Oktoberfest oder Oktoberpest?

Zürcher kaufen Trachtenläden leer und stehen vor Bierzelten Schlange. Die einen finden das toll – andere voll daneben.

Von München oder Zürich: Bsucherinnen des Oktoberfest 2013 im Zürcher Hauptbahnhof in Trachtenoutfit.

Von München oder Zürich: Bsucherinnen des Oktoberfest 2013 im Zürcher Hauptbahnhof in Trachtenoutfit. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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JA
Peter Aeschlimann
Das Bauschänzli lindert das Heimweh nach München


Ja, es stinkt. Ja, die Blasmusik und das Gejohle sind meistens zu laut. Und ja, da steht tatsächlich ein Australier mit heruntergelassener Lederhose in der Schlange vor dem verstopften Pissoir.

Trotzdem muss man sich das Oktoberfest nicht unbedingt schön trinken. Etwas Verklärung reicht. Denn das Oktoberfest ist auch ein Nachmittag im Augustiner Biergarten in München. Die goldene Herbstsonne scheint durch Baumkronen, es duftet nach Steckerlfisch und Hendl. Das unbekannte Gegenüber auf der Holzbank packt eine Schale mit selbst gemachtem Obatzter aus dem Rucksack und fordert einen auf, seine Brezn doch damit zu veredeln. Einfach so. Man kommt ins Gespräch, und später geht man gemeinsam auf die Wiesn.

Im besten Fall wird man an einen Tisch mit lauter Bayern eingeladen, wo obszöne Fantasiedirndl und alberne Bierkrughüte nichts verloren haben. Man prostet sich zu, tauscht die Namen aus, prostet sich wieder zu und hat die beste Zeit seines Lebens. Mit Menschen, die man eine Mass zuvor noch nicht einmal kannte. Auf Bänken tanzen, Poulet mit den Händen essen, «Angels» von Robbie Williams mitsingen – alles Dinge, die man sonst nie tun würde. Und gerade deshalb so Spass machen.

Das kleine Zürcher Oktoberfest auf dem Bauschänzli lindert das Fernweh nach München. Man muss das Original gesehen haben, um die Kopie ins Herz schliessen zu können. Vom berühmten Münchner Komiker und Autor Karl Valentin stammt der Spruch: «Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.» Trauen Sie sich! Und das Bierzelt wird für einige Stunden zum Himmel der Bayern auf Erden.



NEIN
Beat Metzler
«Oktoberfest» ist ein schönes Wort für «Massenbesäufnis».


Wer sich während der amerikanischen Prohibition betrinken wollte, besuchte eine «Flüsterstube». Wer es heutzutage tun möchte, geht ans Oktoberfest.

Wie «Flüsterstube» ist «Oktoberfest» ein Verschleierungswort. Es tarnt ein Massenbesäufnis (das Münchner Original produziert pro Tag über 50 Alkoholvergiftete) als volkstümlichen Anlass, bei dem anständige Bürger gesellig zusammensitzen. Wenn Jugendliche dasselbe tun wie Erwachsene am Oktoberfest, wird dies als Rauschtrinken und Botellón verunglimpft. Doch dank des Tarnworts können die gleichen Menschen, die den Alkoholverkauf nach 22 Uhr verbieten wollen, stolz ein Fässchen anzapfen. Es geht ja um Kultur.

Diese Kultur hat mit Bayern so viel zu tun wie eine Take-away-Pizza mit Italien. Das Oktoberfest funktioniert als globales Exportgut, zurechtdestilliert auf wenige starke Symbole. Egal, woher Lederhosen und Dirndl kommen. Hauptsache, es lässt sich gut saufen darin.

Wahrscheinlich macht das Oktoberfest Zürich so duselig, weil hier kollektive Saufrituale fehlen. Seinen Rausch öffentlich auszuleben, das liegt in der Stadt nicht drin. Das Oktoberfest besetzt diese Nische, schafft den perfekten Rahmen zum gemeinsamen Abstürzen – ohne dass sich jemand dafür schämen muss. Um den Drang zum Gemeinschaftsrausch lokaler und fortschrittlicher aufzufangen, könnte Zürich eine eigene Trinkkultur entwickeln: mit Minergie-Festhütten, vegetarischen Würsten, Vintage-Bänken, Zwingli-Starkbier, Kreis-4-Liedern, servierenden Männern und Street-Parade-Trachten.

Auch ein Tarnwort wäre rasch gefunden: die lange Nacht der Getränke.

Erstellt: 17.10.2013, 08:43 Uhr

Peter Aeschlimann

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