Pokultur

Nie drängten sich die Derrières der Frauen aufdringlicher in den Vordergrund als heute. Das neue Schönheitsideal verrät viel über unsere Vergangenheit.

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Niemand weiss, was jenen Bewohner der Jungsteinzeit um 24'000 vor Christus dazu trieb, ein Stück Oolith-Stein zur Hand zu nehmen und mit seinem Feuersteinstichel eine weibliche Figur daraus zu formen. Vielleicht versteht es sich auch von selbst: Füsse und Hände liess er weg, ebenso das Gesicht, dafür arbeitete er umso sorgfältiger an den sekundären Geschlechtsmerkmalen, den massigen Brüsten und vor allem dem gewaltigen Hintern.

Die Figur ist uns heute als Venus von Willendorf bekannt und muss sich damals grosser Beliebtheit erfreut haben. Manche Nachgeborene deuteten die Venus als Stein gewordene Sättigungsbeilage für die permanent vom Hungertod bedrohten Steinzeitmenschen. Oder als paläolithisches Pin-up. Weil sich ähnliche Skulptürchen aus jener Zeit in ganz Europa finden, gehen die Forscher davon aus, dass unsere Ahnen bereits über ein weitreichendes Kommunikations­system verfügten und ihre Venus auch eifrig weiterreichten.

Fast wie heute. Vergangene Woche ging das Bild eines ebenso üppigen Hinterteils um die Welt. Niemand, der einen Internetzugang hat, dürfte das Bild des nackten Hinterns von Realitystar Kim Kardashian auf dem Cover des Paper-Magazine übersehen haben: grotesk gross, bestechend rund, wie glasiert. Von wegen Sättigungsbeilage.

Ikonografisch gesprochen war 2014 das Jahr des Hintern. Das Magazin «Sports Illustrated» feierte den 50. Geburtstag seiner für seine grossbusigen Schönheiten berühmten Swimsuit-Ausgabe. Dazu lichtete man die Schön­heiten nicht traditionell von vorne, sondern von hinten ab. Die Fitness-Studio-Angestellte Jen Selter erfand das Belfie (Butt-Selfie), wurde für diese brillante Leistung zum gefeierten Internet­phänomen und sogar mit einem Cover von «Vanity Fair» geadelt. Einige Damen wurden durch ihre Hintern berühmt und von den schon Berühmten können nicht wenige beeindruckende Hinterteile vorweisen.

Einem Fetisch wird gehuldigt

Die Alphatiere der Popkultur lieferten sich in diesem Jahr regelrechte Arschwettbewerbe, man denke an Beyoncé, Nicki Minaj, Jennifer Lopez, Jen Selter, Iggy Azela oder Rihanna, um nur einige Namen zu nennen. Sie alle versuchten, einander mit Videoclips zu übertrumpfen, in denen heftig getwerkt wird (eine Tanzbewegung, bei der das Hinterteil geschüttelt wird), und in ihren Texten dreht sich alles um den Booty (ein Kosename für den Po). Die Frage, wer den grössten hat, treibt mittlerweile also auch die Damenwelt um. 2014 dürfte in die Annalen eingehen als das Jahr, da die Popkultur einen Fetisch um den Hintern entwickelte.

Wurde mit ihrem Hinterteil ein Star: Fitness-Model Jen Selter. Quelle: Youtube.

2014 war auch das Jahr, in dem sich das berühmte Zitat von Tina Fey über die Evolution weiblicher Beautystandards endgültig bewahrheitete: «Heute wird von jedem Mädchen erwartet, dass es kaukasische blaue Augen hat, volle spanische Lippen, eine klassische Stupsnase, unbehaarte asiatische Haut mit einer kalifornischen Tönung, einen jamaicanischen Dancehall-Arsch, lange schwedische Beine, kleine japanische Füsse, die Bauchmuskeln einer lesbischen Fitness-Studio-Betreiberin, die Hüften eines neunjährigen Jungen, die Arme von Michelle Obama und die Titten einer Barbie-Puppe. Die Person, die diesem Ideal am nächsten kommt, ist Kim Kardashian, die, wie wir wissen, von russischen Wissenschaftlern erfunden wurde, um unsere Sportler zu sabotieren.»

Dieser Wissenschaft wollen wir uns kurz zuzuwenden, bevor wir zur Popkultur kommen und das grosse Warum zu beantworten versuchen. In einer umfassend angelegten Studie haben die Neurobiologen Ogi Ogas und Sai Gaddam den Pornografiekonsum im Internet untersucht. Im Buch «A Billion wicked Thougts» ziehen sie den Schluss, dass Brüste in allen Grössen und Formen das am meisten gesuchte menschliche Körperteil sind. Das war in allen untersuchten Ländern und Kulturkreisen der Fall, von Russland über Japan, Indien und Saudiarabien bis zu den USA. Gleich danach, sozusagen dicht auf den Fersen, folgt der weibliche Hintern. Was die Websites betrifft, die sich dem einen oder anderen Fetisch widmen, ist das Verhältnis sogar ausgeglichen.

Es gibt, besonders im Englischen, zahllose sprachliche Wendungen, in denen der Arsch eine unrühmliche Hauptrolle spielt. Das deutet darauf hin, dass unser Verhältnis speziell zu diesem Körperteil so zwiespältig ist wie das Teil selbst. Schliesslich steht der Hintern für eine andere sehr ambivalente Kraft, der wir Menschen ebenso gern verfallen, wie wir sie geringschätzen: die weibliche Sexualität. Nicht umsonst motiviert die Dynamik zwischen Begehren und Verachtung ganze Pornogenres. Zum Warum gibt es viele Vermutungen und wenig Fakten.

Nicht nur Darmausgang

Tatsache ist, dass sich zwischen den Hinterbacken nicht nur der Darmausgang, sondern auch die Fortpflanzungsorgane befinden, was man für eine katastrophale Zonenordnung halten mag, aber ein in der Natur bewährtes Prinzip ist. Manche Soziologen und Anthropo­logen behaupten gar, dass die sexuelle Fixierung auf die weibliche Brust daher rührt, dass diese in ihrer runden Form den Arschbacken gleicht. Damit verfügt die Frau praktischerweise vorne und hinten über Fleischhügel um von allen Seiten paarungswillige Männchen anzulocken. Natürlich hat die Natur nicht daran gedacht, dass Frauen der paarungswilligen Männchen auch mal müde werden, aber so was war der Natur ja schon immer herzlich egal.

Es stellen sich allenfalls noch moralische Fragen, wie sie Popstar Madonna letzte Woche per Twitter stellte: «Es ist verwirrend. Nippel gelten als provokativ und verboten, aber seinen Hintern zu zeigen, das ist in Ordnung?»

Weshalb sich die Derrières der Damen sich ausgerechnet jetzt in den Vordergrund drängen, ist eine soziokulturelle Frage. Zwar ist das Interesse für Hinterteile eine anthropologische Konstante, aber die Bedeutung in verschiedenen Kulturräumen variiert, wie eine Studie aus dem Jahr 2006 ergeben hat. Im asiatischen Raum gelten kleine bis mittlere Hintern als schön, solange sie formvollendet daherkommen. Mitteleuropäer mögen «volle, aber nicht allzu grosse» Hintern. Hispanier wiederum bevorzugen «sehr volle» Hintern, während bei den Afroamerikanern der perfekte Hintern «so voll wie möglich» sein soll.

Der Schluss ist naheliegend, dass mit der «glutealen Ästhetik», so der Fachbegriff, Elemente eines hispanischen und afroamerikanischen Schönheitsideals im westlichen Mainstream angekommen sind. Dies ist insbesondere in den USA, der Heimat der Popkultur, der Fall.

Die Fachliteratur ist sich einig, dass alles mit Jennifer Lopez begann. Ihr Auftritt bei den Grammy Awards im Jahr 2000 löste eine neue, kollektive Begeisterung für die gluteale Ästhetik aus – und schuf einen Markt für ihre Bewirtschaftung. Ganze Artikel wurden ihrem Hintern gewidmet, der «eine eigene Lebensform» darstelle, wie ein Autor schwärmte. Man schrieb über das andere Körperideal der Latinas, fülliger und sinnlicher, das nunmehr seinen Siegeszug antrete. Man deutete es als Ausdruck ethnischen Stolzes und pries die Entwicklung als Revolution hin zu einem gnädigeren, positiveren Umgang der Frauen mit ihren Formen, die sie hinfort freudig begrüssen würden.

Ein Markt für grosse Hintern

Das war etwas voreilig. Vielmehr sprach sich schnell herum, wie exzellent sich ein grosser Hintern kommerzialisieren lässt, was wiederum einen Markt für die gezielte Vergrösserung der Hinterbacken schuf: Seither schwitzen die Frauen in den Fitnessstudios bei Kniebeugen, verwegenere Exemplare rennen zum Arzt und lassen sich Implantate oder Eigenfett einsetzen. Die bekanntesten, weil absolut monströsen Hinterbacken der bereits erwähnten Kim Kardashian oder Nicki Minaj sind das Resultat plastischer Chirurgie. Keine Entspannung also an der Druckfront.

Die Kommerzialisierung weiblicher Hinterteile hat in Europa lange rassistische Tradition. Angefangen mit der Afrikanerin Saartje Bartman, die Kolonia­listen und Sklaventreiber Anfang des 19. Jahrhunderts in Südafrika gefangen nahmen und nach Europa verschleppten. Hier wurde sie wegen ihres grossen Hintern, des sogenannten Fettsteisses, als Hottentotten-Venus wie ein Tier zur Schau gestellt. Sie verkörperte alles, was die weissen Europäer an Dunkelhäutigen sowohl faszinierte wie ängstigte.

Tatsächlich klassifizierten die Europäer auf ihren kolonialen Eroberungs­zügen die dunklen Menschen, indem sie sie vermassen, wobei sie den weiblichen Hinterteilen besondere Aufmerksamkeit widmeten. Die Engländer meinten daran sogar den Grad der Zivilisierung ablesen zu können: je grösser der Hintern, desto primitiver die Rasse, desto ungezügelter die Sexualität.

Auch in den Vereinigen Staaten schwingt in der Diskussion um die Ästhetik weiblicher Hinterteile nach wie vor die rassistische Geschichte des Landes mit, wie Kulturanthropologin Myra Mendible in ihrem Standardwerk über die Signifikanz weiblicher Hinterteile schreibt. Demnach wurden in den USA grosse Hintern immer mit der Unterschicht und vulgären, verbotenen Sexualpraktiken assoziiert.

Zeichen für mangelnde Disziplin und Selbstkontrolle

Das bis Ende der Achtzigerjahre unumstrittene Schönheitsideal orientierte sich an der weissen Oberschicht und am Willen zur permanenten Selbstkasteiung: Fit, schlank und möglichst ohne Hintern. Zu viel Fleisch am Hinterteil galt dagegen als Zeichen für einen Mangel an Disziplin und Selbstkontrolle und eine fragwürdige Moral. Die eleganten Frauen der sozialen Elite hatten flache Hintern, die grossen waren den Dienstmädchen und Nannys vorbehalten.

Dies ist nicht mehr länger der Fall: Mit einem grossen Hinterteil lässt sich genug Geld verdienen, damit man sich selber Nannys und Dienstmädchen leisten kann, gern auch eine «skinny ass bitch» – frei übersetzt eine dünne und damit unattraktive Frau.

Was sich nicht verändert hat, ist die Faszination, mit der wir diese Entwicklung, um nicht zu sagen jede Entwicklung des Körperideals, beobachten. Auch wenn wir heute ganz andere technische Mittel haben, dieser Faszination Ausdruck zu verleihen, sind wir im Grunde immer noch dieselben Steinzeitmenschen wie vor mehr als 20'000 Jahren. Manche Dinge ändern sich nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2014, 19:06 Uhr

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