Obszöne Langeweile

Internet: Viele Menschen schauen während der Arbeit Pornos –obwohl das Risiko, erwischt zu werden, gross ist.

Pornogucker erklären ihr Tun mit «Langeweile» oder «zu viel Zeit». Foto: Martyn Vickery (Alamy)

Pornogucker erklären ihr Tun mit «Langeweile» oder «zu viel Zeit». Foto: Martyn Vickery (Alamy)

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Jeder 20. Mausklick innerhalb der Verwaltung des Kantons Luzern ging im Jahr 2010 auf eine Pornoseite. Das ergab eine externe Untersuchung. «Beamten-Sport Porno-Surfen» titelte der «Blick», der den Bericht diese Woche bekannt machte.

Es ist die perfekte Schlagzeile. Beamte verschleudern Steuergelder, um Pornos zu schauen. Die Schadenfreude ist gross, das Klischee bestätigt. Dabei machen die Beamten nur, was Angestellte mit Bildschirmjobs auf der ganzen Welt tun.

Überall, wo es Internet gibt, nutzen es Menschen, um anderen Menschen beim Kopulieren zuzusehen. Laut Studien aus den USA schauen 3 Prozent aller Bürolisten bei der Arbeit regelmässig Pornos. 29 Prozent haben es mindestens einmal getan. Zwei Drittel aller Zugriffe auf kostenlose Pornoportale sollen von Bürocomputern stammen. Erstaunlich wäre also, wenn sich alle Luzerner Beamten enthaltsam verhalten würden. In den USA kursiert ein Witz zum Thema: Der unter euch werfe den ersten Stein, der eine Hand frei hat.

Es gibt Gadgets, die Büro-Porno­guckern helfen, sich zu tarnen: Bildschirmabdeckungen; Programme, die Seriosität vortäuschen; ein Notknopf unter dem Fuss, dessen Betätigung verdächtige Fenster vom Bildschirm verschwinden lässt.

Nicht alle verhalten sich vorsichtig genug. In den USA lassen sich immer wieder Staatsangestellte erwischen, die den Grossteil ihrer Arbeitszeit mit Pornos vertändeln und ihre Lieblingsfilme auf der Festplatte abspeichern. Ein republikanischer Abgeordneter will nun das Abrufen von Sexseiten auf allen staatlichen Computern verbieten. In der Schweiz kennen zahlreiche Firmen bereits solche Regeln.

Schuld hat nicht das Internet

Warum aber riskieren so viele Männer – es sind vor allem Männer – Ruf und Job, um etwas zu tun, was sie problemlos in ihrer Freizeit erledigen können? Eine oft geäusserte Vermutung lautet: Pornosucht. Die riesige Menge an expliziten Inhalten, die das Internet bietet, treibe viele Männer in die Abhängigkeit. Die Verderbtesten unter ihnen könnten selbst im Büro der Verlockung nicht widerstehen.

Falsch, sagt etwa der amerikanische Sexualwissenschaftler David Ley. Das Prädikat «Pornosucht» sei schwammig und werde vorschnell ausgeteilt. Pornokonsum gelte als verwerflich, wer ihm im Büro nachgehe, werde moralisch streng verurteilt. Dabei unterschieden sich Pornos kaum mehr von anderen Online-Trödeltechniken – solange Sexbilder nicht zur Belästigung von Mitarbeitern missbraucht werden. Ihre absolute Verfügbarkeit, sagt Ley, habe Pornos vom Schmuddel­image befreit. In der Wahrnehmung vieler Menschen hätten sich Sexclips längst allen anderen Mitteln angeglichen, mit denen das Internet Zerstreuung verheisst: Games, Einkaufsplattformen, Social-Media-Portale, Chaträume.

Die Aussagen erwischter Büro-­Pornogucker stützen diese These. Sie erklären ihr Tun mit «Langeweile» oder «zu viel Zeit». In diesem Fall sagt der Büro-Pornokonsum genauso viel über das Internet aus wie über die zeitgenössische Arbeitswelt. Diese erschafft Aufgaben, deren Eintönigkeit Menschen ständig nach Abwechslung schweifen lässt – egal, wie diese aussieht.

Obszön wären weniger die Pornos. Obszön wäre diese Langeweile.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2015, 20:14 Uhr

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