«Religiophobie spielt mit»

Samuel Behloul, katholischer Islamforscher, wittert hinter manchen Mohammed-Karikaturen den Drang zu kränken: Die Zeichner wollten sich offenbar von Leuten abheben, die einen Gott und einen Glauben haben.

«Aus einigen Stellen im Koran auf eine Lizenz zum Töten zu schliessen, wäre sicher falsch»: Ein indischer Muslim liest in der Moschee im heiligen Buch. Foto: Amit Dave (Reuters)

«Aus einigen Stellen im Koran auf eine Lizenz zum Töten zu schliessen, wäre sicher falsch»: Ein indischer Muslim liest in der Moschee im heiligen Buch. Foto: Amit Dave (Reuters)

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Schlägt jetzt die Stunde der politisch Korrekten? Alle Religionen stellen sich gegenseitig als gleich und als gleich gut dar.
Religionen bekunden derzeit ihre gegenseitige Solidarität. Die drei abrahamitischen Religionen, Judentum, Christentum, Islam, müssen erklären, dass es in ihnen keinen Platz für Hass und Gewalt gibt, auch wenn die Geschichte ganz anders ausgesehen hat. Ich habe eher ein Problem mit dem Slogan «Je suis Charlie». Das erinnert mich an die Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001, als sich alle bedingungslos mit den USA solidarisierten und George W. Bush den Satz sagte: «Entweder seid ihr mit uns oder mit den Terroristen.»

Was bringt es, wenn die religiösen Autoritäten Deutschlands gemeinsam erklären, Thora, Bibel und Koran seien keine Bücher des Hasses, sondern der Liebe?
Damit bekennen sich die religiösen Autoritäten zu dem, was sie in ihren Büchern als zentral erachten, nämlich zum gegenseitigen Respekt. Das ist wichtig in der heutigen Zeit, wo Menschen unterschiedlicher kultureller, ethnischer und religiöser Herkunft zusammenleben. Religiöse Autoritäten in einem pluralistischen Land sind mehr angehalten, so zu sprechen, als jene in einer homogenen Gesellschaft wie Saudiarabien. Darum hat sich der Islamdiskurs bei uns gewandelt: Vor 30 Jahren hätten die Muslime noch gesagt, «Islam» bedeute «Unterwerfung». Jetzt, da sie unter Druck ge­raten, versuchen sie, den Koran neu zu sehen und sich auf andere Stellen zu ­berufen. Etwa: «Tötest du einen Menschen, dann ist es so, als hättest du die ganze Menschheit getötet.»

Niemand kann die Aussagen im Koran leugnen, die Gewalt legitimieren und auf die sich die Terroristen berufen. Ist der Koran gar eine Lizenz zum Töten?
Das ist eine extreme Reduktion eines widersprüchlichen Buches auf die Gewalt. Aus einigen Zitaten in den 114 Suren, also Kapiteln des Korans, auf eine Lizenz zum Töten zu schliessen, wäre sicher falsch. Heilige Schriften, ob Bibel, Koran oder Veden, entstehen in einem historischen Zusammenhang. Der Koran ist wie das Alte Testament in einer Stammesgesellschaft entstanden. Im Kampf um die knappen Ressourcen kam es zu Situationen, in denen man Gewalt legitimierte. «Tötet die Ungläubigen» heisst es etwa. Umgekehrt aber auch: «Nehmt euch Christen zu Freunden.» Der Koran ist so widersprüchlich, dass es unmöglich ist, sich ihn zur alleinigen Richtschnur des Lebens zu nehmen.

Er gilt als ungeschaffenes Wort Gottes, das man eins zu eins wörtlich nehmen muss. Eine historische Auslegung, die heilige Texte wertet und einordnet, gibt es im Islam nicht.
Der Koran diente in all den Jahrhunderten vor allem als liturgisches Buch, aber selten als Richtschnur für alle Lebensbereiche. Er sagt nichts darüber, wie man Steuern eintreiben oder diplomatische Beziehungen pflegen soll. Er enthält nur einige Speise- und Reinheitsvorschriften, Eheschliessungsregeln oder Aussagen, wie man zu Gott beten soll. Des­wegen hat sich die Notwendigkeit einer historisch-kritischen Auslegung kaum gestellt. Zwar haben Religionsgelehrte versucht, die Widersprüche im Koran aufzulösen. Das geht aber nicht. Man muss mit ihnen leben. Die Fragen der historisch-kritischen Auslegung, welche die Zeitbedingtheit der Texte oder den historischen Mohammed untersucht, stellte man sich erst später in der Auseinandersetzung mit dem Westen.

Man stellte sich diese Fragen aber nur im Westen. Nicht in den islamischen Ländern selber.
Wenn man sagt, der Koran sei das authentische und letzte Wort Gottes und gleichzeitig eine Korrektur der biblischen Schriften, dann hat er schon eine Aura des Unberührbaren, des Absoluten. Man darf aber nicht vergessen, dass es auch in der islamischen Welt verschiedene Auslegungsschulen gibt. Wenn diese unter Druck geraten, dann nicht nur wegen der konservativen Religionsgelehrten, sondern weil die politischen Rahmenbedingungen nicht stimmen. In einer Diktatur kann man weder frei Literatur noch frei Auslegung betreiben.

Dennoch: Im Islam haben Texte kein Recht, vergangen zu sein. Der Koran beansprucht Gültigkeit für alle Zeiten.
Auch bei uns erklären Imame bisweilen, was in dieser oder jener Sure stehe, sei Ergebnis einer bestimmten historischen Situation, die heute aber keine Aussagekraft mehr besitze. Das heisst nicht, dass man diese Sure ausradieren muss. Es ist so, wie wenn man einen Rabbiner nach der Steinigung fragt. Der würde antworten, die Steinigung habe keine Bedeutung mehr, sei aber Teil der Religionsgeschichte; folglich könne man sie nicht ausradieren.

Wie die historische Auslegung ist auch Satire ein Instrument, um das Absolute zu relativieren. Hat der Islam nicht auch dafür wenig Sinn?
Satire ist ein Menschheitsphänomen. Nicht erst Tucholsky hat sie erfunden. Schon im islamischen Mittelalter machte man sich über religiöse Gestalten oder Inhalte lustig, etwa al-Djahiz im 9. Jahrhundert in der Zeit der Abbasiden-Kalifen. Bekannt sind die Satiriker Nordafrikas, die Kalifen und Politiker hochnahmen. Satire in der heutigen islamischen Welt macht sich vor allem über den Islamischen Staat oder die al-Qaida lächerlich, oft treffender als hier im Westen. Natürlich, den Propheten oder Gott darf man nicht karikieren.

Das ist der entscheidende ­Unterschied zum Westen: das Bildverbot punkto Allah und Mohammed.
Jemandem, der aus der Kirche ausgetreten ist, ist es egal, wenn Jesus karikiert wird. Bei uns regt man sich über religiöse Karikaturen kaum auf. Sie lassen auch die meisten Musliminnen und Muslime kalt. So sah ich keine Massenproteste der Muslime gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen. Nach deren Publikation zeigten die Medien allerdings «spontane» Massendemonstrationen, etwa vor den skandinavischen Botschaften in Damaskus. In der damaligen syrischen Diktatur war es aber gar nicht vorstellbar, dass Menschen von sich aus Botschaften anzünden würden. Was die Karikaturen von «Charlie Hebdo» betrifft, haben sie insgesamt mehr Anklagen von katholischer als von muslimischer Seite ausgelöst. Man muss aufpassen, dass man nicht eine Kluft postuliert, die gar nicht existiert: hier die aufgeklärten Westler, dort die nicht aufgeklärten Muslime.

Wird Satire über Religion nicht fast unmöglich, wenn man gerade den Religionsstifter nicht abbilden darf?
Bei den dänischen Mohammed-Karikaturen war das durchaus ein Argument. Das Problem scheint dort zu liegen, wo sich Gläubige in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen. Wenn «Charlie Hebdo» Mohammed als einen Superhelden karikierte, würde wohl niemand die Redaktion überfallen. Nicht die Darstellung an sich ist also ein Problem, sondern die Art und Weise der Darstellung. Der Islam kennt eben eine starke Kultur des Respekts, der persönlichen Ehre.

Eine Karikatur stellte Mohammed mit Turban dar, in dem eine Bombe gezündet wird. Soll es wirklich unstatthaft sein, Terroristen, die sich auf Mohammed berufen, so aufs Korn zu nehmen?
Das ist eine Interpretationsmöglichkeit. Man könnte sagen, die Karikaturisten wollen die Terroristen blossstellen, ihnen den Spiegel vorhalten: Schaut mal, was ihr aus dem Heiligsten eurer Religion macht, ihr selber zieht Mohammed in den Dreck. So hätten diese Karikaturen einen pädagogischen Zweck zu erfüllen.

Tun sie das denn nicht?
Das würde ich gerne so glauben, aber man hatte in den letzten Jahren das Gefühl, dass die Karikaturen bei «Charlie Hebdo» oft Selbstzweck waren, dass man pauschal gegen Mohammed ausholte. War da nicht eine gewisse Absicht zur Kränkung im Spiel, eine Religiophobie, wie sie sich auch gegen die Gläubigen in der katholischen Kirche richtet? Will man damit nicht seine eigene Aufgeklärtheit unter Beweis stellen und sich abheben von den Frommen, die immer noch einen Gott und eine Religion brauchen? Die getöteten Karikaturisten haben sich dazu nie gross geäussert, sie haben sich einfach auf Meinungsäusserungsfreiheit berufen, ohne eine pädagogische Absicht geltend zu machen.

Gläubige sehen durch Satire das Heiligste blossgestellt. ­Umgekehrt haben Heilige viel Unheil angerichtet. Warum sollte sich Satire nicht über ­Sexualunterdrückung und Gewalt im Namen der Propheten lustig machen dürfen?
Mohammed hat ja keine rigide Sexualmoral gepredigt. Der Prophet ist übrigens wie die Karikaturisten jemand, der den Spiegel vorhält. Er ist unangenehm, verlangt vom Menschen viel und erweckt immer den Eindruck, es sei fünf vor zwölf. Propheten gelten bekanntlich wenig im eigenen Land, sie werden verfolgt. Mohammed war in seiner Heimatstadt Mekka ein verfolgter, unterdrückter Prophet. Doch gelang es ihm, ein Stammesführer zu werden, ganz wie Moses: So kann auch dieser im Alten Testament befehlen: «Wenn es zum Krieg kommt, muss alles niedergemetzelt werden ausser gebärfähigen Frauen und dem Vieh.» Mohammed und Moses sind zwei prophetische Gestalten, die politische Macht erlangten. Es sind sehr ambivalente Gestalten.

Sollte man sie deswegen nicht karikieren?
Doch, sofern Karikaturen ebendiese Spiegelfunktion haben. Darum gefallen mir die neuen Karikaturen als Reaktion auf den Pariser Anschlag viel besser. Jene Karikatur zum Beispiel, die zeigt, wie Terroristen mit Kalaschnikows auf Bleistifte schiessen. So hätte es immer sein sollen: Terroristen werden lächerlich gemacht. Das zeigt der Mehrheit der Muslime: Diese Typen sind nicht mystisch verklärte Kämpfer, sondern elende Gestalten, die auf wehrlose Menschen schiessen, ob auf Minderheiten im Irak oder auf Journalisten.

Also haben Muslime punkto Satire Lernbedarf?
Die Muslime im Westen nicht. In der islamisch-arabischen Welt wird es Karikaturen geben, sobald sich dort Rechtsstaaten etablieren. In Diktaturen werden nicht nur politische, sondern auch religiöse Dissidenten verfolgt. Und in jeder Diktatur gibt es eine unheilige Allianz zwischen Regierenden, die sich selbst säkular geben, und den religiösen Fundamentalisten, die die Regierung bekämpfen, aber den gleichen Feind haben, nämlich frei denkende, provozierende Menschen.

Erstellt: 19.01.2015, 20:00 Uhr

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