Ring eines Kriegsgefangenen kehrt nach 70 Jahren heim

Ein hungriger US-Kriegsgefangener tauscht 1945 in Bayern einen kostbaren Ring gegen Schokolade ein. Fast 70 Jahre später wird das Schmuckstück aufgespürt - und der Familie zurückgegeben.

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Nach eineinhalb Jahren Kriegsgefangenschaft war Leutnant David C. Cox fast am Ende. Die Rote-Kreuz-Lieferungen an das Lager Stalag VII-A bei Moosburg in Bayern hatten praktisch aufgehört, der junge Bomber-Kopilot und seine Mitgefangenen lebten von kärglichen Brotrationen und Suppen, in denen Insekten schwammen. Draussen vor dem Stacheldraht gab es keine Anzeichen für eine Kapitulation Hitlers.

Hungrig und frierend, traf der Amerikaner eine schwere Entscheidung. Er zog seinen goldenen Siegelring vom Finger, ein Geschenk seiner Eltern, und reichte ihn durch einen Zaun an einen italienischen Kriegsgefangenen weiter. Im Gegenzug erhielt er ein paar Schokoriegel. Cox sah den Ring nie wieder. Aber das heisst nicht, dass er verschwunden blieb.

«Ich dachte, das würde niemals geschehen»

Vor wenigen Tagen versammelten sich rund ein Dutzend Angehörige und Freunde im Haus von David C. Cox Jr. in Raleigh im US-Staat North Carolina und sahen zu, wie der heute 67-jährige Sohn des einstigen Kriegsgefangenen ein kleines Päckchen aus Deutschland öffnete. Darin steckte eine kleine Schachtel. «Und hier ist er», sagte Cox Jr. mit einem Seufzen, als er den Ring vorsichtig herausnahm. «Oh, meine Güte...Ich dachte, das würde niemals geschehen.»

Die Geschichte begann kurz nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941. Da verliess Cox Senior das College und schrieb sich beim Militär ein. Er wurde Heeresflieger, schloss die Flugschule Ende Juli 1942 ab und heiratete am selben Tag seine Jugendliebe Hilda Walker. Als Cox Offizier wurde, schenkten ihm seine Eltern einen goldenen Siegelring, das Oval mit einem Propeller und Flügeln verziert. An der Innenseite waren - übersetzt - die Worte «Mutter & Vater von David C. Cox Greensboro, NC» eingraviert, und die Nummern 10-4-18-42 für sein Geburtsdatum und das damalige Jahr.

Cox wurde einer Schwadron der 8. US-Luftflotte zugeteilt, er flog mehr als ein Dutzend Bombenangriffe über dem besetzten Frankreich und Deutschland. Am 28. Juli 1943 wurde sein Flugzeug über Kassel abgeschossen, Cox selbst sprang mit einem Fallschirm ab, wurde gefangen genommen, verhört und dann zunächst ins Lager Stalag Luft III geschickt, berühmt durch den Steve-McQueen-Film «Gesprengte Ketten».

Im Januar 1945 wurden der Leutnant und andere Gefangene der Alliierten in das Camp Stalag VII-A nordöstlich von München verlegt. Das Lager war überfüllt, die Bedingungen dort verschlechterten sich zusehends. Und so trennte sich Cox denn von seinem Ring und tauschte ihn gegen die Schokolade ein.

Eine Kopie des Rings ging an Sohn

Nach der Befreiung Ende April 1945 wurde Cox zum Oberleutnant befördert, kehrte nach North Carolina zurück, startete dort mit seinem Bruder eine Firma und zog zusammen mit Hilda drei Kinder auf.

Er sprach selten über den Krieg, meistens nur, um seinen Sprösslinge die damaligen Entbehrungen vor Augen zu halten, wenn sie ihre Teller nicht leer essen wollten. Und er sprach von seinem Ring, liess sogar eine genaue Kopie anfertigen, die nach seinem Tod 1994 an David Jr. ging.

Lange Zeit später, ungefähr vor einem Jahr, zogen die Amerikaner Mark und Mindy Turner aus beruflichen Gründen in das bayerische Dorf Hohenberg. Anfang diesen Monats waren sie bei ihren Nachbarn Martin und Regina Kiss zum Essen eingeladen. Der Gastgeber zeigte ihnen bei dieser Gelegenheit einen Goldring - und erzählte eine Geschichte.

Demnach stammte die Kiss-Familie aus Ungarn, betrieb eine kleine Gaststätte nahe der Donau. Den Ring erhielt sie von einem russischen Soldaten, der nach dem Krieg auf dem Weg zurück in seine Heimat war und das Schmuckstück vermutlich gegen Kost und Logis eintauschte, wie die Grossmutter Kiss ihrem Enkel Martin erzählte. Als dieser dann 1971 nach Deutschland zog, gab die Oma ihm den Ring, als Glücksbringer oder für den Fall von Geldnöten.

«Es war einfach unglaublich»

Er habe vermutet, dass er von einem amerikanischen Soldaten stamme, und immer mal wieder über den Besitzer nachgedacht, schildert Kiss. Er habe aber nicht gewusst, wie er ihn ausfindig machen könne - bis er in den Turners zwei Nachbarn mit Computerkenntnissen fand.

Mark ging nach der Heimkehr vom Essen ins Internet. Binnen 20 Minuten wurde er fündig. Er stiess auf die Uni-Diplomarbeit eines Norwood McDowell aus dem Jahr 2005, die sich zum Teil um das Kriegstagebuch des Grossvaters der Ehefrau des Verfassers drehte: David C. Cox Senior. Auf Seite 179 der Diplomarbeit tauchte sie dann auf, die Anekdote über die Schokoriegel.

«Es war einfach unglaublich», sagt Turner. Er schickte McDowell ein Foto vom Ring und dessen Inschrift. «Das ist er mit Sicherheit!» freute sich David Cox Jr., als ihm McDowell das Foto zuleitete.

Noch ein paar E-Mails und Telefonate, dann war der Ring auf dem Weg in die USA. Für Cox Junior schliesst sich damit der Kreis, und er erinnert sich seines Vaters. «Ich wünschte, er wäre hier.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.08.2013, 22:41 Uhr

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