Rezepte gegen die Angst

Teenager sein war noch nie einfach – und ist heute vielleicht schwieriger denn je. Wie soll man auf die existenziellen Fragen der eigenen Tochter antworten?

Wenn das Aussergewöhnliche normal erscheint: Soziale und andere Medien versorgen uns mit einem konstanten Strom von Extremen. Foto: Getty Images

Wenn das Aussergewöhnliche normal erscheint: Soziale und andere Medien versorgen uns mit einem konstanten Strom von Extremen. Foto: Getty Images

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Das Schöne am Muttersein ist, dass man seine eigenen Eltern plötzlich besser versteht. Und dass man gewisse Entwicklungen mit seinem Kind noch einmal erleben kann, mit dem Wissen einer Erwachsenen und zugleich der lebendigen Erinnerung an die existenziellen Nöte eines Teenagers.

Meine Tochter ist 15, ein Alter, in dem ich als Teenager meine schwierigste Zeit hatte. Kein Wunder, es ist auch ein Katastrophenszenario: Hormone fluten den Körper, während das Gehirn eine Baustelle wahnwitzig wuchernder Synapsen ist. Mit 15 hat man die Intelligenz eines Erwachsenen, fühlt sich auch so, aber es fehlt die Erfahrung, um die Gefühle einzuordnen. Neulich erzählte mir meine Tochter ein bisschen aus ihrem Leben. Dass es in ihrem Umfeld einen Suizid gegeben habe, dass bei manchen ihrer Kollegen Alkohol und Drogen ein Thema seien, dass manche Mädchen ein ungesundes Körperbild hätten, und sie, sie habe manchmal Angst. Wovor, das wisse sie selbst nicht so genau, aber es sei schwierig, die Stimmungsschwankungen, die politische Weltlage, die Klimaerwärmung, die Liebe. Sie fragte mich: Warum ist die Welt so, wie sie ist? Stimmt mit mir etwas nicht? Oder sind es die anderen?

Leben wir wirklich nicht mehr in der Wildnis?

Was sagt man seinem Kind in so einem Moment? Es gibt dafür eine pädagogische Faustregel: Beantworte die Frage exakt. Führe die Antwort nicht aus. Belaste es nicht mit Geständnissen! Nur leider passt eine solche Regel auf die existenziellen Fragen einer 15-Jährigen wie die Faust aufs Auge.

Ich sagte meiner Tochter zunächst: Es ist normal, so zu empfinden, Gefühle sind wichtig, weil sie unser Verhalten steuern. Aber sie steuern es nicht immer in die richtige Richtung. Zum Beispiel Angst. Sie ist überlebenswichtig für ein Tier in der Savanne. Aber wir leben nicht mehr in Wildnis. Und deshalb behindert die Angst uns oft mehr, als dass sie uns hilft. Das erklärte ich meiner Tochter, und dann ging sie in den Ausgang und ich surfte noch ein bisschen in den sozialen Medien. Dabei beschlichen mich Zweifel ob meiner Rede. Leben wir wirklich nicht mehr in der Wildnis? Erinnert das Gekeife im Internet nicht an einen Wald voller Affen, die sich auf die Brust trommeln und sich mit Kokosnüssen bewerfen, und wenn sie gnädig gestimmt sind, lausen sie sich gegenseitig? Und hatte ich die Fragen meiner Tochter beantwortet? Hatte ich überhaupt ihr Problem begriffen? Je mehr ich nachdachte, desto mehr begriff ich, dass ich nochmals von vorne anfangen musste.

Problem der Aussergewöhnlichkeit

Stimmt etwas mit mir nicht – oder sind es die andern? Diese Frage beschäftigt wohl jeden Menschen irgendwann. Jeder hält sich zunächst für ganz besonders, und das trifft ja auch zu. Es ist tatsächlich jeder speziell, jeder hat seine ganz spezifischen Probleme und ist damit ganz allein. Und gleichzeitig stimmt es nicht. Denn sich speziell zu fühlen ist ganz normal, insbesondere, wenn man das Pech hat, ein Teenager zu sein. Es ist das Paradox des Lebens, dass unser Gefühl der Individualität und Einzigartigkeit uns so gewöhnlich macht.

Heute finde ich das tröstlich. Hätte man mir das als Teenager gesagt, hätte ich vermutet, dass mich da jemand auf sein Mittelmass herunterziehen will. Und ich glaube, diese Geisteshaltung ist heute noch viel verbreiteter als damals. Denn soziale und andere Medien versorgen uns mit einem konstanten Strom von Extremen: die schlimmsten Katastrophen, die schönsten Models, die abscheulichsten Verbrechen, die rührendsten Geschichten, die reichsten Unternehmer, die grössten Bedrohungen usw. usw. Man könnte glauben, das Aussergewöhnliche sei normal geworden. Das weckt Erwartungen. Wir glauben, wir müssten ebenso gut und speziell und ausserordentlich sein, um geliebt zu werden. Und weil wir das niemals schaffen können, fühlen wir uns minderwertig und schlecht. Oder wir nehmen radikale Positionen ein, um aufzufallen, weil wir glauben, nur so könnten wir mithalten. Aber das ist ein Irrtum. Auch wenn wir alle gern so speziell wären, wie die herausragendsten Exemplare unserer Spezies: Wir sind es nicht. Die allermeisten sind Durchschnitt. Und das ist gut so. Denn wenn alle aussergewöhnlich sind, dann ist es am Ende niemand mehr.

Als würde alles ins Rutschen geraten

Natürlich fühlte auch ich mich als Teenager zu Höherem bestimmt – und gleichzeitig wie der letzte Mensch auf Erden. Ich kann mich noch genau erinnern. Eben noch war ich ein Kind gewesen, hatte im Garten mit Blümlein gespielt. Und dann peng!, kam die Pubertät. Es war, als würde alles gleichzeitig explodieren und ins Rutschen geraten. Ich kämpfte um meinen Platz in der Familie, der Welt, der Schule, ohne eine Ahnung zu haben, wo dieser Platz sein könnte. So viele Gefühle, unerfüllte Sehnsüchte, Unsicherheit, Überheblichkeit, Angst. Und immer wieder Angst, in all ihren Formen. Man könnte ja tatsächlich aussergewöhnlich und damit ein Aussenseiter sein! Oder man könnte gewöhnlich, Mittelmass und damit wertlos sein.

Es ist eine unbequeme Tatsache, dass wir nicht so sehr durch unser Glück und unsere Erfolge definiert werden als durch unsere Krisen und Ängste. Und wie wir mit ihnen umgehen. Jeder Mensch hat Angst. Und wenn man sie konkret empfindet, hat man sogar noch Glück gehabt. Schlimmer ist es, wenn sie uns nicht bewusst ist und uns trotzdem steuert.

Wenn die Angst kommt

Angst ist das seelische Äquivalent einer Magen-Darm-Grippe: Wer Angst hat, fühlt sich schwach, elend, machtlos. Man möchte am liebsten sterben. Niemand kann sich für oder gegen die Angst entscheiden, sie kommt, wann sie kommen will. Aber anders als bei der Magen-Darm-Grippe kann man lernen, seine Angst zu beherrschen, mit ihr umzugehen. Und es ist auch nicht schwieriger als vieles andere. Das ist eine der wichtigsten Lektionen, die ich in meinem Leben gelernt habe. Und zwar beim Klettern.

Anfangs bekam ich beim Klettern schnell Angst. Selbst wenn ich am Seil gesichert war, fürchtete ich die Möglichkeit eines Sturzes so sehr, dass ich mich an schwierig zu kletternden Stellen sofort verkrampfte. Und sobald das passierte, begannen meine Beine zu zittern und die Hände zu schwitzen und ich rutschte ab. Irgendwann begriff ich, dass ich lernen muss, die Angst abzustellen. Ob die Angst kommt oder nicht, kann man nicht beeinflussen. Aber man kann beeinflussen, wie man darauf reagiert. Ich sagte mir: Während du kletterst, darfst du nicht zweifeln, du musst klettern und an nichts anderes denken. Das Tolle daran ist: Es funktioniert. Wenn man sich der Angst stellt und sie analysiert, wenn man sich damit auseinandersetzt und gezielt trainiert, ist man der Angst nicht mehr ausgeliefert. Deshalb soll man sich auch nie von der Angst seine Entscheidungen diktieren lassen. Dies ist eine wichtige Lektion in allen möglichen Lebenssituationen – ausser man wird überfallen. Oder es geht um Drogen. Aber sonst ist es eine gute Richtschnur. Und es ist auch ein verdammt gutes Gefühl, seine Angst zu überwinden.

Kinder begreifen die Liebe

Aber es gibt auch eine existenzielle Angst. Die alles umfassende, bodenlose Angst. Ihr ist nicht so leicht beizukommen. Viele bringen es auf die Formel von Orson Welles, der schrieb: «Wir werden allein geboren, wir leben allein und wir sterben allein.» Als Mutter habe ich mich schon immer über dieses Zitat gewundert. Denn genau genommen wird kein Kind allein geboren, sondern von einer Mutter, mit der es durch die Nabelschnur verbunden ist. Kein Mensch kann allein überleben. Und kein Mensch sollte allein sterben müssen.

Kinder leben diese Wahrheit, bis sie Teenager werden und zu zweifeln beginnen, weil sie sehen, dass die Welt nicht so ist, wie sie als Kinder glaubten. Ein heiler Ort voller Schmetterlinge und Gummibärchen. Aber Kinder begreifen die Liebe. Als meine Kinder klein waren, spielten wir oft Monsterquartett, ein Kartenspiel, bei dem man Monster gegeneinander antreten und sie sich in bestimmten Eigenschaften messen lässt. Manchmal machten sich die Kinder bei Tisch einen Spass daraus, sich unsere Familie als Quartett zu denken. Schwester Klugscheissfaktor: 150. Papa Schimpfquotient: 75 Prozent. Bruder Nervfaktor: 80. Mama Giftspritzigkeit: 10 Spritz. Das spielten wir beim Abendessen, und als die Runde aufgehoben und das Geschirr zusammengestellt war, sagte der Sohn: «Aber es gibt auch einen Joker in diesem Quartett, eine Karte, die alle andern schlägt.» «Aha», murmelte ich, in Gedanken schon beim Abwasch. «Die Liebe», sagte der Sohn, «die Liebe ist unser Joker.»

Das Geheimnis des Glücks

Er hatte recht, auch wenn die Liebe nicht immer zuverlässig ist. Zum Beispiel, wenn man der grossen Teenieliebe zehn Jahre später wieder begegnet. Und beschämt die Strassenseite wechselt, damit niemand merkt, dass man diese Person kennt. Aber Liebe ist viel mehr als ein flatterndes Herz und Adrenalinschübe. Ohne Liebe kann niemand leben, ohne Liebe bleibt nur der Tod. Sich um andere zu kümmern, für andere da sein, sich für etwas Gemeinsames engagieren gibt unserem Dasein erst einen Sinn. Auch wenn gerade die Menschen, die man am meisten liebt, einen am meisten nerven und verletzen können. Eltern von Teenagern wissen das. Aber Glück erwächst schliesslich immer aus überwundenen Problemen – und unerfüllte Wünsche, Sehnsüchte und Begehren sind der Antrieb, aus dem heraus wir schliesslich unseren Weg suchen. Und hoffentlich finden.

Das wünsche ich meiner Tochter zum Muttertag. Und jetzt könnte sie langsam aus dem Ausgang zurückkommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2017, 18:47 Uhr

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