Plötzlich HIV-positiv

Er hat sich bei der Aids-Prävention engagiert. Nun hat sich der Basler Kolumnist -minu selber mit HIV angesteckt.

Eine Institution: Kolumnist -minu in der Basler Kunsthalle, wo er seit 16 Jahren den Christbaum schmückt. Foto: Kostas Maros

Eine Institution: Kolumnist -minu in der Basler Kunsthalle, wo er seit 16 Jahren den Christbaum schmückt. Foto: Kostas Maros

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Es hängt noch ein bisschen Glitter in seinem gezwirbelten Schnauz. Das kommt vom Weihnachtsschmuck, mit dem Hans-Peter Hammel alias -minu gerade den Christbaum im Basler Restaurant Kunsthalle behängt. Hier geht die feine Basler Gesellschaft ein und aus, hier kennt ihn jeder. -minu grüsst und nickt im Minutentakt, immer freundlich, ohne sich von seiner Mission ablenken zu lassen. Das Resultat ist eine glitzrig-bunte Advents-Extravaganza von einem Weihnachtsbaum. So bunt wie -minu selbst.

Jeder in Basel kennt den Kolumnisten, stets extravagant gekleidet und mit einer geistreichen Bemerkung auf den Lippen. Der 71-Jährige ist eine Institution, und das seit fast fünfzig Jahren. ­Jahrelang schrieb er die einzige und ebenso geliebte wie gehasste Basler Klatschkolumne. Diesen Herbst machte er selber Schlagzeilen. -minu ist HIV-positiv. 2016 gab es in Basel 36 neue HIV-Ansteckungen, eine davon ist -minu, angesteckt beim ungeschützten Geschlechtsverkehr.

Mit Präservativen überzogene Bananen

«Ich war ein Riesenarsch» lautet der Titel seines Beitrags im eben erschienenen Buch «Aids in Basel». So bezeichnete ihn der Göttibub, nachdem er von -minus Ansteckung erfahren hatte. Ausgerechnet -minu, der ihn eindringlich vor ungeschütztem Verkehr gewarnt hatte. Der die Anfänge der Krankheit in den Achtzigerjahren miterlebt hat, als man von der «Schwulenseuche» sprach. Der Freunde in Serie wegsterben sah.

«Es war so grauenvoll, dass ich ganz auf Sex verzichtete», sagt -minu. Später engagierte er sich, tauchte in einschlägigen Bars auf, überzog Bananen mit Präservativen. Und jetzt HIV durch ungeschützten Sex – wie kann das in seinem Alter noch passieren?

Was er schrieb, schlug ein

Wer ihm gegenübersitzt, kann sich seinem Charme kaum verschliessen. Mit Schalk in seinen grünen Augen nennt er die Dinge ohne falsche Scham beim Namen, redet vom Bumsen und Blasen, wenn es um Sex geht. Aber Menschen behandelt er höflich und respektvoll. Draussen spaziert eine Dame vorbei, -minu deutet mit dem Ende seiner Gabel auf sie und sagt: «Das ist XY» – er nennt einen Namen aus dem «Daig». «Sie hatte damals ein Verhältnis mit AB» – er nennt einen bekannten Anwalt. «Sie erwartete ein Kind von ihm, aber er war verheiratet. So etwas hätte ich natürlich nie geschrieben.»

Ein älteres Ehepaar schiebt sich vor den Christbaum, die fein gepuderte Dame lächelt überschwänglich, reicht ihm die Hand, bedankt sich für den Baum. Seit 16 Jahren schmückt ihn -minu zur Weihnachtszeit. Auch das ist eine Institution.

Diskretion bei öffentlichen Figuren, Offenheit im Privaten, das war immer -minus Strategie. Sie hat sich bis heute bewährt. Mit neun Jahren teilte der Sohn eines Tramchauffeurs seinen Eltern mit, er werde nie eine Frau nach Hause bringen, weil er sich für Männer interessiere. Als er 1969 mit seiner Klatschkolumne ins Licht der Öffentlichkeit trat, war seine sexuelle Orientierung kein Geheimnis – zu einer Zeit, da es in der Schweiz noch ein Homo­sexuellen-Register gab. Und jetzt sagt er mit derselben Selbstverständlichkeit, dass er Pariser noch nie gemocht habe, sie einengend und lusttötend finde. Das hört die Aids-Hilfe dann wohl nicht so gern.

«Unwürdig und niveaulos»

Wer verstehen will, wie ein schwuler Arbeitersohn in einer versnobten Stadt wie Basel zum Chronisten des Gesellschaftslebens werden konnte, muss in die Siebzigerjahre zurückblicken. Aus dem begabten Jungen sollte nach Wünschen des Vaters ein SP-Regierungsrat oder nach der Mutter ein Lehrer werden. Doch zum Entsetzen der Eltern schmiss er kurz vor der Matur die Schule und warb bei der linksliberalen «National-Zeitung» an. Der Verleger Fritz Hagemann habe beim Bewerbungsgespräch nach dem fehlenden Abschluss gefragt, erzählt -minu. Er habe ihm gesagt: «Ich hatte ein Verhältnis mit dem Chemielehrer, deshalb habe ich die Schule geschmissen.» Die Antwort: «Da haben Sie mehr gelernt als mit einer Matur.» -minu begann im Wirtschaftsressort und redigierte Börsenberichte, die dann etwa so tönten: «Fällt die La Roche in ein Loch, kaufen wir die Aktie doch.»

Bald schon kam er mit der Idee angetanzt, die «National-Zeitung» brauche eine Klatschkolumne. Fritz Hagemann unterbreitete das sofort dem Redaktions­kollektiv, das bei personellen und verlegerischen Entscheiden ­mitredete. Die Herren Redaktoren waren entrüstet. Unwürdig sei so etwas, niveaulos, für vulgäre Bedürfnisse. Die erhitzten Gemüter überzeugten den Verleger davon, dass die Idee gut sein musste. «Er klopfte mit seinen gichtigen Fingern auf den Tisch und sprach ein Machtwort», sagt -minu, der für seine erste Kolumne 1969 einen Cocktail­empfang beim Basler Exzentriker und Couturier Fred Spillmann heimsuchte. Er schrieb, was er wollte, und was er schrieb, schlug ein. Schon 1974, als 27-Jähriger, führte er die Sujetliste der Basler Fasnacht – er hatte die schönsten Toilette der Region in einem «Guide» publiziert – als Spitzenreiter an. Ein Ritterschlag.

Basel ist Provinz

Der Basler Journalist Christian Platz, Sohn des langjährigen BaZ-Chefredaktors Hans-Peter Platz, kennt -minu von Kindesbeinen an: «Er war immer eine grossartige Persönlichkeit, flamboyant, mit Schneid und manchmal so frech, dass die Leute leer schluckten. Doch er ist auch grundehrlich und rücksichtsvoll.» Vor allem liebt -minu seine Stadt. Basel sei auch ein Virus, sagt er, sein Glitzerschnauz lächelt. Heute lebt er mehrheitlich in Italien und hat gerade drei Jahre in Wien an einem autobiografischen Roman geschrieben. Aber wenn er die Münstertürme, Basels Wahrzeichen, wieder erblicke, klopfe sein Herz wie beim Anblick eines Geliebten.

Basel ist heute noch Provinz, und viel mehr noch war es das in den Siebzigern, als -minu mit seinem Klatsch begann. Die Stadt gab zu wenig her, um eine wöchentliche Kolumne zu füllen, zumal das alte Geld, in Basel «Daig» genannt, Öffentlichkeit fürchtet wie der Vampir den Knoblauch. -minu respektierte das. Er berichtete nur über jene, die nichts dagegen hatten. Und er dichtete dazu: Langweilern legte er knackige Statements in den Mund, oft kreuzte er nicht selber auf, sondern liess sich von seinen «Agenten» Bericht erstatten, manchmal verwechselte er Anlässe und Gästelisten. Doch er machte nie einen Hehl aus seiner Vorgehensweise und war geistreich genug, dass es niemanden kümmerte. Niemand gab zu, in seiner Kolumne erscheinen zu wollen, und doch war man beleidigt, wenn man es nicht in die Kolumne schaffte.

Grosse Liebe, offene Beziehung

Mit dem Klatsch hat er nach vierzig Jahren aufgehört, Geschichtenerzähler ist er geblieben. Mit der gewohnten Nonchalance berichtet er die Geschichte seiner HIV-Ansteckung. «Es war eine alte Affäre, ich wusste, dass er HIV-positiv war. Aber er war in Behandlung und deshalb nicht ansteckend.» Doch der Mann habe seine Medikamente in Eigenregie abgesetzt, seine Virenlast sei unbemerkt gestiegen. Bis -minu nach einem Besuch in London plötzlich von einer heftigen und hartnäckigen Erkältung heimgesucht wurde und beim Arzt als HIV-positiv diagnostiziert wurde.

Die Geschichte passt zur eben gestarteten Kampagne der Aids-Hilfe Schweiz. Sie will nicht in erster Linie vor Neuansteckungen warnen, sondern richtet sich gegen Diskriminierung und Vorurteile gegenüber HIV-Positiven. «Keine Kampagne gegen Aids, sondern eine für die HIV-Positiven», fasst Andreas Lehner von der Aids-Hilfe Schweiz zusammen. Man wolle den Leuten klarmachen, dass HIV-Positive mit der richtigen Therapie nicht mehr ansteckend seien. -minus Beispiel zeigt, dass Sorglosigkeit nicht angezeigt ist. Gleichzeitig hilft er mit seiner Offenheit, Vorurteile abzubauen.

Nun müsse er halt täglich zwei Pillen schlucken, sagt er gelassen. Auf seine Lebenserwartung habe das keine Auswirkung, hat ihm der Arzt versichert. Doch nicht alle nehmen es so locker. Verwandte und Bekannte hätten natürlich die Hände verworfen. In den Leserbriefspalten der «Basler Zeitung» heisst es empört, er verharmlose die Krankheit, ermutige zu verantwortungslosem Verhalten, und das alles in gewohnt locker flockigem Ton. Dazu -minus Beziehungsstatus – ist er nicht seit bald fünfzig Jahren fest liiert? «Da wundern sich wohl manche, dass man mit siebzig überhaupt noch Sex haben kann.» Er lacht. «Aber ich und mein Partner hatten immer eine offene Beziehung. Meine Ansteckung hat uns noch näher gebracht.» Für Moralisten wohl eine schwerer zu schluckende Pille als die zwei Tabletten, die -minu nun täglich nimmt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.12.2018, 21:12 Uhr

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