn Gerichte stützen gerade bei Unterhaltsberechnungen auf den vor der Trennung gelebten Lebensstandard ab. Da kann man sich schon vorbereiten.

Etwa indem man langfristig planend den Lebensstandard schon ein Jahr vor der Trennung hochjasst?
Absolut! Das wird auch so gemacht. Ich hatte schon Fälle, da kam der Mann und sagte: «Meine Frau lässt die Kreditkarte heisslaufen, macht mehr Ferien als sonst, kauft teure Kleider, macht Botoxbehandlungen – ich glaube, sie plant eine Trennung.» Das zu beweisen, ist allerdings schwierig.

Was soll man in einem solchen Fall tun?
Auf keinen Fall einfach schweigend zuschauen. Auch hier: Man sollte nie aufhören, zu verhandeln, und im Notfall einen Riegel vorschieben.

Für das Einkommen sind oft die Männer zuständig – wie bereiten sie sich vor?
Männer reduzieren oft ihr Einkommen, gelegentlich sieht man fast schon kriminelles Wegschaffen von Vermögenswerten oder Kamikaze-Strategien, dass sie ihre Firma in Konkurs gehen lassen und nach Thailand auswandern. Alles, um den Frauen nichts zahlen zu müssen.

Was sind die häufigsten Gründe für eine Scheidung?
Es gibt verschiedene Kategorien. Fremdgehen ist ein Klassiker. Manchmal zerbricht die Ehe schon nach dem ersten Kind. Oft leben sich die Paare auch einfach auseinander.

Was würden Sie Ehewilligen raten?
In einer Ehe muss man sich über die Grundlagen des Zusammenlebens absprechen: wie die Kinder betreut werden, wer sich wie an der Haushaltarbeit beteiligt und in welchem Umfang mit seinem Einkommen zur Finanzierung beiträgt. Denn im Falle einer Scheidung orientieren sich die Gerichte am effektiv gelebten Modell. Der zweite Tipp: Spätestens, wenn man zu Geld kommt, gut verdient, Erbvorbezüge macht, eine Firma gründet, lohnt sich eine Beratung.

Können Sie ein Beispiel geben?
Ein Paar heiratet mit Ende zwanzig; beide haben abgeschlossene Berufsausbildungen. Mit Anfang 30 kommt das erste Kind, mit Mitte 30 kaufen sie ein Haus mit einem Erbvorbezug der Ehegattin und Geld aus seiner Pensionskasse, dazu nehmen sie noch eine Hypothek auf. Es folgt ein zweites Kind, sie hört auf, zu arbeiten, um sich um Haus und Kind zu kümmern. Er macht weiter Karriere, übernimmt vielleicht die Firma des Vaters und baut sie erfolgreich aus. Ende 40 verändern sich die Interessen, sie hat nicht mehr so viel zu tun zu Hause, macht einen Kurs als Yogalehrerin, besinnt sich, entdeckt ihre spirituelle Ader – und will sich trennen. Oder, um bei den Klischees zu bleiben, er verliebt sich in die jüngere Sekretärin, spürt den Frühling, will noch einmal neu anfangen. In solchen Situa­tionen kann es im Falle eine Scheidung sehr viele Problemstellungen geben.

Reden denn die Leute vor der Ehe über solche Dinge?
Die meisten konzentrieren sich sehr stark auf die Hochzeit, das Fest – und nicht auf solche unsexy Themen wie die Zukunft. Ganz generell staune ich, wie wenig den Leuten bewusst ist, dass die Ehe ein Vertrag mit weitreichenden Konsequenzen ist. Natürlich ist es unromantisch, aber bei jedem anderen Vertrag prüft man ja auch das Kleingedruckte.

Wann wird am heftigsten gekämpft?
Gestritten wird immer wegen Gefühlen, Kränkungen, Wut, Rachegefühlen. Oder Angst: Existenzängsten, Angst, die Kinder zu verlieren. Die Frau, die nur Teilzeit gearbeitet und mit dem Yogastudio nicht viel verdienen kann, hat vielleicht grosse Existenzängste. Oder der Mann fürchtet um die Firma, die er als sein Lebenswerk betrachtet und vielleicht verkaufen muss, um sich die Scheidung leisten zu können. Da sind viele Gefühle im Spiel, daraus kann schnell Chaos und Streit entstehen. Auch gute oder gut gemeinte Gesetze und Regelungen können das nicht verhindern.

Ist man als Scheidungsanwältin auch so etwas wie eine Psychologin?
Jeder Klient, jede Klientin hat aus ihrer Sicht berechtigte Gründe, warum sie kämpfen will; das muss man verstehen und sich für die Klienten einsetzen. Gleichzeitig muss man die Sache aber auch objektivieren und die Klienten so beraten und vertreten können, dass sie sich in ihren Emotionen nicht verrennen. Wenn jemand emotional völlig am Rand ist, keinen klaren Gedanken fassen kann, der zu einer sinnvollen Lösung führen würde, schicke ich diese Person zum Psychologen.

Auch die umsichtigsten Regeln verhindern einen Streit nicht.

Was haben Sie als Scheidungsanwältin über die Menschen gelernt?
Dass sich ein und derselbe Sachverhalt aus unterschiedlichen Perspektiven anders darstellen kann. Das heisst, jede Perspektive ist relativ. Ich habe auch gelernt, dass eine Scheidung Zeit braucht. Trennung ist ein Prozess, passiert also nicht von heute auf morgen. Manchmal muss man zuerst Zeit verstreichen lassen und dafür sorgen, dass nicht allzu viel Geschirr zu Bruch geht, und warten, bis die Zeit reif ist für konstruktive Vorschläge.

Was heisst das konkret im Berufsalltag?
Anfangs hatte ich die Idealvorstellung, jeden Fall rasch gütlich einigen zu können. Aber ich musste lernen, dass das nicht immer möglich ist. Eine gute Lösung braucht etwas Zeit, und für eine Einigung braucht es Kompromissbereitschaft. Manche Paare brauchen auch den vor Gericht ausgetragenen Konflikt. Sie wollen das Urteil einer externen Instanz, schwarz auf weiss, auch wenn es objektiv nicht immer die beste Lösung ist.

Was hat sich in den letzten 20 Jahren in Ihrem Fach am meisten verändert?
Das Rollenbild von Mann und Frau. Wir haben heute öfter Scheidungen von Personen, die in einem partnerschaftlichen Modell gelebt haben, oder Fälle mit umgekehrter Rollenverteilung, wenn die Frau das Geld heimbringt und er Hausmann ist. Allerdings sind das immer noch Ausnahmen. Wenn Kinder da sind, verdient meistens der Mann das Geld und die Frauen stecken beruflich zurück.

Wie lange dauerte Ihr längstes Scheidungsverfahren?
Ungefähr acht Jahre lang. Aber es gibt Verfahren, die noch länger laufen. Wenn die Leute streiten wollen, finden sie immer einen Grund.

Trifft das Klischee vom Mann, der nach der Scheidung in einer Einzimmerwohnung lebt, um ihr den Lebensstandard zu finanzieren, zu?
Wenn die Einkommensverhältnisse einer Familie schon zuvor knapp waren, dann kann man mit demselben Geld natürlich unmöglich zwei Haushalte auf diesem Niveau finanzieren. Dabei ist der Unterhaltspflichtige in der Regel im Nachteil, weil er oft nur Anspruch auf ein Existenzminimum hat. Alles, was darüber geht, bekommen Frau und allenfalls Kinder.

Ist das auch bei Ehen ohne Kinder der Fall?
Wenn die Ehe lebensprägend war, gibt es Anspruch auf Unterhalt. Das heisst, wenn sie mehr als zehn Jahre dauerte oder Kinder daraus hervorgingen. Wenn das Paar kinderlos blieb, sie aber trotzdem nicht gearbeitet hat und er sie darin unterstützte, dann wird er nach einer langen Ehe auch für ihren Unterhalt aufkommen müssen. Wenn beide gearbeitet haben oder die Ehe nur kurz gedauert hat, dann nicht. Deshalb ist es im Interesse aller Männer, ihre Frauen zu unterstützen, wenn diese arbeiten und beruflich weiterkommen wollen.

Dann ist das partnerschaftliche Modell einfacher zu scheiden?
Es zu leben, ist sicher sehr schwierig, weil es den Beteiligten sehr viel Organisationstalent abverlangt. Im Fall einer Scheidung aber sind es gute Voraussetzungen, wenn beide den Fuss im Beruf haben, beide Kontakt zu den Kindern und beide ähnliche Chancen auf ein gutes Einkommen.

Seit 2014 gibt es die gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall: Was hat das geändert?
Die gemeinsame elterliche Sorge ist richtig, aber sie weckt falsche Erwartungen, nämlich, dass die gemeinsame Sorge auch gleiche Nähe zum Kind garantiert. Und das kann diese Regel nicht leisten. Es ist ganz einfach: Wer eine Beziehung zum Kind will, muss mit ihm Zeit verbringen, und zwar nicht erst, wenn die Trennung schon realisiert ist, sondern von Anfang an. Dazu muss man bereit sein, persönlich und beruflich zurückzustecken.

Also ist die gemeinsame elterliche Sorge nur ein Scheinzugeständnis?
Das auch nicht. Aber sie besagt nur, dass man wichtige Entscheidungen gemeinsam treffen muss, etwa, welche Schule das Kind besucht und wo es wohnt. Die Frage, wer das Kind betreut und mit wem es eine Beziehung hat, ist damit nicht geklärt. Deshalb wird heute um die Obhut verbissen gestritten, wie früher ums Sorgerecht.

Manipulieren Mütter ihre Kinder, um den Vätern die Beziehung zu verweigern?
Manipulation ist sehr negativ behaftet, es geht letztlich um Beziehung und Einfluss. Wenn ein Mann als Banker Karriere macht und nebenher verbissen Triathlon trainiert, während die Frau zu den Kindern schaut, dann wird die Mutter die Obhut für die Kinder bekommen und de facto einen grösseren Einfluss auf das Kind haben.

Und wie wird der Streit um die Obhut vor Gericht geregelt?
Die Gerichte haben einen grossen Spielraum. Wer vorher viel betreut hat, dies auch nach der Scheidung will, dazu in der Lage ist und in der Nähe wohnt, kann heute eine geteilte Obhut erwarten. Aber oft sieht man ein Gerangel von Vätern, die bis zur Trennung voll gearbeitet haben und das Kind erst nachher mehr betreuen wollen. In solchen Fällen kommt es stark auf die Person des Richters an, ob zugunsten des alten Modells oder des Mannes entschieden wird.

Früher gab es die Regel, dass Mütter erst wieder voll arbeiten müssen, wenn das jüngste Kind 16 ist. Was halten Sie davon?
Diese Regel ist umstritten und wird nicht nur kantonal, sondern je nach Richter unterschiedlich gehandhabt, was zu grosser Rechtsunsicherheit führt. In einigen Kantonen richtet man sich in dieser Frage zum Beispiel nach den Schulstufen. Die Richtlinien des Obergerichts des Kantons Zürich halten an der 10/16 Regel fest – was nicht heisst, dass das alle Richter im Kanton befolgen. Ich empfehle generell den Frauen, nach Möglichkeit in den Beruf zurückzukehren, auch wenn dies juristisch, im Hinblick auf die Scheidung, nicht der beste Rat ist, worauf ich hinweise. Meine Erfahrung ist, dass die Zufriedenheit am Ende des Tages grösser ist, wenn man sein eigenes Geld verdient.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2018, 20:13 Uhr

Gabriela van Huisseling

Scheidungsanwältin

Scheidungsanwälte sind in der «Hackordnung der Anwälte» eher weniger angesehen. Trotzdem berät Gabriela van Huisseling mit Leidenschaft Männer und Frauen in Scheidungsverfahren. Die 48-Jährige lebt in Zürich, ist selbst geschieden und Mutter einer Tochter.

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