«Pädophile suchen sich Berufe aus, in denen sie an Kinder herankommen»

Der Psychiater, Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz bezeichnet die These, wonach das Zölibat den sexuellen Missbrauch fördere, als wissenschaftlich nicht haltbar.

Seelsorge ist nicht dasselbe wie Psychiatrie: Beichtstuhl in Luzern.

Seelsorge ist nicht dasselbe wie Psychiatrie: Beichtstuhl in Luzern. Bild: Keystone

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Herr Lütz, Ihr Buch «Irre» wurde 400 000 Mal verkauft und rangiert ganz vorne auf den Bestenlisten. Weshalb?
Ich verbinde mit dem «Irre»-Buch eine Mission: Ein Drittel der deutschen und der schweizerischen Bevölkerung wird irgendwann einmal im Leben psychisch krank: Sucht, Depression . . . Und zwei Drittel haben Angehörige, die psychisch krank sind. Aber der Stand der Aufklärung über psychische Erkrankungen ist mittelalterlich. Leute, die in unsere Klinik kommen, wundern sich, dass sie keine Gitter vor den Fenstern sehen. Ich wollte mit einem unterhaltsamen und allgemeinverständlichen Bestseller eine breite Öffentlichkeit über die gesamte Psychiatrie und Psychotherapie informieren. Sodass etwa ein Manager, der sonst nie ein Psycho-Buch in die Hand nimmt, zum ersten Mal seinen schizophrenen Vetter anruft, weil er feststellt: Der ist gar nicht so verrückt, wie er eigentlich gedacht hatte.

Im Untertitel heisst es: «Wir behandeln die Falschen». Kriegshetzer, Terroristen und Wirtschaftskriminelle gälten als normal und würden nicht behandelt.
Das ist ironisch gemeint. Natürlich behandeln wir die Richtigen. Wir sollten nicht auch noch die Normalen behandeln, und im Zweifel ist jemand gesund. Nicht jede Träne ist eine Depression. Aber es gibt eben auch eine tyrannische Normalität, den ganz normalen Wahnsinn. Die grossen Verbrecher der Menschheit waren ja nicht psychisch Kranke. Manche sagen, Hitler war verrückt. Das war er nicht. Der war schrecklich normal. Man soll nicht Diagnosen, die wir für leidende Menschen erfunden haben, dazu missbrauchen, Massenmörder zu entschuldigen. Indem wir Verbrechen pathologisieren, verharmlosen wir sie.

Sie sind Theologe und Psychiater. Wie fliesst Ihr Glaube in die Therapie ein?
Gar nicht. Ich bin für eine strenge Trennung von Psychotherapie und Seelsorge. Jede Vermischung ist problematisch und führt zu Guru-Phänomenen. Empfehle ich einem Klienten, kaum ist er aus der Depression raus, den Glauben an Jesus Christus, nimmt er mir aus Dankbarkeit womöglich alles ab. Das aber wäre Manipulation. Die psychotherapeutische Beziehung ist immer eine asymmetrische künstliche Beziehung auf Zeit und für Geld. Auf Zeit und für Geld gibt es keine Liebe und auch nicht den Sinn des Lebens. Seelsorge dagegen ist viel mehr, sie ist eine existenzielle Beziehung.

Aber Religion macht doch gesund?
In der Sauregurkenzeit kann man in der Kirchenzeitung immer wieder lesen, dass Leute, die beten, älter werden als Leute, die nicht beten. Ich halte das für Etikettenschwindel. Christus ist mit 33 Jahren am Kreuz gestorben. Und Leute, die in China Christen sind, werden auch nicht überdurchschnittlich alt. Wer nur deswegen zu Jesus Christus betet, um einen besseren Blutdruck zu haben, der hat das Christentum nicht verstanden. Dabei will ich gar nicht ausschliessen, dass ein Mensch, der einen Sinn in seinem Leben sieht, ausgeglichener ist als jemand, der das ganze Leben lang bloss dem Tod davonläuft.

Worum geht es denn dem Christentum?
Man kann es nicht auf Nützlichkeit reduzieren: Einen Gott, den es braucht, den braucht man nicht. Es geht schlicht um die Wahrheit. Existiert Gott, oder existiert Gott nicht? Ein Christ, der nicht glaubt, dass sein Glaube wahr ist, ist gerade für atheistische Gesprächspartner uninteressant. Wenn wir Religion nur als Tapezierung des eigenen Wohnzimmers verstehen – muslimisch, jüdisch oder christlich tapeziert –, nehmen wir sie nicht ernst. Die entscheidende Frage für die Zukunft wird sein, ob ein bekennender Jude, ein bekennender Christ und ein bekennender Muslim miteinander auskommen, ohne einander den Kopf einzuschlagen.

Sie beraten die Deutsche Bischofskonferenz in Missbrauchsfragen. Haben Sie deshalb die Kirche in der Missbrauchsdebatte stets verteidigt?
Ich verteidige die Kirche nicht, koste es, was es wolle. Ich habe dafür gesorgt, dass die Kirche nicht bloss in der eigenen Sauce rührt, sondern nicht katholische führende Experten heranzieht. Die Leitlinien der Bischofskonferenz von 2002 greifen. Es gab fast keine neuen Fälle in den letzten acht Jahren. Wir haben es vor allem mit Altfällen zu tun. Der Missbrauch in Deutschland ist zuerst in der Kirche aufgedeckt worden und erst später in anderen Einrichtungen. Allerdings ist der Missbrauch in kirchlichen Institutionen besonders schlimm, weil der Priester in einer Art Vaterrolle ist, sodass das Ganze etwas Inzestuöses hat.

Sie werfen den Kritikern der Kirche doch «Missbrauch mit dem Missbrauch» vor.
Das war am Anfang der Diskussion. Wenn die üblichen Verdächtigen wie der Theologe Hans Küng ihre alten Platten auflegen und genau wissen, dass der Zölibat an allem schuld ist, dann überschreitet das ihre theologische Kompetenz und ist wissenschaftlich einfach Unsinn. Missbrauch ist ein viel zu ernstes Phänomen, als dass man hier einfach laienhaft herumspekulieren sollte.

Zieht der Zölibat etwa nicht Leute an, die mit ihrer Sexualität nicht zurechtkommen?
Solche Vermutungen aus dem Bauch halten der wissenschaftlichen Debatte nicht stand. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein zölibatärer Priester ein Kind missbrauche, sei 36- mal niedriger als bei einem nicht zölibatären Mann, sagt der forensische Psychiater und Atheist Hans-Ludwig Kröber. Man werde eher vom Küssen schwanger als vom Zölibat pädophil. Es ist umgekehrt. Pädophile suchen sich Berufe aus, in denen sie an Kinder herankommen. Da ist die Kirche nicht ausgenommen.

Sie halten die katholische Sexualmoral sogar für ein Bollwerk gegen Kindsmissbrauch.
Man mag gegen die katholische Sexualmoral sagen, was man will. Aber sie war natürlich immer gegen Kindsmissbrauch. Das ist übrigens eine besondere Errungenschaft des Christentums. Ob die Sexualmoral in einer Institution streng oder liberal ist, das hat mit der Frage, ob da missbraucht wird, nichts zu tun.

Wie können Sie als Psychiater dem Triebverzicht im Zölibat etwas abgewinnen?
Sex muss sein – das ist eine Macho-Argumentation: Die Frau muss zur Verfügung stehen, wann immer der Mann will. Und deswegen gilt: Wer nicht auf die Sexualität verzichten kann, der ist nicht ehefähig. Verzicht auf Sex gehört zu einem kultivierten Umgang mit Sexualität. Beim Zölibat ist dieser Verzicht gewiss ganz grundsätzlicher Art. Ausgerechnet Sigmund Freud hat darauf hingewiesen, «dass die asketische Strömung des Christentums für die Liebe psychische Werte geschaffen hat, die ihr das heidnische Altertum nie verleihen konnte». Den Zölibat gibt es in allen Religionen. Mahatma Gandhi, der selbst ein Zölibatsgelübde abgelegt hat, hat gesagt: Ein Volk, das solche Männer nicht hat, ist ein armes Volk. Ich kenne viele Priester, die aus ihrer zölibatären Lebensform reiche spirituelle Fruchtbarkeit schöpfen.

Dann muss die Kirche also überhaupt nichts ändern?
Doch, die Kirche muss sich immer reformieren, aber wir dürfen dabei das Wichtigste nicht vergessen. Es geht vor allem um den Glauben an Gott und ein überzeugendes christliches Leben. Mutter Teresa wurde übrigens mal von einem Journalisten gefragt, was sich denn in der Kirche ändern müsse. Da lächelte sie ihn an und sagte: Sie und ich.

Erstellt: 01.06.2010, 14:44 Uhr

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Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz leitet seit 1997 das psychiatrische Alexianer-Krankenhaus in Köln. Bekannt gemacht haben ihn Bestseller wie «Gott, eine kleine Geschichte des Grössten» oder zuletzt «Irre - Wir behandeln die Falschen» (Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009, 189 S., ca. 33 Fr.). 2003 hat er im Vatikan eine Konferenz über Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester und Ordensleute organisiert. Er ist Mitglied des päpstlichen Laienrates, der päpstlichen Akademie für das Leben und Berater der Kleruskongregation. Obwohl sich der Verteidiger des Papstes nicht einordnen lassen mag, referiert er häufig vor rechtskatholischen Kreisen. (mm)

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