Plötzlich ist Patois sprechen unter Jungen im Wallis wieder angesagt

Der Dialekt drohte in der Westschweiz auszusterben. Doch nun wächst unter den Jungen die Lust, die Sprache der Grosseltern zu erlernen.

«Patois ist cool»: Mathias Reynard und Sébastien Wuethrich.

«Patois ist cool»: Mathias Reynard und Sébastien Wuethrich. Bild: Béatrice Devènes

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«Die Leute aus meinem Dorf» heisst im Dialekt von Nendaz: «É moûndo dû myô véâdzo». So lautet auch der Titelsong einer CD, den die Walliser Jazzsängerin Sylvie Bourban eingespielt hat. 2008 hatte die Walliser Regierung einen «Conseil du patois» zur Förderung des frankoprovenzalischen Dialekts einberufen. Dieser Dialekt-Rat animierte die junge Jazzsängerin, Songs in Patois aufzunehmen. Er stiftete auch Chöre und den Countrymusiker Paul Mac Bonvin von Siders an, CDs mit Liedern und Songs in der Mundart zu produzieren, die in Gemeinden des welschen Kantonsteils immer noch gesprochen wird.

Sébastien Wuethrich und Mathias Reynard hören diese Art Musik. Beide sind 24-jährig und angehende Lehrer. Wuethrich wuchs in Conthey auf. Zu Hause sprachen die Eltern mit den Kindern nur Französisch, obschon die Mutter den Dialekt versteht und recht gut spricht. 6500 «Patoisants» beherrschen im Wallis eine der vielen Unterarten des frankoprovenzalischen Dialektes, weitere 25'000 Einheimische verstehen zumindest einige Brocken Patois.

Ein Opfer der Industrialisierung

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sprachen die Menschen in der Romandie laut dem Dialektforscher Raphaël Maître noch überall Patois. Danach schwand der Gebrauch zuerst in den protestantischen Kantonen Genf, Neuenburg und Waadt – insbesondere wegen der Industrialisierung, die eine Vermischung der Bevölkerung nach sich zog. In den konservativeren katholischen Kantonen Wallis, Freiburg und Jura konnte sich Patois dagegen auf dem Land bis weit ins 20. Jahrhundert relativ gut halten.

«Heute gibt es noch in der Mehrheit der Welschwalliser Dörfer, im Greyerzerland und gewissen Gegenden des Jura vorwiegend ältere Menschen, die Patois sprechen», sagt Maître, der an der Universität Neuenburg forscht und Mitglied der Walliser Dialekt-Stiftung ist. Mit dem Frankoprovenzalischen als Muttersprache wachsen jedoch nur noch Kinder von Familien in der Walliser Gemeinde Evolène auf. Im Elternhaus von Mathias Reynard war Französisch die Alltagssprache. «Mein Vater schämte sich, Patois zu sprechen», erinnert sich der Savièser. Die Generation der Eltern wurde in einer Zeit geprägt, als das Frankoprovenzalische als «schlechtes, verunstaltetes Französisch» verpönt war. Das sei völlig falsch, entrüstet sich Wuethrich: «Das Patois ist eine eigene Sprache mit einer eigenen Entwicklung.» Seine Grosseltern sprachen unter sich Dialekt. «So hatte ich diese Sprache bereits im Ohr, als ich mit 20 begann, Patois zu lernen», sagt er.

Interesse bei Schülern gross

Wuethrich belegte in Conthey Sprachkurse des lokalen Vereins zur Förderung des Dialekts und hat an der Pädagogischen Hochschule Wallis eine Diplomarbeit über das Patois in der Primarschule geschrieben. Kürzlich besuchte er in Conthey eine Sekundarklasse, um das Interesse an der Sprache der Vorfahren zu wecken. Zu seinem Erstaunen wollten 16 der 20 Schülerinnen und Schüler den neu angebotenen Mundartkurs belegen. In der Sekundarschule der Nachbargemeinde Savièse meldeten sich mehr Schüler für das neue Freifach «Lokale Kultur und Patois» an als für alternative Angebote wie Kino.

«Heute ist es für die Jugend keine Schande, Dialekt zu sprechen. Patois ist cool», sagt Wuethrich. «Wir wollen wissen, woher wir kommen, was unsere Wurzeln sind», erklärt Reynard das erwachte Interesse an der Sprache der Grosseltern. Trotzdem hält es der junge SP-Grossrat aus Savièse für eine Illusion, dass im welschen Kantonsteil das Patois dereinst wieder Alltagssprache würde.

Patois einst strikt verboten

Einzig im hinteren Teil des Val d’Hérens – des längsten Walliser Seitentals – spricht die Mehrheit der Bevölkerung im Alltag Patois. Deswegen war der Dialekt, der vom standardisierten Französischen weit entfernt ist, für Gisèle Pannatier aus Evolène die Muttersprache. «Als ich 1964 in die Primarschule eintrat, konnte ich kein Französisch», erinnert sie sich. Später hat sie in romanischen Sprachen doktoriert und unterrichtet heute an der Handelsschule Sitten Französisch.

Zur Zeit, als Pannatier in Evolène zur Schule ging, durften die Lehrer kein Wort Patois sprechen. Letzte Woche haben nun der Gemeindepräsident und der Schulinspektor eingewilligt, dass die Primarschule Evolène künftig freiwillige Patois-Kurse durchführen darf. Pannatier präsidiert den Dachverband der 22 lokalen Dialekt-Vereine und erteilt an der Volkshochschule Kurse in Patois. «Mich fasziniert der Bilderreichtum dieser Sprache und die Vielseitigkeit von präzisen Ausdrücken für alltägliche Gegenstände, Tätigkeiten, aber auch Begriffe wie Liebe», sagt die Evolènerin. Allerdings ist das Patois mit einem Grundwortschatz von 7000 Begriffen eine komplexe Sprache und unterscheidet sich von Talschaft zu Talschaft.

Weckruf eines Alt-Staatsrates

Der ehemalige Walliser CVP-Staatsrat Bernard Bornet ist ein leidenschaftlicher Verfechter der Dialekte in seinem Heimatkanton. 2008 schlug er als Leiter einer Arbeitsgruppe zur Rettung des Patois die Alarmglocke. «Es ist höchste Zeit zu handeln, sonst verschwindet unser Dialekt», sagte er seinen Landsleuten. Bornet präsidiert die Anfang Monat gegründete Stiftung für die Entwicklung und Förderung des französisch-provenzalischen Dialekts, welche die Aktivitäten des «Conseil du patois» fortführt. Der 74-Jährige sprüht von Ideen und Projekten. Sie reichen von zweisprachigen Ortstafeln über neue Lehrmittel für Patois bis zu einem grenzüberschreitenden Radiokanal, der «Patoisants» im Wallis, im Aostatal und in Savoyen einander näherbringen soll. Der Mundartförderer kann mit Jazz nichts anfangen. Aber seine Stimme vibriert vor Stolz, als er dem Reporter die CD von Sylvie Bourban überreicht. Bernard Bornet aus Nendaz ist einer der Leute «dû myô véâdzo».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2011, 20:11 Uhr

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