Roger Clarke jagt Geister

Der «Gespenster»-Forscher besucht seit Jahren die unheimlichsten Orte Englands. Er glaubt, dass «da etwas ist».

Das schwebende weisse Tuch: Das ist die herkömmliche Idee eines «Geistes». In der paranormalen Wirklichkeit sind Geister sehr vielgestaltig. Foto: André Schuster (Plainpicture)

Das schwebende weisse Tuch: Das ist die herkömmliche Idee eines «Geistes». In der paranormalen Wirklichkeit sind Geister sehr vielgestaltig. Foto: André Schuster (Plainpicture)

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Geist ist nicht gleich Geist, sagen Experten. Es wird unterschieden zwischen mehreren Arten – zum Beispiel gibt es den Poltergeist oder den von Verstorbenen oder den Geist, der durch einen Zeitsprung in die Gegenwart gewandelt ist. Es spukt. Irrlichter flimmern in Wäldern neben der Autobahn. Schreie hallen durch die Gemäuer leer stehender Krankenhäuser. «Schattenmenschen» schleichen durch Büros und erschrecken Menschen, die weit nach Feierabend noch Überstunden machen. Und selbst die Ruhr-Universität Bochum, ­gerade mal 50 Jahre alt, hat schon ein ­eigenes Gespenst, bei dem es sich um einen verstorbenen Alt-68er namens Hayo handeln soll, der nie mit seiner Doktorarbeit fertig geworden ist.

Wer sich im Internet in den entsprechenden Foren umsieht, hat den Eindruck, dass der Glaube an paranormale Phänomene noch nie so gross war wie heute. Die Lust am schönen Schauer? Die Sehnsucht nach dem Geheimnis­vollen in einer aufgeklärten Welt, in der Wissenschaftler für alles eine Erklärung parat haben?

Roger Clarke sieht in dem Gespensterglauben Ansätze einer Säkularreligion. Er muss es wissen. Der Brite ist der vermutlich bestinformierte Geister­forscher der Gegenwart. Der leidenschaftlichste ist er allemal. Schon als kleiner Junge war er besessen von diesen unheimlichen Wesen aus einem ­Zwischenreich, die in seiner englischen Heimat durch jedes Gemäuer geistern, auf dem ein bisschen Efeu rankt.

An den alten Wänden des Pfarrhauses, in dem er auf der Isle of Wight aufgewachsen ist, kletterten Rosen empor. Im Haus lebte eine tote Frau. Die Mutter hatte sie gesehen. Einer Freundin der Familie, die im Gästezimmer lag, war sie begegnet. «Jeder sah den Geist», erzählt Clarke, «nur ich nicht. Das machte mich verrückt.»

Rationale Erklärungen

Roger Clarke ist nicht verrückt. Er ist Journalist, hat für Zeitungen wie den «Observer» und die «Sunday Times» ­geschrieben. Lange war er Filmkritiker des «Independent». Heute ist er freier Kolumnist. Der 51-Jährige mit der markanten Brille wirkt bodenständig. Keine dunklen Ränder unter den Augen. Kein flatternder Blick.

Er wirkt nicht, wie man sich jemanden vorstellen mag, der in seiner Kindheit nichts anderes als Geister im Kopf hatte, schon als Heranwachsender mit den namhaftesten Geisterforschern regelmässigen Briefkontakt pflegte und mit vierzehn zum jüngsten Mitglied der Society for Psychical Research – der Gesellschaft für parapsychologische Forschung – gewählt wurde.

Die 1882 in London gegründete Vereinigung war der erste Zusammenschluss von Wissenschaftlern und Gelehrten, die systematisch versuchten, paranormale Phänomene zu erforschen, Phänomene, die jenseits des normalen Erkenntnisvermögens liegen. Deutschlands bekanntester Parapsychologe ist der 1991 verstorbene Psychologe und Arzt Hans Bender, der 1950 das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg im Breisgau gegründet hat.

Heute ist es eine wichtige Anlaufstelle für Menschen, die «übersinnliche» Erfahrungen gemacht haben und Beratung brauchen. Rund 3000 Menschen rufen dort jedes Jahr an, um bei den Psychologen loszuwerden, was ihnen so grosse Angst macht. In den meisten Fällen sind die Erklärungen sehr wissenschaftlich.

Ein Kompass, der verrücktspielte, wenn eine ganze Familie sich auf ihn konzentrierte – da hatte ein aussen an der Wohnung auf und ab fahrender Fahrstuhl die Nadel durcheinander­gebracht. Ein Wasserkessel, der spricht – das Freiburger Institut fand heraus, dass zwei Metallplatten auf dem Herd Radiowellen empfangen konnten. Der Kessel übertrug die Geräusche, wenn der Nachbar das Radio anhatte.

Roger Clarke wagte sich an Orte, die weit düsterer sind als eine Etagenwohnung in einem deutschen Mehrfamilienhaus. Der Tower von London, diese grässliche Stätte der Folter und Exekution, in der es natürlich nicht mit rechten Dingen zugehen kann, gehört ebenso dazu wie das Gutshaus von Bettiscombe bei Dorset, bekannt wegen seines schreienden Schädels.

Es soll der Kopf eines afrikanischen Sklaven sein, der zu seinen Lebzeiten angeblich gesagt hat, er werde nach seinem Tod so lange keine Ruhe geben, bis sein Leichnam in seiner Heimat bestattet sei. In dieser nicht gerade gemütlichen Atmosphäre verbrachte Clarke ein paar Nächte. Und, ja, so sagt er, es sei ­etwas gewesen.

Der Schädel schrie nicht. Aber während Clarke schlief (und nichts hörte) soll aus seinem Zimmer ein Krach zu seinen Freunden in der Etage unter ihm gedrungen sein, der sich anhörte, als würde er Möbel verrücken. Kennt er keine Angst?

«Doch», sagt er. Er sei schon aufgeregt bei Erlebnissen wie diesen. «Angst ist eine Form von Aufregung.» Aber er habe beschlossen, nicht so viel Angst ­zuzulassen, dass er nicht weitermachen könnte. «Ich wollte die Wahrheit wissen», sagt er. Aber was ist die Wahrheit?

Roger Clarke hat ein viel gelobtes Buch über seine Feldforschungen geschrieben, das jetzt unter dem Titel «Naturgeschichte der Gespenster» auch in Deutsch erscheint. Darin erzählt er von berühmten Spukhäusern und den vielen Geschichten, die sich um sie ranken. Und er erzählt von den Menschen, die behaupten, Geister gesehen zu haben. Es ist dicht an Informationen, historischen und psychologischen Details.

Clarke hat Tagebuchaufzeichnungen mit schauderhaften Berichten ausge­wertet und zahllose andere Quellen, in denen Menschen von unerklärlichen ­Erscheinungen berichten. Und er hat eine Klassifikation der Geister zusammengestellt. An ihr lässt sich ablesen, dass Geistererscheinungen auch soziale und historische Phänomene sind.

Die sogenannten Zeitsprünge zum Beispiel, bei denen Personen plötzlich eine andere Epoche erleben und am helllichten Tag bei einem Spaziergang durch den Schlossgarten von Versailles unheimlichen Gestalten aus der Französischen Revolution begegnet sein wollen, lagen nach dem Ersten Weltkrieg voll im Trend. Es war die Zeit, in der die alte Welt in Trümmern lag, mit ihr die alte feudale Ordnung. Gut möglich, dass die Sehnsucht nach dem Vergangenen die Fantasie besonders beflügelt hat.

Poltergeister können frech sein

Poltergeister gelten unter Experten des Paranormalen gelegentlich als «Sozialwohnungsgeister». Sie treten in Räumen auf, in denen es viel emotionalen Krach gibt. Clarke drückt es netter aus, wenn er sagt, dass vor allem Familien betroffen sind, «die unter einer Vielzahl von beunruhigenden und unangenehmen Ereignissen» leiden.

Poltergeister können sehr frech sein. Clarke berichtet von einem, der den Bewohnern des Hauses nicht nur ständig die Bettdecken wegzog, sondern sie auch mit schrecklicher Stimme übel beschimpfte. Lange plagte der «Geist» die Bewohner des Hauses. Schliesslich gab es einen Verdacht. Er fiel auf ein frustriertes Dienstmädchen, das es leid war, ständig wieder auf Unordnung zu stossen, wo sie gerade aufgeräumt hatte.

Den «Poltergeist» hat übrigens Martin Luther in den Sprachgebrauch eingeführt, und diese Form der übersinnlichen Erscheinung wird auch im Englischen als «Poltergeist» bezeichnet. Nicht zuletzt diese Tatsache liess Clarke zu dem Schluss kommen, dass das aufgeklärte Deutschland mindestens so verspukt sein muss wie England. Die aktuelle Geistermanie, die im Internet gepflegt wird, werde seiner Ansicht nach aber von Hollywood und TV-Serien genährt.

Dabei habe Deutschland eigene Poltergeister. Clarkes liebster ist jener, der im Herbst 1967 in einer Anwaltskanzlei in Rosenheim unter grosser Aufmerksamkeit der Medien Unfug trieb. Flüssigkeiten eines Fotokopierers wurden im Raum versprüht. Und aus unerklärlichen Gründen rief das Telefon ständig die Zeitansage an. Damals war der Freiburger Parapsychologe im Einsatz. Er hatte die Phänomene mit der Persönlichkeit der 19-jährigen Auszubildenden Annemarie S. in Verbindung gebracht.

Der «Spuk» würde immer nur dann auftreten, wenn sie in der Nähe sei, glaubte er feststellen zu können und vermutete einen Fall von «spontaner Psychokenese», den er auf die angeblich ­labile Persönlichkeit der jungen Frau ­zurückführte. Überzeugender als Erklärungsversuch für die Phänomene waren unter anderem die Nylonfäden, die schliesslich an Lampen und Rohren ­gefunden wurden, die sich wie von Geisterhand bewegt haben sollen.

Gestörte Wahrnehmung

Clarke hielt sich in jenen Jahren in englischen Gemäuern auf. Als sehr junger Mann wagte er sich in das meist­bespukte Schlafzimmer Englands. Es ist in Sawston Hall in Cambridgeshire. Er schlief unruhig. Einmal war es, als hörte er das Aufprallen eines Kinderballs. Irgendwann hörte er ein Klopfen. Er hatte ein Tonband aufgestellt. Als er es abspielte, waren da drei Töne, auf einem Holzblasinstrument gespielt.

Gespenster? In einem Artikel, den er vor zwei Jahren für den «Telegraph» über das Erlebnis schrieb, schloss er nicht aus, dass es sich schlicht um ein Radio handelte. Aber sicher ist er sich auch heute nicht. «Vieles, was als Geistererscheinung wahrgenommen wird, ist etwas anderes», sagt er. Tricks, gestörte Wahrnehmungen. Er hat keine Geister gesehen. «Mein Kopf glaubt nicht an sie», sagt er und lächelt. Aber sein Gefühl sagt ihm etwas anderes.

Er hat mit so vielen Menschen gesprochen, die ihm gesagt haben, dass sie schreckliche Erfahrungen mit Geistern gemacht haben. Das seien nicht irgendwelche Spinner. Das seien Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stünden, Rechtsanwälte, Geschäftsleute. So viele Zeugen. So viele eigene sonderbare ­Erfahrungen an unheimlichen Orten. Ist da wirklich nichts? Oder doch?

«Ja», sagt er. «Ich glaube, dass da etwas ist.»

Roger Clarke: Naturgeschichte der Gespenster. Matthes & Seitz, Berlin 2015. 320 S., ca. 50 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2015, 06:18 Uhr

Roger Clarke


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