Opas sind die neuen Omas

Männer mit Enkelkindern – plötzlich sieht man sie überall. Sie nutzen ihre viele Freizeit und kümmern sich um den Nachwuchs zweiter Generation. Was steckt hinter dem Phänomen der aktiven Grossväter?

Ein starkes Team: Grossvater und Enkel verfolgen im Zürcher Letzigrund das Freundschaftsspiel Schweiz - Nigeria (2007).

Ein starkes Team: Grossvater und Enkel verfolgen im Zürcher Letzigrund das Freundschaftsspiel Schweiz - Nigeria (2007). Bild: Keystone

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Wochentags fallen sie besonders auf: Grossväter, die mit Kleinkindern unterwegs sind. Das ist doppelt bemerkenswert. Grundsätzlich sind nämlich noch immer markant weniger Männer mit Kindern anzutreffen als Frauen – selbst in urbanen Gegenden und trotz wachsendem Wunsch der Väter, den Nachwuchs mitzubetreuen. Dass sich ausgerechnet ältere Männer, sprich: Grossväter, mit den Kleinen abgeben, erstaunt zudem, weil diese Generation unhinterfragt 100 Prozent arbeitete, als die eigenen Kinder klein waren. Nun, da die Mannen pensioniert sind, müssen sie nicht zuerst für Teilzeitanstellung kämpfen, um Luft fürs Hüten zu finden. Gleichzeitig sind sie – auch durch die neuen partnerschaftlichen Familien- und Erwerbsarbeitsmodelle – gefordert, sich um die Enkel zu kümmern.

Und das tun sie denn auch. Gemäss Bundesamt für Statistik betreuen rund 12 Prozent der Männer zwischen 65 und 74 Jahren verwandte Kinder. Das ist immer noch weniger als bei den gleichaltrigen Frauen, ist aber ein erstaunlich hoher Anteil, bedenkt man, dass sich noch vor 50 Jahren kein Vater, geschweige denn Grossvater, mit Kleinkind im Arm oder Babywagen sehen lassen wollte.

Der grosse Nachholbedarf

Wie kam es zu dieser Wende? Zum einen habe sich allgemein die Zuneigungsquote pro Kind erhöht, sagt Peter Gross, emeritierter Professor für Soziologie der Universität St. Gallen. Je weniger Kinder wir haben, desto wertvoller werden sie. Zum anderen fühlen sich heutige Grossväter (und -mütter) jünger und fitter als früher. Diese soziokulturelle Verjüngung und die rasant gestiegene Lebenserwartung relativieren die Tatsache, dass Frauen immer später Kinder bekommen. Es bleibt mehr gemeinsame Lebenszeit zwischen Enkel und Opa.

Zum Beispiel Bruno Stuber. Ein halbes Jahrhundert lang hat er im Bereich Sozialhilfe und ?versicherung gearbeitet. Nun ist er 68 und betreut, zusammen mit seiner Frau, zwei Tage pro Woche die vierjährigen Zwillinge der Tochter. Donnerstags um 7.15 Uhr trudeln Benjamin und Salomé ein, am Freitagabend werden sie von ihrer Mutter abgeholt. Bruno Stuber sagt, das sei für ihn ein «neuer und bereichernder Lebensabschnitt». Er habe seine eigenen Töchter, wenn überhaupt, am Abend oder Wochenende gesehen. «Ich habe unsere Familie vernachlässigt. Wenn ich damals gewusst hätte, was ich verpasse, hätte ich anders gehandelt.»

Klar getrennte Hoheitsgebiete

Es besteht also Nachholbedarf. Doch es geht noch darüber hinaus. Peter Gross spricht von einem Vakuum, in dem sich viele heutige Männer ab 65 befinden. «Mit der Pensionierung gehören sie plötzlich zum Bund der Vertriebenen und suchen hektisch nach neuen Aufgaben.» Wenn es schlecht gehe, münde dies im Nonstop-Wandern oder ?Golfspielen, wenn es gut gehe in ehrenamtlichem Engagement oder Enkelkind-Hüten. Letzteres stiftet Sinn, macht Freude, funktioniert als sozialer Jungbrunnen.

Und die Grossmütter? Neu haben sie mit Gatten zu verhandeln, die die gleichen Rechte und Pflichten gegenüber dem Nachwuchs zweiter Generation in Anspruch nehmen. Selten kommt es allerdings zu Rollenkonflikten, denn selbst bei der Enkelbetreuung gibts klare Grenzen der männlichen und weiblichen Hoheitsgebiete: Nur wenige Opas wickeln und baden, viele konzentrieren sich aufs Spielerische, Pädagogische. Bruno Stuber etwa baut gerne Legokonstruktionen mit seinem Enkel, erzählt der Enkelin Geschichten oder singt mit beiden.

Positive Reaktionen

François Höpflinger, Soziologieprofessor der Universität Zürich und selbst Grossvater, bezeichnet die heutigen Opas sogar als die «neuen Grossmütter». Seine Untersuchungen zeigen, dass ein frühes Engagement der Grosspapi einen besonders förderlichen Effekt für den späteren Kontakt zwischen den Generationen hat. «Denn gegenüber Grossvätern bestehen weniger klare Rollenerwartungen als gegenüber Grossmüttern.» Anders gesagt: Das Phänomen der Enkel hütenden Männer ist noch so jung, dass jeglicher Einsatz positiv bewertet wird. Und nicht nur von den Enkel- und eigenen Kindern; selbst Aussenstehende reagieren wohlwollend: «Ich erhalte viele Komplimente, wenn ich mit den Zwillingen unterwegs bin, es ist eine dankbare Aufgabe», sagt Stuber.

Das soll allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kinderbetreuen auch und gerade für Grossväter an die Substanz gehen kann. Es ist nicht nur körperlich anstrengend, es kratzt zuweilen am Selbstverständnis. Galt der Grossvater lange Zeit als gestrenge Autorität, ist er heute selbst nicht mehr sicher, wie strikt er sein darf, und sieht sich mit moderner Erziehung konfrontiert. François Höpflinger weist allerdings darauf hin, dass Eingriffe der Grosseltern in die Erziehung der Enkelkinder heute zurückgewiesen werden, wie umgekehrt die Grosseltern auf ihre Eigenständigkeit und Autonomie gegenüber Interventionen der jüngeren Generation pochen.

Unabhängige Haltung

So kommt es, dass selbst engagierte Opas ihre eigenen Agenden und längst nicht allzeit die Bereitschaft zum Hüte-Einsatz haben. Ein Vorteil dieser auf Unabhängigkeit basierenden Haltung: Es entsteht kein Loch, wenn die Enkel eines Tages den Kontakt nicht mehr so sehr schätzen. «Eine Krise bekomme ich deshalb bestimmt nicht», sagt Stuber. «Wenn ich die Enkel seltener sehe, eröffnet mir das neue Freiheiten.»

Erstellt: 18.09.2010, 10:04 Uhr

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