Hintergrund

Piep, piep, ich hab dich nicht mehr lieb

Die Zeiten sind längst vorbei, als einen permanente Erreichbarkeit zum wichtigen Menschen machte. Peinlicherweise haben das noch lange nicht alle begriffen. Sie?

Schlicht unanständig: Till Schweiger mit Handy Anfang Dezember 2011 in der TV-Sendung «Wetten, dass...»

Schlicht unanständig: Till Schweiger mit Handy Anfang Dezember 2011 in der TV-Sendung «Wetten, dass...»

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Ein Treffen mit Freundinnen, der Wein ist bestellt, das Essen wird serviert – doch bevor man sich gegenseitig einen guten Appetit wünscht, muss man erst ein Bild vom Mahl twittern, damit auch die Netzfreunde wissen, was man grad tut. In welchem Restaurant man sitzt, wissen die natürlich schon lange – dank der App «Foursquare», die den eigenen Standort allen Friends verrät. (Lesen Sie auch: «Die halben Frauen»)

Einchecken, Foto twittern, Status-Update und dann geniessen? Ob das alles da draussen überhaupt jemanden interessiert? Wohl kaum. Und immer mehr Menschen nerven sich über das mobile Ding, das so manches Treffen zur Farce werden lässt. Das fängt an mit dem SMS fünf Minuten vor dem verabredeten Termin, in dem eine Verspätung von einer Viertelstunde angekündigt wird, geht weiter mit dem Vibrieren während des Essens, dem automatischen Griff zum Mobile zwischendurch. Besonders schlimm: All jene, die zwischen den Gängen kurz ihre Mails checken und so jedes vernünftige Gespräch im Keim ersticken. (Lesen Sie auch: «Datingregeln, neu berechnet» )

Handy-Nutzung sorgt für Zoff am Arbeitsplatz

Die beschriebene Dinner-Szene ist nur die private Fortsetzung von Fehlverhalten, das tagsüber an den Arbeitsplätzen kultiviert wird. Natürlich wird niemand bezweifeln, dass Smartphones eine tolle Erfindung sind – das Problem sind nur die Nutzer, die das Gerät nicht im Griff haben. Das Ding, das so häufig für die Schwierigkeit der Trennung von Berufs- und Privatleben verantwortlich gemacht wird, sorgt immer häufiger für Zoff am Arbeitsplatz.

Das hat letzthin auch eine Studie von Intel ergeben, für die 200 Personalleute befragt wurden. 79 Prozent gaben an, dass Handys für unnötige Störungen am Arbeitsplatz sorgen, 42 Prozent hatten schon Klagen erhalten über das Klingeln in Sitzungen oder SMS schreibende Kollegen. Interessant dabei: Alle nerven sich über die anderen – aber offensichtlich ohne Schlussfolgerungen für das eigene Tun.

Auf grundsätzliche Verbote setzen vor allem Schulen. An immer mehr Weiterbildungsinstitutionen – darunter auch Kaderschmieden wie das IMD in Lausanne – sind Handys während des Unterrichts nicht erlaubt. Öfter wird an den gesunden Menschenverstand appelliert und der klassische Knigge wird ergänzt. Auf dem Netz gibt es mittlerweile einige Websites, die sich mit der Mobile Etikette beschäftigen.

Das ist auch notwendig, denn gemäss Prognosen wird die mobile Nutzung in den nächsten Jahren noch einmal stark ansteigen. Das Problem dürfte sich also noch verschärfen, da es kaum mehr handyfreie Zonen geben wird und künftig nicht nur soziale Netzwerke auf diesem Weg gepflegt, sondern zunehmend auch Einkäufe getätigt werden. Die Vorstellungen, dass im Team-Meeting dann gleich noch fürs Abendessen eingekauft wird oder während dem Date eine Runde Poker für den nötigen Thrill sorgen soll, die sind nicht gerade erhebend. Da lohnt es sich, rechtzeitig Gegenstrategien zu entwickeln.

  • Rücksicht in Meetings. Es ist eine Frage des Respekts und der Effizienz, dass man in Meetings einander zuhört und nicht wegen Anrufen kommt und geht. Ausser in den Pausen haben Handys hier nichts zu suchen. Gegenstrategie: Ansprechen und eine allgemeingültige Regelung treffen. All jene, die nämlich effizient eine Sitzung hinter sich bringen wollen, sind durch die Unterbrüche doppelt gestraft. Wer einen wichtigen Anruf erwartet, soll das vorankünden und auf Vibration umstellen.
  • Die angemessene Lautstärke. Leider haben noch lange nicht alle Handy-Nutzer begriffen, dass die Verbindungsqualität wenig mit der Lautstärke der eigenen Stimme zu tun hat. Doch scheint es: Je wichtiger, desto lauter. Das ist vielfach in der ersten Klasse der SBB zu beobachten, wenn am Telefon Projekte besprochen oder Passwörter mitgeteilt werden und während 30 Minuten Fahrt auch der hinterste und letzte Mitfahrende begriffen hat, was für ein verkanntes Management-Genie da sitzt. Gegenstrategie: Selbst Anrufe in akzeptabler Lautstärke tätigen, die Lautredner werden sich lautstark beim Gesprächspartner über die fehlende Ruhe beklagen und entnervt aufhängen. Vielfach erprobt. (Lesen Sie auch: «Pendeln für Entspannte»)
  • Alles zu seiner Zeit. Natürlich sind all Ihre Freunde am Ausgang Ihrer Dates interessiert. Die Spannung wächst allerdings, wenn sie sich ein wenig gedulden müssen. Die Live-Berichterstattung von der Dating-Front ist absolut unnötig. Deshalb lieber das Handy auf die Seite legen, dem Gegenüber tief in die Augen schauen und es vielleicht mit einem Gespräch versuchen. (Lesen Sie auch: «Die 5 Dating-Fehler von Frauen») Gegenstrategie: Im Privaten wird auch auf drastische Massnahmen unter Freundinnen nicht verzichtet. Die eine Kollegin wird nur noch am Frauenabend zugelassen, wenn das Telefon stumm in der Tasche bleibt. Die Gespräche wurden seither wieder viel interessanter.
  • Trennung vom Statussymbol. Weder an Sitzungen noch an Dates gehört das Handy gut sichtbar auf den Tisch. Es bekommt damit einen Status, den es als Arbeitsinstrument nicht verdient. Gegenstrategie: Fehlverhalten ahnden, und zwar mit Zwangssozialisierung. Wer an Sitzungen unnötig zum Handy greift, zahlt im Anschluss eine Runde.
  • Übrigens tun sich auch bekannte Zeitgenossen schwer mit dem mobilen Umgang: Till Schweiger wurde öffentlich gerüffelt, weil er bei der Abschlusssendung von Thomas Gottschalk vom Sofa aus SMS schrieb – was nachvollziehbar, aber unanständig ist.

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    (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

    Erstellt: 13.01.2012, 22:10 Uhr

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