«Niemand überlebt die Liebe unbeschadet»

Die Anthropologin Helen Fisher erforscht das Hirn von Menschen, die Liebeskummer haben. Verliebtheit, sagt sie, sei keine Emotion.

«Leidenschaftliche Verliebtheit ist wie eine Sucht, Liebeskummer wie ein Drogenentzug», sagt Helen Fisher. Foto: Sabina Bobst

«Leidenschaftliche Verliebtheit ist wie eine Sucht, Liebeskummer wie ein Drogenentzug», sagt Helen Fisher. Foto: Sabina Bobst

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Sie stecken Menschen mit akutem Liebeskummer in einen Computertomografen, um deren Hirn zu erforschen. Warum?
In meinem ersten Buch schrieb ich über die Ehe und darüber, warum wir Paarbindungen eingehen. Danach schrieb ich über Scheidungen. Und irgendwann, als ich nachts unterwegs war, dachte ich plötzlich: Vielleicht haben wir drei verschiedene Hirnsysteme für die Liebe entwickelt – eines für sexuelle Anziehung, eines für romantische Liebe und eines für Bindung. Und vielleicht wäre im Hirn zu erkennen, was Verliebtsein bedeutet.

Wie sind Sie vorgegangen?
Das Hirn der frisch verliebten Probanden musste einem Reiz ausgesetzt werden, der mit romantischer Liebe verbunden ist. Damals, 2001, war das ganz neu. Sie sollten im Scanner zwei Fotos anschauen: ein Porträt der geliebten Person und ein Bild von jemandem desselben Alters und Geschlechts, das keine besonderen Gefühle auslöste. Damit die verliebten Gefühle sich nicht auf das neutrale Bild übertragen, wurde eine Aufgabe zur Ablenkung dazwischengeschoben, sodass das Hirn sich gewissermassen abkühlen konnte.

Und wie sind Sie zu verwertbaren Resultaten gekommen?
Das Experiment dauerte 12 Minuten, ohne Vorbereitung und Interview. Der verliebte Mensch lag in der Maschine, über seinen Augen war ein Spiegel angebracht, auf den wir die Kamera richteten. Die Probanden schauten 30 Sekunden auf das Bild der geliebten Person, zählten dann 30 Sekunden lang rückwärts in Siebnerschritten – das ist auch für verliebte Mathematiker eine Herausforderung – und schauten dann ein neutrales Bild 30 Sekunden lang an. Danach legten wir die Hirnscans des positiven Bildes auf die Scans des neutralen Bildes, filterten das Gemeinsame heraus und hatten vor uns: the Brain in Love – das verliebte Hirn. Es war wunderschön!

Was haben Sie erkannt?
Die romantische Liebe bzw. die leidenschaftliche Verliebtheit ist keine Emotion! Natürlich sind viele Gefühle involviert – aber das Verlieben ist ein Trieb, entstanden vor Millionen von Jahren.

Hilft das, den eigenen Liebeskummer zu verstehen?
Nun, man kann sich entspannen und sagen: Was immer mit mir gerade geschieht – es ist normal. Es ist normal, nicht normal zu sein, wenn man verliebt ist. Es ist normal, dass man nicht essen oder nicht schlafen kann. Es ist normal, dass man nicht aufhören kann, an den geliebten Menschen zu denken, dass man sich bei der Arbeit nicht konzentrieren kann oder sogar vergisst, die Katze zu füttern.

Man müsste also gar keine Angst davor haben, sich zu verlieben?
Oh doch! Es gibt nicht umsonst Verbrechen aus Leidenschaft. Menschen leben für die Liebe, ertragen Schmerzen aus Liebe, morden und sterben aus Liebe. Leidenschaftliche Liebe ist eines der stärksten Hirnsysteme, die das menschliche Tier entwickelt hat: im Guten wie im Schlechten. Die Liebe bringt die grösste Freude und den grössten Schmerz.

Im Dokumentarfilm «Sleepless in New York» sagen Sie: Verliebt zu sein, ist etwas vom Schönsten – bis es vorbei ist. Wie haben Sie Menschen mit akutem Liebeskummer für einen Hirnscan gewonnen?
Wir haben Flyer an der Universität ausgehängt, und ich habe Menschen angesprochen. Man findet überall Männer und Frauen, die soeben verlassen wurden . . . Einige von ihnen wollten auch unbedingt reden.

Liebeskummer ist eine körperliche Erfahrung, wie auch der Film von Christian Frei zeigt. Warum?
Liebeskummer ist körperlicher Schmerz! Es gibt Menschen, die sich nur noch im Bett wälzen und sich nicht mehr aufraffen können. Leidenschaftliche Verliebtheit ist wie eine Sucht. Und der Liebeskummer ist wie ein Drogenentzug. Genau das wollte ich nachweisen. Wir haben Aktivitäten in einer Hirnregion gefunden, die mit allen Süchten verbunden ist, egal, wie die Droge heisst: Kokain, Morphium, Heroin, Nikotin, Alkohol, Spielsucht, Sexsucht. Das Suchtzentrum ist mit dem Dopaminsystem verbunden, das wir auch Belohnungszentrum nennen.

Haben wir eine Wahl, zu entkommen?
Nicht wirklich. Es gibt Menschen, die nach einer schmerzhaften Erfahrung dermassen am Boden zerstört sind, dass sie der Liebe ausweichen. Aber das Hirn ist wie eine schlafende Katze, die jederzeit aufspringen kann. Das System kann innert Minuten entfesselt werden. Die grosse Mehrheit von uns verliebt sich immer wieder, mindestens drei- bis viermal im Leben.

Verlieben sich Frauen und Männer verschieden? Und ist ihr Liebeskummer derselbe?
Es sind bei beiden dieselben Hirnregionen aktiv, wenn sie frisch verliebt sind. Die Liebe trifft Männer und Frauen genau gleich. Der Liebeskummer auch. Es ist wie mit der Angst, jedenfalls was das Hirn angeht. Aber wie jemand das Verliebtsein oder den Liebeskummer lebt und ausdrückt, kann verschieden sein, auch kulturell. Die Kultur beeinflusst das Verhalten, nicht die Gefühle.

Überwindet man den Liebeskummer schneller, wenn man den Kontakt zum Objekt der Begierde kappt?
Ja, man muss Liebeskummer wie eine Sucht behandeln, von der man loskommen will. Das heisst: Man muss einen grossen Bogen um die Droge machen. Kein Kontakt, keine Briefe schreiben, keine alten Briefe lesen oder Fotos anschauen, nicht anrufen. Pause. Break. Man sollte mit Freunden ausgehen und andere Dinge tun. Dann hilft einem die Zeit. Zeit heilt. Das haben wir bewiesen.

Das ist eine gute Nachricht!
Ja, wir freuen uns alle, das zu hören! Die Hirnregion, die mit Bindung zu tun hat, ist sehr aktiv, wenn man gerade zurückgewiesen oder verlassen wurde. Aber je weiter wir uns vom Moment der Trennung entfernen, desto geringer wird diese Bindungsaktivität.

Wie mit einer Fremdsprache, die man einmal gelernt hat: Was man nicht benützt, geht verloren?
Genau! Wenn Sie das Trinken aufgeben wollen, behalten Sie ja auch keine Wodkaflasche im Schreibtisch. Wenn Sie einen Menschen aufgeben wollen, müssen Sie, was Sie mit ihm verbindet, eine Weile ausser Reichweite schaffen. Denn jedes Mal, wenn Sie sein Bild anschauen, retraumatisieren Sie sich. Wenn Sie irgendwo per Zufall sein Parfüm riechen, macht es Boom!, und Ihr Hirn geht zurück auf Feld eins.

Es wäre also weise, alles in eine Kiste zu stecken und wegzuschliessen. Wenn man alles fortwirft, geht ja sonst auch ein Teil des Lebens verloren . . .
Tun Sie, was auch immer für Sie funktioniert. Manche sind so wütend, dass sie alles zerstören müssen. Das nennt man Trennungs- oder Verlassenheitsagression. Sie hilft, Distanz zu gewinnen und die Gefühle zu unterbrechen. Im Film von Christian Frei steigert sich eine Frau in diese Wut hinein, während ein Mann genau das Gegenteil tut und sich dabei noch fragt, weshalb er nicht einmal wütend wird. Er steht nächtelang vor dem Haus seiner verlorenen Liebe.

Was ist mit der Zukunft der Liebe? Wird sich daran je etwas ändern?
In einer Million Jahren wird die Liebe immer noch dasselbe sein wie heute, jedenfalls, was das Hirn angeht. Wir werden in tausend Jahren ja auch immer noch hungrig und durstig sein. Wir sind ein Tier, jedenfalls in gewissen Hirn­regionen. Aber je mehr wir lernen, desto mehr Handlungsoptionen gewinnen wir. Nach einer schmerzhaften Erfahrung können wir uns bei einer neuen Begegnung anders verhalten. Oder rechtzeitig davonrennen! (lacht) Wir lernen von Schmerz zu Schmerz.

Hat Davonrennen denn einen Sinn?
Manche tun es. Jeder geht anders damit um. Ich bin optimistisch. Wir leben in einer Zeit, in der es uns möglich ist, zu sein, wer wir wirklich sind, und Beziehungen so zu leben, wie wir sie uns wünschen. In Bezug auf die Liebe und auf Beziehungen sind wir doch endlich viel entspannter geworden. Früher gab es nur eine zulässige Form von Beziehung für alle. Heute sind wir freier. Und das ist gut so.

Sollten wir das mehr schätzen? Wir sprechen immer noch von gescheiterter Ehe, wenn zwei Menschen sich trennen . . .
Es wird sehr negativ gesehen, zu negativ. Klar, eine Trennung ist nie nur eine gute Sache. Scheidung ist hart. Enttäuschte Liebe ist hart. Aber das war es immer! Immerhin können wir heute aus schlechten Verbindungen aussteigen und versuchen, es besser zu machen. Und wir können der Liebe in jedem Alter eine Chance geben.

Wird die Liebe besser, wenn wir älter werden?
Ich habe die Liebe immer geliebt. Aber als junge Frau fand ich es sehr schwierig . . . Meine Dissertation habe ich über die Entwicklung der Kernfamilie geschrieben. Liebe, Sex, Bindung und Familie haben mich schon immer interessiert. Was ich als Anthropologin weiss, hat für mich aber das Mysterium des Verliebens nicht ruiniert. Allerdings: Niemand übersteht die Liebe unbeschadet! Ich wurde auch verlassen und erlebte Zeiten von überwältigendem Schmerz. Jetzt bin ich 69 Jahre alt, Sing­le und hoffe sehr, mich bald noch einmal zu verlieben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2014, 07:40 Uhr

Helen Fisher

Den Liebestaumel analysiert

Die 69-Jährige zählt zu den renommiertesten Anthropologen weltweit. «The Brain in Love» steht seit über 30 Jahren im Zentrum ihrer Forschung und ihrer Publikationen (auf Deutsch zuletzt: «Warum es funkt – und wenn ja, bei wem»). Helen Fisher ist Professorin an der Rutgers University in New Jersey (USA): www.helenfisher.com

Der Dokumentarfilm «Sleepless in New York» des preisgekrönten Schweizer Filmers Christian Frei («War Photographer», «Space Tourists») mit Helen Fisher als Protagonistin läuft ab 16. Oktober im Kino Houdini in Zürich: www.sleepless-in-new-york.com

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