Interview

«Probleme nicht mit der Lupe suchen»

Die deutschtürkischen Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli haben mit «Almanya» einen lustigen Film über eine Einwanderungsfamilie gedreht – ein Überraschungserfolg.

Mehr Humor in der Integrationsdebatte würde guttun: Dieser Ansicht sind Nesrin (links) und Yasemin Samdereli.

Mehr Humor in der Integrationsdebatte würde guttun: Dieser Ansicht sind Nesrin (links) und Yasemin Samdereli. Bild: Nicola Pitaro

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Ihr Film tut gut, weil Sie an ein Thema, das sehr emotional auf-geladen ist, so unverkrampft und humorvoll herangehen.
Yasemin Samdereli: Danke. Wir wollten aufzeigen, dass es auch andere Beispiele gibt. Es wird immer so dargestellt, als ob es keine Türken gibt, die offen und tolerant sind, oder sie sich nicht anders zu helfen wissen als damit, ein Messer zu zücken. Oft werden wir gefragt, ob unser Film nicht unrealistisch sei, zu positiv. Und wir sagen dann immer, nein, bei uns war es ähnlich, und wir sind keine Ausnahme. Die Türken sind keine homogene Masse, wie die Deutschen oder die Schweizer auch nicht. Das war die Haltung, die im Film drinsteckt.

Was ist das Hauptproblem, wenn über Migration gesprochen wird?
Y. Samdereli: Es wird oft mit Vorwürfen hantiert, und das ist nicht sehr hilfreich. Die werden dann so auf eine Gruppe runtergebrochen, und viele Türken fühlen sich dieser Gruppe gar nicht zugehörig und fragen sich, weshalb sie eigentlich immer wieder mit allen anderen in einen Topf geworfen werden.

Fühlten Sie sich demnach von Thilo Sarrazins Buch verletzt?
Nesrin Samdereli: Ich habe das Buch nicht gelesen und weigere mich auch, das zu tun. Und verletzt war ich nicht, weil ich mich schon gar nicht angesprochen fühlte. Weshalb er so viel Erfolg hat, verstehe ich nicht, aber offensichtlich trifft er bei den Deutschen einen wunden Punkt. Bloss verspricht er einfache Lösungen und schert alles und alle über einen Kamm.
Y. Samdereli: Mich hat verletzt, dass so viele auf seine reisserischen Thesen anspringen. Das ist ehrverletzend. Nicht die Thesen an sich, aber dass sich so viele darauf eingelassen haben, hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Angesichts der Geschichte von Deutschland sowieso.

Ist nicht gerade das Teil des Problems: dass vor lauter politischer Korrektheit gewisse Dinge nicht ausgesprochen wurden?
Y. Samdereli: Was denn genau? Was ist das Problem? Die Arbeitslosigkeit? Die ist ja nicht kulturspezifisch. In Neukölln sind zwar mehr Ausländer, aber da gibts ja auch Deutsche, die durch die Maschen gefallen und aggressiv sind. Das ist doch kein Kulturproblem, sondern ein soziales Problem.
N. Samdereli: Wenn Sarrazin sagt, dass in gewissen Städten der migrantische Anteil besonders hoch ist und dass die Ausländer die Sprache nicht sprechen und die Schule abbrechen und keine Ausbildung machen, dann ist das nicht nur ein Problem von denen, sondern auch ein Problem, das ihnen gemacht wird. Wenn sie etwa wegen ihres Namens keinen Job bekommen. Das ist ein Problem einer grossen Gruppe, die zwar eine Minderheit ist, aber keine realen Chancen hat und kein aktiver Teil der Gesellschaft ist. Da muss man sich doch fragen, warum das so ist.

Die schärfste Kritik kommt von Ausländerseite selbst. Zum Beispiel von der Reporterin und Autorin Güner Balci, die sagt, dass in Neukölln der Anteil an Kopftuch tragenden Frauen massiv zugenommen hat und muslimischen Mädchen vermehrt alles verboten wird – und das von Familien, die schon in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben.
N. Samdereli: Ja, aber Güner Balci pflegt einen sehr feministischen Ansatz. Und sie hat auch recht, wenn sie anprangert, dass muslimische Frauen nicht dieselben Möglichkeiten haben. Aber man kann deshalb doch nicht sagen, dass in der türkischen Community alles schiefläuft. Man muss differenzieren. Die Extremfälle gibt es, und das ist auch nicht nur einer von einer Million. Aber die Mädchen gehen ja zur Schule, auch wenn sie kein deutsches Leben leben. Wir lebten auch kein komplett deutsches Leben.
Y. Samdereli: Man muss aufpassen, dass man die Probleme nicht mit der Lupe sucht. Sonst wird eine ganze Kultur stigmatisiert.

Ist nicht genau das der Punkt? Werden die Probleme benannt, heisst es, es werde stigmatisiert. Wenn 2011 muslimische, in Deutschland aufgewachsene Buben sagen, ihre Schwestern müssten zu Hause sein und den Haushalt führen, dann ist das doch erklärungsbedürftig.
N. Samdereli: Die kennen nichts anderes. Ihr Umfeld funktioniert so.

Obschon ihre Familien seit Jahrzehnten in Deutschland leben?
Y. Samdereli: Weil sie auf Schulen gehen, in denen es auch nur Türken gibt. Da herrscht dann die gleiche Meinung. Die kommen ja gar nicht dazu, sich mit Deutschen auseinanderzusetzen.

Genau das kritisiert Güner Balci auch: die fehlende Durchmischung. Macht es diese Entwicklung den heutigen Jugendlichen schwerer?
Y. Samdereli: Auf jeden Fall. Weil unser Umfeld total deutsch war, haben wir uns einfacher angepasst – als Kind will man ja nichts weniger als auffallen oder anders sein. Diese Stadtteile, in denen ganze Massen von Türken leben, gab es damals noch nicht. Es gab auch kaum türkische Geschäfte oder türkische Werbung, das hab ich mit 27 in Berlin kennen gelernt.
N. Samdereli: Klar. Aber man kann ja niemandem vorwerfen, dass er in einer Umgebung mit tiefen Mieten wohnt. Wir haben auch erlebt, dass wir Wohnungen nicht bekamen, weil der Vermieter keine ausländischen Namensschilder an der Tür haben wollte.

Das wurde Ihnen so gesagt?
Y. Samdereli: Ja, vor allem in Stadtteilen, in denen es wenig Ausländer gibt. Da werden ja die Eltern nervös, wenn ihre Kinder in eine Schule mit fast nur deutschen Kindern gehen und dann die ersten türkischen Kinder kommen.

Heute erleben Sie vermutlich das Umgekehrte: Sie müssen als Vorzeige-Türkinnen herhalten.
N. Samdereli: Ja, manchmal schon, aber meistens geht es ja um etwas sehr Konkretes, also um einen Film. Dann sprechen wir darüber. Wir meiden Veranstaltungen, an denen wir als geglücktes Beispiel für Integration herhalten müssen.

Nervt es Sie?
N. Samdereli: Es nervt deswegen, weil davon ausgegangen wird, dass wir die Ausnahme sind. Und auch, weil unterschwellig gesagt wird: So müsste es sein, so ist es gut. Dabei gibt es ja auch andere Wege.
Y. Samdereli: Da spielen auch Vorurteile mit. Bei Frauen, die ein Kopftuch tragen, egal wie selbstbewusst sie sind, denken die Leute auch gleich: Die ist unterdrückt.

Sie sind gegen ein Kopftuchverbot?
Y. Samdereli: Kopftuchverbot von mir aus, aber dann sollen die Nonnen auch nichts auf dem Kopf tragen. Es sollte jeder selbst entscheiden, was er auf dem Kopf trägt. Aber ich bin total für ein Burkaverbot.
N. Samdereli: Ich bin dann dafür, wenn es für alle Religionen gilt.

Was wünschen Sie sich von der Politik?
Y. Samdereli: Es wäre sehr hilfreich, wenn Sprachkurse kostenlos und für jeden zur Verfügung stehen würden. Die Sprache zu beherrschen, ist zentral.
N. Samdereli: Diese Stadtteil-Ghettoisierung sollte aufgebrochen werden. In England wird durch staatliche Wohnungen in teuren Wohngebieten für eine Durchmischung gesorgt.
Y. Samdereli: Und dann: Bitte mehr Humor! Es hilft, wenn man zusammen lacht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2011, 21:49 Uhr

«Almanya»

Türken in Deutschland

1964 reist Hüseyn als 1'000'001. ausländische Arbeitskraft in Deutschland ein. Er holt seine Frau und die drei Kinder nach, das vierte wird in Deutschland geboren. Ein halbes Jahrhundert danach überrascht er seine Familie mit der Neuigkeit, er habe in der alten Heimat ein Haus gekauft – und in den nächsten Ferien solle die ganze Sippschaft dahin fahren, um das Gebäude in Schuss zu bringen. Er stösst damit nicht gerade auf Begeisterung, die Reise nach Anatolien wird aber dennoch in Angriff genommen. In Rückblenden wird die Geschichte von Hüseyn und seinen Kindern und Enkeln erzählt.

«Almanya» ist das Werk von Yasemin (38, Regie und Drehbuch) und Nesrin Samdereli (32, Drehbuch), die als Töchter alevitischer Eltern in Deutschland geboren und auf-gewachsen sind. Sie drehten den TV-Spielfilm «Alles getürkt!» und schrieben unter anderem Folgen für die Serie «Türkisch für Anfänger». «Almanya» wurde in Deutschland mit über 700 000 Zuschauern zum Über-raschungserfolg und zweimal mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Der Film läuft ab 19. Mai in Zürich in den Kinos Corso 2 und Riffraff 1. (bwe)

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