«Nun habe ich endlich genug Wasser»

Er wuchs in Bethlehem im Flüchtlingscamp auf. Heute ist Basil Zboun (28) einer der erfolgreichsten Arabischlehrer der Region.

«Ich arbeite hart, das war schon immer so»: Basil Zboun, 28, Arabischlehrer und Ingenieur. Foto: Privat

«Ich arbeite hart, das war schon immer so»: Basil Zboun, 28, Arabischlehrer und Ingenieur. Foto: Privat

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Das Flüchtlingscamp in Bethlehem sieht ganz anders aus, als man sich das in Europa wahrscheinlich vorstellt. Da stehen keine Zelte mehr – das Camp Aida gibt es seit 1950, zwei Jahre nach der israelischen Unabhängigkeitserklärung und der Vertreibung von etwa 700'000 Palästinensern aus dem früheren britischen Mandatsgebiet.

Inzwischen sind hier richtige Häuser mit Küche und Badezimmer entstanden, es ist ein normales Wohnquartier geworden. So normal ist das Leben hier aber nicht, immer wieder kommt es zu Konfrontationen mit israelischen Soldaten. Palästinenser werfen Steine über die Mauer, Israelis antworten mit Tränengas und umgekehrt. Ich kann inzwischen allein am Geruch feststellen, welche Art von Tränengas sie benutzt haben.

Viermal wäre ich beinahe ums Leben gekommen – manchmal bleibt es nicht beim Tränengas, sondern die Soldaten schiessen mit Munition blind in die Menge. Die ständige Lebensgefahr gehört dazu, wenn man hier aufwächst.

Mit sechzehn Jahren gründete ich mein eigenes Unternehmen.

Mein Grossvater ist aus einem nahen Dorf geflüchtet, das von Israelis besetzt wurde. Meine Eltern wie auch ich wurden im Camp geboren, und ich habe vierundzwanzig Jahre hier gelebt. In diesem Flüchtlingslager, das von der UN unterstützt wird, gibt es auch ein Jugendzentrum. Als ich dreizehn Jahre alt war, suchten sie für ein Austauschprojekt mit Europäern ein paar Freiwillige, unter anderem einen Arabischlehrer für Anfänger. Wie ich halt so war, voller Energie und Tatendrang, meldete ich mich sofort.

Sie fragten nach Privatunterricht

Das Projekt war ein Erfolg, und ich war stolz, als kleiner Junge den Erwachsenen ein bisschen Arabisch beizubringen. Anscheinend machte ich dies gut, denn von da an wurde ich jedes Jahr angefragt. Auf einmal meldeten sich sogar Mitarbeitende von NGOs bei mir und fragten nach Privatunterricht.

Mit sechzehn Jahren gründete ich mein eigenes Unternehmen als Arabischlehrer. Heute habe ich Schülerinnen und Schüler aus fünfzehn verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt – dank Skype kann ich auch Menschen in Japan oder Amerika unterrichten.

Das Erste, was ich kaufte, war ein riesiger Wassertank.

Später habe ich Ingenieurwissenschaften studiert und bin nun neben meiner Arbeit als Arabischlehrer auch in diesem Bereich tätig. Ich arbeite hart, das war schon immer so. Es ist normal, dass ich zwölf Stunden am Tag arbeite. So hatte ich irgendwann genug Geld, um mir ausserhalb des Camps ein grosses Stück Land zu kaufen und ein Haus zu bauen.

Auf den ersten Blick wirkt es wohl etwas gar pompös, aber ich wollte mir alles leisten, was ich im Camp nicht haben konnte: einen weitläufigen Garten mit Obstbäumen, einen schönen Balkon, grosse Fenster. Doch das Erste, was ich kaufte, war etwas anderes: ein riesiger Wassertank, der hunderttausend Liter fasst – im Camp erhielten wir nur einmal pro Monat eine kleine Wasserlieferung, das reichte nie! Nun habe ich endlich genug Wasser.

Man darf nicht in einer Opferrolle verharren.

Hier wohne ich nun mit meiner Ehefrau, wir haben zwei Kinder. Dennoch gehe ich regelmässig zurück ins Camp, einmal pro Woche mindestens. Es ist meine Heimat, zwei Cousins und viele Freunde wohnen immer noch dort. Ich bin dankbar, dass ich im Camp aufgewachsen bin. Ich habe mir Fähigkeiten angeeignet, die ich in einer behüteten Kindheit wohl nie erlernt hätte. Vor allem hat es mich gelehrt, mir Ziele zu setzen.

Ich bin überzeugt, dass man alles erreichen kann, wenn man sich einsetzt – ganz egal, unter welch schwierigen Konditionen man aufwächst. Man darf nicht in einer Opferrolle verharren. Denn obwohl ich in Bethlehem wohne – der Stadt, die durch hohe Mauern vom Rest des Landes abgeschottet ist, wo Soldaten an Checkpoints kontrollieren, wer ein und aus geht –, reicht mein Einfluss in die ganze Welt. Dank mir haben Hunderte Menschen in verschiedensten Ländern Arabisch gelernt. Das macht mich stolz.

(Das Magazin)

Erstellt: 15.05.2018, 11:20 Uhr

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