Peitschen, menschenfreundlich

Wie wäre es, wenn die Sklaverei vor 150 Jahren aus wirtschaftlichen Gründen weiterbetrieben worden wäre?

Alle diese Menschen gehörten dem Plantagenbesitzer: Sklaven in South Carolina, 1862. Foto: Henry P. Moore (akg-images)

Alle diese Menschen gehörten dem Plantagenbesitzer: Sklaven in South Carolina, 1862. Foto: Henry P. Moore (akg-images)

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Ende 2015 soll die UNO-Klimakonferenz in Paris schaffen, was vor sechs Jahren in Kopenhagen misslang: ein Klima­abkommen, das den Klimawandel stoppt. Anfang 2015 jährte sich zum 150. Mal die offizielle Abschaffung der Sklaverei durch den US-Kongress.

Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Doch es gibt Parallelen: Eine wirksame Klimapolitik müsste den Weg aus der Nutzung der wichtigsten Energierohstoffe weisen – Öl, Kohle und Gas.Der US-Kongress verbot 1865 die Nutzung einer entscheidenden Energiequelle der industriellen Revolution – die menschliche Zwangsarbeit1.

Eine wirksame Klimapolitik muss mächtige wirtschaftliche Interessen überwinden. Auch die Abschaffung der Sklaverei setzte sich gegen starke wirtschaftliche Interessen durch: Die Sklaverei war vor 150 Jahren höchst profitabel. Aber während damals die Argumente der Menschlichkeit siegten, dominiert heute das Argument der – kurzfristigen – Wirtschaftlichkeit über den Erhalt der Lebensgrundlagen. Das hat damit zu tun, dass ein Grossteil der Politik bis heute der Maxime folgt, die Margaret Thatcher so formulierte: «Es gibt keine Alternative.»

Was wäre geschehen, wenn man im 19. Jahrhundert so gedacht hätte? Und die Sklaverei weiter so behandelt hätte, wie man heute das Klimaproblem angeht? Eine Fabel.

Luxus für alle

Am Anfang stand ein wachsendes Unbehagen. Die Wirtschaft florierte. Der Wohlstand zeigte sich vor allem im ­rasanten Anstieg der Zucker- und der Baumwollproduktion. Einst Statussymbol der Reichen, konnten sich zunehmend Normalbürger Süssspeisen und Baumwollkleider leisten – und oft einen Haussklaven dazu. Luxusgüter wurden demokratisiert: Ausdruck einer egalitäreren Gesellschaft.

Dagegen wuchs mit der Zucker- und der Baumwollproduktion die Sklavenwirtschaft, die nicht recht zu den egalitären Idealen passte. Auch das Freiheitsbewusstsein der Menschen verstärkte sich mit dem zunehmenden Wohlstand.

Es gab Leute, die bestritten, dass Sklaverei unmenschlich sei: Sie nannten sich «Sklavenskeptiker». In Ländern, ­deren Medien mit der Plantagenwirtschaft eng verbandelt waren, konnte man mit solchen Positionen Wahlen gewinnen.2 Doch wer einigermassen informiert war, kannte die Tatsachen.

Das Bewusstsein für die Misere der Sklaven existierte, ja es lag im Trend. «Menschenfreundlichkeit» wurde zu ­einem Modebegriff3: Alles Mögliche wurde als «menschenfreundlich» angepriesen. Man konnte menschenfreundliche Baumwolle («Libero-Baumwolle») und menschenfreundlichen Zucker (mit ­Labels wie «Esclavo fidelio» oder «Slave Stewardship Council SSC») kaufen. Wissenschafter entwickelten High­tech-Materialien, um die Peitschen der Sklaventreiber menschenfreundlicher zu machen. Aufwendig gestaltete Menschenfreundlichkeitsmagazine («Menschenliebe», «Die Freiheit») boomten. Marktsoziologen schufen einen eigenen Begriff für Leute, die solche Magazine lasen und solche Produkte konsumierten: die Lopaf («Lifestyle of Philanthropy and Feelgoodness»)4 – eine umworbene, da kaufkräftige Kundschaft.

Niemand will auf billigen Zucker verzichten

Einige Weltfremde wollten die Sklaverei abschaffen, doch die meisten blieben realistisch. Nicht nur hätte eine Abschaffung unabsehbare wirtschaftliche Auswirkungen: Es war einfach klar, dass niemand auf billigen Zucker und billige Baumwolle verzichten wollte! Der Lebensstil stand nicht zur Debatte, so weit war man sich einig.5 Und nicht zuletzt sprachen moralische Argumente gegen überstürzte Radikallösungen: Gerade jetzt, wo sich auch die Menschen ärmerer Länder Zucker, Baumwolle und Haussklaven leisten konnten, sollte man sie verbieten? Es gab ein Recht auf nachholende Entwicklung, und es machte sich schlecht, wenn Leute in eleganten Baumwoll­kostümen forderten, den Gürtel enger zu schnallen.

Die internationale Politik beschritt deshalb pragmatischere Wege. In einem ersten Abkommen verpflichteten sich die reicheren Länder, die Zahl der Peitschenhiebe (PH – das Mass, das sich zur Bemessung der Sklaverei durchsetzte) gegenüber einem Stichdatum um einen gewissen Prozentsatz zu senken. Damit das Abkommen seinen Unterzeichnerstaaten kein allzu enges Korsett anlegte, sah es als sogenannte flexible Massnahme einen «Mechanismus der freiheitlichen Entwicklung» (Free Development Mechanism, FDM) vor: Statt selber weniger Sklaven auszupeitschen, konnten die Vertragsstaaten Peitschenhiebe in anderen Staaten gleichsam kompensieren.6

Aus ökonomischer Sicht war das eine erfreuliche Einrichtung, liessen sich doch in ärmeren Ländern mit gleich viel Geld wesentlich mehr Peitschenhiebe einsparen, als es in den reichen Ländern möglich gewesen wäre. Wohl führte der FDM zu einigen unerwünschten Resultaten: So entstanden neue Plantagenwirtschaften mit dem einzigen Ziel, die Sklaven etwas weniger als üblich auszupeitschen und diese Differenz auf dem FDM-Markt zu verkaufen.7 Aber das waren Anfangsprobleme des Systems, die es in Kauf zu nehmen galt. Länder wie die Schweiz konnten ihre Verpflichtungen nur mithilfe des FDM erfüllen.

Das Problem löst sich von selbst

Manche Staaten setzten zur Erreichung ihrer Ziele auf einen ausgeklügelten internen PH-Markt. Unternehmen mussten PH-Rechte erwerben, die sie weiterverkaufen durften. Weil allerdings befürchtet wurde, besonders sklavenintensive Betriebe würden durch diese neue Regelung zu sehr belastet, verschenkte der Staat einen Teil der PH-Rechte. Weil man sich dabei verkalkulierte, fiel der Preis in sich zusammen.8 Man hätte die PH-Rechte nur wieder zu verknappen brauchen, aber dagegen waren zu starke Lobbys entstanden.

Man muss also einräumen, dass die PH-Märkte schlecht funktionierten und das internationale PH-Abkommen zu schwach war (der grösste Sklavenhalterstaat hatte es gar nie ratifiziert). Die ganzen Bemühungen trugen aber gleichwohl dazu bei, das Thema ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit und auf die Agenda der Weltpolitik zu setzen. Auf dem Höhepunkt der Aufmerksamkeit erhielt ein Kämpfer für Menschenfreundlichkeit den wichtigsten Friedenspreis der Welt (er hielt, was kleinliche Kritiker ihm vorwarfen, selber ein ganzes Heer von Haussklaven, doch wusste er das plausibel damit zu rechtfertigen, dass er diese brauche, um seine Vorträge gegen die Sklaverei halten zu können).9

Wirtschaftliche Branchen, die auf das neue Freiheitsbewusstsein setzten, florierten (wenn sie auch bei weitem nicht die Bedeutung der Plantagenwirtschaft erreichten). Die Cleantech-Industrie entwickelte bessere Pflückwerkzeuge für Baumwolle und züchtete gentechnisch verändertes Zuckerrohr, das beim Ernten weniger in die Hände schnitt; es gab ausgeklügelte Peitschenhieb-Managementsysteme, Peitschen mit einstellbarer Hiebstärke für ein sogenanntes Precision Slaving und so weiter. Wer nicht auf seinen sklavengestützten Lebensstil verzichten wollte, konnte freiwillige PH-Kompensationen erwerben.

Nörgler wiesen darauf hin, dass all das nichts gebracht habe: Während der Laufzeit des ersten PH-Abkommens hatte die Zahl der weltweit eingesetzten Peitschenhiebe nicht nur zugenommen – die Zunahme hatte sich gar beschleunigt. Staaten, deren Politiker sich für Menschenfreundlichkeit starkmachten, trieben gleichzeitig die Erschliessung neuer Sklavenquellen voran.10 Doch wiesen Ökonomen darauf hin, dass zumindest in den reicheren Ländern, die als Vorreiter für die ärmeren galten, die Zahl der Peitschenhiebe stag­nierte oder langsamer zunahm als die Produktion. Das heisst: Die Zahl der Peitschenhiebe im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung sank – die PH-Effizienz stieg. Man sprach von einer «Entkoppelung der Produktion vom Peitscheneinsatz». Würde diese Entkoppelung nur genügend unterstützt, erledigte sich das Problem eines Tages ganz von selbst.

Weniger Hiebe, mehr Zucker

Zugegeben: Es ist ungewiss, ob dieser Weg zum Ziel führt. Die Verhandlungen um ein neues PH-Abkommen stocken, seit die Wirtschaft kriselt. Einbrüche am Zucker- und Baumwollmarkt haben alle alarmiert. Einige der grössten Plantagenbetreiber mussten mit staatlichen Notkrediten gerettet werden. Die Folge: Das politische Ziel der Menschenfreundlichkeit geriet in den Hintergrund. Die Politik investiert all ihre Energie in die Ankurbelung der Zucker- und Baumwollproduktion. Massnahmen zur Förderung der Wirtschaftsleistung bewirken, dass immer mehr Sklaven benötigt werden.

Wo sie es können, haben die Sklaven deshalb längst begonnen, selber Sklaven zu halten oder Sklavenhalteranteilscheine zu kaufen. Nachbarn und Freunde peitschen sich gegenseitig aus, wobei die Peitschenhiebe – Segnung des Wohlstands! – dank der in vielen Schichten übereinandergetragenen Baumwollkleider kaum mehr spürbar sind. Die Seminare zur Steigerung der eigenen PH-Effizienz werden gut gebucht.

In absehbarer Zukunft dürften bis auf wenige Verweigerer alle Bürger der entwickelten Gesellschaften selber Sklaven sein, und doch wird man mit Stolz feststellen, dass die Gesellschaft noch nie so frei war: Nie zuvor wurden pro kPH (Kilo­peitschenhieb) so viele Tonnen Zucker und Baumwolle produziert; nie war das Freiheitssozialprodukt höher.

1 Oft wird die kohlebetriebene Dampf­maschine als wichtigster Energielieferant der industriellen Revolution betrachtet. Aber die dampfbetriebenen Textilfabriken konnten nur immer mehr produzieren, wenn immer mehr Baumwolle verfügbar war. Die Zahl der Sklaven in den USA versechsfachte sich von 1790 bis 1865.

2 In Australien verhalf eine von James Murdoch dominierte Presse dem Klimawandel-Verharmloser Tony Abbott zum Wahlsieg. In den USA gehören die Koch-Brüder zu den wichtigsten Sponsoren der klimawandelleugnenden Rechten.

3 Die Verwendung des Begriffs «Nachhaltigkeit» hat sich laut Zählung von Google seit 1990 rund verzwanzigfacht.

4 «Loha» heisst die Abkürzung für den «Lifestyle of Health and Sustainability».

5 US-Präsident George Bush sagte am UNO-Umweltgipfel von Rio 1992: «Der Lebensstil steht nicht zur Debatte.»

6 Der Handel mit Emissionsrechten gilt in der dominierenden ökonomischen Lehre als effizient.

7 Der CDM erlaubt die Zertifizierung von Kohlekraftwerken als Klimaschutzprojekte, sofern ihr CO2 tiefer liegt als in üblichen Kohlekraftwerken.

8 Auf dem europäischen Markt kostet ein Emissionsrecht für 1 Tonne CO2 derzeit etwa 6 Euro. Für eine Lenkungswirkung wäre ein Vielfaches nötig.

9 Al Gore erhielt 2007 gemeinsam mit dem UNO-Klimarat IPCC den Friedensnobelpreis. In den Vorträgen Gores ist eine Änderung des Lebensstils keine Option.

10 Die USA versuchen, ihre Investitionen in den umweltschädigenden Abbau von Schiefergas («Fracking») als Investition in den Klimaschutz zu verkaufen.

Marcel Hänggi ist Journalist und Buch­autor in Zürich. (www.mhaenggi.ch/) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.02.2015, 06:42 Uhr

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