«Polizisten dringen durch alle Schichten»

Für eine vierteilige Krimiserie hat sich der schwedische Autor Arne Dahl auf die Suche nach den derzeit grössten Bedrohungen gegen Humanismus und Demokratie gemacht.

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Wie sollen wir Sie anreden: mit Ihrem richtigen Namen Jan Arnald oder mit Arne Dahl, Ihrem Pseudonym?
Jan Arnald: Es kommt auf Ihre Fragen an. Normalerweise stehe ich als Arne Dahl in der Öffentlichkeit. Nehmen wir also Dahl.

Warum haben Sie ein Pseudonym gewählt?
Arne Dahl: Vor rund zwanzig Jahren wollte ich mein schreibendes Leben verändern. Damals war ich Literaturwissenschaftler und hatte einige ungelesene Bücher geschrieben. Davon konnte ich nicht leben, ich hatte kleine Kinder. Hinzu kamen eine Schreibblockade und der Wunsch, von anderen Dingen zu reden. Ich wollte über die Veränderungen in der schwedischen Gesellschaft schreiben. Mit Dahl hatte ich jemanden, der das ungestört tun konnte.

Tragen Sie seither zwei Persönlichkeiten in sich?
Nein, es gibt keine psychologische Ursache für diese Wahl. Das Pseudonym gab mir die Möglichkeit, etwas ganz Neues zu finden und zu erforschen. Es dauerte immerhin fünf Jahre, bis es aufgedeckt wurde.

Sie haben soeben eine vierteilige Krimireihe beendet. Was kommt nun?
Ich verlasse die grossen Perspektiven und möchte zur klassischen Kriminalgeschichte mit einem einzigen Fall und ein oder zwei Polizisten zurückkehren. In der vierteiligen Reihe habe ich die Idee des globalen Thrillers mit vielen Polizisten und vielen Ländern ausgeschöpft. Die vier Bücher waren wie vier Sätze einer grossen Sinfonie. Jetzt schwebt mir ein intimeres Solostück vor – sagen wir für Cello. Es fiel mir nicht so leicht, diesen Rank zu finden. Es ist einfacher, ein weiteres Buch derselben Reihe und desselben Stils zu schreiben, als etwas Neues anzufangen.

Sie verzichten also auf die bisherigen Protagonisten?
Komplett, ja. Es gibt höchstens noch kleinere Verbindungen zu ihnen. Ich habe zwanzig Jahre mit den gleichen Ermittlern gelebt. Jetzt ist Zeit, neue Menschen zu treffen.

Das Pseudonym ist aufgedeckt, der Erfolg gross. Können Sie noch unbeschwert schreiben?
Sie meinen, ich brauche einen dritten Namen (lacht)? Nein, ich kann schon noch unbeschwert schreiben. Einen gewissen Druck spürte ich allerdings, als ich die vierteilige Krimireihe beendet hatte. Ich musste so schnell wie möglich etwas Neues schreiben, sonst wäre vielleicht das Risiko einer Schreibblockade vorhanden gewesen. Die Schwelle für das neue Buch lag höher als sonst, weil ich nicht auf die bisherigen Protagonisten zurückgreifen konnte. Bis dahin waren gewisse Elemente der Handlung bereits dadurch vorgegeben, dass ich dem gesamten Ermittlerteam Aufgaben erteilen musste. Ich konnte schliesslich nicht die Hälfte meiner Polizisten ohne Arbeit lassen. Beim neuen Krimi sass ich hingegen vor dem komplett weissen Blatt.

Helfen Drogen beim Schreiben?
Mundtabak Snus habe ich immer dabei, das ist nicht so gut. Vielleicht trinke ich manchmal auch ein oder zwei Gläser Wein, damit die Bücher nicht völlig nüchtern geschrieben sind (lacht). Aber mehr nicht. Ich kann nicht viel trinken, es wäre dem Text sofort anzumerken, dass ich den Kopf nicht beieinanderhabe. Und Drogen öffnen mein Gehirn nicht, sie schliessen es.

Sie sagten einmal, es gebe keine Grenze zwischen Schreiben und Leben.
Ja, alles geht ineinander über, das Leben ins Schreiben und das Schreiben ins Leben. Ich habe zwar versucht, Arbeitszeiten und Arbeitsorte zu definieren und diese vom Privatleben zu trennen, aber das funktioniert nicht. Ich muss schreiben, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Soeben habe ich wieder eine Seite geschrieben.

Schreiben Sie auch auf Lesetour?
Ja. Als Autor muss man ziemlich schnell von introvertiert zu extrovertiert wechseln. Schreiben ist eine sehr einsame Sache. Manche Kollegen leiden darunter.

Sie auch?
Ich bin völlig introvertiert, eigentlich. Lesungen und Interviews waren anfänglich schwierig für mich. Aber inzwischen habe ich gemerkt, dass sie das Leben vielschichtiger machen. Es tut mir zudem gut, wenn ich erklären muss, was ich tue. So muss ich auch vor mir selbst diese Frage immer wieder beantworten.

Manche Autoren entziehen sich solchen Fragen und sagen: «Lest mein Buch.»
Es stimmt schon, dass im Buch eigentlich alles drin ist, was ich sagen wollte. Aber ich finde, ich sollte den Inhalt trotzdem erklären und rechtfertigen können. Das gehört dazu.

Als Literaturwissenschaftler fällt Ihnen das vielleicht auch etwas einfacher als anderen.
Das ist möglich. Ich habe auch schon Krimischreibkurse erteilt. Das war jedoch sehr schwierig.

Wieso?
Weil von mir Rezepte erwartet wurden, Listen, die man abarbeiten könnte. Aber Kreativität funktioniert nicht nach einer generellen Methode, auch wenn ein Krimi einige notwendige Elemente enthält.

Nordländische Krimiautoren verwenden häufig gesellschaftskritische Elemente. Ist das eine Rechtfertigung, sich in die Niederungen eines Krimis zu begeben?
Es hat wohl eher mit der schwedischen Gesellschaftsentwicklung zu tun. Nach dem Krieg hatte Schweden die Gelegenheit für ein Sozialexperiment. Wir isolierten uns, errichteten einen Wohlfahrtsstaat, wollten sozialer und besser sein als die andern. Doch ab den 70er-Jahren begann dieses Experiment zu bröckeln. In der immer globaler werdenden Welt funktionierte die Isolation nicht länger. Ich denke, diese Veränderung nahmen die Autoren auf. Jetzt verkommt die Gesellschaftskritik manchmal zu einem oberflächlichen Klischee in den Krimis. Für mich ist sie mehr. Sie ist Teil des Genres, der Grund, weshalb ich Krimis schreibe.

Wollten Sie eigentlich über die Gesellschaft schreiben?
Ja, und das Genre des Krimis eignet sich hervorragend dafür. Kriminalität sagt viel über die Gesellschaft und ihre Grenzen aus. Polizisten durchdringen alle Schichten. Im neuen Krimi versuche ich zwar etwas weniger politisch und weniger sozialkritisch zu schreiben. Es gelingt mir aber nicht hundertprozentig.

Darf die Polizei Grenzen übertreten, um Verbrechen aufzudecken?
In einem Krimi ist natürlich alles idealistisch, die Polizisten können alles tun, und alles ist möglich. Aber diese Frage beschäftigt mich tatsächlich immer wieder: Funktioniert das Rechtssystem in jedem Fall und zu jeder Zeit, oder muss man manchmal davon abweichen, um Gerechtigkeit zu erlangen?

Haben Sie keine Antwort gefunden?
Nein, es gibt da eine Grauzone, und genau diese interessiert mich. Wahrscheinlich gibt es tatsächlich Situationen, in welchen man die Grenzen des Rechtsstaates überschreiten muss, um einer guten Sache gerecht zu werden.

Auch mit Folter?
Grundsätzlich überhaupt nicht. Aber jeder Fall ist einzigartig. Vielleicht gibt es einmal eine Situation, in welcher man nur über sie zu Gerechtigkeit gelangt.

Was halten Sie von einem flächendeckenden DNA-Register?
Das ist für mich eine erschreckende Idee, auch wenn die Polizei dank eines solchen Registers grosse Verbrechen verhindern oder lösen könnte. Der Preis dafür wäre aber hoch. DNA enthält viele Informationen. Sollten aus irgendeinem Grund unsere Rechtsstaaten und Demokratien durch andere Systeme abgelöst werden, wird es zum Problem, dass solche Informationen über uns abrufbar sind. Das gilt für alle Daten, die heute so leicht über uns erhältlich sind. In den USA werden bei der Einreise Fingerabdrücke genommen. Es ist wohl eine Frage der Zeit, bis auch eine DNA-Probe genommen wird.

Das geht Ihnen zu weit.
Ja. Ich habe in meinem letzten Buch «Hass» die Gefahr genetischer Experimente thematisiert. In vielen Teilen der Welt mag die Forschung streng beobachtet und moralisch korrekt erfolgen. Aber was ist, wenn die Ergebnisse gestohlen und für unmoralische Zwecke verwendet werden? Wenn die Forschung über Muskelaufbau eigentlich Menschen mit Muskelerkrankungen helfen sollte, aber zum Aufbau von Muskelpaketen genutzt wird? Das ist ein zentrales Thema im Buch ebenso wie der Drogenhandel und die organisierte Kriminalität. Letztere ist etwas aus dem Fokus geraten, weil die Terrorismusbekämpfung in den Vordergrund drängte. Das Drogengeschäft ist fest im Griff des organisierten Verbrechens. Der Krieg gegen Drogen funktioniert nicht. Wir müssen neue Wege finden.

Drogen legalisieren?
Auf jeden Fall müssen wir in der Drogenpolitik umdenken. Vielleicht muss es in Richtung Legalisierung gehen, auch wenn uns diese zunächst überfordern würde.

Müsste Europa mehr zusammenarbeiten, um das organisierte Verbrechen zu bekämpfen?
Ja, wir gehören zusammen. Wir können die multikulturelle Welt nicht rückgängig machen. Früher waren diese Diskussionen intensiver,, heute driftet Europa auseinander und die Fremdenfeindlichkeit nimmt zu.

Sie zeigen viel Verständnis für die Polizei. Auch für die andere Seite, die Bösewichte?
Hm, ja. Mich fasziniert die Grauzone, in welcher jemand unrecht tut und es mit dem Ziel rechtfertigt, damit Gerechtigkeit herzustellen. Natürlich gibt es sehr unterschiedliche Ursachen für Kriminalität. Geld und Macht sind die naheliegendsten, aber nicht die interessantesten. Für einen säkularisierten Menschen schwieriger zu verstehen sind Gewalttaten aus religiöser Überzeugung. Dieses Motiv habe ich in meiner vierteiligen Reihe etwas verpasst, eigentlich hätte ich die grössten Bedrohungen gegen Humanismus und Demokratie aufgreifen wollen. Den religiösen Extremismus habe ich bei der Recherche übersehen, er kam so plötzlich.

Färbt es auf einen ab, wenn man für einen Krimi immer wieder Verbrechen in Gedanken durchspielen muss?
Nein, ich denke, ich werde im Gegenteil immer ungefährlicher, gerade weil ich über Verbrechen schreibe. Ich mache diese Gedankenspiele, erkenne deren Konsequenzen und bin froh, dass ich sie wieder beenden kann. Wenn ich andere Autoren treffe, so erscheinen mir die Krimiautoren fast immer als die harmlosesten. Die Poeten sind viel schlimmer...

Haben Sie selbst Angst vor Verbrechen?
Ich habe möglicherweise einen geschärften Blick für gefährliche Situationen und Risiken entwickelt. Aber ich denke, Verbrecher lesen meine Bücher nicht, sie sind zu schwierig für sie, eine konkrete Gefahr droht deshalb sowieso nicht.

Keine Bedrohungen?
Nein. Es gab einige schwierige Leser, die etwas zu nahe kamen. Das störte mich, war aber nicht gefährlich.

Was war denn deren Motiv?
Vielleicht Liebe. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.03.2015, 13:45 Uhr

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