Hintergrund

«Revolutionen beginnen im Kopf»

Zum Jahrestag von Occupy Paradeplatz widmen wir der Bewegung ein Bilder-Interview: Drei Aktivisten unterhalten sich über dreizehn Fotos, ein Journalist führt Protokoll.

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«Wir sind eigentlich ein Kommunikationsmedium», sagt Amadeus Thiemann. Der Satz bringt ein zentrales Missverständnis auf den Punkt. Viele erwarteten eine Botschaft, ein konkretes Programm, als sich Aktivisten am 15. Oktober 2011 erstmals am Zürcher Paradeplatz versammelten. Dabei geht es der Bewegung, die sich «Occupy» nennt, vor allem um eines: Leute zu vernetzen, die sich in irgend einer Form für eine gerechtere und menschenwürdigere Welt einsetzen wollen. «Okkupieren ist keine Forderung, sondern eine Tätigkeit», sagt Thiemann, 32-jähriger Aktivist.

Von der Parkbank auf dem Zürcher Lindenhof, auf der wir sitzen, schweift sein Blick ins gegenüberliegende Niederdorf. Zwei Tage vor dem Jahrestag von Occupy Zürich hat sich Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit drei Aktivisten getroffen – am Ort, an dem die Bewegung ihre Zelte aufschlug, nachdem sie den Paradeplatz übers Wochenende in Beschlag genommen hatte. Beim Durchgehen der Fotos, die damals entstanden, werden Erinnerungen wach: «Wie kreativ die Leute waren», schwärmt Ursula Frick-Koch. Als eine der ersten von gegen tausend Okkupisten war sie vor einem Jahr am Paradeplatz eingetroffen, für ein faires Zusammenleben ohne Ungerechtigkeit, Hunger und Kriege zu demonstrieren.

Öffentliche Sitzungszimmer

Von dieser Stimmung ist heute nicht mehr viel übrig. Occupy ist tot, besagt die öffentliche Wahrnehmung. Aus der Sicht der Involvierten verhält sich die Sache allerdings anders. «Wir sind nicht einfach weg», sagt Ursula Frick-Koch. Nur werde heute mehr im Hintergrund gearbeitet. Viele Leute hätten sich auf Themen spezialisiert und würden nun an konkreten Projekten mitwirken, erzählt sie. Etwa bei der Spekulationsstopp-Initiative der Juso, die den spekulativen Handel mit Agrargütern verhindern will. Oder im Rahmen von genossenschaftlichen Wohnprojekten, um der Verdrängung von Einwohnern aus dem Zentrum Einhalt zu gebieten. «Wir sind alle immer noch da», sagt Frick-Koch.

Und die Aktivisten wollen dran bleiben. Denn ohne grössere Versammlungen kommt keine Strassenbewegung aus, das ist auch ihnen klar. «Die Bündelung dieser vielen Stimmen an einem Platz war enorm wichtig», resümiert Amadeus Thiemann. Auch wenn die Demonstranten nicht als organisierte Masse, sondern als eigenständige Personen aufgetreten seien, so habe man sich doch Gehör verschaffen können. Und sich untereinander besser austauschen, als es über E-Mail und Internet möglich gewesen wäre. «Die Besetzung öffentlicher Plätze ist für die Gesellschaft, was Sitzungen für eine Firma sind», erklärt Thiemann. «Wenn man sich nicht regelmässig trifft, geraten Informations- und Organisationsprozesse ins Stocken.»

Das andere Massenmedium

Im Zweiwochenrhythmus hielten die Aktivisten den Sommer über weiterhin Vollversammlungen ab. Sporadisch statteten sie anderen Sektionen Besuche ab – «Occupy on Tour» nennt sich das. «Wir sind nicht mehr so sichtbar wie zu Beginn», gesteht Myriam Rudin ein. Mit ihren 62 Jahren bringt sie eine Menge Demonstrationserfahrung mit. «Doch ich bin stolz darauf, dass die Schweiz für einmal nicht fünf Jahre hintendrein ist.» In ein Loch zu fallen und die ganze Sache zu hinterfragen, mache ein Jahr nach der Occupy-Initialzündung keinen Sinn. Denn man habe auch viel erreicht – darin sind sich die Aktivisten einig. «Dass in Europa nun die Finanztransaktionssteuer diskutiert wird, wäre vor einem Jahr undenkbar gewesen», meint der 32-jährige Thiemann.

Das Fazit, das die drei Occupy-Mitglieder an diesem Abend auf dem Lindenhof ziehen, fällt positiv aus. «Es muss ja nicht dauernd zu Massenprotesten kommen», meint Rudin. Denn dies würde im Umkehrschluss bedeuten, dass es den Menschen schlecht gehe, was man sich ja auch nicht wünschen könne. «Revolutionen beginnen im Kopf», sagt Ursula Frick-Koch. Für sie zählen die kleinen Dinge, die sich seit Occupy verändert haben. «Ich sitze im Zug, und plötzlich beginnt ein interessantes Gespräch», erzählt sie, und ihre Augen beginnen zu leuchten. Gut möglich, dass die der springende Punkt an dieser Bewegung ist. Occupy funktioniert wie ein Massenmedium: Es hat keine Meinung per se – aber unterstützt die Meinungsbildung bei denjenigen, die sich auf den Dialog einlassen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.10.2012, 11:59 Uhr

Ursula Frick-Koch

Die 55-jährige Aktivistin (rechts) ist Bühnenbild- und Requisitenherstellerin.

Amadeus Thiemann

Der 32-jährige Aktivist (im Frack) ist ausgebildeter Ingenieur. Seit einem Jahr widmet er sich als Organisator voll der Occupy-Bewegung.

Myriam Rudin

Die 62-jährige Aktivistin ist Erwachsenenbildnerin und arbeitet für einen Sorgentelefondienst (in diesem Artikel möchte sie nicht abgebildet werden).

Ein Jahr Occupy Paradeplatz

Mit Transparenten, in Masken oder im Chirurgenoutfit protestieren am 15. Oktober 2011 vor dem Finanzzentrum der Schweiz hunderte gegen die Macht der Banken. Die Bewegung nannte sich «Occupy Paradeplatz», in Anlehnung an die Bewegung Occupy, die einen Monat zuvor in New York ihren Anfang genommen hatte.

Die Demonstranten verbrachten das Wochenende auf dem Paradeplatz, um ihr Camp anschliessend auf dem Zürcher Lindenhof aufzuschlagen. Später wichen die Aktivisten auf die Wiese vor der Stauffacherkirche aus.

Nach einer Aktion im Mai 2012 bei der Zürcher Börse wurde es Still um die Bewegung. In den Medien wurde kaum noch über die Occupy-Aktivisten berichtet. Zum heutigen Jahrestag will sich Occupy erneut auf dem Paradeplatz versammeln. Auch in Basel sind Aktionen geplant.

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