Prominenter Aussteiger wirft Scientology Sklaverei vor

Nach 35 Jahren hat Hollywood-Regisseur und Oscar-Preisträger Paul Haggis die Sekte verlassen und erhebt schwere Vorwürfe. Scientology weist alle Anschuldigungen zurück.

Allumfassend: Eine Frau studiert die Materialien zum Selbsstudium in der Scientology Kirche in Zürich.

Allumfassend: Eine Frau studiert die Materialien zum Selbsstudium in der Scientology Kirche in Zürich. Bild: Keystone

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Scientology droht in den USA Ungemach. In einem 26-seitigen Artikel erhebt das Magazin «New Yorker» schwere Vorwürfe gegen die Sekte. Die Bundespolizei FBI ermittle gegen die Organisation, schreibt das Blatt. Es bestehe der Verdacht auf Menschenhandel und Kinderarbeit. Als Hauptzeuge tritt der bekannte Hollywood-Regisseur und Oscar-Preisträger Paul Haggis auf.

Ins Kreuzfeuer der Kritik gerät auch der Schauspieler Tom Cruise. Scientologen hätten für den Filmstar unter unwürdigen Bedingungen Autos gewartet und ein Büro umgebaut. Ihr Lohn: eine Entschädigung von rund 50 Dollar pro Woche, wie sie bei Scientology üblich ist.

Ausstieg wegen lesbischer Tochter

Der 57-jährige Haggis – er inszenierte «Crash» und schrieb das Drehbuch für «Million Dollar Baby» – engagierte sich fast 35 Jahre lang für die Sekte. Als diese Homosexuelle verteufelte, platzte ihm der Kragen, denn seine Tochter ist lesbisch.

Mit seinem öffentlichen Angriff handelte sich der Regisseur umgehend Ärger ein, schalteten doch Tom Cruise und Scientology laut «New Yorker» sofort ihre Anwälte ein. Diese bestreiten die Vorwürfe. Das FBI habe die Untersuchungen ergebnislos eingestellt, erklärt die Sekte. Das FBI selbst wollte aber keine Stellung nehmen.

Scientology-Boss David Miscavige, der Nachfolger von Gründer Ron Hubbard, setzt alles daran, sich und sein prominentes Vorzeigemitglied Cruise aus der Schusslinie zu nehmen. Die beiden sind enge Freunde, Miscavige war Trauzeuge von Tom Cruise und Katie Holmes.

In seinem Rücktrittsschreiben kritisiert Haggis, Scientology verlange von ihren Mitgliedern, sich von Freunden und Familienangehörigen zu trennen, wenn diese eine kritische Einstellung zu Scientology vertreten würden.

Auf alle Ewigkeit

Tatsächlich unterliegen Scientology-Mitarbeiter einem straffen hierarchischen System, das an Menschenhandel erinnert. Mitglieder der Eliteeinheit Sea-Org verdingen sich auf alle Ewigkeit, müssen sie doch einen Vertrag über eine Milliarde Jahre unterschreiben. Die Sekte bestimmt weitgehend, in welchem Zentrum oder welchem Land sie arbeiten müssen. Ausserdem erhalten Scientologen lediglich eine Entschädigung von 100 bis 200 Dollar pro Monat.

Manche Kinder von Scientologen leben im Sektenzentrum und werden für verschiedene Arbeiten eingespannt. Selbst beim Kurswesen gehen Minderjährige den Erwachsenen zur Hand.

Immer mehr verlassen die Sekte

Das FBI hat Dutzende von ehemaligen Mitgliedern befragt. Tatsächlich erlitt Scientology in den letzten Jahren in den USA einen Aderlass an prominenten und hochrangigen Mitgliedern. Unter ihnen der ehemalige Chef des scientologischen Geheimdienstes, Mike Rinder, die Betreuerin von Tom Cruise und John Travolta, Amy Scobee, und der ehemalige Finanzchef Mark Rathbun.

Sie berichteten von Demütigungen, Intrigen und Misshandlungen. Rinder erklärte, Sektenboss Miscavige habe ihn Dutzende Male geschlagen oder mit den Füssen traktiert. Auch diesen Vorwurf weist die Sekte zurück. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2011, 08:28 Uhr

Kehrt Scientology den Rücken: Regisseur und Oscar-Gewinner Paul Haggis. (Bild: Getty)

Prominentester Scientology-Anhänger: Tom Cruise mit dem Scientology-Chef David Miscavige (r.). (Bild: Keystone )

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