«Pablo Escobar war für uns nichts anderes als ein Terrorist»

Sulay Pino wuchs im gefährlichsten Ort der Welt auf. Damals herrschte im Comuna-13-Viertel in Medellin ein Drogenkrieg. Wie ist es heute?

Früher wäre nicht einmal ein Taxifahrer in ihr Viertel in Medellin gefahren: Sulay Pino, 22. Foto: Privat

Früher wäre nicht einmal ein Taxifahrer in ihr Viertel in Medellin gefahren: Sulay Pino, 22. Foto: Privat

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Auf meinem Schulweg sah ich früher regelmässig Leichen auf der Strasse. Hörten wir Hubschrauberlärm, flohen wir so schnell wie möglich in eines der umliegenden Häuser und versteckten uns unter einem Bett, denn die Hubschrauber bedeuteten Gefahr, und die Wellblechdächer in unserem Viertel Comuna 13 in der kolumbianischen Stadt Medellin boten kaum Schutz vor den Schüssen. Einmal fuhr sogar ein Panzer hinter mir her, ich war gerade mal sieben Jahre alt.

Das Viertel Comuna 13 war in den 1980er- und 1990er-Jahren weltweit bekannt –traurigerweise als einer der gefährlichsten Orte der Welt. Hier tobte ein Drogenkrieg, der Kokainschmuggel boomte, verschiedene Guerillamilizen kämpften gegeneinander. Der Staat hielt sich aus alldem jahrelang heraus.

Für die Bewohner gab es oft nur zwei Optionen: Man arbeitete entweder mit der Polizei zusammen oder mit einer Drogenbande. Meine Familie versuchte sich so gut wie möglich herauszuhalten. Alle Bewohner mussten aufpassen, dass sie nicht versehentlich ein anderes Quartier betraten, denn die Drogenterroristen zögerten nicht, ihr Territorium zu verteidigen und «Eindringlinge» auf der Stelle zu töten. An die Schüsse und Schreie in der Nacht hatten wir uns längst gewöhnt. Fragte man damals Kinder, was sie später einmal werden wollten, dann sagten sie: Polizist – um die Gangster zu töten. Das alles hat sich zum Glück in den vergangenen Jahren radikal verändert.

Wir haben es satt, dass Kolumbien als Drogenhochburg gesehen wird.

Heute kann ich durch die Strassen gehen, ohne mich zu fürchten. Im Viertel hört man Gelächter und Musik, bunte Graffitis bedecken die von Schusslöchern übersäten Hauswände, man sieht Kinder spielen und Menschen zusammen Kaffee trinken. 2002 kam mit dem neuen Präsidenten Álvaro Uribe der erste Wandel. Durch die «Operation Orion» und andere Interventionen eliminierte das Militär die Gangster und Paramilitärs weitgehend. Richtig Frieden herrschte aber noch nicht, kleinere Gruppen übernahmen die Macht. Erst 2010, dank verschiedener Projekte wie einer Bibliothek und der Freiluft-Rolltreppen, die das an einem steilen Hang gelegene Quartier einfacher begehbar machen, kehrte Frieden ein.

Klar gibt es auch heute noch Probleme. Das Drogengeschäft floriert weiterhin. Ich fühle mich nachts noch immer nicht sicher und versuche vor der Dämmerung zu Hause zu sein. Gewalt findet aber in der Regel nur noch unter den Drogenbanden statt, die Bevölkerung wird in Ruhe gelassen. Wenn auch zu einem Preis: Viele Läden und sogar die öffentlichen Busse bezahlen ein Schutzgeld an die Gangs, damit sie nicht attackiert werden. Die Polizei weiss das, doch sie wird von den Gangchefs geschmiert, damit sie nicht eingreift. Korruption ist nach wie vor ein grosses Problem in Kolumbien.

Doch es gibt auch zahlreiche soziale Projekte, deren Ziel eine positive Zukunft der Comuna 13 ist. Neben meinem Studium zur Lehrerin leite ich seit zwei Jahren freiwillig die Organisation «Stairway Storytellers». Wir geben Jugendlichen aus dem Viertel gratis Englischunterricht, kümmern uns um einen Gemeinschaftsgarten und organisieren Weihnachtskonzerte mit Geschenken für die Kinder. Zudem bieten wir täglich Führungen für Touristen an, jeder von ihnen gibt für eine Kollekte, soviel er mag. Im Ausland bringt man Medellin immer noch mit dem Rauschgiftimperium Pablo Escobars in Verbindung, in der bekannten Netflix-Serie «Narcos» wird er geradezu verherrlicht. Für uns war er nichts anderes als ein Terrorist. Wir haben es satt, dass Kolumbien als Drogenhochburg gesehen wird. Dieses Bild wollen wir ändern und der Welt zeigen, dass eines der gefährlichsten Quartiere der Welt nun neues Leben hat – und Hoffnung für die Zukunft. Früher wäre nicht einmal ein Taxifahrer in diese Gegend gefahren – dass heute Touristen unser Viertel besuchen, macht uns glücklich und stolz.

Erstellt: 06.02.2019, 15:35 Uhr

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