Nur die Beste für mein Kind

Unsere Autorin sucht eine Schule für ihr Kind – im Silicon Valley. Ein Erlebnis zwischen Hochleistungsinseln und radikalem Digital-Verzicht.

Qual der Wahl: Im Silicon Valley buhlen Privatschulen mit 3D-Drucker und Robotik-Unterricht um den Nachwuchs. Foto: Getty Images

Qual der Wahl: Im Silicon Valley buhlen Privatschulen mit 3D-Drucker und Robotik-Unterricht um den Nachwuchs. Foto: Getty Images

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Das Erste, was mich im Silicon Valley zum Staunen brachte, war eine Pflanze. Ich spazierte durch mein neues Wohnviertel, ausser mir war kein Mensch unterwegs, und so konnte ich in Ruhe den Zierbaum im Vorgarten meines Nachbarn betrachten. Das Gewächs war so perfekt getrimmt, dass ihm sämtliche Natürlichkeit fehlte. Jede einzelne Knospe war diszipliniert worden, optimal in Position gebracht für den nächsten Wachstumsschub. Die Wurzeln gruben sich in den gekämmten Rasen, die Äste trugen ihre Blätter stolz zur Schau, als wären sie der Anfang von etwas Grossem. Inzwischen weiss ich, was die Einwohner meines neuen Wohnviertels noch eifriger pflegen als die Vorgärten: ihre Kinder.

Mein Viertel heisst Rancho Rinconada und liegt in Cupertino im Silicon Valley, diesem Zentrum des globalen technologischen Fortschritts an der amerikanischen Westküste. Vor vierzig Jahren gründete Steve Jobs hier Apple, Google und Facebook haben ihr Hauptquartier in der Nähe. Die bestausgebildeten Menschen aus allen Erdteilen arbeiten hier an der Zukunft.

Viele von ihnen ziehen hier ihre Kinder gross – so wie mein Partner und ich. Abgesehen von horrenden Wohnpreisen, breiten Strassen und fehlenden Teilzeitstellen ist das Silicon Valley ein ziemlich kinderfreundlicher Ort. Die Spielplätze, die ich mit meinem Sohn besuche, sind sauberer als jene in Zürich. Der Arbeitgeber meines Partners, ein grosses Technologieunternehmen, gewährt sechs Wochen Vaterschaftsurlaub. Nehmen wir eine kurze Autofahrt auf uns, können wir durch unberührte Wälder wandern oder am Pazifik Sandburgen bauen. Und erst die Schulen! Während das kalifornische Schulsystem schwächelt (weil unterfinanziert), geniessen die öffentlichen Schulen in Cupertino einen hervorragenden Ruf und erhalten regelmässig Auszeichnungen. Zudem gibt es ein breites Angebot an Privatschulen, eine Art Hochleistungsinseln, die solvente Eltern mit dem Versprechen locken, das Maximum aus der Nachkommenschaft herauszuholen.

Horrende Wohnpreise, breite Strassen und fehlende Teilzeitstellen: Ein Blick auf das Silicon Valley. Foto: Getty Images

Trotzdem hat in meinem näheren Umfeld niemand vor, die Kinder hier zur Schule zu schicken. Eine Freundin aus Deutschland sagt: «Dieser kompetitiven Atmosphäre will ich meinen Sohn nicht aussetzen. Ich müsste mir dauernd Sorgen machen.» Wie alle meine Expat-Freunde will auch sie zu­rück nach Europa ziehen, sobald die Kinder ins Schulalter kommen.

Weshalb ist das so? Weshalb sollte es ausgerechnet hier, wo die Innova­tionskraft so gross ist, keine passende Schule für mein Kind geben? Mein Sohn kommt in einem Jahr in die Vorschule. Höchste Zeit also, sich zu informieren. Ich beschliesse, vier Schulen im Silicon Valley zu besuchen, um herauszufinden, wie die Zukunfts­macher ihre Töchter und Söhne auf das Leben vorbereiten. Und ob mein Sohn dereinst mit ihnen im Klassen­zimmer sitzen soll.

Die öffentliche Schule

So wie es amerikanische Eltern ma­chen, wenn sie die schulische Lauf­bahn ihrer Kinder planen, konsultiere ich die Plattform greatschools.org, um eine Rangliste der öffentlichen Schu­len in meiner Umgebung zu erhalten. Das Ranking berücksichtigt Kriterien wie den Erfolg der Schüler bei aner­kannten Leistungstests oder das Kurs­angebot. Mir werden im Umkreis von fünf Meilen vierzig Schulen angezeigt, die mit neun oder zehn von zehn mög­lichen Punkten bewertet sind.

In den USA werden die Schulen unter anderem durch lokale Immobi­liensteuern und Spenden finanziert, weshalb es zwischen den Bezirken grosse Qualitätsunterschiede gibt. In wohlhabenden Gegenden stehen mehr Mittel zur Verfügung, die Klassen sind kleiner, die Lehrer besser ausgebildet, und das Kursangebot ist vielfältiger.

Die meis­ten Kinder besuchen ab drei eine Vorschule, vie­le von ihnen lernen dort bereits lesen und rechnen.

Um mehr über die Schulen in mei­nem Bezirk zu erfahren, greife ich auf eine bewährte Informationsquelle zu­rück – meinen Nachbarn. Er stammt aus China und arbeitet bei Facebook. Einer seiner Söhne besucht die Primar­schule in Cupertino. Die Familie wohnt in einem Anwesen, das unseren ge­mieteten Bungalow jeweils ab der Mit­tagszeit in Schatten taucht und auf­grund seiner Grösse und der ungeheu­erlichen Farbe in eine Kategorie fällt, die man hier monster mansion nennt. Als ich zu Besuch bin, holt mein Nach­bar stolz ein älteres Schulheft seines Sohnes hervor. Darin steht in Kinder­schrift: «My name is Eric. I am four ­years old. I live in Cupertino.» Auf einer anderen Seite rechnet er: «7 + 1 = 8.» Gibt man bei Google ein: «Was kann ein vierjähriges Kind?», erhält man die Auskunft, ein durchschnittlich entwickeltes Kind könne bis fünf zäh­len und kurze Sätze bilden – mündlich.

Die amerikanische Mittel- und Ober­schicht fördert ihren Nachwuchs früh. Im Silicon Valley besuchen die meis­ten Kinder ab drei eine Vorschule, vie­le von ihnen lernen dort bereits lesen und rechnen. Aber auch die obligatori­sche Schule beginnt in den USA früher als in der Schweiz. Mit fünf werden die Kinder eingeschult.

Digital als oberste Priorität: Ab Kindergarten erhalten die Kleinen Unterricht im Programmieren. Foto: Getty Images

Der Sohn meines Nachbarn ist jetzt sechs Jahre alt. Er geht in die erste Klasse der Sedgwick Elementary School – die nächstgelegene öffent­liche Primarschule. Als ich die Schule besuche, steht ein Verkehrspolizist an der Quartierstrasse und weist mir den Weg zum Eingang des umzäunten Schulgebäudes.

Im Innern riecht es nach Desinfek­tionsmittel, eine Empfangsdame sagt: «Please sit down over there and wait.» Auf Teppichboden schreite ich auf den mir zugewiesenen Stuhl zu und setze mich. Die nächsten Anweisungen kommen in schriftlicher Form:

Atme tief ein. Zähle bis zehn. Überlege, was du sagen willst. Behalte Hände und Füsse bei dir.

Dem Poster an der Wand nach zu urtei­len, bin ich in der Beruhigungsecke der Schule gelandet. Solche calm down areas werden hier immer beliebter. Sie sind ein Auswuchs des erziehungswis­senschaftlichen Konzepts «Sozial-emotionales Lernen», das in den USA entwickelt wurde und davon ausgeht, dass Gefühle im Lernprozess eine sehr wichtige Rolle spielen. Die Schüler sol­len lernen, ihre Gefühle wahrzuneh­men, auszudrücken – und zu regulie­ren.

Man fokussiere derzeit stark auf die emotionale Befindlichkeit der Schüler, sagen meine neuen Ansprech­personen. Ich wurde inzwischen in ein Büro verschoben; mir gegenüber sit­zen der Schulleiter und eine Frau mit dem Titel Chief Information and Com­munity Engagement Officer. Hinter ih­nen stehen vollgestopfte Bücherrega­le, daneben hält sich ein menschliches Skelett aufrecht, dem ein Shirt der Stanford University von den Knochen hängt. An der Wand kleben Sinnsprü­che: You are a leader. You can change the world.

Arbeit und Freizeit verschwimmen oft zu einem einzigen Projekt.

Vom Schulleiter und seiner Kolle­gin erfahre ich: Die Schule verfolgt einen ehrgeizi­gen Lehrplan und zeichnet sich durch ein überdurchschnittliches Noten­niveau aus. Abgesehen von freiwilli­gen Spenden ist sie kostenlos. Ab der zweiten Klasse, also etwa im Alter von sieben Jahren, erledigen die Schüler einzelne Lernaufgaben am Computer. Ab der dritten Klasse steht jedem Kind ein Laptop zur Verfügung, Program­mieren und Robotik stehen auf dem Stundenplan. Leistungsdruck ist an der Schule offensichtlich ein Problem. Die Chief Information and Communi­ty Engagement Officer sagt: «Wir tun alles im Rahmen unserer Möglichkei­ten, um den Konkurrenzkampf an der Schule nicht zu fördern. Die perfekte Lösung haben wir aber noch nicht.»

Es hat Monate gedauert, bis ich den Sohn meines Nachbarn zum ersten Mal sah. Eines Abends, es war schon dunkel, winkte er mir vom Fenster aus zu. Draussen ist er nie anzutreffen. Mein Nachbar setzt ihn in der Garage ins Auto und bringt den Erstklässler zur Schule; nach Unterrichtsschluss um 15 Uhr holt ihn ein Fahrservice ab. Wie viele seiner Mitschüler wird er in eine Nachmittagsbetreuung gebracht: Im Sunflower Learning Center absol­viert er bis in den Abend hinein eine Reihe activities. Er lernt das chinesi­sche Alphabet, löst Matheaufgaben und lernt die Grundprinzipien des Pro­grammierens. An den Wochenenden stehen Klavierunterricht, Tennis und Schwimmen auf dem Programm.

Im Silicon Valley herrscht auch un­ter den Erwachsenen eine ausgeprägte Leistungskultur. Der grenzenlose Ein­satz der Mitarbeiter ist eine wichtige Triebkraft der amerikanischen Digital­wirtschaft. Meine arbeitstätigen Freun­de sind always on; Arbeit und Freizeit verschwimmen oft zu einem einzigen Projekt. Dafür werden sie mit lukrati­ven Aktienbeteiligungen, gratis Essen und Popkonzerten am Arbeitsplatz be­lohnt. Und, vielleicht am wichtigsten, mit der Gewissheit, an der Gestaltung der Zukunft beteiligt zu sein.

An einem menschengrossen Tablet können die Gymnasiasten einen aus Echtfotos simulierten Toten aufschneiden.

Die extreme Leistungsbereitschaft hat aber auch mit dem materiellen Druck zu tun. Die in der Techbranche gängi­gen Arbeitsverträge gewähren keinen Kündigungsschutz, neun von zehn Start-ups schaffen es nicht, rentabel zu werden. Gleichzeitig ist die Einkom­mensschere hier gewaltig: Eine Person der obersten fünf Prozent verdient zehn- bis elfmal so viel wie jemand, der zu den untersten zwanzig Prozent der Bevölkerung gehört.

Die Ökonomen Matthias Doepke und Fabrizio Zilibotti untersuchen in ihrem Buch «Love, Money, and Parent­ing», wie sich ökonomische Umstände auf den Erziehungsstil auswirken. Sie stellen fest, dass Eltern umso besorg­ter sind um die Ausbildung der Kinder, je ungleicher die Einkommensvertei­lung innerhalb einer Gesellschaft ist. Weil es mehr zu gewinnen respektive zu verlieren gibt, greifen sie aktiver in das Leben der Kinder ein und fördern die­se mit allen möglichen Mitteln. In den USA verdienen Hochschulabsolventen doppelt so viel wie andere Schulabgän­ger, gleichzeitig ist das Auswahlver­fahren an Universitäten rigoros. Des­halb lohnt es sich für Eltern besonders, Zeit und Geld in die Förderung der Kinder zu investieren. Im Silicon Val­ley ist die Ausbildung der eigenen Kin­der ein entsprechend wichtiges Projekt. Wer es sich leisten kann, schickt die Kinder auf eine Privatschule. Zum Beispiel auf die Harker School, an der ein Schuljahr bis zu 51'000 Dollar kostet.

Die Eliteschule

Es braucht viel, bis man sich im Silicon Valley underdressed fühlt. Seit ich hier wohne, bin ich so vielen Faserpelzwes­ten und Turnschuhen begegnet, dass ich mir keine Sorgen mehr um meine Garderobe mache. Jetzt aber wünsche ich mir eine gebügelte Bluse auf den Leib: Die stellvertretende Leiterin der Harker School, der renommiertesten Privatschule im Umkreis von Cuperti­no, stöckelt in High Heels und Blei­stiftrock neben mir her. Das Gelände ist genauso herausgeputzt wie meine Gastgeberin: Die Fenster glänzen in der Sonne, Blumenbeete verströmen süssen Duft, auf dem Pausenplatz klebt kein einziger Kaugummi. Nie­mand stört die Idylle, die Schüler sit­zen im Unterricht.

Besonders für Computer- und Na­turwissenschaften hat die Harker School einen hervorragenden Ruf. Die Schüler gewinnen Preise an interna­tionalen Wettbewerben wie dem Intel Foundation Young Scientist Award und werden reihenweise an den bes­ten Universitäten aufgenommen. Die Schulleiterin informiert: «Die Eltern unserer Schüler wissen, dass Erfolg und Einfluss nur durch harte Arbeit zu bekommen sind.» Viele seien selbst nicht mit einem silbernen Löffel im Mund auf die Welt gekommen, hätten es aber dank Einsatz und Arbeit in der Technologiebranche weit gebracht. Sie führt mich in das schuleigene Science and Technology Center. Wir bleiben vor einem Vorlesungssaal ste­hen, in dem Liveschaltungen zu Wis­senschaftlern in aller Welt möglich sind. Wir gehen am Robotik-Laborato­rium vorbei, in dem 3D-Drucker ste­hen. Und im nächsten Schulzimmer liegt eine digitale Leiche. An einem menschengrossen Tablet können die Gymnasiasten einen aus Echtfotos si­mulierten Toten aufschneiden, sezie­ren und studieren. Die Schulleiterin sagt: «Unser Unterricht ist sehr hands-on. Wir setzen alles daran, dass die Schüler nicht auswendig lernen, son­dern aktiv und verknüpft mitdenken.»

Neuste Technik: Die Kinder lernen mit 3D-Druckern umzugehen. Foto: Getty Images

Als Nächstes betreten wir das Rothschild Center of Performing Arts, das Kulturzentrum der Schule, wo ­Musik, Tanz und Theater unterrichtet werden. Namensgeber ist der Vater eines Schulabsolventen – Jeff Roth­schild, Gründungsmitglied von Face­book, hat einen Grossteil der Baukos­ten übernommen. Auf der Bühne des ultramodernen Konzertsaals stellen sich gerade die Mitglieder des Schul­chors auf. Das Licht wird gerichtet, der Ton getestet. Die Schulleiterin sagt: «Wir wollen, dass sich unsere Schüler bei jeder Probe fühlen, als wären sie auf einer Weltbühne.»

Dass sie das Zeug dazu haben, in höhere Sphären aufzusteigen, müssen die Kinder beweisen, ehe sie über­haupt in ein Klassenzimmer der Harker School sitzen dürfen. Das Auswahlver­fahren für sämtliche Stufen von Vor­schule bis Highschool ist gnadenlos: Von den Kandidatinnen und Kandida­ten wird verlangt, dass sie in verschie­denen Fächern Leistungstests ablegen und ein Motivationsschreiben verfas­sen. Auch die Eltern müssen Vorstel­lungsgespräche überstehen.

Die Lehrer stehen den Schülern neben dem Unterricht täglich zwei Stunden für Fragen zur Verfügung.

Immerhin, von angehenden Kin­dergärtlern verlangt die Schule keine schriftliche Bewerbung. Dafür hat sie einen Eignungstest entwickelt, der den Intelligenzquotienten der Kinder bestimmt. Die Schulleiterin sagt: «Wir müssen sichergehen, dass die Kinder das Potenzial haben, unser Programm zu überstehen.» Und so hebe man sich von anderen Schulen ab: Die Klassengrösse beträgt maxi­mal achtzehn Schüler. Weil das Kurs­angebot so gross ist, sitzen oft weniger als zehn Kinder in einer Lektion. Mehr als hundert Wahlkurse auf verschiede­nen Schwierigkeitsstufen, darunter in Fächern wie «Neural Networks» oder «Startup Incubator». In Computer­wissenschaften oder Mathematik gibt es Kurse auf Universitätsniveau.

Die Lehrer stehen den Schülern neben dem Unterricht täglich zwei Stunden für Fragen zur Verfügung. Die Schulleiterin sagt: «Unsere Schüler sollen lernen, dass ihre Fragen und Ideen ernst genommen werden.» Die Schule führt über sechzig «Extra­curricular Clubs». Das ist ein thematischer Austausch ausserhalb des Stundenplans, der von Schülern und Lehrern gemeinsam gestaltet wird. Dazu gehören De­battierturniere, Diskussionsrunden über die ethische Anwendung von Tech­nologie oder Leadership-Workshops.

Einige Wochen später besuche ich die Harker School noch einmal, ich will eine Schülerin der Abschlussklasse treffen. Aufgrund von Beiträgen der «Harker News», die mir der Medien­verantwortliche zukommen liess, er­warte ich, gleich einem intellektuellen Fabelwesen zu begegnen. An einem «Advanced-Placement»-Test in Mak­roökonomie (mit dem amerikanische Schüler beweisen, dass sie bereits vor Studienbeginn Teile des Universitäts­stoffes beherrschen) erreichte die 18-­ Jährige jüngst offenbar die maximale Punktzahl. Laut «Harker News» ist das eine Wahnsinnsleistung, die weltweit nur 31 Personen vollbracht haben.

«Wir leben in einer Bla­se, in der man Bestnoten haben muss und Preise gewinnen soll.»Enya Lu, Wunderschülerin

Enya Lu – so heisst die Wunderschü­lerin – spricht schnell, manchmal ver­schluckt sie ein Wort. Die Tochter chi­nesischer Einwanderer sitzt mir im ­T-Shirt gegenüber, unter dem Sit­zungstisch verschwinden Jeans und weisse Turnschuhe. In stetem Rede­fluss erzählt sie von den überdurch­schnittlich engagierten Lehrern an der Harker School. Von dem starken Ge­meinschaftsgefühl an der Schule. Von der Sushi-Bar in der Cafeteria. Von den Therapiehunden, die die Schule wäh­rend Prüfungsphasen zur Unterstüt­zung der Schüler auf den Campus hole. Und von den vier bis fünf Stunden Hausaufgaben, die sie täglich erledige. Von Mitschülern, die kaum Schlaf be­kämen, weil sie bis in die Morgenstun­den lernen.

Wir kommen auf Leistungsdruck zu sprechen. Enya sagt: «Unter uns Ju­gendlichen im Silicon Valley herrscht enormer Gruppendruck, das ist an al­len Schulen so. Wir leben in einer Bla­se, in der man Bestnoten haben muss und Preise gewinnen soll, in der nur ausgewählte Universitäten gut genug sind.» Das haben mir auch andere Teenager erzählt, als ich mit ihnen über die Schulen im Silicon Valley sprach. Wie bei Enya hörte ich Stolz, aber auch Schwermut heraus. Machen die Eltern Druck? «Ich bin von Natur aus ehrgeizig», sagt Enya, «meine El­tern halten sich ziemlich zurück. Des­halb motiviert mich dieses Umfeld. Aber andere zerbrechen daran.»

Die Suizide

Am 4. November 2014 lud eine Schüle­rin aus Palo Alto ein Video auf You­tube. Darin ist zu sehen, wie sie in ihrem Schlafzimmer sitzt und mitge­nommen von einem Blatt abliest: «Heute Morgen hat sich ein 16-jäh­riger Schüler der Gunn High School das Leben genommen (...) Der Druck, der an dieser Schule auf den Schülern lastet, ist irre (...) Immerzu spüren wir die Last, mit all dem Erfolg um uns he­rum mithalten zu müssen. Darauf möchte ich die Eltern aufmerksam machen. Wir lieben unsere Mütter und Väter, aber: calm down.»

Palo Alto, 25 Kilometer nördlich von Cupertino gelegen, ist eine der wohlhabendsten Gemeinden im Sili­con Valley. Wer es zu ausserordentli­chem Reichtum gebracht hat, zieht hierher. Hier gibt es zwei öffentliche, sehr renommierte Gymnasien, die Gunn High School und die Palo Alto High. Beide Schulen liegen unweit von Bahnübergängen des Caltrain, des Pendlerzugs, der San Francisco mit dem Süden verbindet.

«In den USA herrscht die Meinung vor, dass es jede Generation noch besser machen sollte als die vorhergehende.»Madeline Levine, Jugendpsy­chologin

Seit 2014 lassen die Betreiber die Gleise während der Schulzeiten über­wachen: In den Jahren 2009 und 2010 hatten sich binnen neun Monaten fünf Schüler der beiden Gymnasien das Le­ben genommen. 2014 begingen vier weitere Jugendliche Selbstmord. Die meisten von ihnen sprangen auf dem Schulweg vor den Zug. Entscheiden sich Jugendliche, ihr Leben zu beenden, lässt sich wohl nie eine abschliessende Erklärung dafür finden – die Hintergründe sind zu kom­plex, zu dunkel. In Palo Alto begann man nach den Suizidhäufungen trotz­dem, nach Antworten zu suchen. Die lokalen Behörden riefen einen Ge­sundheitsnotstand aus und liessen «Suicide Prevention Specialists» kom­men, Schulpsychologen wurden einge­stellt. Und auch unter den Eltern such­te man nach Antworten. Im Forum der lokalen Zeitung schrieb jemand: «Wir müssen die Wertvorstellungen dieser Gemeinde hinterfragen. Wir sind die­jenigen, die unsere Kinder unter Druck setzen, Grosses zu leisten.... Kein Heer von Schulpsychologen wird das än­dern können.»

Madeline Levine ist Jugendpsy­chologin und betreibt eine Praxis in Marin County, einem Bezirk nördlich von San Francisco, der seit dem Inter­netboom der 1990er-Jahre ähnlichen Wohlstand erlangt hat wie Palo Alto. 2006 schrieb Levine ein Buch mit dem Titel «The Price of Privilege», das zum Bestseller wurde. Es handelt von einem Phänomen, das sie in ihrer Pra­xis beobachtet hat und das durch Stu­dien belegt wurde: Die Kinder wohl­habender Eltern sind doppelt so häufig von Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen betroffen wie der amerikanische Durchschnitt. Le­vine identifizierte in ihrem Buch die­selben Gründe, die auch in Palo Alto zur Sprache kamen: hohe Erwartun­gen der Eltern, Leistungsdruck in der Schule oder Materialismus. Und die­selbe, schlimmstmögliche Konse­quenz: Suizid. Ich rufe Madeline Levine an. Ich möchte wissen, wie sich die Situation seit dem Erscheinen ihres Buches ent­wickelt hat.

Levine sagt, Leistungsdruck sei im amerikanischen Bildungsbürgertum ein fortwährendes Problem. «In den USA herrscht die Meinung vor, dass es jede Generation noch besser machen sollte als die vorhergehende. Das wird aufgrund der wirtschaftlichen Lage aber zunehmend schwierig, weshalb gerade privilegierte Eltern Angst ha­ben, dass es ihren Kindern schlechter ergehen wird als ihnen selbst.» Eine Folge sei der übertriebene Fokus auf akademischem Erfolg. Im Silicon Val­ley herrsche ausserdem ein latenter Druck, sich mit grossen Ideen von an­deren abzuheben. Töchter und Söhne verinnerlichten den Leistungsgedan­ken der Eltern und des näheren Um­felds, manche würden zu krankhaften Perfektionisten. «Diesen Kindern wur­de von klein auf gesagt, sie seien intel­ligent und speziell. Jetzt wollen sie die Bewunderung der Eltern um keinen Preis verlieren. Sie geben sich dem Programm hin, bleiben nächtelang auf, um zu lernen, rennen von einem Kurs zum anderen. Und plötzlich lan­den sie mit einer depressiven Störung in der Notaufnahme.»

«Wir glauben, dass jun­ge Menschen zu viel mehr fähig sind, als die Gesellschaft derzeit erkennt.»Homepage der Khan Lab School

Levine fordert, dass Eltern ihre ri­gide Vorstellung von Erfolg radikal überdenken. In ihrem zweiten Buch, «Teach Your Children Well», schreibt sie: «Wir müssen die Angst um die Zu­kunft unserer Kinder in den Griff be­kommen und begreifen, dass gute Schulnoten und Auszeichnungen eine enge und häufig trügerische Definition von Erfolg sind. Sie vergisst die Fakto­ren, die wirklich wichtig sind für ein er­folgreiches Leben.»

Im Silicon Valley gibt es Privat­schulen, die es sich zur Aufgabe ge­macht haben, diese Faktoren in den Unterricht zu integrieren. Sie bedie­nen die Bedürfnisse von Eltern, die frustriert sind vom klassischen Schul­system und nach Alternativen suchen. Einige entscheiden sich für Home­schooling. Elon Musk etwa soll einen Privatlehrer für seine Kinder und de­ren Freunde eingestellt und ein 20-Per­sonen-Schulhaus errichtet haben, in dem es keine Schulnoten und keine Klassen nach Altersgruppen gibt. Andere schicken ihre Kinder für 30'000 Dollar im Jahr auf die Khan Lab School, die unweit des Google-Hauptquartiers in Mountain View liegt. Auf der Homepage heisst es: «Das heutige Schulmodell bereitet Kinder nicht optimal auf eine Welt vor, in der Selbstmotivation, Sinnhaftigkeit, Em­pathie und Kreativität wichtiger sind als Fügsamkeit. Wir entwickeln und testen eine neue, personalisierte Lernum­gebung, die den einzelnen Schüler ins Zentrum stellt. Wir glauben, dass jun­ge Menschen zu viel mehr fähig sind, als die Gesellschaft derzeit erkennt.»

Die Zukunftsschule

Dieses Mal wünsche ich mir keine frisch gebügelte Bluse, aber ein Tesla wäre gut. Angetrieben von einem lär­menden Verbrennungsmotor kreise ich vor der Khan Lab School auf der Suche nach einem Parkplatz. Elektro-Ladestationen führen mir vor Augen, wie unzeitgemäss ich bin.

Eine Mitarbeiterin führt mich mit einem Dutzend interessierter Eltern in ein Unterrichtszimmer der Grund­schule. Im grossen, offenen Raum sieht es aus wie in einem geschrumpf­ten Start-up: Dreissig Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren sitzen an mobi­len Arbeitsinseln. Ein Junge mit Kopf­hörern klickt sich am Laptop durch Mathematikübungen, neben ihm ge­hen zwei Schülerinnen einen Text durch. Durch die Glastür des angren­zenden «Breakout Room» ist zu se­hen, wie ein Mädchen mit einer Lehre­rin spricht. Oder sollte man sagen: ein Meeting abhält? Die beiden, so infor­miert mich die Mitarbeiterin, bespre­chen Lernziele und die Gestaltung des individualisierten Stundenplans für die Woche. Die Kinder betreiben seit einigen Wochen eine Schulbäckerei. Die Prozesse laufen noch nicht opti­mal, an einem Whiteboard werden neue Abläufe entworfen.

Mindestens ein Fünftel des Unter­richts besteht zudem aus dem Selbst­studium am Computer.

An der Khan Lab School erfolgt der Unterricht in altersübergreifenden Gruppen. Statt in Klassen werden die Schüler zwischen Kindergarten und Highschoolabschluss in sechs «Inde­pendence Levels» eingeteilt. Um auf eine höhere Stufe zu gelangen, müssen sie Soft Skills, etwa in Kommunikation oder Zeitmanagement, beweisen. In jedem Fach werden Niveau und Lern­tempo identifiziert, daraufhin werden die Kinder einer Lerngruppe zugeteilt. Noten gibt es keine, dafür fünf ver­schiedene «Levels of Mastery».

Statt ein Zeugnis zu erhalten, er­arbeiten die Schüler ein Portfolio, das ihre akademischen Fähigkeiten, ihre Kreativität und Charakterstärke aus­drücken soll. Bei allen schulischen Ent­scheidungen nehmen die Kinder eine aktive Rolle ein: Ihre Meinung wird einbezogen, wenn es um die Beförde­rung von einer Stufe zur nächsten geht, sie bestimmen die wöchent­lichen Lernziele mit und helfen in «Design-Thinking»-Workshops die Einrich­tung der Schulräume zu verbessern.

Damit dieses System funktioniert, setzt die Schule zwei Kategorien von Lehrern ein. Lernbegleiter unterstüt­zen die Kinder bei der Planung des Schulalltags, Fachspezialisten sind für die akademischen Inhalte zuständig. Mindestens ein Fünftel des Unter­richts besteht zudem aus dem Selbst­studium am Computer. Bereits im Kindergarten hat jedes Kind einen eige­nen Laptop und erhält Unterricht im Programmieren. Auf Mittel- und Ober­stufe funktioniert der Unterricht nach dem Prinzip des flipped classroom: Die Schüler eignen sich individuell und im selbst gewählten Tempo Schulstoff an. Die Schulstunde besteht hauptsäch­lich aus Diskussion und Projektarbeit.

Von Anfang an möglichst digital: Bereits im Kin­dergarten hat jedes Kind einen eige­nen Laptop. Foto: Getty Images

Erfunden hat dieses Modell der ehemalige Hedgefund-Manager Sal­man Khan. Bill Gates schrieb im «Time Magazine» über ihn: «Khan ist ein Pio­nier (...) Sein Einfluss auf das Bildungs­wesen könnte unermesslich sein.»

Salman Khan ist nicht nur Grün­der der Lab School in Mountain View, sondern hat auch die Khan Academy entwickelt, eines der weltweit bedeu­tendsten Online-Bildungsportale. Mit kostenlosen Lernvideos und Übungs­programmen erreicht die Seite hun­dert Millionen Menschen im Jahr. Die reale Lab School im Silicon Valley dient als Testbetrieb für die virtuelle Khan Academy im Netz. Die 162 Schü­ler der Lab School nutzen die Software der digitalen Akademie für das Selbst­studium und geben Feedback, parallel dazu will man herausfinden, wie sich das Schulhaus des 21. Jahrhunderts idealerweise organisieren lässt. Viele der umgesetzten Ideen skizzierte Sal­man Khan in seinem Buch «The One World Schoolhouse: Education Re­imagined». Darin schreibt er: «Wenn es um die Schulbildung geht, soll Tech­nologie nicht gefürchtet, sondern einbe­zogen werden. Sorgfältig gestal­tet, erlauben computergestützte Lek­tionen dem Lehrer, mehr zu unterrich­ten. Der Klassenraum wird zu einem Workshop für gegenseitiges Helfen statt für passives Herumsitzen.»

Eine wach­sende Zahl von Eltern halten ihre Kinder möglichst lange von den Produkten fern, die sie für den Rest der Welt ent­wickeln.

Ob digitale Arbeitsmittel der rich­tige Weg zur Reformierung des Klas­senzimmers sind, darüber ist man sich im Silicon Valley jedoch nicht einig. Viele Exponenten der Technologie­branche sind der Meinung, dass ihre Kinder nicht vor Bildschirme gehören. Das Hauptargument ist ein Hirnareal: der präfrontale Cortex. Dieser ist ver­antwortlich für die Regulierung von Aufmerksamkeit sowie für zielgerich­tetes Handeln und bildet sich erst mit dem zwanzigsten Lebensjahr vollstän­dig aus. Daher soll es für Kinder beson­ders schwierig sein, sich den fantasti­schen Reizen zu entziehen, die auch Erwachsene an den Bildschirm fes­seln. Es wird befürchtet, dass sich das kognitive System Heranwachsender an die ständigen Stimuli gewöhnt und die Konzentrationsfähigkeit abnimmt.

Auch wir erziehen unseren Sohn bisher nach dem Motto: Kids need laps, not apps (Kinder brauchen Bewegung, nicht Apps). Erst wenn er drei, vier Jah­re alt ist, wollen wir ihn dosiert an Bild­schirmmedien heranführen. Damit gehören wir hier zur gemässigten Sor­te. Im Silicon Valley halten eine wach­sende Zahl von Eltern ihre Zöglinge möglichst lange von den Produkten fern, die sie für den Rest der Welt ent­wickeln. In Cupertino ist es nicht un­gewöhnlich, dass Nannys vertraglich dazu verpflichtet werden, keinerlei Bildschirmmedien vor den Kindern zu nutzen. Und es gibt eine Privatschule, die dieses Bedürfnis befriedigt: die Waldorf School of the Peninsula.

Die Low-Tech-Schule

Ich sitze in einem Schulzimmer der Steinerschule in Los Altos, vor der Wandtafel steht die Schulleiterin. So­eben fragte sie ins Publikum: «Wer fin­det auch, dass unsere Kinder zu vielen Stimuli ausgesetzt sind?» Viele der Teilnehmer der ausgebuchten Infor­mationsveranstaltung heben die Hand. Hier gibt es tonnenweise Stimuli, fährt die Schulleiterin fort, aber ausschliess­lich gesunde.

An der Waldorf School of the Pen­insula lässt man sich von der anthropo­sophischen Pädagogik Rudolf Steiners leiten. Einige Prinzipien, die die Schul­leiterin gleich darlegen wird, erinnern mich an die Khan Lab School. Auch hier will man das vertikale Schulsystem durch eine Pädagogik der individuel­len Förderung ersetzen. Der Lehrplan orientiert sich an den Entwicklungs­stufen der Kinder, alle Schülerinnen und Schüler durchlaufen ohne Sitzen­bleiben zwölf Schuljahre, die Zeugnis­se bestehen aus detaillierten Charak­terisierungen statt Zensuren. Neben den academics fördert die Schule die schöpferischen und sozialen Fähigkei­ten der Kinder, alles ist auf eigene Urteilsbildung und selbstständiges Denken ausgelegt. Die Schulleiterin sagt: «Die meisten Eltern arbeiten in der Techbranche. Niemand weiss so gut wie sie, dass unklar ist, was unsere Kinder in zwanzig Jahren können müs­sen. Deshalb geht es darum, ihre Köp­fe nicht mit Inhalten zu füllen. Son­dern mit Strategien.»

Bis zum Gymnasium kommen die Kinder nicht mit Bildschirmen in Be­rührung.

Allerdings bereitet die Steiner­schule ihre Schüler mit komplett ande­ren Mitteln auf die Ungewissheiten der postindustriellen Welt vor. Man bittet uns, das Smartphone in der Tasche zu verstauen, bevor der Rundgang durch die Schulzimmer beginnt. An der Schulgärtnerei vorbei führt die Leite­rin in die Räumlichkeiten des Kinder­gartens. Die Kinder decken gerade den Tisch für das Znüni: Ein Knabe schenkt Wasser ein, die Lehrerin zündet eine Kerze an, ein Mädchen verteilt gefalte­te Stoffservietten. Die Schulleiterin er­klärt, das Falten von Stoffservietten sei förderlich für die Gehirnentwicklung der Kinder, genauso wie Stricken. Der­artige Handarbeit helfe der kindlichen Seele, Durchhaltewillen zu entwi­ckeln, deshalb sei sie fester Bestand­teil des Unterrichts.

Wir gehen weiter ins Schulzimmer der Drittklässler. Hier sitzen die Schü­ler an Holzpulten, die in Hufeisen­form aufgestellt sind; vor ihnen liegen Schulhefte und Bleistifte, am Fenster trocknen Gemälde aus Wasserfarben. Die Klasse lernt gerade, was Geld ist, alle Kinder haben Geldscheine aus ihren Herkunftsländern mitgebracht, ein Dutzend verschiedene Währungen liegen auf dem Tisch. Die Lehrerin fragt, was man mit dem Geld machen könnte. Glace essen, sagt ein Mäd­chen. In ein armes Land ziehen und reich sein, sagt ein Junge.

An der Steinerschule vertraut man darauf, dass Kinder mit den Erforder­nissen der modernen Welt klarkom­men, wenn sie das Lernen lieben ler­nen. Bis zum Gymnasium kommen die Kinder nicht mit Bildschirmen in Be­rührung, danach belegen sie eine «Di­gital Literacy Class», in der sie in die Funktionsweise von Computern ein­geführt werden. Waldorf-Absolventen sollen nicht users, sondern creators werden, sagt eine Mitarbeiterin.

Ich darf nicht meine Ängste und Erwartungen auf mein Kind über­tragen.

Nach dem Besuchstag bin ich völ­lig erledigt. Ich hatte mich auf eine Diskussion mit einem Vater eingelas­sen, ob sich die bis zu 38'000 Dollar Jahresgebühren lohnen würden. Ich bin skeptisch, dass das Steiner-Curri­culum ausreicht, falls unser Sohn ein creator werden will. Wer würde ihn an die digitale Welt heranführen? Ich? Müde fahre ich nach Cupertino, vorbei am Sunflower Learning Center, vorbei am sauberen Spielplatz, vorbei an der Sedgwick Elementary School. Die Strasse ist menschenleer, ein Nachbar schiebt den Rasenmäher durch den Vorgarten. Mir brummt der Schädel. Wie bereite ich meinen Sohn auf die Zukunft vor? Im Silicon Valley lau­tet die Antwort: Das Tempo, mit dem wir unsere Welt weiterentwickeln, er­fordert permanente Investitionen in die eigenen Fähigkeiten und in die der Kinder. Das passt zur Leistungskultur in diesem Tal, und es ist zu erwarten, dass diese Strategie einzelne Überflie­ger hervorbringen wird. Aber welchen Preis zahlen die Kinder? Ist es der Ver­lust einer unbeschwerten Kindheit? Einer freien Lebensgestaltung? Im schlimmsten Fall der Lebensfreude?

Bei meinen Schulbesuchen im Sili­con Valley sind mir zwei Dinge klar ge­worden: Ich darf nicht meine Ängste und Erwartungen auf mein Kind über­tragen. Und: Ich wäre froh, hätte ich als Schülerin gelernt, mutig zu denken. Hätte ich etwas weniger auswendig ge­lernt und stattdessen geübt, schnell eine clevere Wahl zu treffen, dann würde mein Sohn jetzt schon längst auf der Warteliste der Khan Lab School stehen.

Erstellt: 10.08.2019, 18:50 Uhr

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