Hintergrund

Pendler verpassen den Ausstieg wegen voller S-Bahn

Pendler fahren mit der S-Bahn unfreiwillig weiter, weil sie nicht rechtzeitig aus dem überfüllten Zug kommen. Mehrere Fälle wurden den SBB gemeldet. Ein Sprecher nimmt Stellung.

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Der Zug ist überfüllt, der Pendler zwängt sich zum Ausgang, um an seinem Heimbahnhof auszusteigen. Da schliessen sich die Türen, der Zug fährt weiter. Dem Pendler bleibt nichts anderes übrig, als eine Station später auszusteigen und mit den nächstbesten Zug wieder zurückzufahren. Ein Ärgernis. Die SBB bestätigen das Problem: Im Mai gab es dazu im gesamten S-Bahn-Netz elf gemeldete Fälle, wie SBB-Sprecher Reto Schärli gegenüber «Blick am Abend» am Mittwoch sagte. «Wir bedauern jeden einzelnen Fall.»

Dass Zugreisende ihre Station verpassen, kann unter anderem auf Folgendes zurückgeführt werden:

  • Viele Pendler fahren immer im selben Wagen – «sei es aus Gewohnheit oder weil sie am Zielbahnhof dadurch einen kurzen Weg zur Unterführung haben», wie Reto Schärli auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt. So habe es am Anfang und Ende des Zuges oft noch freie Sitzplätze, währenddessen in der Mitte oder in der Nähe der Perronzugänge ein Gedränge herrsche. «Es wäre für alle besser, wenn sich die Reisenden auf der ganzen Perronlänge besser verteilen würden», so Schärli.
  • Einsteigende lassen Aussteigenden kaum Platz. Sobald der Zug einfahre, würden sich viele Reisende auf dem Perron zu den Türen drängen, was den Leuten im Zug das Aussteigen erschwere, erklärt der SBB-Sprecher. «Wenn den Aussteigenden mehr Platz gelassen würde, könnten auch die Wartenden schneller einsteigen und der Lokführer könnte pünktlich abfahren.»
  • Einige Passagiere begeben sich nicht rechtzeitig zum Ausgang. Schärli rät, früh genug dorthin zu gehen. In Foren bestätigen Pendler die Problematik mit dem späten Aussteigen: «Die meisten Leute bleiben sitzen, bis der Zug an ihrem Bahnhof anhält. Erst dann setzen sie sich in Bewegung in Richtung Türe. Meist schreibt jemand im Gehen noch ein SMS und konzentriert sich nicht aufs Aussteigen», schreibt ein Zürcher. Man solle sich eine Station früher bereit machen, auszusteigen. «Selber schuld, wenn man bis zur letzten Sekunde sitzen bleibt. Wer regelmässig pendelt, sollte das wissen. Man kann sich organisieren», heisst es in einem anderen Kommentar.

«Lokführer lassen auch den gesunden Menschenverstand walten»

Nun, viele Zugpassagiere tun genau dies. Um den Ausstieg nicht zu verpassen, versammeln sie sich für ihre gesamte Fahrt in den Eingangsbereichen und Gängen. Das ist allerdings unpraktisch für jene, die zu einigen freien Sitzplätzen in der Zugmitte gelangen wollen und sich an den stehenden Leuten vorbeizwängen müssen. Was meinen die SBB dazu? «Genau aus diesem Grund sind die neuen Zürcher S-Bahn-Züge, der DPZ von Siemens und der Regio-Dosto von Stadler Rail, mit grosszügigen Einstiegszonen ausgestattet», sagt Schärli. Reisende, die wegen ihrer kurzen Fahrt nicht sitzen wollen, kämen dort viel besser an jenen vorbei, die nach einem langen Arbeitstag sitzen möchten.

Neben den erwähnten Knackpunkten im S-Bahn-Verkehr stellt sich auch die Frage, ob nicht auch die Haltezeit der Züge zu knapp berechnet ist. Hat sie sich in den letzten Jahren gar verkürzt? Laut Schärli galten früher, je nach Grösse des Bahnhofs, noch unterschiedliche Haltezeiten. Seit vielen Jahren betrage die maximale Haltezeit nun 50 Sekunden, das Minimum seien 15 Sekunden. Ist die vorgegebene Abfahrtszeit erreicht, der Fahrgastwechsel abgeschlossen oder die maximale Haltezeit von 50 Sekunden verstrichen, dürften Lokführer die Türen definitiv schliessen. «Die Lokführer lassen aber immer auch den gesunden Menschenverstand walten», so Schärli. «Wenn nach 50 Sekunden Haltezeit immer noch viele Fahrgäste aufs Einsteigen warten, wird er mit der Türschliessung zuwarten.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.06.2012, 14:17 Uhr

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So funktionieren die S-Bahn-Türen

SBB-Sprecher Reto Schärli erklärt: «Die Türen schliessen automatisch, wenn – je nach Zugstyp – fünf bis zehn Sekunden lang kein Reisender ein- oder aussteigt oder auf den Knopf drückt. Die Türen gehen wieder auf, wenn jemand auf den Knopf drückt, auf das Trittbrett steht oder die Lichtschranke im Türbereich unterbricht.
Vor der Abfahrt aktiviert der Lokführer manuell die Zwangstürschliessung. Dann blinken die Lämpchen oberhalb der Türen, es ertönt ein Pfeifton und die Türen schliessen, auch wenn ein Reisender die Lichtschranke unterbricht oder auf dem Trittbrett steht. Zum Schutz der Reisenden ist in den Türen ein Klemmschutz eingebaut. Verharrt jemand auf dem Trittbrett, gehen die Türen wieder auf. In solchen Momenten muss der Lokführer jeweils per Lautsprecherdurchsage die Reisenden bitten, die Türen freizugeben.»

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