«Religion ist die Krücke für die, die nicht aufrecht durchs Leben gehen»

Das TA-Interview mit dem Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon hat unter den Lesern von Tagesanzeiger.ch/Newsnet eine rege Diskussion ausgelöst – über Religion und Darwinismus, Gott und Atheismus, übertriebene Toleranz und Islam.

«Es gibt wahrscheinlich keinen Gott»: Diese Werbung einer Gruppe von Atheisten sorgte 2008 in London für eine grosse Kontroverse.

«Es gibt wahrscheinlich keinen Gott»: Diese Werbung einer Gruppe von Atheisten sorgte 2008 in London für eine grosse Kontroverse. Bild: AFP

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In den Kommentaren liefern sich die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet einen heftigen Schlagabtausch zu den Thesen, die der Philosoph Michael Schmidt-Salomon in einem grossen Interview mit dem «Tages-Anzeiger» (TA) geäussert hat. Viele Leser meinen, dass die Wissenschaft über der Religion stehe. «Wissenschaft ist ergebnisoffen, eine Methode des kritischen Zweifelns, wie Michael Schmidt-Salomon erklärt. Genau das macht die Wissenschaft so überlegen. Denn sie ist nicht ein Dogma wie die Religion, sondern lebt gewissermassen», schreibt ein Leser.

In einem anderen Beitrag betont ein Leser, dass Religion nicht mit der Freiheit des Individuums vereinbar sei. «Die Religion dient nur der Machterhaltung des klerikalen Systems, indem die Menschen bewusst spirituell beschränkt gehalten werden.» Provokativ ist eine andere Aussage: «Religion ist die Krücke für die, die nicht aufrecht durchs Leben gehen können.»

Wissenschaft ohne beweisbare Grundlagen

Sympathisanten von Religionen erinnern an die Grenzen und Irrtümer der Wissenschaften. «Soviel an die Evolutions-Jünger», schreibt einer. «Da halt ich mich doch lieber an die Schöpfungslehre, die einfach viel überzeugender ist.» In etlichen Kommentaren wird darauf hingewiesen, «dass zum Beispiel auch der Darwinismus ein Dogma ist, das langsam neuen Erkenntnissen weicht».

«Wissenschaft basiert ganz und gar nicht auf beweisbaren Grundlagen. Jemand hat ganz richtig gesagt: Wir glauben zu wissen», schreibt ein Leser. Er ist Physiker und gläubig. «Ein Widerspruch? Keinesfalls. Beides ist weder bewiesen noch widerlegt.» Eine andere Meinung lautet: «Die einzige Religion, welche nachhaltig beweisbar ist, ist die Natur.» Ein weiterer Leser stellt den Religionskritikern mehrere Fragen: «Warum kann man kein Verständnis für Leute aufbringen, die ihren Halt bei Gott suchen? Was ist so verkehrt daran? Wo ist die Toleranz derjenigen, die alles Religiöse verbieten wollen?»

Dass es im Duell Wissenschaft versus Religion wohl keinen Sieger gibt, bringt folgender Kommentar zum Ausdruck: «Zwei schauen in den Sternenhimmel. Einer glaubt an den Schöpfer, der andere nicht. Beide versuchen nun, dem anderen seine Ansicht mit Beweisen zu begründen. Sie versuchen, was letztendlich nicht zu beweisen ist.» In einem weiteren Kommentar wird der grosse Physiker Albert Einstein zitiert: «Unsere Welt ist Magie, aber wir werden nie dahinter sehen, respektive kommen.»

Dem Koran den Wind aus den Segeln nehmen

Anlass für Diskussionen war auch die Aussage des Religionskritikers Schmidt-Salomon, wonach «die Ausbreitung des Islam (...) mit allen Mitteln verhindert und bekämpft» werden muss. Damit stelle sich Schmidt-Salomon auf die gleiche Stufe wie die radikale Minderheit der Moslems, kritisiert ein Leser. Ein anderer Kommentator verteidigt die Ansicht von Schmidt-Salomon: «Es geht hier nicht darum, die Muslime an der Ausbreitung zu hindern. Es geht darum, dem Koran den Wind aus den Segeln zu nehmen.»

Und ein weiterer Leser merkt an, «dass wir dem Islam etwas Zeit geben müssen, sich zu modernisieren. Vor wenigen Jahrhunderten war das Christentum aggressiver und schrecklicher als der heutige Islam.» Und weiter: «Westliche Kriege, Sanktionen und Druck gegen islamische Länder verzögern jedoch deren Modernisierungsprozesse und verstärken den islamischen Fundamentalismus.» (vin)

Erstellt: 29.12.2010, 19:04 Uhr

«Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern die Neandertaler von morgen», sagt Michael Schmidt-Salomon.

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